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Cami de Cavalls: 185 km rund um Menorca

21.05.16

Als ich vor zwei Jahren erstmals Fotos vom Ultratrail auf Menorca sah, wusste ich sofort, dass ich dort unbedingt hin muss. Die Insel stand bis dahin nicht auf der Liste meiner Wunsch-Urlaubsziele, aber die Bilder sowie die Promo-Videos auf der Veranstalterhomepage gefielen mir außerordentlich gut. Heute bin ich rückblickend sehr froh darüber, dass dadurch mein Interesse geweckt wurde und ich die Reise sogar um sechs Tage ergänzte, um in aller Ruhe die schönsten Punkte der Strecke sowie andere sehenswerte Ziele der Insel zu erkunden.   

Für Trailrunner stehen an diesem Wochenende fünf Distanzen zur Auswahl: Trekking Costa Nord mit 37 km, Trekking Costa Sud mit 55 km,  Trail Costa Süd mit 85 km, Trail  Costa Nord mit 100 km sowie die Inselumrundung Cami de Cavalls mit 185 km. Alle Disziplinen haben unterschiedliche Startzeiten und Startorte, folgen aber jeweils dem Inselrundweg. 

Für mich ist klar, dass ich die komplette 702 Quadratkilometer große Insel umrunden will.  Zum Glück hat mich ein Freund, der hier schon zwei Mal gelaufen ist, gewarnt, dass ich die Strecke auf gar keinen Fall unterschätzen darf. 2863 Höhenmeter auf 185 km sind im Vergleich zu alpinen Trails nicht allzu viel. Aber hier kostet besonders der oft anspruchsvolle Untergrund sehr viel Kraft. Das ist wirklich kein gemütlicher Touristenlauf. Dafür wird man belohnt mit einer landschaftlich sehr abwechslungsreichen und traumhaft schönen Strecke.  

Die Langdistanz folgt dem Cami de Cavalls (Weg der Pferde) genannten Rundwanderweg, der in Reiseführern meist in zehn Tagesetappen beschrieben wird. Maximal 40 Stunden hat man dafür Zeit. 

Der Weg wurde ursprünglich schon im Mittelalter angelegt, damit man zur Verteidigung der Insel vor Piratenüberfällen jeden Küstenbereich möglichst schnell mit dem Pferd erreichen konnte. Für die Instandhaltung waren die einzelnen Grundbesitzer zuständig. Wie fast überall in Europa verloren die alten Wege dann mit dem Siegeszug der Autos an Bedeutung. Lange Zeit durften viele Abschnitte des Cami de Cavalls nur noch von den jeweiligen Grundbesitzern betreten werden, doch der Wille des Volkes schaffte es juristisch und politisch, dass seit 2011 der gesamte 185 km lange Weg wieder lückenlos für die Allgemeinheit zugänglich ist und inzwischen von sehr vielen Wanderern frequentiert wird.  

 

 
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Start und Ziel ist für mich am Freitag an der Placa dels Pins in Ciutadella, der zweitgrößten und schönsten Stadt der Insel. Hier leben 29.000 der knapp 100.000 Inselbewohner. Die Stadt wurde ebenso wie die Inselhauptstadt Maó von den Römern gegründet, von einer dritten römischen Stadt findet man heute nur noch Mauerreste.  

Für die Langdistanz gibt es zwei Startblocks. Die langsameren Läufer starten um 9 Uhr, für die schnellen geht es an selber Stelle erst um 14 Uhr los. Dank Zeitmessung mit Champion Chip werden die Ergebnisse am Ende korrekt eingeordnet. Vor dem Start sorgen der Veranstalter sowie ein Moderator mit Comedy-Talent für gute Stimmung. Dann stellen sich alle 100 Läufer des ersten Blocks vor den zahlreichen Fotografen für ein Gruppenfoto in Position. Da wir auf dem Weg der Pferde laufen werden, kommen ein paar Reiter zu einer kurzen Parade an die Startlinie. Dann geht es los.  

