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Laufberichte

Beim UTA geht’s heiß her

21.01.17

600 sind es. Irgendjemand hat sie gezählt, die Stufen auf den einzigen Berg des Trails. Und wir laufen sie hoch, bei 33 Grad im Schatten, wenn es denn welchen gäbe. Trotzdem wird hier ein Rekord gebrochen. Aber alles der Reihe nach.

UTA ist neu. Und großartig. Hat viel zu bieten, von Kultur bis zur totalen Erschöpfung. Nein, nichts Unanständiges - der Trail ist gemeint, genauer: der UltraTrail d`Angkor, genannt UTA. Maximale Strecke: 128 km. Die Premiere war zwar 2016, nur wussten es nur wenige. Doch das ist nun anders und das tut allen gut: Der Orga, die manche Kinderkrankheiten abgestellt hat, den Läufern, die eine tolle Strecke vorfinden und den Kambodschanern mit ihrer wunderbaren, freundlichen Art. Diesmal läuft alles rund.

Austragungsort für den Trail ist das riesige Gelände der uralten Stadt Angkor, zur Blütezeit die größte Stadt dieses Planeten ! Kann man kaum wirklich glauben, denn es sind nur die steinernen Tempel übrig, alles andere hat sich der Dschungel zurückgeholt. Aber die Tempel haben es in sich, einer größer und schöner als der andere, jeder anders und doch irgendwie ähnlich und trotz Ruinenstatus voller Leben. Einmal die Touristen aus aller Welt, dann wir Läufer, aber vor allem die Gläubigen Kambodschaner, die viele, viele Buddhastatuen in den Tempeln aufgestellt haben und sie verehren. Respektvolles Benehmen ist also verpflichtend für alle Besucher. Eine Ausnahme gibt es aber für uns doch: Kurze, kniefreie Laufshorts, aber nur heute am Lauftag!

Ich treffe nach vielen Flugstunden über Hongkong kommend in Siem Reap ein. Die Vorbuchung des Hotels ist aber irgendwo hängengeblieben und die Orga ist erstmal mit mir gut beschäftigt. Aber alles klappt und man bringt mich im Hauptquartier unter, was sich als total praktisch erweist. Es empfiehlt sich sehr, erstmal ein paar Tage Gewöhnung und Besichtigung zu betreiben, schließlich sind es fast 40° mehr als zu Hause und da ist noch der Jetlag, das kann einen umhauen… Aber so lernt man schnell die Gegend kennen und kann etwas besser einschätzen, was auf einen zukommt.  Dschungel haben wir ja in D nicht wirklich.

 

 
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Freitagnacht geht es los. Schon früh machen sich die Helden (vom langen Kanten) startklar, rödeln auf und testen rund um den Pool des Hotels den guten Sitz ihrer Pflichtausrüstung. Die besteht vor allem aus einer Wasserreserve, Lampe, Energiegels, Rettungsdecke, Pfeife, Bandage, Armband, Handy, Mütze (!!!), Reflexarmband und der Eintrittskarte für das Gelände. Das alles ist nicht sehr schwer und nichts ist überflüssig!

Ein Bus bringt die Helden in den Park. Mitten in Angkor Thom liegt die Elefantenterrasse. Dort ist die Rennleitung mit allem drum und dran. Um 22:00 starten sie in die schwärzeste Finsternis auf eine 64 km Runde, fast flach, durch Dschungel und Reisfelder und ein paar wenige Dörfer. Dies ist die sportliche Herausforderung, denn von der Gegend sieht man - nichts. Gar nichts. Erst so nach etwa 8 Stunden wird es hell.

Ich bin für 64 km gemeldet, das ist die zweite Hälfte des Trails und heißt Bayon Trail. Der Abschnitt wird bei Tag gelaufen, man sieht also was. Zeitlimit ist 12 Stunden, was großzügig klingt, trotzdem sollte man unterwegs keine Besichtigungen machen…

Auch mein Start ist noch im Finstern. Aufstehen um 3, Frühstück und aufrödeln, um 4 den Bus zum Start, nervös umherstreifen, vielleicht noch mal aufs Klo…Um 5:15 dann der Start, leicht verspätet, nicht alle sind rechtzeitig gekommen. Die ersten Helden sind auch schon durch. Wahnsinn, das Tempo!

Dann knallt es und es geht los. Wir dürfen über die Elefantenterrasse abtraben, eine große Ehre, aber holprig bei den uralten Steinplatten. Kurz darauf , noch ein kurzes Stück über Asphalt, geht es auf wunderbare Singletrails in den Dschungel. Ohne gute Lampe geht es nicht. Wurzeln, niedrige Äste, Sandlöcher, viel altes Laub und unsichtbare Steine - das ist die erste Stunde. Die Markierungen sind ausgezeichnet, dazu stehen auch viele Wächter an Schlüsselstellen und weisen uns ein. Verlaufen kann sich keiner. So manch ein Sturz passiert auch, aber es geht glimpflich aus, nur ein paar Schürfungen.

