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Cracovia (Krakau) Maraton: Vor historischer Kulisse

 

In einer Höhle im Wawel (Burgberg) von Krakau lebte einst ein Drache. Der drangsalierte die Bevölkerung und hinterließ bei jedem seiner Raubzüge eine Spur der Verwüstung. Auch Menschen, insbesondere junge Mädchen, waren vor ihm nicht sicher. Daher ließ König Krak verkünden, dass der Bezwinger des Drachens seine (natürlich) wunderschöne Tochter zur Frau bekommen sollte. Der junge Schusterlehrling Dratewka hatte die Idee, dem Ungeheuer ein mit Ätzkalk gefülltes Lamm vor die Höhle zu legen. Der Drache fraß das Lamm, bekam fürchterlichen Durst und trank aus der Weichsel so viel Wasser, dass er platzte. Der Schuster heiratete die Prinzessin, und alle lebten in Freuden bis an ihr seliges Ende...

Da braucht man sich nicht zu wundern, dass die große Medaille, die ich im Ziel des 13. Krakau Marathons umgehängt bekomme, ein blauer, furchterregender Drache ziert. Viele Kinder werden mich wohl um dieses Souvenir beneiden.

Zwei Tage zuvor waren wir auf dem Flughafen von Krakau gelandet, benannt nach dem vor Kurzem heiliggesprochenen Papst Johannes Paul II. Dieser stammte aus einem Ort in der Nähe, studierte hier und fungierte vor seiner Wahl zum Papst als Erzbischof von Krakau. Sein Andenken wird uns auf Schritt und Tritt begegnen.
 
Mit dem Bus kommt man für ca. 1 € ins Zentrum. Auf dem Weg liegt auch die überschaubare Marathonmesse im Stadion Wisły, ehemals Start- und Zielbereich der Veranstaltung. Dort treffen wir auf Jerzy Skarżyński, der mit seiner 1986 in Debno erzielten Bestzeit von 2:11:42 ein bekannter polnischer Marathonläufer ist und ähnlich wie hierzulande Herbert Steffny dicke Laufratgeber verkauft.

 

 
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Auf dem in der moderaten Startgebühr enthaltenen Funktionsshirt ist natürlich auch ein Drache abgebildet, außerdem ein Zitat von Johannes Paul II: „Musicie od siebie wymagać, nawet gdyby inni od was nie wymagali“. Ich dachte, der sportliche Papst hätte etwas zum Marathon gesagt. Die automatischen Übersetzungen im Internet lassen das allerdings nicht vermuten. Vielleicht findet sich ein Leser, der dieses Zitat übersetzen kann. Das ist ein gewisses Manko des Marathons: Die fast  nur in Polnisch verfügbaren Informationen. Lediglich die wichtigsten Infos gibt es im Internet auf Englisch und die Starterbroschüre ist zweisprachig gehalten, alles Weitere, auch der Newsletter, ist komplett polnisch. Ach ja, im Preis wäre auch ein Gesundheitscheck inklusive EKG von der medizinischen Fakultät enthalten gewesen.

Krakau war bis 1596 Hauptstadt Polens, heute ist es mit über 700.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Krakau wurde von Zerstörungen und Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont, so dass die schöne Altstadt rund um den Rynek Główny (Großer Marktplatz) erhalten geblieben ist. Der Marktplatz ist einer der größten in Europa, sagt die Info-Broschüre „Drei Tage in Krakau“, die man sich bei der Stadtinfo mitnehmen sollte. Zentral auf dem Platz die Markthalle, wo einst ausschließlich Textilien verkauft wurden und man heute, wie mir schien, authentisches polnisches Kunsthandwerk erwerben kann. Umgeben ist die Innenstadt von einem schönen Grüngürtel. Das Ganze ist seit 1978 UNESCO-Weltkulturerbe.

Mächtige Verteidigungsanlagen sind aus der Zeit der kurzen österreichisch-ungarischen Herrschaft erhalten geblieben. Im Rahmen der dritten Teilung Polens kam Krakau 1795 zu Galizien. Um die nur 7 km entfernte Grenze zu Russland zu sichern, baute die Doppelmonarchie Krakau zu einer Festungsstadt aus. Erwähnen muss man auch, dass sich die ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau in der Nähe befinden und dorthin Besichtigungstouren angeboten werden. Auch deswegen kommen viele Schulklassen hierher. Als überzeugter Europäer kann man nur schwer verstehen, was noch vor wenigen Jahrzehnten auf unserem Kontinent passiert ist.  

Auf dem Weg zum Hostel treffen wir auf die ersten schräg gekleideten Touristengruppen aus Großbritannien, für die Krakau als beliebtes Ziel für Junggesellenabschiede gilt. Das Gerücht besagt, dass Einheimische tagsüber nur selten und abends nie in die Altstadt gehen. Wir suchen angesichts der feiernden Meute schnell das Weite. Heute, am Freitag, hätte es bereits einen 10-km-Nachtlauf gegeben, den wir uns aber sparen.

Auch am Samstag lassen wir den Frühstückslauf aus und nutzen die Zeit für eine Reise in die Vergangenheit meiner Mutter. Die ist in Zabrze (Hindenburg) aufgewachsen, im oberschlesischen Industriegebiet, knapp hundert Kilometer von Krakau entfernt. Wir unternehmen eine Rundfahrt mit der Straßenbahn durch Bytom und nach Katowice. Das oberschlesische Straßenbahnnetz ist eines der größten der Welt und daher Ziel vieler Straßenbahnfreunde, zu denen ich mich bekannterweise auch zähle. Es regnet in Strömen, es scheint aber sehr grün zu sein, soweit man das durch die beschlagenen Fensterscheiben erkennen kann. Aufregend auch die stark wackelnde Fahrt auf schlechten Gleisen. In Bytom und Katowice gibt es riesige neue Einkaufszentren, die uns ein bisschen den Regen vergessen lassen. Von Zechen und Schwerindustrie fast keine Spur. Und Zabrze? Ich glaube, meine Mutter kann wirklich sehr dankbar sein, dass sie mit ihrer Familie 1957 nach München ausreisen durfte.

