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Bukarest Marathon: Das Paris in der Walachei

06.10.13

Ich fahre schon hin und wieder ein paar 100km, um wo einen Marathon zu laufen.  1.300km nach Bukarest sind mir aber dann doch zu viel. Ob es in Rumänien noch Straßen gibt mit Schlaglöchern, groß genug für ein Echo? So war es vor gut 20 Jahren in der autorevue zu lesen. Im Zweifelsfall lieber mit dem Flugzeug ab Linz mit umsteigen in Wien, denn mit der Bahn würde die Reise 22 Stunden dauern. Mit der Austrian dauert es 3 Stunden. 

Freitag zu Mittag treffen Evi und ich am Flughafen Bukarest-Otopeni ein. Die rumänische Hauptstadt hat knapp 2 Mio Einwohner, etwas mehr als Wien oder Hamburg also.

Die Uhr müssen wir um eine Stunde vorstellen. Zum Schwarzen Meer sind es von hier 280km nach Osten, fährt man nach Süden sind es keine 70km bis zur Donau und nach Bulgarien. Die Urkunde, auf der vor fast 555 Jahren Bukarest erstmals erwähnt wird, ist vom Grafen und Feldherrn Vlad III. unterzeichnet. Dem hat Bram Stoker ein Denkmal gesetzt: Vlad III. ist berühmt geworden als Graf Dracula (Sohn des Drachen) und Pfähler. Der scheint nun einer der Hauptträger der rumänischen Bemühungen um den Fremdenverkehr zu sein.

Der restliche Freitag und der Samstag gehören der Besichtigung der Stadt, Prädikat: absolut sehenswert! (Fotos im Anschluss an den Bericht)

Raymond aus Rotterdam ist hier im Vorjahr gelaufen. Bukarest wäre in der EU angekommen, meint er, und er hat recht damit. Einer der ersten Eindrücke auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt ist das wuchtige Pressegebäude, dem Parlament in Moskau nachempfunden, wenig später der Triumphbogen (Arcul de Triumf), Mitten in einem Kreisverkehr. Kommt uns irgendwie  bekannt vor.

 
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So wie viele Dacias aus rumänischer Produktion sind aber auch richtig teure Nobelkarossen gar nicht so selten im Straßenbild. Einige dieser Schlitten haben wir bei den zahllosen Hochzeiten gesehen, die wir am Samstag im Zuge unserer ausgedehnten Stadtbesichtigung in den diversen Kirchen erlebt haben.

Um EURO 30,- (etwa 130,- Lei) kann man zu zweit ausgezeichnet essen und trinken. Neben den erstklassigen einheimischen Bieren (z.B. Ursus) bekommt man im Restaurant das dänische Tuborg um EURO 2,- für den halben Liter. Da kann Kopenhagen nicht mit!

Der berühmte französische Architekt Haussmann wurde ins Land geholt. Mit Erfolg, vielfach wird man tatsächlich an Paris erinnert. Nicht nur wegen des Charles-De-Gaulle-Platzes und des Triumphbogens. Ganze Straßenzüge, Boulevards, und Häuserzeilen erscheinen pariserisch.

Von den vielen streunenden Hunden, die im Vorjahr angeblich 11.800 mal zugebissen haben, haben wir kaum einen gesehen. Die waren wohl mit sich selbst beschäftigt.

Aber wir sind nicht nur zum Sightseeing hier, sondern auch zum Laufen. Evi wird am FunRun teilnehmen, der zeitgleich mit dem Marathon, dem Halbmarathon, dem Staffellauf und dem Formel-1-GP von Südkorea gestartet wird.

Der Renntag beginnt mit einem Erdbeben. Um 4Uhr 37 ruckelt das Hotelbett etwas, mit 2,8 auf der Richterskala ist das Beben in Bukarest aber harmlos. Wolkenloser Himmel und wenig über Null Grad, so das Wetter Sonntagfrüh. Schließlich entscheide ich mich für eine lange Hose und Handschuhe, 3 kurze Shirts am Oberkörper. Es ist noch immer recht kühl, als wir kurz vor 9Uhr am Piaza Constituziei ankommen. Ich frage mich zur Beutelabgabe durch. In einem Zelt kann man die Beutel ablegen, das geht sehr schnell, denn die werden erst während des Rennens nach Nummern sortiert.