Nach wenigen hundert Metern durch die Altstadt erreichen wir den alten Hafen, der wie ein Fjord in die Stadt hinein reicht. Vorbei an schönen Restaurants und Segelbooten ist dies ein hübscher Beginn. Dann geht es auf schönen und abwechslungsreichen Straßen aus der Stadt hinaus, meist mit Blick auf das blaue Meer, vorbei an den ersten von vielen Dutzend Buchten, ab und zu durch Feriensiedlungen. Auch wenn ich kein Straßenläufer bin, gefällt mir das.  

Nach etwa 40 Minuten ändert sich dann buchstäblich von einem Meter zum anderen die Szenerie komplett. Nun liegt die Zivilisation hinter mir und ich laufe in eine sehr karge, faszinierende Landschaft hinein. Kein Baum schafft es hier, dem Wind zu trotzen. Vorbei an der fotogenen Naturbrücke Pont d´en Gil und vielen steil aufragenden Felsklippen geht es auf überraschend anspruchsvollem Untergrund weiter. Diese Karstlandschaft besteht aus extrem von der Witterung zerfressenem Kalkstein, der hier besonders scharfkantig ausgeprägt ist, der Pfad ist außergewöhnlich uneben. Während alpine Auf- und Abstiege vor allem die Beinmuskulatur beanspruchen, werden hier die Füße besonders stark belastet. Später sagte mir ein Teilnehmer: „Das war das erste Mal, dass meine Schuhe nach 40 km kaputt waren.“  

 

 
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Zwar sind solche Strecken anstrengend und kosten viel Kraft und Zeit, die später im Wettkampf vielleicht fehlen könnten, aber ich liebe sie. Hier kann ich mal wieder besonders intensiv das zelebrieren, was ich „Tanzen mit dem Trail“ nenne. Statt einfach immer nur monoton Fuß vor Fuß zu setzen springt man hier von rechts nach links, mal in einem, kurzen, mal in einem langen Schritt, dabei ist der ganze Körper wegen der Balance in ständiger Bewegung. Das ist die Essenz des Trailrunning. 

Die Landschaft wird von vielen Steinmauern durchzogen, überall stehen kegelförmige Steinhütten, die als Unterstand für die Schafe dienen. Wir kommen am Leuchtturm von Punta Nati vorbei. Weiter geht es durch eine weite, faszinierende Karstlandschaft. Die Umgebung begeistert mich. Doch es ist nur eine von vielen sehr unterschiedlichen Landschaftsformen, die ich auf meiner Inselumrundung erleben werde. Der Cami de Cavalls sammelt nicht einfach nur eine endlose Folge immer gleicher Buchten und Strände. Die Vielfalt ist einer seiner größten Vorzüge.

Allmählich umgeben mich immer mehr niedrige Sträucher. Dann erreiche ich bei km 18 die erste von insgesamt 14 Verpflegungsstellen. An jeder VP werden unsere Zeit und unsere Startnummer notiert.  

 

 
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Wir laufen hinab in die Bucht von Son Morell, in die eine Halbinsel ragt, die von der Erosion zu besonders bizarrer Form gestaltet wurde. Bis zu waschmaschinengroße, von einstigen Gletschern rund geschliffene Felsbrocken, umhüllt von rotem Sand, bilden einen außergewöhnlichen Anblick. Ein sehr schöner Treppenweg führt unterhalb der Feriensiedlung bergauf und bietet schöne Blicke auf diese Halbinsel. 

Als ich oben durch eines der vielen Weidetore laufe, nehme ich die Kurve zu eng und ramme mein linkes Knie mit voller Wucht gegen einen der Torpfosten. Im ersten Augenblick glaube ich, das Knie sei gebrochen und mein Rennen hier schon zu Ende, doch zum Glück bildet sich zwar schnell ein großer, lila Bluterguss, das Blut der Aufschürfung muss ich mit Wasser aus meiner Flasche abwaschen, aber nach kurzem Humpeln kann ich wieder laufen.

