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50facher Triathlon in Monterrey: Das Interview

25.11.09

marathon4you: Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu  10 Tagen mit 75 km Schwimmen, 2000 km Radfahren und 500 km Laufen:  – Wie fühlst Du Dich?

Marcel: Zunächst vielen vielen Dank für die Glückwünsche und für die Motivationsmails. Das gab mir sehr viel Energie. Ich bin seit Sonntag wieder in Deutschland und habe noch ein verlängertes Wochenende in Berlin verbracht. Ich fühle mich sehr gut. Zwar noch ein wenig schlaflos, aber ich fühle mich sehr befreit - das ist ein megatolles Gefühl. Es war in den zehn Tagen nie klar, dass ich es tatsächlich schaffen würde. Es war immer ein bergauf- und bergab der Gefühle. Jeder kann sich vorstellen, welche Befreiung man nach so einer Zenterlast im Ziel spürt. Es ist wie im Leben, das Erreichen großer Ziele befreit ungemein. Ralf hatte Mittwoch die Verteidigung seiner Doktorarbeit, mit ihm habe ich meinen ersten Marathon absolviert. Ich war, glaube ich, der aufgeregteste Mensch im ganzen Raum und habe mich nach Erreichen seines gigantischen Ziels unendlich mit ihm gefreut. Ich konnte mir an dem Tag sehr gut vorstellen, was ihn ihm vorgeht und bin unendlich stolz auf ihn.

marathon4you: Und wie das unmittelbar nach dem Wettkampf?

Marcel: In den letzten drei Runden bzw. 6 Kilometern konnte ich ansatzweise realisieren, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Ich bin da im 5er Schnitt wie der junge Frühling rumgesprungen. Soviel Gänsehaut und Adrenalin hatte ich wohl noch nie in mir gehabt. Dieses Gefühl hatte ich weder beim Europalauf noch beim Gewinn der Weltmeisterschaft letztes Jahr. Vielleicht war es auch der Höhepunkt meiner sportlichen Karriere. Ich denke, ich habe nun sportlich gesehen für mich alles erreicht, was ich erreichen konnte. Mehr geht wohl nicht. Vielleicht war mir das in dem Moment im Unterbewusstsein klar, dass diser Wettkampf für mich das letzte große Finish meiner Sportlaufbahn gewesen ist.

marathon4you: Hast Du tüchtig gefeiert und konntest Du die Nacht danach richtig schlafen?

Gefeiert weniger. Ich war rundum sehr, sehr glücklich. Sowas hat man in dieser Intensität nicht sehr oft in seinem Leben. Ich habe es sehr genossen. Zwei Tage später war dann vom Veranstalter der offizielle Festakt. Bei den Ultra-Triathleten wird jeder gefeiert - egal, ob der Wettkampf gewonnen wurde oder nicht beendet werden konnte. Jeder hat den gleichen Respekt verdient!

 
Marcel beim Zieleinlauf
© Foto: privat

marathon4you: Ein richtiger Wettkampf war das ja nicht. Du hattest keinen Gegner. War das nicht auch eine neue Erfahrung?

Marcel: Absolut! Gegner habe ich sonst eigentlich auch nicht. Ich sehe andere Athleten nicht wirklich als Gegner. Den einzigen Gegner, den wir haben, ist die Distanz und die Zeit. Das war wieder das gleiche. Komisch war nur, dass ich immer als letzter das Wasser, das Rad und die Laufstrecke beendet habe. Das war wahrlich ungewohnt und hatte was von nachsitzen. Das hat seine Zeit gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Aber die anderen Athleten und Betreuer der Athleten haben mich beispielslos mit sehr viel Liebe und Hingabe angefeuert und unterstützt. Das ist das, was unseren Sport ausmacht. Genau das ist der Spirit unseres Sports, der uns diese enormen Leistungen vollbringen lässt. Wir Athleten sind keine Gegner sondern eher eine Familie, die jeden von uns bedingungslos unterstützt. Für mich ist das Sport bis in die feinste Facette, da er alles beinhaltet. Ohne diese Unterstützung hätte es sehr viel schlechter ausgesehen. Dabei wurde mir auch klar, dass so ein Wettkampf eigentlich nicht komplett im Alleingang durchgezogen werden kann. Zumindest nicht für mich.

marathon4you: Was bringt es Dir, ein solches Abenteuer bestanden zu haben?

