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Laufberichte

Wann gehen wir über die Wupper?

30.10.05

"Engagement und Enthusiasmus der Macher“, ja das spürt man.

 

Also, ich fang mal vorne an mit dem Schreiben. Ja, mei - war das schön da. Achtung: wenn Euch manches etwas außergewöhnlich beschrieben vorkommt, das kann schon sein. Ich hab es aus der euphorischen Stimmung heraus geschrieben. Wenn man einen Ultra oder Marathon gelassen läuft, dann kann die Euphorie schon gut ein paar Tage anhalten. Müsst Ihr mal ausprobieren.

 

Remscheid, sagt uns der Internet-Routenplaner, das ist 400 km geradeaus, dann zweimal links. Kurz und klar. Nur in der Realität ist der Start/Messe doch nicht so einfach zu finden. Gut, wir sind ja auch nicht von hier aus dem Bergischen Land. Wir treten ein in die Halle, voll von Leuten und Stimmung und sehen, wie die riesige Großbildleinwand gerade den Kinderlauf 2004 zeigt. Davor auf der Bühne toben Kids mit bunten Luftballons. Mir gefällt es hier spontan. Die Anmeldung klappt ruckzuck, alle Fragen werden sofort geklärt. Auch meine Ummeldung auf eine andere Distanz ist problemlos. Dies ist übrigens auch noch während des Laufens und selbst im Nachhinein möglich (gut, Elke, neh?).

 

Wir machen mit bei der Nudelparty mit frischem Salat, beobachten das rege Treiben, die Leinwand und laufen dann durch die Sportshops der kleinen Marathonmesse. Danach suchen wir die Halle zum Schlafen. Über den Zaun klettern mit unserem Gepäck (wieso denn das???) und schon sind wir drin. Kurz legen wir die Sachen rein, dann beschließen wir, in die kleine Stadt zu gehen, mal sehen was heute los ist. Und wir haben Glück.

 

 
Lennep
© marathon4you.de

Das sehr retro-mäßige Lennep hat es unseren Herzen sofort angetan. Wir bestaunen die Ladeneinrichtungen aus den 60er und 70ern, ja selbst die Kanaldeckel sind sehenswert. Ehrlich. Enge Gassen, völlig kreuz und quer und auf und ab gehend, Fachwerk- und Schiefer-Häuser und viele nette kleine Lokale. Das ist Lennep. Und: heute ist die Remscheider Kulturnacht. Sie führt uns zuerst in eine Galerie und danach ins Bistro „So Wie So“. Olaf bestellt ein großes (für Bayern viel zu kleines) Bier und die Bedienungsfreundlichkeit Anna rät mir zu einem „Ficki“ (Fiersich-Kiersche). Der steht nicht auf der Karte. Ich lasse ihn mir grinsend schmecken. Einfach klasse hier in Lennep.

 

Danach wandern wir noch eine Weile durch die laue blaue Nacht und bereiten dann unser Lager (und die Ohrstöpsel) in der Halle. Wir übernachten mit etwa 30 anderen Läufern auf blauen Turnmatten in einer Schule. Natürlich auch retro. Echt: ich wollte schon immer mal in einer Turnhalle in lila und beige mit großen bunten Punkten an der Wand schlafen. Hier ist viel Platz und es ist gratis. Aber zum Schlafen für mich ist es irgendwie noch sehr früh (Ihr kennt mich ja), zumal zudem noch die Zeit zurückgedreht wird („retro"???).

 

Typischerweise sehr früh vor dem Start leert sich die Halle. Es ist Morgen, die Zeit ist umgestellt und es ist hell. Ich liege als fast einziger um 7.30 h noch in meinem Schlafsack. Start ist doch erst um 8.30 h. Andrea und Olaf wecken mich so um 8 Uhr und ich dehne mich etwas. Dann gehen wir zum nahen Start rüber. Wow, ist das eine Menge Läufer (ca. 4.000)! Den Sprecher verstehen wir nicht, obwohl wir im vorderen Viertel stehen. Egal. So stehen wir im etwas kühlen Morgen, zum Glück ohne Windhauch und freunden uns mit einigen Läufern um uns herum an.

 

Für das Wetter ist Petrus nicht zuständig. Wisst Ihr ja. Das machen wir Bayern, mit nun direktem Draht nach oben (Papa Ratzi). Ja, das Wetter haben wir heuer wirklich passend gemacht. Nach 4 Jahren mies nun prima Wetter. *wupp* Da hättet Ihr nicht zu Petrus beten müssen. Die Morgensonne strahlt uns schräg an und taucht die Büsche und Bäume um uns in kräftige Farben. Meine Seele freut sich.

 

Dann geht es los. Und gleich bergauf. Olaf trifft einige Bekannte wieder, Gottfried, Iris und Joachim. Und ich Klaus von marathon4you.de, der zu diesem richtig gelungenen Ultra sagt: „Des isch koi so’n Hei-Tech-Lauf“. Und da hat er Recht.