Jetzt wachsen oft Kiefern und Zypressen neben dem Trail. Mal blicke ich wieder zu beeindruckenden Felsklippen und in schöne Buchten, dann geht es ab und zu durch das Hinterland mit hübschen Wäldern, Wiesen und Feldern.  

 

 
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Hinab zur Cala del Pilar, vorbei an weiteren Buchten, dann steige ich zu dem höchsten Punkt des Cami de Cavalls auf, der zwar nur 140 m hoch liegt, aber eine weite Aussicht auf das Meer und ins hügelige Hinterland bietet. Man braucht keine hohen Berge, um auf einer Ultratrailstrecke 2800 Höhenmeter zu sammeln. Ein steiler Abstieg führt nun hinab. 

Ich laufe oberhalb der Cala Pregonda mit weißem Strand und kleinen, bizarren Felsinselchen vorbei. Auf den nächsten Kilometern fasziniert mich der farbliche Kontrast zwischen dunkelrotem und gelbem Sandstein, dunklerem Fels, blauem Meer und grüner Vegetation. Vor allem die außergewöhnlichen Verwitterungsformen des Sandsteins beeindrucken mich hier.  

Eine Besonderheit von Menorca ist die Stille an der Küste. Die Hauptverkehrsstraße führt mitten über die Insel, es gibt keine durchgehende Küstenstraße. Viele Buchten sind nur über schmale Stichstraßen erreichbar, manche auch nur zu Fuß, daher hört man keinen Verkehrslärm und läuft die meiste Zeit durch scheinbar unberührte Natur. Hier wurden die meisten Strände und Buchten noch nicht mit wuchtigen Hotelklötzen, Strandbars und anderen Begleiterscheinungen des Tourismus  verschandelt. Wer Natur und Ruhe sucht, der ist hier genau am rechten Platz. 

Oberhalb eines Restaurants bei Binimel-la liegt die nächste Verpflegungsstelle. Der Name dieser Bucht stammt noch aus der Zeit, als die Insel 400 Jahre lang von den Mauren bewohnt wurde.  

 

 
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Einige Zeit später erreiche ich die traumhafte Platja de Cavalleria, in der wir mal wieder durch tiefen Sandstrand laufen, dann auf einer Treppe entlang roter Felsen aufsteigen.  

Der weiche Sand ist ebenso anstrengend, wie vor einigen Stunden der scharfkantige Karstboden. Nach jedem Strandabschnitt muss ich Sand aus den Schuhen leeren. 
Die Halbinsel an der Nordspitze mit dem Leuchtturm beim Cap de Cavalleria lassen wir links liegen. Oberhalb des Ferienortes Cala Tirant sehe ich hinter der Verpflegungsstelle in der Ferne den Monte Toro, die mit 357 m höchste Erhebung der Insel.  

Nun laufe ich zum ersten Mal seit vielen Stunden wieder eine Weile entlang von Straßen. Es ist schwer zu glauben, aber selbst ein notorischer Asphalthasser wie ich ist nach so vielen Kilometern auf sehr anstrengendem Untergrund über ein paar Straßenkilometer froh, auf denen man schnell und entspannt laufen kann.  Ich schätze, auf dem gesamten Trail ist der Asphaltanteil nicht mehr als  20-25 km.

 

 
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Nach einer Weile entlang der Straße zweigt der CdC auf einen bequemen Weg zuerst durch angenehmes landwirtschaftliches Gelände, dann durch wunderbare Kiefernwälder ab. Später durchquere ich die Feriensiedlung Son Parc. Oberhalb der Bucht bei Arenal`en Castell esse ich an der VP Kartoffeln, dann geht es weiter.  

