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Laufberichte

Schlammig, trailig, wunderbar

 

Endlich geht’s auch für mich heuer wieder richtig los. Während sich viele meiner Reporterkollegen und Kumpels bereits die Sohlen bei Citymarathons platt getrampelt haben, habe ich mich mit meiner bekennenden Asphaltallergie noch zurückgehalten.

Eine der ersten Möglichkeiten im Jahr, auch in hiesigen Gefilden wieder auf geliebten Trails zu laufen, bietet sich dieses Wochenende in Herrenberg, etwa 30 Kilometer südlich von Stuttgart. Die Stadt liegt zu Füßen des Schönbuch, einem wunderschönen Waldgebiet – 2014 sogar mit dem Prädikat „Wald des Jahres“ ausgezeichnet. Bereits 1972 wurde die gesamte Waldfläche zum ersten Naturpark Baden-Württembergs erklärt und umfasst 156 km².

Beinahe wäre es aber gar nicht dazu gekommen. Als Mitte der 1960er-Jahre die Baden-Württemberger Landesregierung den Neubau eines Großflughafens für Stuttgart plante, war der Schönbuch als Standort in der engeren Auswahl. Glücklicherweise für uns Trailrunner, Mountainbiker, Erholungssuchende und Naturfreunde formierte sich schnell eine Gegeninitiative und so wurden die Pläne bald wieder verworfen und der bestehende Flugplatz ausgebaut.

Nach der erfolgreichen Premiere im Vorjahr geht es an diesem Wochenende in die zweite Runde der Schönbuch Trophy. Am Samstag können sich erstmal die Mountainbiker im Schönbuch austoben, am Sonntag dürfen dann wir Trailrunner das Waldgebiet unsicher machen.

Los geht es am Herrenberger Marktplatz um 10 Uhr mit dem T42. Die Marathondistanz können sich zwei Teilnehmer auch als Staffel (Streckenlänge 17 und 25 km) teilen. Eine Stunde später startet mit dem T12 die Einsteigerstrecke, ebenfalls am Marktplatz. Neu in diesem Jahr ist der T25, ein zusätzlicher 25 km-Lauf, der fast am andere Ende des Schönbuch, am Sportplatz Entringen um 11.30 Uhr gestartet wird. Etwa 1.000 Höhenmeter weist der Marathon auf. Das sind zwar noch keine alpinen Dimensionen, aber als Vorbereitung für die Bergsaison nahezu ideal, wie ich meine.

Eine kurzfristige Überraschung hält das Aprilwetter für uns bereit. Wegen ausgiebiger Regenfälle wird sowohl bei den Mountainbike-Rennen, als auch bei den Trail-Runs auf den Schlechtwetter-Varianten gefahren, bzw. gelaufen. Während das bei den Bikern doch gravierende Auswirkungen hat, da ihre Trailanteile von 35 auf 10 % deutlich reduziert werden, trifft es uns Trailrunner weniger hart. Im Gegenteil, wir dürfen sogar etwas weiter laufen, da wir an einem Streckenabschnitt nicht die direkte Richtung nehmen können und uns so einige hundert Meter Umweg einhandeln. Die Streckenlänge erhöht sich dadurch beim Trail-Marathon auf etwa 43,5 km.

Direkt neben der Durchgangsstraße von Herrenberg liegt die Stadthalle, die somit leicht zu finden ist. Zudem gibt es jede Menge Parkplätze direkt davor. In der Halle gibt es die Startunterlagen und das Finisher-Shirt mit dem grünen Hirschlogo schon mal vorab. Dazu die Möglichkeiten, sich warm zu halten oder gar noch zu frühstücken. Und am Ende des Tages wird hier auch die Siegerehrung stattfinden.
Etwa 10 Minuten Fußweg durch die Altstadt sind bis zum Startplatz am Marktplatz zurückzulegen. Die anhaltenden Regenfälle der Nacht sind glücklicherweise weitestgehend wieder passé, es tröpfelt eher nur hin und wieder mal, aber mit 6 Grad ist es nicht sonderlich warm. Dementsprechend kann man die unterschiedlichsten Kleiderordnungen ausmachen: Von kurz-kurz bis lang-lang und dicker Regenjacke ist alles dabei.

Auch heuer beeindruckt mich der Marktplatz mit seinem Fachwerkensemble wieder ungemein. In den großen und imposanten Häusern wohnten früher die reichsten und angesehensten Bürger der Stadt, heute sind sie zwar krumm und schief, aber immer noch toll anzuschauen. Seit 1983 steht die Herrenberger Altstadt unter Denkmalschutz. Mit Ausnahme des Rathauses, das erst später erbaut wurde, stammen alle Häuser aus den Jahrzehnten nach dem zweiten großen Stadtbrand 1635.