 

 
Olaf, Andrea und Erwin
© Erwin Bittel 5 Bilder

Es geht eine Runde wackeliges Kopfsteinpflaster durch unser Lennep, dann ins bergige Bergische Land. Wunderbare Blicke in die Landschaft, wir sehen weit, sehen drüben schon die Vorderen laufen. Aber was ist das? Kurz vor dem ersten Waldstück biegen Läufer reihenweise rechts ab an den Waldrand. Ich schwanke: wo geht der Weg? Ach so: Piesler nach rechts, die anderen nach links.

 

Unser Weg ist voll von raschelndem Laub. Läuft sich prima darauf. Wir laufen fast immer im Wald, plaudern, ich mache Fotos, und wieder und wieder lernen wir Läufer neben uns kennen. Immer geht es irgendwie leicht bergauf oder bergab durch schön kühle Täler mit hohen Laubbäumen. Ruhiges Laufen. Andrea hat es geschafft, eines der herunterfallenden bunten Blätter zu fangen, ein Souvenir. Zäune, Wiesen, abgeerntete und gepflügte Felder. Und schauste-nicht sind wir schon bei km15.

 

Immer wenn wir jemand kennen lernen sage ich „Servus“. Ich, als Südler deutlich erkannt, erfahre darauf von 2 Läuferinnen, dass es hier in Wuppertal eine Spezialität gibt: Wuppis. Muss eine Köstlichkeit sein. Aber was ist es? Die beiden Einheimischen lassen dies geheimnisvoll offen.

 

 
© Erwin Bittel 7 Bilder

Langsam drängen Läufer von hinten, wir nähern uns Wuppertal (*wupp*) und damit dem Zieleinlauf des Halbmarathons. Eine Riesenstimmung und viel viel begeistertes Publikum. Wupper? Und wann gehen wir über die Wupper? Und was danach? Gibt es ein Leben danach? Gibt es dann Wuppis?

 

Ab diesem ersten Zieleinlauf sind nun nicht mehr viele Läufer übrig. Der Weg gehört uns wenigen, die weiter laufen. Km 25, ein weiterer Stopp. Wir werden wie immer freundlich und gut verpflegt, ab jetzt auch mit Bananen. Als ich scherzhaft nach einem Bier für Olaf frage, hält er es schon fast in der Hand. Wow (äh *wupp*).

 

 
Elke, Lothar, Iris, Olaf
© Erwin Bittel 3 Bilder

Andrea möchte den Rest des sonnigen Tags gerne alleine zu Ende genießen und so ziehen Olaf und ich weiter. Wenig später treffen wir Elke, die unsere mentale Stütze bis zu ihrem Ziel,  42 km ist. Sie hat sich zwar für den Halbmarathon angemeldet, aber spontan beschlossen ihren 1. Marathon zu laufen. Respekt, Elke! Sie hat es sich vorsichtig und sehr gut eingeteilt und läuft noch einen flotten Schritt. Wir stellen uns vor, plaudern viel und nehmen uns Zeit und Ruhe an den Verpflegungspunkten. Wir genießen Wetter, Wald und Wupp.

 

Die rauchende alte schwarze Dampfeisenbahn keucht auf der gigantischen Müngstener Brücke (höchste Deutschlands) hoch über uns vorüber. Welch ein netter Zufall. Die Passagiere stehen im Waggon und winken. Kann man uns Ameisen von oben sehen?

 

 
Müngstener Brück
© Erwin Bittel 2 Bilder

Stephan von Steppenhahn.de läuft auf einmal mit uns in seinem typischen Stil mit wehender Mähne. So lernen wir uns endlich persönlich kennen. Wir sind eine kleine Gruppe geworden und unterhalten uns gut. Ich sehe Kühe auf saftgrüner Wiese und daneben viele große weiße Ballen. Ich muß einfach auf diesen hohen Haufen Marshmellows raufklettern und sehe mir die lange Reihe der Läufer von oben an. Nett und irgendwie so friedvoll.

 

Es freut mich, dass mein bayrischer Humor hier gut verstanden wird. Olaf auch. Wir haben wirklich eine Mords Gaudi. Und wann geht es nun endlich über die Wupper?

 

Elke schickt ihren (kleinen) inneren Schweinehund fort und trabt fröhlich und strahlend in 4:59 h ins Marathonziel. Wir beide, Olaf und ich laufen weiter, ab jetzt fast alleine. Werden wir es alleine schaffen? Ohne Elke? Olaf benotet die Müsliriegel an der nächsten Futterstation: eine glatte Eins. Ich schlürfe den guten Tee mit Zitrone. Wir ziehen weiter. An der nächsten Waldbank machen wir eine Pause, lachend, und winken den vorbeilaufenden anderen 63ern zu. Weiter geht es. Weiter viel Wald, viel Ruhe. Ab jetzt sehen wir nur noch wenige Läufer vor uns. Und die immer paarweise. Komisch? Nein. Das ist ein Phänomen des Ultralaufens. Man treibt im Gespräch und in der Landschaft vertieft irgendwo hin. Meistens ins Ziel.