In Krakau stehen am Samstag noch allerlei Familienläufe und ein Inline-Marathon auf dem Programm. Die letzten Inline-Finisher erleben wir noch, als wir uns zur im Startpreis enthaltenen Pastaparty einfinden. Am Tisch nebenan nehmen die Topläufer aus Afrika Platz.

Nach lauter Nacht über einer Disko werden wir sonntags von der Sonne geweckt. Recht früh um 4:00 Uhr, denn wir sind hier am östlichen Rand unserer mitteleuropäischen Zeitzone. Ganz anders als wir es vom Dezember in Malaga kennen, das ja am westlichen Rand liegt.

Start und Ziel befinden sich auf dem Rynek direkt vor der Marienkirche mit dem berühmten Hochaltar von Veit Stoß. Vom Turm ertönt zu jeder vollen Stunde ein Trompetensignal, auch Erkennungsmelodie des polnischen Rundfunks. Ganz profan geht es auf der anderen Seite der Markthalle zu: Eine kleine Zeltstadt für die Kleiderabgabe ist aufgebaut. Die unzähligen Pferdekutschen werden heute erst am Nachmittag wieder hier fahren können. Man hört hauptsächlich Polnisch, ein bisschen Italienisch.

Eine halbe Stunde vor dem Start gibt es noch einen kurzen Tie-Run, bei dem die meisten Läuferinnen und Läufer die geforderte Krawatte nur als unliebsames Accessoire tragen. Zwei Minuten vor den Marathonis werden die Handbiker auf die Strecke geschickt.

 

 
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Auffallend ist, dass die vielen Startblöcke korrekt belegt werden. Da sieht man also tatsächlich Läufer, die sich kurz vor dem Start nach hinten durchdrücken. Eine Kontrolle scheint nicht notwendig. Da könnte ich gleich anfügen, dass die Polen entgegen anderen Meinungen ein sehr korrektes Volk sind. Auch Diebstähle sollen sehr selten vorkommen.

Die Eindrücke auf den ersten zwei Kilometern nach dem Start sollte man bewusst auf sich wirken lassen: Es geht quer durch die Innenstadt, an einigen der 100 Kirchen Krakaus und am Wawel (Burgberg) vorbei und dann zur Weichsel. Wem es nach dem Start zu hektisch ist, um alles zu genießen, der kann das dann  40 Kilometer später noch mal probieren. Auf der folgenden breiten Aleja Zygmunta Krasińskiego zeigt sich, dass es in Krakau für Restauratoren noch einiges zu tun gibt: Dunkle Häuser wechseln sich mit frisch renovierten Schmuckstücken ab. Zwei Polen stehen in ihrer historischen Tracht am Straßenrand und beobachten uns. Vielleicht sind sie auf dem Weg zum Rynek, um sich mit Touristen fotografieren zu lassen.

Es folgen einige majestätische Häuser aus der Gründerzeit. Nach einem Richtungswechsel dann sozialistisch anmutende Bauten mit markanten Figuren davor. So weisen uns zwei Bergarbeiter mit ihren Grubenlampen den Weg zum Muzeum Geologiczne Wydziału Geologii AGH. Hier befinden sich viele Gebäude der Universität, an der über 50.000 Studierende eingeschrieben sind. An einer Fassade bei der nächsten Kreuzung grüßt das polnische Skisprungidol Kamil Stoch von einer riesigen Werbetafel der Sportmarke 4f, die hier sehr präsent ist. Viele Zuschauer feuern uns an, immerhin werden wir hier fünf Mal vorbei kommen. Entlang der großen Błonia krakowskie-Wiese, auf der Johannes Paul II oft Messen mit vielen Gläubigen abgehalten hat, geht es hin und zurück. So kann man also relativ öde 7 Kilometer abfeiern. Ich verabschiede Judith und nehme etwas Tempo raus.

Der Hauptsponsor Bank Polski PKO hatte an die Zuschauer Vuvuzela-artige Blasinstrumente ausgegeben, die einen Höllenlärm verursachen und die einem mächtig Dampf machen. Auf der Startliste hatte ich noch ein weiteres Pärchen aus Monachium (München) gefunden. Dass die jetzt an mir vorbeilaufen, hätte ich mir ja denken können: „Team Erdinger Alkoholfrei“ hat hier nicht jeder auf dem Hemd stehen. Als ich die beiden ansprechen will, sind sie schon entschwunden.

 

 
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Wir sind wieder auf der Aleja Zygmunta Krasińskiego und können bald die Weichsel auf der  Dębnick-Brücke überqueren. Links der Wawel und die Kathedrale St. Wenzel und St. Stanislaus, Bestattungsort vieler polnischer Könige und wichtiger Persönlichkeiten. Darunter auch Lech Kaczyński und seine Frau Maria Kaczyńska, die nach dem Flugzeugabsturz von Katyn 2010 hier beigesetzt wurden, was in der Bevölkerung zu Diskussionen über die Verdienste des Politikers um Polen führte. Vom Burgberg hat man einen herrlichen Blick über die Weichsel. Die ganze Anlage ist wunderschön gepflegt und lädt zum Verweilen ein. Unter der Burg kann man die ehemalige Drachenhöhle besichtigen. Die Weichsel fließt weiter bis Danzig und dann in die Ostsee. Dort gibt es ja auch einen schönen Sommer-Marathon, von dem wir hier schon berichteten.

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