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Laufberichte

15. Nordseelauf: Ostfrieseninseln deluxe

 

Wie oft muss ein Lauf stattfinden und wie muss er sein, um zum „Kultlauf“ zu werden? Der Nordseelauf findet 2016 zwar erst zum 15. Mal statt, ist aber schon seit Jahren ein Kultlauf. Dabei ist er nicht einfach ein Lauf, zu dem man hin fährt, um ihn zu absolvieren und anschließend wieder heim zu fahren. Der Nordseelauf ist ein Etappenlauf mit sieben Läufen binnen acht Tagen – eine ganze Urlaubswoche braucht man also Zeit dafür. Nur in den Schaltjahren gibt es ihn als Deluxe-Ausgabe: Denn alle sieben bewohnten ostfriesischen Inseln werden dann besucht. Nicht allein läuferisch ist das ein Leckerbissen. Schon die Läufe auf den Inseln  haben ihren ganz eigenen Charakter, ebenso aber auch jede Insel selbst, vom städtischen Borkum und Norderney bis hin zum pittoresken Spiekeroog und dem Minieiland Baltrum.

Weggefallen ist 2016 zum ersten Mal seit Jahren der Wattlauf von der Insel Neuwerk nach Cuxhaven. Zwar wurde damit ein Highlight nicht mehr angeboten, aber der Etappenlauf ist so viel stimmiger, weil mit allen sieben Ostfrieseninseln „rein ostfriesisch“. Und es gibt einen weiteren Vorteil: Ein Quartierwechsel und die weite Fahrt von Ostfriesland nach Cuxhaven entfallen. Die meisten Tourläufer übernachten dieses Mal die gesamte Nordseelauf-Woche zentral in Bensersiel, Esens oder Norddeich. Denn anstrengend ist der NSL ohnehin genug: Bei insgesamt 77,6 km Lauflänge (Veranstalterangabe) gibt es außer an einem einzigen Tag fast jeden Tag eine Busanfahrt, anschließend die bis zu zwei Stunden lange Fährfahrt zur Insel und den jeweiligen Insellauf mit einer Länge von 9,4 bis 13,0 Kilometer. Der früheste Tag begann mit der Busabfahrt um 6 Uhr, einige weitere starteten ebenfalls vor 7 Uhr, und bisweilen erfolgte die Rückkehr erst nach 20 Uhr.

Zwar ist der NSL kein Marathon, doch die Gesamtlänge seiner Läufe liegt deutlich über 42 Kilometer: Insofern kann er bei Marathon4you auch nur ein „special event“ sein. Als Etappenlauf ist er aber auch mit deutlich geringeren täglichen Laufdistanzen gleichwohl eine Herausforderung: Wie soll man die einzelnen Läufe angehen, um während der gesamten Woche fit zu bleiben? Selbst der Genussläufer hat gute und schlechte Tage, bräuchte häufig wohl mehr als einen Ruhetag. Oder der Ruhetag stört sogar den Rhythmus, wie ich es 2013 erlebte! Noch herausfordernder ist der NSL für leistungsorientierte Läufer, die um eine gute Platzierung in der Gesamt- oder Altersklassenwertung kämpfen: Regenerieren sie schnell genug? Oder wie weit muss man unter seinem Maximaltempo bleiben, um alle sieben Etappen möglich schnell zu absolvieren? Mindestens zwei „Opfer“ des Overpacens gab es dieses Mal.

Interessant ist die Entstehungsgeschichte des NSL: Denn die Idee für einen solchen Etappenlauf an der niedersächsischen Nordseeküste entstand nicht bei einem Sportverein, sondern bei der sich vor gut 15 Jahren formierenden Tourismusvermarktung „die nordsee“ und bei der gleichfalls entstehenden „Kirche im Tourismus“ der „Region Nordsee“. Beide suchten eine innovative Idee für ihre Zusammenarbeit und fanden sie bei einem Lauf, der ursprünglich von Norddeich nach Ottensen und im nächsten Jahr in umgekehrter Richtung führen sollte. Ein Motto wurde schnell geboren und ist bis heute geblieben: „Mach nicht halt – lauf gegen Gewalt!“ Natürlich ist es überraschend, dass die evangelische Kirche Veranstalter eines Etappenlaufs ist. Sie ist überdies auch sehr präsent, denn vor jedem Lauf auf der Fähre gibt es nachdenkliche Worte dazu, wie Läufer ihre Umwelt wahrnehmen, und kritische Worte, ja sehr engagierte Stellungnahmen zu Frieden und Gewaltprävention vor jeder Siegerehrung.

