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Laufberichte

Königlicher Genuss

29.05.16

Die Wetterprognose klingt nicht gut für diesen Sonntag: Bewölkt, Gewitter mit Starkregen, ja sogar örtliche Unwetter drohen. Trotzdem finden sich 235 Starter am Kardinal-Frings-Gymnasium auf der Bonn-Beueler Rheinseite ein. Es gibt sogar zahlreiche Nachmelder. Denn der Rheinsteig hat einen guten Ruf, nicht nur vor Ort um Bonn und Köln, sondern auch darüber hinaus: Nach dem Lauf fahre ich in der Stadtbahn mit mehreren Läufern zurück, die von Aschaffenburg angereist sind. Von Bayern nach Nordrhein-Westfalen für einen Landschaftslauf! Und das trotz eines gravierenden Mankos: Der Lauf misst nur 35 Kilometer, ist also nichts für Marathonsammler. Seine vom Veranstalter angegebenen 1250, nach eigener (barometrischer) Messung sogar 1290 Höhenmeter lassen ihn jedoch anforderungsmäßig einem Marathon in der Ebene entsprechen.

Eine nette Pointe beinhaltet schon der Name des Rheinsteig-Extremlaufs, wenn wir einmal den Zusatz „extrem“ weglassen. Denn nach zehn Jahren mit 47 Marathon- und Ultraläufen gibt es für mich eine zunehmend peinlichere Frage: „Den Rennsteig bist Du doch sicher auch schon gelaufen?“ „Nein“ muss ich dann bis heute gestehen, denn es hat terminlich nie gepasst. Sagt man jedoch, man wäre schon den „Rheinsteig“ gelaufen, kommt bei den meisten Läufer selbst bei deutlicher Aussprache meist „Rennsteig“ an und man muss dann erst einmal erklären, dass es auch im Westen der Republik einen herausfordernden Landschaftslauf mit ähnlichem Namen gibt: Den „Rheinsteig-Extremlauf“, zwar statt 73 oder 42 Kilometer nur 35 Kilometer lang, dafür aber mit einigen steilen Aufstiegen und zumindest drei fast schon „halsbrecherischen“ Abstiegen!

Woran liegt das? Das Siebengebirge ist ein zwar kleines, aber sehr „komprimiertes Mittelgebirge“ vulkanischen Ursprungs. Teilweise stehen hauptsächlich noch die Schlote der ehemaligen Vulkane, während deren Ummantelung weitgehend abgetragen ist, und so sind dann einige Berge gerade im Gipfelbereich sehr steil. Längs der ins Gebirge ziehenden Seitentäler, die durch den nahen Rhein tief eingeschnitten sind, gibt es außerdem steile Hänge, bei deren Querung auf schönen, wenngleich schmalen Trails sich ein Fehltritt nicht empfiehlt. Bisweilen gibt es sogar Wegabschnitte, auf denen man felsigen Grund beläuft. 

Da sich der Rheinsteig als „Premium-Wanderweg“ – von Bonn nach Wiesbaden über 320 Kilometer – sich möglichst in Rheintalnähe bewegt, führt er fortwährend bergauf und bergab, auf jeden Randberg über dem Tal hinauf, in jedes Seitental hinab. Vom Startort Beuel bis zum Ziel auf der Insel Grafenwerth in Bad Honnef sind es, immer das Rheinufer entlang, zwar nur 12,3 Kilometer, aber über insgesamt acht Berge werden daraus 35 Kilometer und ein fortwährender Wechsel von Auf- und Abstiegen, gelegentlichen Forststraßen, meist eher Forstwegen und häufig schönen, spannenden Trails, also unbefestigten Fußwegen. Interessanterweise verändert sich das Höhenprofil im Verlauf der Strecke: Gibt es am Anfang ein kurzweiliges Auf und Ab über Foveauxhäuschen, Kuckstein und den Weinberg Dollendorfer Hardt – gerade recht zum „Einlaufen“ –, so folgen danach die „großen Berge“ mit eher langen Auf- und Abstiegen, vor allem am Petersberg, Drachenfels, Löwenburg und Himmerich. Der Geisberg zwischen Petersberg und Drachenfels wartet hingegen mit den steilsten Hängen der gesamten Route auf, an denen es bei ordentlichem Regen – wie beim RHEX vor drei Jahren – schon sehr ungemütlich werden kann.