 
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Die Startaufstellung geht nach Startnummern. Diese Startnummern wurden nach der bisherigen persönlichen Bestzeit vergeben. Zwischen den Startblöcken ist viel Platz. Als gestartet wird, werden diese Lücken zugelaufen, sodass das fast übliche Stop ’n’ Go vor der Startlinie erst hinter der Startlinie statt findet und Zeit kostet. Dabei wäre die Start-Ziel-Gerade, der Bulevardul Libertazii, mit etwa 25m Breite wirklich breit genug, wird mit Bauzäunen aber stark eingeengt.

Die FunRunner laufen rund ums Parlament, das nach dem Pentagon das zweitgrößte Gebäude der Welt sein soll. So kommen sie auf immerhin gut 3km. Es gibt für die FunRunnerInnen zwar keine Zeitnehmung, aber es macht Spaß. Evi bekommt eine Medaille zur Erinnerung an den Bukarest-Marathon 2013.

Nach wenigen 100m die erste Spitzkehre, zurück zum Piaza Constituziei und rechts rein in den 3km langen Bulevardul Unirii. Die Reihe an Brunnen ist leider bereits trocken gelegt für den Winter. Obwohl die Sonne scheint, laufen wir wegen der hohen Häuser am Straßenrand im Schatten. Schon nach 2km am Piaza Unirii gibt es die erste Wasserstelle. Wohl deshalb, weil kurz darauf die Startläufer der 350 Staffeln abbiegen. Hier läuft jeder der 4 Staffelläufer die exakt gleiche Strecke, sodass der Wechsel immer an derselben Stelle in Zielnähe erfolgt. Gut für die Logistik, zum Auffüllen des Starterfelds der Marathonis aber ungeeignet.

So sind nach 3km noch 700 Marathonis und 1600 Halbmarathonis auf der Strecke, die hier kaum merklich ansteigt. Junge Leute in orangen Shirts halten Schilder in die Höhe. Wie mir klar wird, vom Veranstalter organisiert. Spontane Anfeuerungen gibt es ziemlich wenig. Es sind auch kaum Leute an der Strecke, vom Start-Ziel-Bereich einmal abgesehen. Bei diesen Temperaturen laufen ist sicher angenehmer, als in der Gegend rum zu  stehen. Das muss ich zugeben.

Die schnellsten Läufer begegnen mir nun. Immer wieder faszinierend, wie schnell die sind. Auf einem Großteil der Strecke herrscht Gegenverkehr. 

Nach 5km, ich bin vor 28min gestartet, gibt es an der Labe außer Wasser und Iso auch noch Bananen und geviertelte Orangen. So wie alle 5km, dazwischen gibt es Wasserstellen. Nun auf Straßenbahnschienen weiter nach Osten. Es geht an einer Kirche vorbei, der Gottesdienst wird per Lautsprecher ins Freie übertragen.

 
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Nach 7km die nächste Spitzkehre. Bevor wir wieder Richtung Zentrum laufen, umrunden wir das nagelneue Nationalstadion. Dahinter wird auf einem mehrstöckigen Gebäude in großen Buchstaben auf ein Herz-Kreislauf-Zentrum hingewiesen. Mit Kenntnissen in Französisch kann man viele rumänische Vokabeln richtig interpretieren, wenn sie denn geschrieben stehen. Mit der Aussprache ist es nicht ganz so einfach.

An einem Park vorbei, hier kann man Gemüse und Obst kaufen, schließlich wieder die Labe von vorhin, diesmal in der anderen Laufrichtung. Auf den km12 – 14 am Bulevardul Unirii kommt nun die Sonne bis zur Straße durch. 15min lang laufe ich aufs Parlament zu, hier fällt mir auch das leichte Gefälle auf. Die Führenden kommen mir entgegen. Der Asphalt ist gut, kaum einmal eine Unebenheit, es lässt sich gut laufen hier.