Von touristischer Seite unter der Federführung des „nordsee“-Mitglieds Bremerhaven als Reiseveranstalter gibt es Angebote für die Läufer, so dass sie möglichst zentral in Hotels und Pensionen unterkommen und Busse sowie Fähren mit einem Pauschalangebot nutzen können. Als Läufer kann man sich so voll auf seinen Lauf und das Erlebnis der Insel freuen, die man jeweils besucht. Morgens rechtzeitig am Bus sein, Voucher, Laufhose und –schuhe sowie die Startnummer mit Zeitmesschip nicht vergessen – und es wird ein guter Tag!

Das Ereignis beginnt regelmäßig an einem Freitagabend in Bensersiel: Hier gibt es Startnummern, aktuelle Shirts zum Lauf und eine Auftaktveranstaltung, bei denen das große Veranstaltungsteam – alle rund 20 Personen einzeln – vorgestellt werden. Schon bei dieser Veranstaltung sehen sich viele Nordseeläufer wieder, denn der Wiederholeranteil ist sehr hoch. 2016 wird aber auch deutlich, dass der „Deluxe-Nordseelauf“ ausschließlich auf den ostfriesischen Inseln mit einer gegenüber den verfügbaren Startplätzen deutlich größeren Nachfrage auch die Wiederholer besonders reizt. Das Ritual der Auftaktveranstaltung ist also den meisten Teilnehmern schon gut bekannt. Für NSL-Neulinge besonders spannend ist hingegen die kurze Vorstellung des Charakters der einzelnen Läufe, und auch aus sportlicher Sicht gibt es ein interessantes Thema: Alle Läufe auf den Inseln sind „offene Volksläufe“, d.h. sie sind nicht vom DLV vermessen, können also in ihrer Länge variieren und beziehen bewusst Attraktionen der Inseln ohne Rücksicht auf sportliche Bestzeiten ein. Insofern hat der NSL manches mit Traillaufen gemein, auch wenn es „trailig“ eher selten wird.

 

 
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Eine Nettozeitmessung gibt es nicht, so dass sich sportlich ambitionierte Läufer möglichst in die vorderen Startreihen stellen, weil ihnen sonst Zeitverluste drohen. Das Laufgelände deckt alle Möglichkeiten der Inseln ab: Es geht auf Straßen – wunderschön meist völlig autofrei! – durch die Orte auf den Inseln – ein eher geringer Anteil –, häufig auf gepflasterten und damit buchstäblich „harten“, eher schmalen Wegen durch die Dünen, relativ wenig durch die ohnehin nur niedrigen Wälder auf den Inseln, über weite, baumfreie Ebenen – was bei kräftiger Sonneneinstrahlung in der klaren Nordseeluft schnell nachhaltig zu spüren ist – und immerhin zweimal am Strand entlang, wobei der diesjährig vierte Lauf auf Juist ein fast reiner Strandlauf und insofern irgendwie auch der Höhepunkt 2016 ist. Denn auf Juist begegnen die langsameren Läufern gleich zweimal den „Spitzenreitern“ bei der Tour und erleben so – 2016 besonders eindringlich – den (friedlichen) Kampf um die Tourführung mit. Zum ersten Mal seit Jahren wechselte die Tourführung bei den Männern im Verlauf des „Nordseelaufs“ gleich zweimal, was auch sportlich für Spannung sorgt.

Nach der Auftaktveranstaltung und einem raschen Abendessen im SB-Restaurant nebenan genieße ich bei einem kurzen Spaziergang zum Strand noch erste Nordseeimpressionen und Eindrücke des Hafens von Bensersiel, das an den folgenden Tagen bestenfalls noch am Abend auf dem Weg zu einem Abendessen kurz wahrgenommen wird. Denn die folgenden Tage auf den Inseln sind lang, erlebnisreich und anstrengend.

