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Laufberichte

Typisch Bergisch

 

Es ist noch Nacht als ich Aufstehen muss, denn ich habe rund 230km zu fahren und muss rechtzeitig in Remscheid-Lennep zu sein. Der Start Uhr für alle langen Strecken ist um 8:30 und es ratsam, ca. 1 Stunde vorher am Sportzentrum Hackenberg einzutreffen. Da heute Nacht die Uhr eine Stunde vorgestellt wird, trifft das einem nicht so hart.

Der Marathon nennt sich jetzt Bergisch-Land-Marathon, ansonsten ist und bleibt das natürlich der Röntgenlauf. Angeboten werden für die Läufer die Ultrastrecke über 63,3km, der klassische Marathon sowie auch ein Halbmarathon und eine Ultrastaffel. Für die Walker und Nordic-Walker sind ein Halbmarathon und 16km im Angebot. Man kann sich auch erst auf der Strecke entscheiden, will man länger oder kürzer laufen. Ich kann also zum Beispiel für Marathon melden und wenn ich mich gut fühle, auf Ultra erhöhen oder wenn ich mich schlecht fühle, beim Halbmarathon aussteigen.

Ab auf die Autobahn und wohlbehalten und ohne Stress  (am Sonntagmorgen sind die Straßen relativ leer) in Lennep ankommen.

Lennep ist ein Stadtteil von Remscheid mit ca. 25.000 Einwohnern. Die ehemalige Hansestadt hat eine mittelalterliche Altstadt mit vielen Gebäuden im sogenannten bergischen Barock. Am Bach Linepe (heute Lennepe) gab es schon vor 5000 Jahren menschliche Siedlungen. Die Anfänge der Stadt liegen jedoch im 12. Jahrhundert. Vor rund 760 Jahren gehörte sie damit zu den ältesten Städten im Bergischen Land. Die wohl interessantesten Sehenswürdigkeiten sind das Tuch-Museum sowie das Deutsche Röntgen-Museum und der mittelalterliche Stadtkern mit seinen vielen gut erhaltenen bzw. restaurierten altbergischen Gebäuden aus Fachwerk und Schiefer. Für viele Ausflügler sind auch die Wuppertalsperre und die Panzertalsperre gefragte Naherholungsgebiete.

Das Startgeld liegt zwischen 30€ und 40€ für den Marathon plus 5€ Nachmeldegebühr. Hier sind der Rücktransport vom Marathonziel zum Start sowie ein Funktions-Shirt und eine schöne Medaille enthalten.

Ich komme so eine Stunde vor Start am Sportzentrum an und melde mich sofort nach, für die Marathonstrecke. Es geht alles flott und ruck-zuck ist mein Champion-Chip registriert. Nun noch dem Wetter entsprechend anziehen und dann kann es von mir aus losgehen.

Etliche Bekannte sind am Start, die Marathonsammler sind halt eine große Familie. Die Wettervorhersage für heute ist 13 – 15 Grad Tageshöchsttemperaturen mit 70% Niederschlagsrisiko. Na, schaun mer mal.

 
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Es ist kurz vor 8:30 Uhr und ca. 2000 Teilnehmern finden sich am Start ein. Nach einer Ansprache werden wir dann alle gleichzeitig auf die Strecke geschickt. Durch die vielen Starter ist es zwar eng, aber es gibt kein Gedränge beim Loslaufen. Die Marathonis und Ultras sind eigentlich immer vernünftig und gehen ihre langen Strecken immer ruhig an. Es gibt aber einige Stöckchenschwinger, die sich unter die Läufer mischen, leider.

Die ersten 5 Kilometer führen noch nicht direkt auf den Röntgenweg, den Rundweg um Remscheid. Direkt nach dem Start in Hackenberg geht es aufwärts und wir merken gleich,  warum das Bergische Land so heißt: Berge, Berge, Berge.

Wir erreichen den alten Stadtkern von Lennep. Direkt am Röntgen Museum biegen wir ab. Über granitgepflasterte Straßen und Gassen erreichen wir den ursprünglichen mittelalterlichen Kern. Über eine Gasse ist eine Leine mit vielen Finisher-Shirts von den letzten Röntgen-Läufen gespannt. Hier sind wir also herzlich willkommen.