 

 
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Beim Hellwerden verlassen wir den Wald, links ein großer See und vor uns die erste Station. Es gibt Wasser (Vittel, extra eingeflogen), Gels, Riegel und leckere Bananen. Sehr nette Helfer sowieso. Es ist erst eine Stunde um, aber der Durst ist groß.  Bei etwa 25° und trockener Luft verliert der Körper reichlich Wasser, das ist vorher irgendwie schwer einzuschätzen. Am besten auf den Körper hören und ihn fluten mit allem was reingeht, auch von außen kühlen! Mein Geheimtipp bei solchen Bedingungen: Salz. Eine große Prise jede Stunde hält den Kopf klar und Muskelkrämpfe fern …

Dann der erste Tempel rechts. Kurz gucken, ein Foto. Dran vorbei. Nun geht es zur Erholung auf Lateritstraßen erstmal in die Ebene hinaus. Alles flach. Ab und zu ein Buschgelände mit Singletrail. Dann ein Staudamm, der Siem Reap-Fluß ist gut reguliert und wir dürfen drüber. Nun kommen kilometerlange Sandpisten, schön wellig, mal fest, mal locker. Nur keinen Sand in die Schuhe kriegen, denke ich mir und lasse es gemächlich angehen. Einmal noch 400m Asphaltversatzstück dazwischen, gut zur Erholung. An der nächsten Station gibt es eine Überraschung. Eine junge Kambodschanerin kennt mich. Der Groschen fällt langsam. Sie hat viel telefoniert, um mich ins Hotel zu kriegen. Nun ist sie froh, dass es mir so viel Spaß macht und gut geht.

Jetzt kommt eine wunderbare Teilstrecke über Gras, durch Büsche, an einem See vorbei bis zu einer Bambusbrücke. Sie kann nicht umgangen werden, also rüber. Ganz gaanz vorsichtig, das Wasser darunter sieht nicht wirklich gut aus. Hier begegnet mir Kao. Er hört Musik, ist in meinem Alter, aus Kambodscha und unglaublich gut drauf. Die nächsten 40 km spornen wir uns gegenseitig an und haben tollen Spaß. Aber am besten: Auch er kennt persönlich Deutschlands aktivsten Laufreporter.  Ja genau, den mit der Vorliebe für isotonischen Hopfentee…

Bald trabt er aber davon, mir macht die Hitze zu schaffen. Das ist nicht so mein Ding in praller Sonne. Der einzige Schatten ist oft genug nur unter dem Mützenschirm. Nun sieht man rechts auch den BERG. Unser Höhepunkt. 170 m bis zum Gipfel. Google earth zeigt ihn als grünen Punkt. Na, dann mal los. Aber vorher nur noch eine kleine Umleitung.

 

 
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Damit wir Straßenbautrupps nicht stören, verlassen wir in einem kleinen Dorf eine Lehmstraße und gelangen zu einem kleinen Tempel, Gebete werden über Lautsprecher weit ins Land geschallt. Die Reisfelder danach bringen uns zum Fuß des abrupt ansteigenden Berges. Da sind sie nun, die Stufen. Ein paar im richtigen Schatten, sonst nur Glut und Hitze…

Der Rekord wird oben gebrochen: Der Tagesumsatz für eisgekühlte Cola (1$). Jeder, der so fertig ist wie ich, trägt zum Rekord bei, was höchstes Entzücken bei der Verkäuferin auslöst.

Klar, ganz oben liegt wieder ein Tempel, aber mit unvergleichlicher Aussicht und unten am Berg dann die Station. Bekannte auch hier: Kong hat mich vom Flughafen abgeholt. Große Freude bei ihm und Verwunderung bei den Mitläufern.  Sie glauben, ich kenne Gott und die Welt. Etwa hier war auch der Start der 32 km- Strecke.

Ab jetzt wird es wieder flach. Schöne, gut laufbare Schotterpisten an einem See entlang zu – na klar - einem Tempel. Einem großen. Da geht es einmal ganz rum, entlang der Außenmauer, an den Touris vorbei, die da in Gruppen staunen, ein paar auch über uns, die Verrückten, die bei der Hitze laufen und das auch noch ins Bild. Na ja , ein paar haben aber auch applaudiert, das baut auf.

Nächste Station. Wie lecker doch gekühlte Wassermelonen sein können. Und ein Stück Eis unter der Mütze wirkt Wunder. Nun folgt das schrecklichste Stück der gesamten Trailstrecke: Glühende Reisfelder in schattenloser Ebene, wohl so 5-6 km lang, aber vorher ein gefluteter Zuweg, den man irgendwie umgehen muss. Hier läuft niemand. Schweigen. Zähne zusammen und durch, irgendwie geht es. In der Ferne locken Bäume und wirklich  führt der Weg dorthin, durch ein Dorf, kalte Cola wer will, und Schatten.