 

NSL 1: „Dünen-, Strand- und Meerlauf“
Norderney (13,1 km)

 

Die erste Busanfahrt zum Fährhafen Norddeich ist zwar nicht gerade kurz, dafür aber die Überfahrt zur Insel mit der Autofähre, auf der es gerade einmal für ein kurzes Schläfchen reicht. Norderney als erster und Borkum als letzter Etappenort sind die beiden einzigen ostfriesischen Inseln mit Autoverkehr. Auch wenn dieser jeweils eingeschränkt ist, geht es am Fährhafen auf Norderney eher hektisch zu. Ein kurzer Blick auf das Ortsschild mit dem friesischen „Nördernee“ und zum Nationalparkhaus „Wattwelten“, dann verziehe ich mich zu einem ruhigen Plätzchen am Deich über der Westküste, wo sich auch schon andere Läufer ins Gras gebettet haben.

Der Tagesablauf ist beim NSL relativ einfach: Man kommt auf der Insel an und hat  zunächst einmal anderthalb bis drei Stunden Zeit, um erste Inseleindrücke zu sammeln. Will man sich dabei nicht gleich verausgaben, empfiehlt sich die Erkundung von laufwichtigen Infrastrukturen wie zusätzlichen öffentlichen Toiletten. Denn vor dem Lauf gibt es im Startgelände immer lange Schlangen – während die meisten Badeorte am Strand durchaus Alternativen bieten.

 

 
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Bis zum ersten Start bleiben noch gut zwei Stunden. So lerne ich erst einmal einige Läufer von „Impuls Erfurt“ kennen, darunter den 76-jährigen Helmut, der vor Energie sprüht und gleich zweimal hinunter zum Strand läuft. Am Ende wird er in der Tourgesamtwertung sogar einige Plätze vor mir liegen – wobei er natürlich „nur“ läuft und nicht fotografiert. Zwei der Läufer haben den Jungfrau-Marathon-Jubiläumsrucksack dabei, der insgesamt viermal „auf Tour“ an der Nordsee ist. Viele Teilnehmer am NSL sind durchaus marathonerfahren. Im Unterschied zu Helmut brauche ich erst einmal Ruhe und genieße einige Blumen und eine neugierige Möwe.

Ich will in den NSL ganz ruhig „einsteigen“: Umziehen, zum Startort zurückschlendern, das Gepäck abgeben. Der Start erfolgt im Hafen, den ich mir beim Einlaufen dann noch näher anschaue, während das spätere Ziel inmitten des Zentrums von Norderney liegt. Das Laufwetter ist heute ideal: Bewölkt, aber trocken und für eine Nordseeinsel erstaunlich wenig Wind. Am Startort gibt es ein Aufwärmprogramm für Läufer und Walker – ich ziehe eigenes Einlaufen und spezielle Übungen vor. Dann erfolgt der Startschuss: Der Nordseelauf hat begonnen! Längs an Schiffen geht es stimmungsvoll, gleichwohl aber auch irgendwie entspannt los.

Gut 600 Läufer – neben den 523 angemeldeten Tourläufern auch Tages- und Mehrtagesläufer – formen eine stattliche Läuferschlange, die sich längs der Südküste am Wattenmeer entlang schlängelt. Auf dem dritten Kilometer wird es erstmals anspruchsvoll: Der Deichweg ist sehr schräg und unangenehm zu laufen, auf dem Gras nebenan geht es meist besser. Bald bietet der ebene, wenn auch schmale Weg oben auf dem Deich bessere Laufbedingungen, ehe mich ein Rudel Gänse zu einem Ausflug mitten hinein in die missmutige Vogelschar reizt. Das Bild „neugierige Gänse mit – aus der Sicht der Gänse sicher irren – Nordseeläufern“ wird mein erster fotografischer Höhepunkt. Ehe sich die Gänse mir zuwenden, bin ich mit den Läufern – wir sind hier heute am Deich in der Mehrheit! – entflohen.