Die typische bergische Bauweise sind  das schwarze Fachwerk mit weißen Fenstern,  gekalkten „Gefachen“ und grünen Fensterläden. Ganz typisch ist das beim Deutschen-Röntgen-Museum zu sehen, an dem wir vorbei laufen. Der Namensgeber dieser Veranstaltung Wilhelm-Conrad Röntgen erhielt durch seine Erforschung der Röntgenstrahlen (er nannte sie X-Strahlen) 1901 den Nobelpreis für Physik.

 
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Im  Museum werden auf 2100 m² Fläche eine Sammlung von persönlichen Dingen von Wilhelm-Conrad Röntgen sowie die Geschichte der Röntgenstrahlen von der Entdeckung bis in die heutige Zeit gezeigt. Im Museum ist auch eine gläserne Frau, ein lebensgroßes dreidimensionales Modell aus dem Kunststoff Cellon, das wie Glas aussieht, bei der Haut- und Muskelgewebe durchsichtig sind. Dieses Bild war wohl auch das Vorbild für den Röntgen-Läufer auf den Finisher-Shirts.

Bei berühmten Personen aus Remscheid sollte man neben Röntgen auch nicht Elisabeth Dicke vergessen. Kennt ihr nicht? Sie war es, die in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts die Bindegewebsmassage einführte.

Noch bevor wir in den Stadtkern kommen, sind die schnellsten Halbmarathonis bereits wieder auf dem Weg aus der Stadt heraus. Die ersten 4 Kilometer sind ruck-zuck vorbei. Es geht zurück in Richtung Startplatz, um dann Hackenberg zu verlassen. Am Ortsende stehen auf einem Balkon Anwohner und rufen und trommeln uns lautstark zu. Jetzt geht es abwärts zum Wald und nach einer Schleife bei km 7 sofort wieder aufwärts. Wie schon gesagt: Bergisches  Land ist gleich bergiges Land.

Die längste Strecke (63 km) sind praktisch drei Halbmarathons hintereinander, von denen ich zwei laufen will. Auf dem ersten Drittel sind es lt. Profil + 265 HM und – 420 HM.

Gleich sind wir an der ersten Versorgungsstation mit Wasser und Obst. Über dem freien Feld weht ein starker Wind, begleitet von Nieselregen – eine unangenehme Mischung. Mit der Nässe werden auch die Wege schwierig und rutschig und Trailrunner sind in ihrem Element.

 
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Es geht weiterhin nur rauf und runter. Die Strecke ist super gekennzeichnet durch die gelben Pfeile. Ein Verlaufen ist nicht möglich. Das Nieseln geht in Regen über, der Wind bleibt. Auf der Höhe der Garschager Heide (der Wasserturm ist von 1914) geht es in den Wald, der den Wind etwas abhält.

Kurz vor der Autobahnbrücke der A1 steht das Kilometerschild 10. Auf dem ersten Drittel der Strecke, also dem  Halbmarathon, ist jeder Kilometer markiert.  Dann kommen wir nach Lüttringhausen. Der Ort ist der nördlichste Stadtteil von Remscheid, hat rund 17.000 Einwohner und die JVA Remscheid.

Unter einer Brücke finden etliche Zuschauer Schutz vor dem Regen. Kurz danach die nächste Versorgungsstation. Wir umlaufen den nördlichen Ortsrand und tauchen wieder in den herbstlichen Wald ein. Buntes Laub und matschige Wege prägen das Bild. Jetzt über den Leyerbach, dann sind wir auf einer Asphaltstraße und werden von einer Trommlergruppe im Regen empfangen.

Diesmal geht es richtig heftig und trailig aufwärts. Hier kann ich drei der vier gestarteten „Neandertaler“ überholen, weil sie sich ein Bierchen gönnen. Vor mir laufen die Williamsbrüder. Aus der Herkunft ihres Namens machen sie ein Geheimnis. Ich tippe, sie mögen Williamsbirnen in flüssiger Form.