So hoffen wohl die meisten Teilnehmer, die sich am Sonntagmorgen an der Sporthalle des Kardinal-Frings-Gymnasiums in Bonn-Beuel einfinden, dass es einstweilen trocken bleiben möge, zumindest bis der Abstieg vom Drachenfels geschafft ist, denn damit hätten wir zwei der drei steilsten Abstiege hinter uns gebracht. Im Moment ist es bewölkt, nicht unfreundlich, jedoch etwas schwül. Auf dem Sportplatz hinter der Sporthalle versammeln sich die Teilnehmer diesmal schon eine Viertelstunde vor dem Start, denn einen „fliegenden Start“ wie im vergangenen Jahr soll es laut den Veranstaltern in diesem Jahr nicht geben. 

 

 
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So bleibt auch genügend Zeit für ein ordentliches Briefing: Einige Straßen sind zu queren, die nur bedingt gesichert werden können, die Straßenbahnschranken gleich nach zwei Kilometern sind zu respektieren, falls sie sich vor dem Ende der Läuferschlange schließen sollten und auf den schmalen Wegen im teilweise abschüssigen Gelände mögen wir bitte nicht überholen. Ein Blick in die Runde zeigt, dass all das für die Teilnehmer kein Problem darstellt: Hier sind offenkundig nur erfahrene Landschaftsläufer am Start. 

Schön für mich ist, dass aus unserer Behörde Ex-Kollege Klaus, der erst mit gut 60 Jahren mit Wettkämpfen begonnen hat, dabei ist – er wird mit einer Superzeit von 4:22 finishen –, aber auch meine junge Kollegin Laura, obwohl sie sich in den letzten Wochen nicht ganz fit gefühlt hat. Ein anderer junger Kollege ist demgegenüber superfit, denn er bereitet sich mit einem Laufpartner gerade auf den diesjährigen Transalpine Run vor – man sieht es an ihrer gewissenhaften Vorbereitung auf unseren heutigen Lauf. Mich hingegen plagt seit dem Prag-Marathon vor drei Wochen ein Reizhusten und ich bin unsicher, ob ich dem RHEX heute überhaupt gewachsen bin; der Arzt fand meine Teilnahme „schon sehr grenzwertig“.

Eingelaufen haben sich nur wenige Läufer und Läuferinnen, denn offensichtlich weiß jeder, dass die ersten zwei Kilometer am Rhein und durch den Rheinauepark noch flach sind – ideal zum Einlaufen. Das enge Tor des Sportplatzes entlässt überraschend schnell alle Teilnehmer auf den Gehweg am Rhein, auf dem mit einem simplen Farbstrich und einem „RHEX-Start“ die Startlinie markiert sind. Und auch die Aufstellung der Läufer geht flugs vonstatten. Ob dabei wohl die Kulisse der jenseits des Rheins stehenden Hochhäuser wahrgenommen wird? Denn immerhin ist Bonn UN-Stadt und Sitz der DHL – der „Post“ –, deren Hauptverwaltung im höchsten deutschen Hochhaus außerhalb von Frankfurt residiert. 

Und schon, pünktlich um 9:15 Uhr, „geht die Post ab“. Ein schönes Bild – die anfangs noch geschlossene Läuferschlange, die sich elegant durch den Rheinauepark schlängelt. Ich laufe zeitweise auf dem parallelen Radweg und versuche ein paar schöne Eindrücke zu fotografieren - und bin, ehe ich mich versehe, ans Ende der Läuferschlange durchgereicht. Schon hier merke ich, dass das heute überhaupt nicht klappen will: Die Erkältung macht mich schlapp. Und so schaffe ich zwar die Straßenbahnschranken, bevor sie sich senken und kann schön die Läufer an der allerersten Steigung fotografieren. Bezeichnenderweise gibt es just hier ein Straßenschild „An der Umkehr“. Gleichwohl ist es für mich aber keine Versuchung umzukehren, denn ob fit oder schlapp – den Rheinsteig-Extremlauf laufe ich heute als Genusslauf!

 

 
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An der Kirche von Küdinghoven und oberhalb ihres Friedhofs folgt die nächste heftige Steigung. Wer schlau ist und „genussläuft“, wählt hier zum ersten Mal den Gehschritt. Denn es heißt Kräfte zu sparen. Wir verlassen den bebauten Bereich – in den wir erst wieder drei Kilometer vor dem Ziel eintauchen werden – und überqueren kurz darauf die Autobahn; übrigens verläuft der Rheinsteig auf den nächsten 30 Kilometern weder über Straßen noch an diesen entlang, weil sie allenfalls überquert werden. Und dies trotz der Warnungen vor dem Lauf immer gut gesichert, selbst bei weit fortgeschrittener Zeit und nur noch tröpfelweise kommenden Läufern. Ein großes Lob den Streckenposten von Polizei und Veranstaltern!