 

 
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Einen groben Nachteil haben die hohen Häuser um den fast komplett eingeschlossenen Platz aber für uns Läufer dennoch: Nur wenige haben dadurch Satellitenempfang und so kann ich durchaus einige nervöse Gesichter im Starterfeld entdecken. Ohne GPS ist mancher Trailer inzwischen arm dran. Um Punkt 10 Uhr wird gestartet und auch auf den Punkt genau an der Startmatte, die etwas auf dem erhöhten Teil des Platzes liegt, treffen mich die Satelittenstrahlen und  mein Hightech-Ding springt an. Super Timing von oben.

Nur wenige hundert Meter sind durch die engen Gassen der Altstadt zurückzulegen und schon erreichen wir den alten Stadtmauerdurchgang am Stadtrand. Vor uns liegt der Schlossberg und mit ihm eine erkleckliche Anzahl der berühmten Herrenberger „Staffeln“, so werden die vielen alten Treppenanlagen bezeichnet. Sie sind auch ein Wahrzeichen der Stadt, daher wurden die Herrenberger früher auch „Stäffelesrutscher“ genannt. Da das Feld noch dicht beisammen ist, geht es nur im mäßigen Tempo den Schlossberg hinauf.

So führen die ersten 2,5 Kilometer fast durchweg, mal mehr, mal weniger, aufwärts. Nach einem kurzen und einem der äußerst raren Asphaltabschnitte schlagen wir uns nach rechts in den Schönbuch. Bereits auf den ersten Metern im Wald habe ich die Gewissheit, dass das heute eine spaßige, oder besser gesagt, schlammige Angelegenheit wird. Schon auf den ersten steileren Trailabschnitten kann jeder feststellen, ob er die richtige Schuhwahl getroffen hat. Ich gehöre definitiv dazu, meine grobstolligen Sohlen haben genau das richtigen Profil und fühlen sich so richtig wohl im Schlamm. Da gibt’s keinen Wackler. Ich kann aber bereits einige ausmachen, die mit ihrer Balance schwer zu kämpfen haben.

Die erste Verpflegungsstelle erreichen wir nach 4 km, das Angebot fällt nach so ein „paar Meterchen“ ungewohnt üppig aus, finde ich. Cola, Iso, Riegel und bereits auch Energy-Gels werden angeboten. Vielleicht benötigen ja die Kurzstreckler nach uns schon so früh die schnelle Energiezufuhr.


 
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Nach den ersten Profil-Testabschnitten führt die Strecke wieder aus dem Wald an die südlichen Steilhänge des Schönbuchrandes. Komfortabel geht es durch Streuobstwiesen und Blumenfelder. Letztes Jahr standen die Kirschen bereits in ihrer vollen Blüte, heuer sind sie noch nicht so weit. Daneben werden noch Zwetschgen, Walnüsse, Birnen und Äpfel kultiviert und unter uns in Mönchberg verarbeitet. Wir befinden uns hier in einer der größten zusammenhängenden Streuobstlandschaften Europas. Dass der Steilhang nicht nur für Gaumenfreuden gut ist, zeigen die weiten Ausblicke ins Korngäu und zur Schwäbischen Alb, auch wenn’s ziemlich grau derzeit ist.

Zwischendrin führen Abschnitte wieder auf tiefen Trails durch den Wald und an Abhängen hoch. Das geballte Mercedes-Team um mich herum muss hier seine Allrad-Tauglichkeit unter Beweis stellen …das sieht nicht immer überzeugend aus. Nach 8,5 km erreichen wir am Ortsrand von Mönchberg die zweite Getränkestation.


 
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Über Naturtreppen verschwinden wir wieder im Schönbuch. Die weichen Waldwege sind wunderbar zu laufen, auch wenn zwischendrin immer wieder mal ein Schlamm- oder Wasserloch für Verzögerung sorgt. Nach 10,5 km geht es auf die Kayher Straße. Fast kerzengerade führt sie uns über 4 km leicht wellig bis zu einer Einmündung, wo es wieder auf Trails weitergeht. Ich bin mächtig froh, dass ich die Waldautobahn wieder verlassen kann.

Herrlich schlammig und trailig geht es weiter bis zum Sportplatz von Entringen (km 17), wo die nächste VP auf uns wartet. Nach 2:30 Stunden sollten an der Zeitmessmatte alle Marathonis durch sein, ansonsten schlägt der „Jäger und Sammler“ mit seinem Besen wegen Überschreitung des Zeitlimits gnadenlos zu. Um 11:30 Uhr wurde an dieser Stelle auch der T25 gestartet, außerdem ist  hier auch der Wechselpunkt der Zweierstaffeln.


 
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Einen Kilometer weiter geht’s durch „s‘Dörle“. Hier röhrt der Hirsch, der die Schönbuch Trophy ja auch als Logo ziert. Wir passieren das rund 4.000 Hektar große Rotwildgatter, das Ende der fünfziger Jahre errichtet wurde. Nur mehr selten kommt die größte wildlebende Säugetierart in unseren Wäldern vor. Durch die Hofjagd des württembergischen Königshauses genoss es im Schönbuch besonderen Schutz. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnte sich aber das Rotwild zu stark vermehren. Wegen hoher Schäden am Wald und in der angrenzenden Feldflur wurde daraufhin das Gehege errichtet. Zu sehen gibt es aber leider keinen der Geweihträger.