Es ist Samstag, aber auch Schultag. Ein paar Kinder haben mich entdeckt und begrüßen mich freundlich. Fast lassen sie mich gar nicht mehr weg, so neugierig sind sie. Nun ist auch die Marathondistanz überschritten, Hoffnung entsteht, man kommt ja doch voran. Die nächste Station ist fest in australischer Hand, alle Helferinnen sind von downunder.

Ein kurzes Stück an einer Straße bringt uns zum Startplatz der 16 km- Distanz. Auch hier wieder ein großer Tempel mit eindrucksvoller Silhouette. Aber nun wird’s erstmal wild. Brachland mit Büschen, Gras und Bächen will durchlaufen sein. Alles ist top markiert und wir nähern uns dem Zentrum der alten Stadt. Immer wieder kommen wir an großen und kleinen Tempeln vorbei, die Wege sind gut und mehrere Dörfer werden durchquert. Es ist Mittag, nicht viel los auf den Wegen, die Anwohner ruhen in Hängematten, satt und zufrieden liegen die Dorfhunde im Schatten. Wer trotz der Hitze wach ist, begrüßt uns Läufer wirklich herzlich.

 

 
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An der vorletzten Station kommt das Sanitätspersonal zum Einsatz: Nach einem tiefen Tümpel haben sich manche doch Blasen erlaufen und lassen sich dort versorgen, ich helfe mit und verteile mein letztes Salz. Während der 64er-Sieger schon längst unter der Dusche steht, der 128er gleich daneben, taumeln viele noch in der Hitze vor sich hin und so mancher gibt auf. Es ist nun wirklich heftig heiß und wie weit es noch zum Ziel ist, weiß auch keiner so richtig.  So etwa 10  km, es können aber auch 12 sein. Das baut nicht wirklich auf.

Endlich geht es zurück in den Dschungel. Ein Singlepfad führt kurvenreich mal durch Busch, mal an Tempeln vorbei, mal durch parkähnliche, offene Landschaft, insgesamt sehr abwechslungsreich, auf sandigen Wegen.  Keine Stolperfallen mehr. Interessanterweise umgehen wir die Touristenmengen auf unseren Nebenwegen. Keiner sieht uns. Ist vielleicht auch ganz gut so…

Die french bridge ist ein altes Kolonialbauwerk, ein Staudamm mit Stahlbrücke. Besonderheit hier: hervorstehende Zahnstangen in Kopfhöhe können ganz hübsche Beulen erzeugen, also nicht nur auf die Füße gucken! Danach laufen wir erst auf Laterit, dann durch Dschungel, dann auf Kopfstein die letzten 4 km zum Ziel.

Death gate heißt das Stadttor, das wir dabei durchlaufen müssen. Zum Schluss wird’s etwas lebhaft. Man sieht uns von weitem kommen, Flaggenparade mit Blitzlichtgewitter für alle Finisher, Interview von TV Cambodia, Medaille und Angkor Beer zum Selbstzapfen, schmackhafte Nudelsuppe zur Stärkung, Massage und Liegen und, und, und.

Wer sich Zeit lässt wie ich, braucht nicht lange auf die Siegerehrung warten. Ein Minister und Vertreter des olympischen Komitees nehmen Donationen entgegen, lautstark werden die Sieger gefeiert und anschließend gibt es für alle Cocktails und Wein, französisch fröhlich und ungezwungen eben.

Es gab übrigens 3 deutsche Teilnehmer: Ingo beim 16 km Nordic Walking, Klaus beim 32 km Jungle Trail und, na ja, mich eben. Aber ich hab‘s nicht aufs Treppchen sondern nur bis zur Liege geschafft…Altes Eisen eben.

 

 

Fazit:

Insgesamt ein sehr gut organisierter Lauf auf guten Wegen, perfekt markiert auch im Dunklen, in großartiger Landschaft und zwischen gewaltigen Tempelanlagen hindurch. Außer der Pflichtausrüstung sind keine speziellen Trailschuhe nötig. Auch Sticks nur für den ganz langen Kanten. Mein Rat ist, unbedingt Salz mitzunehmen und die luftigsten Schuhe (ohne Goretex!!) anziehen.

 

Medizin:

Mir sind keine bissigen Insekten begegnet. Dank AntiBrumm forte- Spray womöglich. Das heißt aber nicht, dass es keine gibt. Also besser vorsorgen. Doxycyclin zur Malariaprophylaxe eignet sich gut. Wer es aushält, kann auch lange Ärmel und Hosen tragen, schützt nebenbei auch vor dem Sonnenbrand. Aber ganz wichtig: vorher ein echter, guter Gesundheitscheck!!! Die Anstrengung ist doch beträchtlich und medizinische Hilfe vor Ort recht teuer…

 


 

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