Hinter der Autobahn zeigt der RHEX sogleich die Zähne: Mit genau 100 Treppenstufen und einem kurzen steilen Hang geht es zum Foveauxhäuschen – und von den gewonnenen 90 Höhenmetern gleich wieder 50 hinab. Vor der Autobahn entfernen wir uns dann aber doch endgültig auch von diesem vielbefahrenen Verkehrsweg. Langsam und allmählich, mit einer Straßenquerung, geht es oberhalb des (nicht sichtbaren) Dornheckensees auf den Kuckstein. Rechts dieses noch breiten Weges gibt es in den steilen Hängen sehr schöne Trails und sechs schöne Aussichten. Von Bonn aus ist das ein sehr gutes Trainingsgelände, das man beispielsweise vom ehemaligen Regierungsviertel aus – wo heute rund 40.000 Menschen arbeiten – in kaum einer halben Stunde erreicht. 

Einen herzlichen Wunsch muss ich hier aber auch gegenüber den Veranstaltern äußern: Die letzte dieser Aussichten, die vom Tal aus übrigens unmittelbar oberhalb einer beeindruckenden Felswand aus Basaltgestein liegt, solltet Ihr unbedingt in den nächsten, den 10. RHEX einbeziehen: Dazu braucht es nur zwei Absperrbänder quer über den Weg, und die Verbindungswege zur Aussicht erfordern gerade einmal 40, 50 Zusatzmeter. Dafür sieht man von dieser Aussicht phantastisch das Rheintal gegen Süden, bei schönem Wetter bis weit in die Eifel und sehr schön das Siebengebirge mit seinen Bergen, die wir im weiteren Verlauf des RHEX noch erklimmen werden.

Hinter der Kuckstein-Aussicht folgt überraschend schon einer der Höhepunkte der gesamten Laufstrecke: Nach der Abzweigung des Nücker Felsenwegs – längs der erwähnten Felswand talab – schwingt der Weg so elegant durch einen Wald mit bizarren Baumstämmen, dass man bei einem flotten Trainingslauf hier denkt, man fliege regelrecht durch diesen Wald den Hang hinunter. Leider ist es hier so dunkel, dass mein Fotoapparat auch dieses Jahr nur unscharfe Fotos produziert; umsonst also die Mühe, dass ich noch einmal versucht habe, an einigen Läufern dranzubleiben. Und nach den Fotostopps sind auch die auf und davon, während ich kurz darauf die erste Verpflegungsstelle vor der Berghovener Straße erreiche (km 7,3). Die Straße wird gut gesichert gequert – bei Trainingsläufen muss man hier ziemlich aufpassen. 

Der nächste Anstieg zum oberen Ende des nördlichsten Weinberges Westdeutschlands an der Dollendorfer Hardt ist vergleichsweise harmlos, weil er keine Steilheiten bietet, dafür aber endgültig die erste freie Aussicht über das Rheintal und auf den im Süden hoch aufragenden Petersberg. Unschön ist dieses Jahr auf diesem Wegabschnitt nur das grobe Geröll, mit dem der Weg befestigt worden ist; hoffentlich bringt man noch eine feinere Schicht auf, damit man künftig hier laufend wieder besser die Aussicht genießen kann.

Nur gut 40 Höhenmeter misst der nächste Abstieg; ich überquere vor einem anderen Läufer – ich bin also doch nicht der letzte – gut gesichert die nächste Straße. Wieder folgt ein schöner Wegabschnitt bis vor die Mauern des ehemaligen Klosters Heisterbach: Links freies Feld, rechts der Wald, der unmittelbar neben dem schönen Trail sehr steil in eine steile Schlucht abstürzt. Möglicherweise haben diese im Siebengebirge und im Bergischen Land häufigen, steil eingeschnittenen Schluchten als „Siepen“ auch dem Siepen-Siebengebirge seinen Namen gegeben. Gleich am Beginn des Klosterparkplatzes wenden wir uns dann nach rechts und laufen am Nordhang des Petersbergs nur langsam bergauf – gleichsam als traute sich der Rheinsteig nicht, den „ersten richtigen Berg“ in Angriff zu nehmen. An einem Wegkreuz ist es dann aber „vorbei mit lustig“, jetzt geht es unbequem – und trailig-schön! – den Berg hinauf: 200 feine Höhenmeter am Stück, zum Schluss auf teilweise felsigem Pfad! Auf dem straßen- und parkplatzerschlossenen Petersberg gibt es oben ein Plateau mit dem früheren Gästehaus der Bundesregierung. Das Steigenberger Grandhotel ist noch heute im Besitz des Bundes. Selbst US-Präsident Clinton soll 1994 hier oben gejoggt sein. Er wird nicht weit gekommen sein, denn die Hänge fallen allseits steil ab. RHEX-Läufer freuen sich hingegen unmittelbar vor dem Portal des Grandhotels über den nächsten Verpflegungspunkt (km 12,5).