Marcel: Mir bringt es schon sehr viel. So ein Wettkampf ist wie eine Kur für die Seele bzw. eine Reise zu mir selbst. Ich entdecke, welche Dinge im Leben eigentlich wirklich wichtig sind. Im Alltag kann man das nicht feststellen, da alles im Überfluss vorhanden ist. Man stellt es erst in Mangelsituationen fest. Ich hätte zeitweise alles für eine halbe Stunde Schlaf gegeben. Die Aussicht auf den Weltrekord war zeitweise total unbedeutend und wertlos, da ich mir davon ja auch keinen Schlaf kaufen konnte. Das ist beispielsweise so wie in der Wüste: Du hast Geld und Gold im Überfluss, aber nichts zu trinken. In dem Moment merkt man, was wirklich wichtig ist. Wasser, das überlebensnotwenig ist,  wir aber als selbstverständlich sehen, weil es im Überfluss da ist. Materielle Dinge werden dann bedeutungslos. Eine tolle Erkenntnis in unserer materiell besessenen Gesellschaft!  

marathon4you: Hast Du auch einen finanziellen Nutzen? 

Marcel: Nicht im Geringsten - eher das Gegenteil! Als angehender Wirtschaftsingenieur würde ich jedes Mal bei der Wirtschaftlichkeitsrechnung versagen. Aber das ist nicht das, was zählt! Die gewonnen Erkenntnisse sind letztendlich unbezahlbar und nur durch so einen  Erfahrungsprozess zu generieren.

marathon4you: Wie schätzt Du selber Deine Leistung ein gegenüber einem Hochleistungssportler, der den Olympischen Triathlon in 1:45 Stunden oder einen Ironman unter 8:00 h absolviert?

Marcel: Das sind Themen, die uns seit Jahren beschäftigen. Was würden Faris, Norman und Co. bringen? Die Antwort auf diese Frage ist sehr hypothetisch. Von der körperlichen Leistungsfähigkeit sollten sie schon wesentlich besser abschneiden als ich. Bei diesen Wettkämpfen ist es aber wichtiger, die mentale Leistungsbereitschaft aufzubringen und auf Erfahrungen im Extrembereich zurückgreifen zu können. Letztes Jahr hatten wir auch zwei sehr gute Ironman-Athleten am Start mit Zeiten unter 9 Stunden. Sie konnten allerdings nicht ansatzweise die Performance abrufen. Ich bin es gewohnt, lang und langsam zu laufen - wenn jemand immer schnell läuft und dann auf einmal langsam laufen muss, dann kommen ihm die Kilometer endlos vor und er muss das Problem mental in den Griff bekommen. In dieser Situation kapituliert der unerfahrene Athlet eher als der erfahrene. Ich weiß aus meinen Erfahrungen, dass alles irgendwann ein Ende hat – auch wenn die Distanz endlos erscheint.

marathon4you: Verbindest Du mit Deiner Leistung eine bestimmte Botschaft an die Menschen, an die Sportler?

Marcel: Ja, das ist mein Ziel und ich gebe mir immer mehr Mühe, das auch transformiert zu bekommen. Einer meiner Freunde (AK70!) meinte, er hätte vor kurzem erst wieder einen Olympischen Triathlon gefinished. Als er mir gratulierte meinte er, dass er sich in Anbetracht meiner Leistung für seine „kleine“ Leistung fast schämen müsste. Ich war sehr erschrocken, denn das ist genau das Gegenteil von dem, was ich mit meiner Botschaft erreichen möchte! Ich möchte nicht, dass die Leute durch meine Leistungen Minderwertigkeitskomplexe erhalten, sondern dass sie sich bei eigenen Tiefpunkten  an mein Durchhaltevermögen erinnern und daran denken,  egal wie tief ich falle, es geht immer weiter. Niemals aufgeben und du kommst deinem Ziel näher. Es spielt sich alles im Kopf ab und das Gute daran ist, dass wir es selbst beeinflussen können. Für mich wäre es ein Traum in dem Alter meines Freundes dessen Vitalität zu besitzen!

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