Deftig führt uns ein Trail entlang der Wildruhezone nach oben bis zur erneuten Einmündung auf die Kayher Straße, die hier spürbar ansteigend verläuft. Viele Kilometer gilt es jetzt auf geschotterten Waldwegen zu absolvieren, Straßenläufer und Tempobolzer unter den Trailern können wieder viel Boden gut machen. Zwischendrin ist Halbzeit und am Getränkeposten kann nachgetankt werden.

An der Wegekreuzung geht es rechts runter, wo man es auf den nachfolgenden zwei Kilometern so richtig krachen lassen kann. Das Gefälle ist nicht allzu steil, 100 Höhenmeter müssen dabei im Downhill vernichtet werden. An der nächsten Kreuzung sind wir unten und dürfen die verlorenen Höhenmeter auf der Neuen Weinsteige über die annähernd gleiche Distanz wieder nach oben.

Eine willkommene Abwechslung bieten mehrere kurze Trail-Einheiten. Vom weiblichen Streckenposten werden wir ausdrücklich vor schwierigen Verhältnissen gewarnt. Der wurzelige Bergabpfad bietet sehr viel Spaß. Da werden mir zwar nicht alle zustimmen, aber mir gefällt’s saumäßig. Da sind wir wieder beim richtigen Schuhwerk.

Auf 400 Jahre schätzt man die fast 30 m hohe Hubertus-Eiche mit 5 m Stammdurchmesser. Sie hat schon einige Unwetter erleben müssen, der Winter 2013/2014 hat ihr besonders zugesetzt. Wir biegen hier rechts ab zu einer erneuten Trail-Einlage. Die Alte Saufangklinge – so nennt sich der Bach – hat sich zur reißenden Bestie entwickelt und stellt manch eine(n) vor eine unliebsame Herausforderung. Nein, nicht wirklich, man kommt locker mit einem kleinen Sprung darüber.

Bei km 33 überqueren wir die Herrenberger Straße, gut gesichert von freiwilligen Helfern und der Polizei. Kurz nach der VP ist der lange Abschnitt mit überwiegend Forststraßen beendet. 10 Kilometer liegen noch vor uns, besagt die Streckentafel. Ein Zeitlimit ist hier auch zu beachten: nach 4:30 h ist finito.


 
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Müde bin ich geworden von den langen Forstgeraden. Als es aber in den Schluss-, oder besser Schlammabschnitt geht, bin ich plötzlich wieder hellwach. Was jetzt kommt, ist schnell beschrieben: Schlammig, trailig, wunderbar. Knöcheltief versinken wir stellenweise im Schlamm. Da gibt es kaum ein Entrinnen, auch wenn einige versuchen, durch das dichte Gestrüpp und Gehölz der Suhle zu entkommen. Die Fangopackung ist vom Feinsten. Mir gefällt’s und einigen anderen auch, wie ich feststellen kann. Sie brettern hier durch, dass es eine wahre Freude ist.

Ein langer Anstieg führt uns an den Stellberg und zu weiteren traumhaften Trails – mein Lieblingsabschnitt – nicht mehr ganz so tief, aber immer noch herrlich weich und sumpfig. Jedem Vollblut-Trailer wird hier das Herz höher schlagen. Wer eher von der Straße kommt, wird die Verhältnisse wieder verfluchen. Andreas und Jeannette vor mir haben auch mächtig Spaß, ich muss dran bleiben, um schöne Fotos zu bekommen.

 

 
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Nach knapp 40 km erreichen wir an einem der höchstgelegen Punkte der Strecke die letzte VP. Von hier ab geht’s überwiegend nur mehr bergab. Ein kurzer, steiler und ekliger Stich vor dem Aussichtspunkt am Schlossberg ist die letzte Herausforderung, dann führen uns die Herrenberger Staffeln wieder zurück auf den Marktplatz.



Eine schöne Holzmedaille ist der verdiente Lohn. Ich bedauere etwas die Helfer, die den Leih-Chip vom völlig verschlammten Schuh lösen müssen. Ich muss noch etwas auf Charly warten und gönne mir einen leckeren Hefezopf und ein Radler am Verpflegungsstand direkt neben dem Zielbogen.

Beim Schönbuch Trail Run kommen sowohl Straßenläufer als auch Trailer auf ihre Kosten, Forststraßen und Trails teilen sich in etwa die Strecke. Für die richtigen Trailrunner war der Schlamm sicherlich heute noch ein zusätzliches Zuckerle. Mir hat’s auf alle Fälle riesigen Spaß gemacht. So eingesaut war ich noch selten.
 

 
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Informationen: Schönbuch Trail-Run
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