 

Wir glauben die Wupper nun endlich vor uns, ein breiter Stausee, und bitten eine Horde älterer Wanderer ein Gruppenfoto von uns beiden zu machen. Hintergrund die Wupper. Doch oh nein, oh Schreck, das sei nicht die Wupper sondern die Eschbachtalsperre, klärt man uns eifrig auf. Wer wir denn seien? Na Teilnehmer des 63km-Röntgenlaufs. Die Horde wandernder Rentner staunt und Olaf und ich laufen ironisch frotzelnd weiter: „Was, noch mal 20 km?“

 

Bei km 45 werden wir von der Bergischen Waldzählstelle erfasst (2 nette Herren): der 314te und 315te Läufer sind wir. Bald stoßen wir wieder auf Stephan, der eifrig plaudernd mit einer Frau läuft. Wir schließen uns für eine Weile an und gehen mal wieder ein Stück. "Regeneratives Gehen“, grinst Olaf. Bei km 50 beschließt er ein 10minütiges Sonnenbad zu nehmen. Recht hat er.

 

Ich laufe weiter und stoße plötzlich auf Susanne. Sie läuft erst seit 9 Monaten und wagt nach ihrem ersten Marathon vor 6 Wochen heute mit etwas Vorsicht aber großer Freude ihren 1. Ultra. Respekt! Wie sie das Training mit 4 Kindern schaffte, bleibt ihr Geheimnis. Respekt-im-Quadrat. Sie lächelt, was sie gut kann.

 

Während der nächsten 10 km erzählen wir uns dies und das übers Laufen. Beim allerletzten Verpflegungsstopp, km 57, verweilen wir gerne etwas länger, so nette Leute dort. Und der selbstgebackene Apfel-Käsekuchen. Kleiner Plausch über die Rezeptur mit der Hausfrau, die ihn gebacken hat. Danke. Lecker! Es geht wieder bergauf und schon bald stoßen wir auf die Wupper-Sperrre (endlich, juhu, wupp-wupp), einem großen Stausee mit herbstbunten Waldufern drum herum. Sie ist das Zeichen der nahenden letzten 3 Kilometer. Es ist so still hier. Die 3 km verfliegen mit Weiter-Erzählen und wir laufen bald glücklich durchs Ziel. Zielfoto ist natürlich ein Röntgenfoto.

 

 
Klaus, Olaf und Erwin im Ziel
© Erwin Bittel

Der Sprecher fragt, wie wir heißen, woher wir sind, und ob wir uns unterwegs kennengelernt haben. Ja, und wir haben dabei gleich die Köln-Nürnberger-Freundschaft gegründet. Im Ziel gibt es eine große, schöne Klunkermedaille mit dem Röntgenläufer drauf. Und für alle einen Windschutzponcho, viel zu trinken und die leckere Dinkel-Vollkorn-Marzipan-Rosinen-Schnecke vom Bäcker Beckmann (danke!). Allmählich treffen wir uns wieder, immer wieder läuft ein bekanntes Gesicht von unterwegs glücklich ein. Zu Ende! Schön.

 

Wir gratulieren uns, reden noch Mal darüber, wie es war und verabschieden uns nach und nach. Ich laufe zufällig noch einem guten Freund in die Arme. Achim Heukemes. Hey, schön, Du auch hier. Er freut sich heute besonders. Erstens weil der Wahlfranke aus Wuppertal kommt (nee ehrlich!) und zweitens, weil es so ein grandioser Sonnentag ist. Ich müsse unbedingt auch mal nach Namibia, die Wüste durchlaufen mit den 300m hohen Megadünen. Er klingt so begeistert davon.

 

Olaf läuft nun auch ein, leichtfüßig, klaro,  denn er hat ja geschlafen. Andrea erwartet uns freudig, scheinbar schon erholt von ihren 42 km. Etwas Wind kommt auf, und uns Leichtbekleidete friert es ja schnell. Es wird allmählich dunkel, der Tag geht. So gehen wir wie alle Finisher zügig zum Duschen in die Marathonhalle und müssen immer wieder diesen einfach gelungenen Tag loben. Dann warm duschen mit viel Platz und in erfüllter Ruhe. Ja, das tut gut. Eine Art Wellness.

 

So, und jetzt...? Apropos Wellness... Na, ihr kennt mich ja: jetzt kommt die Massage. Und die dauert heute über 30 min lang. Joh, das tut sooo gut! Sagt Massagetester Erwin: hier 10 professionelle Liegen, teilweise 2 Mädels an einer, abgeteilte Ruhezone, richtig gute ansteckende Stimmung im Massageteam und wohltuende Hände. Erwin, der Franke, sagt Frank Dank. Danke Dir, Frank!

 

Nochmal: Wetter wupp, Betreuung wupp, Verpflegung wupp, Publikum wupp, Läuferstimmung wupp. Ich sage nur Wupper...tal! (Gemeint ist natürlich immer auch Remscheid, aber das klingt nicht ganz so lustig). „Engagement und Enthusiasmus der Macher“, ja das spürt man.

 

Ich komme wieder.

 

Informationen: Röntgenlauf
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