Vorm Parlament bei km14 ist Stimmung. Wir sind in Zielnähe, die ersten Halbmarathonis sind im Ziel, die Staffeln haben auch ihr Publikum. Geringe ausländische Beteiligung an den Rennen, es sind fast nur Einheimische am Start. Wir sind in der 6.größten Stadt der EU! Aber so zentral liegt Ost-Rumänien halt auch nicht.

Nach zwei Rechtskurven laufe ich wieder im Schatten der Häuser, mit meiner Kleiderwahl habe ich es gut erwischt. Nadia Comaneci, die mehrfache Olympiasiegerin im Kunstturnen 1976 und 1980 hat hier ein Krankenhaus gestiftet. Rechts vorbei an einem Justizgebäude, links der Fluss Damboviza, sieht hier ganz nach dem Seine-Ufer in Paris aus. Die Strecke führt mehrmals über diesen kleinen Fluss.  Dieser ist nicht schiffbar, sodass die Brücken keine zusätzlichen Höhenmeter bedeuten.

Bei Km15 bin ich 86min unterwegs. Wir laufen an der alten Karawanserei Hanul Manuc vorbei, nun ein sehr beliebtes Ausflugslokal in der City mit prächtigem Innenhof.

Wenig später, vor der einzigen mit bloßem Auge erkennbaren Steigung, am Ferrari-Shop, wieder eine große Labestelle. Die paar Höhenmeter auf der Calea Victoriei  sind keine Herausforderung. Baulich wird es wieder interessant:  Rechts das Historische Museum mit Bronzemann mit Hund am Arm, links der CEC –Palast der Sparkasse. Wir sind im Finanzdistrikt, da darf ein Wolkenkratzer mit Glasfassade nicht fehlen. Rechts ginge es rein ins Ausgehzentrum von Bukarest, wo sich Lokal an Lokal reiht. Am Abend wieder, jetzt bleibe ich auf der Straße.

Links das Zentralgebäude der Armee, rechts das Odeon-Theater, hier wird gewendet. Zum Grand Hotel, zu den teuren Geschäften, zum Königspalast, zum Atheneum und  zu vielen anderen Sehenswürdigkeiten wäre es nicht mehr weit gewesen. Zurück und runter ans linke Flussufer, die Strecke führt nun nach Westen, am Dracula-Club vorbei, alles bei herrlichem Sonnenschein.

Bei km19 überqueren wir den Fluss, nun geht es wieder stadteinwärts, an einem Park vorbei. Der erste Umlauf geht dem Ende entgegen. Großzügige Schilder weisen den Weg. Wo müssen die Staffelläufer hin, wo ist das Ziel für die Halbmarathonis, auf welcher Spur müssen die Marathonis weiter? Streckenposten achten darauf, dass sich keiner verirrt. Die verschieden farbigen Startnummern machen es ihnen leicht. Links die erleichterten Halbmarathonis im Ziel, rechts das riesige Parlamentsgebäude, die LäuferInnen vor mir sind deutlich weniger geworden. Eine vorhin gestartete Staffelläuferin keucht jetzt schon!

 
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Da ruft Evi. Bereits geduscht und warm eingepackt steht sie an der Strecke. Danke der Nachfrage, mir geht es gut. Vor mir drei gerade Kilometer. Bei km 23 lege ich einen Boxenstopp ein. Handschuhe ausziehen, Fotoapparat ablegen, es dauert etwas, bis ich den MulticarboGel-Beutel hervorgekramt habe, mit dem Reißverschluss an der langen Hose nicht so einfach.

Als ich mich wieder auf den Weg mache, spricht mich Jürgen Penthor an. Wir wissen von einander, haben einige gemeinsame Freunde und Bekannte, persönlich lernen wir uns aber jetzt erst kennen. Jürgen ist mit dem 100-Marathon-Club-Austria-Shirt unterwegs, heute ist es sein 50. Marathon. Er erweist sich als Glücksfall. Genau da, wo die letzten Staffelläufer abgebogen sind und sich die Strecke wiederholt, treffen wir uns.

Die nächsten 19km haben wir viel zu plaudern, sehr kurzweilig. Man sagt ja, dass die am meisten zur Unterhaltung beitragen, die nicht dabei sind. Da könnte etwas Wahres dran sein.