Die ersten Dünen bringen kupiertes Gelände; Zeit für „Gemütlichkeit“, die hier „im Reethuus zuhause“ ist, haben die Nordseeläufer im Moment aber nicht. Zur „Weissen Düne“ geht es weiter, aber nicht ganz auf sie hinauf, sondern nun nach Westen in Richtung des städtischen Norderney, von dem wir uns bisher immer weiter entfernt haben. Schön, dass es heute und an den nächsten Tagen wider Erwarten nicht den üblichen Westwind gibt, gegen den man sonst an der Nordsee oft ankämpfen muss! Der eher schwache Nordwind ist durch die beeindruckend hohen Dünen kaum zu spüren, und nur ein niedriges, windgeschertes Wäldchen lässt erahnen, dass der Wind hier meist deutlich kräftiger bläst. In der Emsstraße, zwischen Wohngebiet und bewachsenen Dünen rechts, wo ich es statt zu fotografieren mal rollen lasse, ist es sogar ausgesprochen schwül, obwohl sich die Sonne kaum durch die Wolken wagt.

 

 
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Erholung pur ist deshalb unser „Durchbruch“ zum Meer.  Endlich offenes Wasser, Wellen – und frische Nordbrise! Die Laufstrecke beschert uns heute mit fast 13 Kilometern gleich die längste Distanz und jetzt einen langen Lauf auf der Promenade, ehe wir in die Stadt einbiegen und kurz darauf, fast schon zu schnell, das Ziel vor dem „Conversationshaus“ erreichen. Der Kurplatz von Norderney ist voll in der Hand der Nordseeläufer und eine prächtige Kulisse für das Ende der ersten Tagesetappe; der Regen, der förmlich in der Luft liegt, will sich aber, anders als beim Nordseelauf 2012, in diesem Jahr nicht auf uns Läufer ergießen.

Hat man sich erfrischt, geduscht und mit einer auf allen Inseln nach den Läufen angebotenen Kleinigkeit – meist Pasta & Co – gestärkt, geht es nach einem Grußwort von Oberlandeskirchenrat Dr. Grünwaldt und „Tourpastor“ Hartmut Schneider an die Siegerehrung mit anschließender Tombola, die zwar immer den selben Ablauf haben, dank des unglaublich wort- und „kalauermächtigen“ Moderators Dominik nie langweilig werden – im Gegenteil: Weil der Ablauf bekannt ist, kann das Publikum an vielen Stellen mitmachen. Beim Nordseelauf steht Miteinander und Mitlaufen eher im Vordergrund, weniger die sportliche Leistung. So werden nach den einzelnen Läufen immer nur die Sieger von anfangs zwei, später nur einer Altersklasse ausgezeichnet.

Den sportlichen Aspekt vermittelt demgegenüber die Auszeichnung der Ersten bis Dritten der jeweiligen Tagesetappe bei Frauen und Männern sowie die Verleihung des „gelben Trikots“ für die Tourführung nach dem Lauf. Tagessiegerin und Trägerin des ersten „gelben Trikots“ ist mit über drei Minuten Vorsprung bei den Frauen Vorjahressiegerin Martina Mischnick, die die Tourführung bis zum Ende nicht mehr verlieren wird, während Vorjahressieger Dirk Hohmann erst hinter einem Tagesläufer als Zweiter ins Ziel kommt, knapp verfolgt vom erst 17-jährigen Sven Lorenz. Immerhin erhält Dirk, der mir vor dem Rennen noch erzählte, dass er seine diesjährige Chancen beim NSL nicht recht einschätzen könne, bereits das gelbe Trikot des Tourführenden. 47er Zeiten bei den Männern auf einer fast 13 Kilometer langen Strecke entsprechen einer 36er Zeit bei zehn Kilometern und deuten auf der durchaus anspruchsvollen Strecke an, dass den Nordseelauf bei den Männern nur gewinnen kann, wer auf einer optimalen Strecke eine Zeit von 33 oder 34 Minuten laufen kann – und das wohlgemerkt bei sieben Rennen binnen acht Tagen.

Nach der Siegerehrung ist heute nicht allzu viel Zeit: Das Schiff fährt relativ früh. Schön, dass wir wenigstens von Bläserklängen aufs Schiff geleitet werden!

 
 

 

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