Das 15-Km Schild ist erreicht. Es folgt ein längerer Anstieg, vor dem wir uns aber an der Verpflegungsstelle stärken können. Zuerst geht es über eine Hohle Gasse aufwärts, dann am Waldrand aufwärts, dann durch den Wald aufwärts und schließlich durchs Feld aufwärts. Endlich sind wir oben und ich kann mich auf der sich anschließenden Abwärtspassage aus der Nordic-Walker-Gruppe verabschieden. 

 
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Wieder geht es über eine Asphaltstraße und dann erneut steil aufwärts. Insider freuen sich auf die Prosecco-Schwestern. Aber bei km 18 sind nicht die trink- und spendierfreudigen Mädels, sondern nur der Hinweis:  Die Prossecos sind auf Malle – alle!!!  Schade, also muss es ohne Alkohol weitergehen.

Trailrunning ist angesagt. Etliche Bäche werden überquert und irgendwann sind wir in einem zu Wuppertal gehörenden Landschaftsschutzgebiet. Hier gibt es noch einige Überreste von Hammerwerken und Schleifkotten, Handwerksbetrieben aus der Zeit vor der Industrialisierung also.

Die Strecke ist hier gut auf dem leichten Gefälle gut zu laufen und entlang der vielen kleinen Gewässer sehr abwechslungsreich. „Zillertal“ heißt ein großes Wirtshaus. Aber sind immer noch im Bergischen Land. Das Zillertal und das Gelpetal liegen romantisch zwischen Wuppertal und Remscheid mitten im Wald.

20 Kilometer sind gelaufen, wir sind noch immer im bunten Herbstwald.  Erst kurz vor Hasten geht es steil abwärts in den Ort, wo die Halbmarathonis im Ziel sind.  Für Marathon-, Ultra- und Staffelläufer geht es rechts weiter. Das Feld wird um ca. 1.000 Läufer und Nordic-Walker lichter.

 
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Auf dem zweiten Drittel der großen Runde auf dem Röntgenweg um Remscheid sind es jetzt lt. Profil + 272 HM und – 229 HM.

Wir sind auf einem schmalen Trail, der uns zunächst um Hasten herum führt. Zur Verpflegung kommen wir  aber nochmal kurz in den Ort.

Bergisch geht es weiter. Noch vor km 25 kommen wir nach Morsbach, dem westlichsten Zipfel der Stadt Remscheid. Unsere Laufstrecke führt uns entlang dem Morsbach in den Ort, in dem sich früher viele kleine metallverarbeitende Fabriken angesiedelt hatten. Ein Erlebnisweg führt durch bzw. um den Ort. Am Ortsrand kommen wir am Kaufmannshaus vorbei. Dieses Haus war die Verwaltung der in der Nähe stehenden Maschinenmesser-Fabrik von Fritz Ibach. Hinter den oberen Häusern verläuft der „Leichenweg“. Der steile Anstieg zum Friedhof nach Cronenberg galt auch als Teststrecke. Wer auf dem Leichenkarren auf dem holprigen Weg vom Schütteln und Rumpeln nicht aufwachte, konnte ruhig beerdigt werden. Er war wirklich tot.

Vorbei am letzten Sensenschmied geht es durch den typischen Bergisch-Land-Stil Ort. Die meisten Fachwerkhäuser sind hier verschiefert. Hinter dem Ort verschwinden wir wieder im Wald. Es geht am 25-km Schild vorbei aufwärts. Die wenigen Läufer, Marathonis und auch Ultras gehen jetzt jeden Anstieg, um Kräfte zu sparen, denn das sind noch längst nicht die letzten Berge. Der nächste ist der Morsbacher Berg. Wir folgen dem Bach zum Engelskotten.

Der Engelskotten wurde schon im 16. Jh. als Reckhammer erbaut. Hier wurde aus Roheisen durch Recken Stabeisen hergestellt. Später wurde er ein Schleifkotten für Sensen. Heute ist der abgebrannte Kotten größer und schöner zu einem  Wohnhaus umgebaut. 

Wir können uns noch ein Stück erholen bevor an der Asphaltstraße der schlimmste Anstieg des Tages beginnt. Es geht in Serpentinen steil aufwärts, manche Passagen sind mit Drahtseilen gesichert. Nur ganz langsam komme ich vorwärts – das Asthma. Aber auch ich komme oben an.