Das Wetter könnte nicht besser sein, die Strecke auch, mit der steigenden Sonne ist Wind aufgekommen, sodass sich meine Kleidungswahl als Volltreffer erweist. Stetig überholen wir Leute, das passiert so. Viele sind aber nicht auf der Strecke, das Feld ist immens in die Länge gezogen. Fast jeder läuft einzeln, nur bei den Zugläufer-Ballons sieht man kleine Gruppen.

Bei km28 sind wir am östlichsten Punkt der Strecke. Nach der Wende geht es wieder rund ums Stadion. Knapp 3 Stunden für km30 stelle ich nach dem Stadion fest. Die Helfer an den Labestellen sind sehr aufmerksam, die Becher leider etwas dünnwandig. Allzu leicht sind sie zerdrückt. Eine Passantin darf sich Orangen nehmen, es ist genug da.

Einige junge Radfahrer sind auf der Strecke unterwegs, mit einem Korb vorne dran, sie bieten fliegend Wasserflaschen an. Im Kreisverkehr bei km32 werden Würste gebraten und Pelzmäntel angeboten. Die Läufer werden mittels Zaun davor abgeschirmt. Jürgen und ich tauschen Laufvorhaben für die nächste Zeit und für die fernere Zukunft aus. Ich bin gespannt, was sich davon umsetzen lässt.

Da ist Evi wieder, Zeit für ein Foto ist immer. Wir haben noch 8km vor uns. Wenige 100m weiter lerne ich Jürgens Frau kennen. Ein Teilnehmer nimmt das Angebot der Sanitäter an und lässt sich ab nun chauffieren. Mit der Sonne im Rücken laufen Jürgen und ich auf das riesige Parlamentsgebäude zu.  Da werden wir auch von Fremden angefeuert.

Bei km36 melden sich meine Muskeln:  Flüssigkeitsdefizit! Außerdem ein flaues Gefühl im Magen: zu wenig gegessen. Bei der nächsten Labe muss ich auffüllen. Jürgens Frau schießt Fotos. Die nächste Labe, ich esse Obst und trinke ausgiebig. Ich fühle mich besser, der volle Bauch geht aber zu Lasten des Tempos. Wieder der Anstieg, andere werden noch langsamer als ich, sodass wir weiter Plätze gut machen. Nun ist Jürgen gesprächiger als ich. Er scheint keine Eile zu haben, bereitet sich wahrscheinlich schon auf Zagreb nächste Woche vor, so wie ich mich auf München.

 
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Schön, wie die Sonne am linken Ufer des Damboviza ins verfärbte Herbstlaub fährt. Die Wasseroberfläche glitzert, kein Wölkchen am Himmel.
Km39, wir sind fast 4 Stunden unterwegs, allzu lange wird es nicht mehr dauern. Nach km40 zum letzten Mal über den Fluss und dann die letzte Labe gegenüber der tierärztlichen Fakultät.

Jürgen macht mich aufmerksam, dass wir unter 4Std 20 ins Ziel kommen sollten. Auf die Zeit habe ich gar nicht mehr geachtet. Jürgen will es nun unter 4Std 18 schaffen, sprintet los und es gelingt ihm. Evi steht am Zaun, ich will heute mit 4Std 18 anschreiben, 4:17er und 4:19er Zeiten habe ich schon genug. Und es funktioniert!

Im Ziel stürzt sich ein junges Mädchen auf meinen rechten Schuh und zwickt die Kabelbinder ab, mit denen der Chip gemäß Vorschrift befestigt war. Ich gratuliere Jürgen zu seinem 50. Marathonfinish. Duschmöglichkeiten gibt es im Zielbereich nicht, zum Hotel habe ich es aber nicht weit. 

Mit 4h 18min 15sec, bin ich im Ziel, auf Rang 362!  
Nur 2h 14min 05sec  benötigte der Sieger Chelkoi Victor Bushendich aus Kenia, vier Stunden schneller als der 645. und Letztklassierte.

Bukarest hat mich angenehm überrascht, das war eine meiner schönsten Marathonreisen. Auch wenn unter dem diktatorischen Regime bis Ende 1989 viel zerstört worden ist, gibt es jede Menge Sehenswertes hier.

 

Sightseeing

 

 
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