Ich erreiche den Naturpark S´Albufera d´Es Grau, der einige Salzwasserlagunen umfasst, die vielen seltenen Tieren Lebensraum bieten. Das 3440 Hektar große Naturschutzgebiet ist das Herzstück des Biosphärenreservat Menorca. Hier brüten über 90 Vogelarten. Menorca hat mit 700 Quadratkilometern nur etwa ein Fünftel der Fläche von der Nachbarinsel Mallorca. Die Insel ist ein Paradies für umweltbewusste Individualurlauber, die lieber Wander-, Rad- und Reittourismus statt Massentourismus wollen und es zu schätzen wissen, dass die gesamte Insel 1993 als UNESCO Biospährenreservat ausgezeichnet wurde. 42 % der Insel stehen heute unter Naturschutz, eine außergewöhnlich hohe Quote.  

Einen Teil der CdC-Strecke müssen wir Läufer im Naturpark auf einer für uns markierten Route umgehen. Längere Zeit laufe ich durch Gras und Heu auf gemähten Wiesen. Dann geht es wieder auf dem CdC über Hügel. Die Sonne geht unter, am Himmel steht der Vollmond. Kurz vor der Verpflegungsstelle bei Favartix (km 77) brauche ich meine Stirnlampe. Zusätzlich zählt zur Pflichtausrüstung ein rotes Blinklicht, das hinten am Rucksack befestigt wird. 

Wir laufen nicht bis zum Cap Favàrtix, dessen Leuchtturm nun seine Lichtstrahlen den Nachthimmel durchstreifen lässt, sondern durch das Binnenland hinüber zur Cala Presili. 

Als begeisterter Fotograf laufe ich natürlich lieber bei Tageslicht, doch inzwischen will ich das Erlebnis von Nachtetappen nicht mehr missen. Ein bis drei Mal im Jahr genieße ich gerne das Erlebnis zu sehen, wie es langsam dunkler wird und irgendwann nur noch der Trail im Stirnlampenlicht zu erkennen ist. Und dann natürlich den Sonnenaufgang und wie es ganz allmählich  wieder heller wird. Laufen bei Nacht fordert ganz andere Sinne, weckt andere Emotionen als am Tag. Hier auf der Insel nehme ich in der Nacht die Geräusche des Meeres sehr viel deutlicher wahr. Anfangs höre ich außer einigen Vogelstimmen sehr viele Grillen, manchmal quaken auch Frösche, dann wird es immer stiller. Heute beleuchtet in der klaren, wolkenlosen Nacht ein extrem heller Vollmond die Umgebung.  

Oft sehe ich weit vor oder hinter mir die Stirnlampen anderer Läufer. Die schnellsten aus dem fünf Stunden nach mir gestarteten Teilnehmerfeld überholen mich bereits. 

Vorbei an Buchten, die im Mondlicht romantisch schimmern, ab und zu wieder durch das Hinterland, erreiche ich das idyllisch beleuchtete Dorf Es Grau. Eine Weile hinsetzen und etwas essen, dann laufe ich weiter. Um das Zeitlimit muss ich mir  nie Sorgen machen. Ich komme deutlich schneller als erhofft voran. Insgesamt bleibt die Strecke in diesem Abschnitt recht gut laufbar, dennoch marschiere ich manchmal. Die letzten Kilometer zur Hauptstadt Maó kann ich wieder auf einer Straße Gas geben.   

Maó liegt am größten Naturhafen Europas, 5 km lang und 1 km breit. Am Hafen mit vielen Segelyachten erreiche ich die Bucht, folge dann lange Zeit der gut beleuchteten Uferpromenade.  Schon von weitem höre ich laute Moderation. Klar, in wenigen Minuten, um 01 Uhr, startet dort vorne der 100 km Lauf, der auf der bisher von mir gelaufenen Strecke zurück nach Ciutadella führt. Als die Läufer starten, bin ich nur noch etwa 300 m von deren Startlinie entfernt und komme mir kurz vor wie eine Maus, der eine Büffelherde entgegen rast. Ein Wunder, dass ich hier nicht umgerannt werde. Zum Glück sind sie bald vorbei. Ich bin froh, dass ich diesen Gegenverkehr nicht auf schmalen Trails erlebe. 

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