Bei km 29 im Wald gibt es eine weitere Versorgungsstation. Nur ein Stück weiter kommen wir am Diederichstempel Müngsten vorbei. August Diederich ließ sich hier oberhalb des Reinshagener Bachs auf einer Klippe Anfang des 20. Jh. einen Tempel im gotischen Stil erbauen. Er liegt leider nicht direkt an der Laufstrecke ist aber von dort zu sehen. Von dieser Klippe soll man einen herrlichen Fernblick ins Tal und auf die Große Stahlbrücke haben.

 
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Hinter der nächsten Biegung ist der stählerne Koloss dann durch die Bäume auch zu sehen. Es ist die Müngstner Brücke (ehemals Kaiser-Wilhelm-Brücke). Es ist die höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands mit einer Spannweite von 465m. Ende des 19. Jh. wurde die Brücke aus Stahl erbaut. Es wurden 5.000t Stahl und 950.000 Nieten verarbeitet. Zurzeit wird die Brücke noch bis 2015/2016 für rund 30 Millionen Euro saniert.

Kurz danach kommt km 30. Neben der Laufstrecke stehen jetzt viele Pilze, aber Vorsicht. Auf einem Schild, wird wegen der Verunreinigung des Bodens im Bereich der Brücke vor dem Pilzesammeln gewarnt. Ein Foto ist erlaubt,  und weiter geht’s. Aufwärts, was denn sonst.

Bei km 33 nochmal Versorgung. Wir umlaufen die Südspitze von Westhausen. Dann bei km 36 geht es steil runter. Oben werden wir auf einem großen Schild vor dem Gefälle gewarnt. Nicht umsonst, denn es ist nicht nur steil, sondern auch sehr rutschig. Geübte Trailer jubeln, Straßenläufer fluchen.

 
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Nicht durchs Jammertal, durchs Hammertal geht es weiter. Wir kommen an verschiedenen ehemaligen Hammerwerken und Kotten vorbei. Wir folgen dem Bach und etlichen Feuchtbiotope bis zur nächsten Versorgung. Dann das 40km-Schild, dann „Noch 1 km“. Vom Ziel ist zunächst noch nichts zu sehen, nur zu hören. Der Sprungturm vom Schwimmbad Eschbachtal kommt als erstes ins Blickfeld. Jetzt nur noch runter zur Weiche. Achtung, für Marathonis rechts einordnen, Ultras und Staffeln links. Es ist geschafft. Durchs Ziel, sich die schöne Medaille um den Hals hängen lassen und noch schnell ein paar Fotos.

Wer will,  kann auch als Marathoni hier um das letzte Drittel verlängern. Das wären dann noch einmal 21 km und  + 312 HM und – 213 HM.

Für mich ist Schluss. Duschen und dann ab zum Bus, der uns zurück bringt zum Start nach Lennep-Hackenberg.

Dort ist die Halle jetzt voll besetzt. Hinter der Halle ist das Ultra-Ziel. Ich staune,  wie locker und überhaupt  nicht kaputt die Ultras finishen. Respekt.

 

Birgits Bilder und Bericht vom Ultra 
findet ihr hier auf Trailrunning.de

 

Marathonsieger:
Männer
1  Philipp Zabel  Biebelried   2:54:29
2  Benjamin Jungbluth RSV Unna   3:01:17
3  Markus Teich  LG Klauke Remscheid  3:08:54

Frauen
1  Jaqueline Funke ASC Düsseldorf  3:25:33
2  Birte Bannert      3:38:30
3  Sonja Wallrad      3:40:10

Ultra (63,3 km)
Männer

1  Hankemeier, Sven   TSV Victoria Clarholz  04:44:26    
2  Arène, Fabrice  Boulogne-Billancourt  04:53:10    
3  Skopnik, Manuel   TV Refrath  04:57:15  

Frauen 

1  Lückert, Mara   LG Gummersbach  05:43:27   
2  Tille, Kristina     TV Attendorn  05:54:15   
3  Raabe, Inge    LG DUV  05:55:49   

 

 

Informationen: Röntgenlauf
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