Die Straße auf den Berg wird von RHEX-Läufern natürlich ignoriert: Stattdessen geht es über einen Fußweg im Bereich einer älteren Straße auf den Sattel zwischen Petersberg und Nonnenstromberg; der alte Name des Petersbergs war übrigens „Stromberg“, der Berg am Strom, also am Rhein. Es folgt eine Wiese mit malerischen Einzelbäumen – fast so etwas wie eine Almwiese. Und dahinter geht es teilweise sehr steil im Wald hinab, bis kurz vor die Straße, die von Königswinter hinauf zur Margarethenhöhe führt, dem 323 Meter hohen Bergsattel zwischen den höchsten, über 400 Meter hohen Siebengebirgsgipfeln. 

Parallel, aber nicht in Sichtweite der Straße, geht es nun wieder bergauf, dann plötzlich rechts mit der „Seufzerbrücke“ über die Straße und jenseits gleich wieder in einem Seitental hinauf zum breiten Weg, der vom Drachenfels zur Margarethenhöhe führt. Kurios: Hier sind wir jetzt auf der selben Strecke wie beim Ende Oktober stattfindenden „Drachenlauf“, der auf 25 Kilometern immerhin auch 900 Höhenmeter bietet. RHEX, Drachenlauf und Siebengebirgsmarathon sind die drei längsten Läufe im Siebengebirge, und eigentlich könnte man sie auch zu einer Cupwertung zusammenfassen. Schon heute gibt es einen „Siebengebirgscup“, der aber läuferische „Allrounder“ anspricht, die vom 6-Kilometer-Malberglauf über einen weiteren 14- und 21-Kilometerlauf bis zum Siebengebirgsmarathon Kurz-, Mittel- und Langdistanz beherrschen. Die drei längsten Läufe wären hingegen eine Art „Ausdauercup“.

Der breite Weg vom Drachenfels zur Margarethenhöhe wird nur kurz nach links hin überquert, weil sich der Weg an den Abfall des Hanges ins Rhöndorfer Tal begibt – und damit auf den Kamm, dem RHEX-Läufer nun über den Geisberg folgen dürfen. Kurz vor dem Gipfel mit seiner Schutzhütte und ihrer prächtigen Aussicht nach Rhöndorf und zum Rhein wird es sehr steil und nach wenigen noch flachen Metern geht es auch jenseits sehr steil hinunter. Immerhin ist der Hang nicht sehr nass und insofern gut zu belaufen. 

Im Folgenden ist der Rheinsteig etwas merkwürdig markiert, teilweise ummarkiert worden: Umso erfreuter bin ich, dass die RHEX-Richtungsschilder – übrigens während der gesamten Laufstrecke – hier eindeutig die interessanteste Wegvariante direkt zum „Milchhäuschen“ wählen. Nach links gibt es oberhalb der sehr schönen Ausflugsgaststätte einige Erosionsgräben, die für Kinder einen idealen Abenteuerspielplatz bieten. Ich bin aber flugs am Milchhäuschen vorbei gelaufen, und erst die geradeaus weisenden RHEX-Schilder rufen mir in Erinnerung, dass es von hier aus nicht relativ flach längs der „Wolkenburg“ zum Drachenfels geht, sondern erst noch ziemlich tief bergab bis unterhalb der Drachenburg. Eine gemütliche Abwärtspassage, dann eine schöne, heute tiefmorastige Schlucht bieten aber eine abwechslungsreiche Wegstrecke, ehe es kurz vor der Drachenburg – dem „rheinischen Neuschwanstein“ – links auf „gepflegten Wanderwegen“ und mit dem steilen „Eselsweg“ zum Drachenfels hinauf geht. Eng führt der Weg zwischen links und rechts aufragenden Felsen hindurch. Umso überraschender ist dann der freie Ausblick auf der großen, neu und sehr einladend angelegten Aussichtsterrasse, wo uns die dritte Verpflegungsstation mit ihren netten Helfern empfängt (18,9 km). 

Spätestens hier ist es Zeit für einen längeren Verpflegungsstopp, zumal ich inzwischen wieder einige Läufer eingeholt habe und mich auch nicht mehr gar so schlapp fühle. Merkwürdig, ich erhole mich mit dem „Extremlaufen“! Die Müsliriegel gehen heute schlecht – klar, denn der Kirschstreusel daneben ist viel saftiger. Ein paar englischsprachige Touristinnen können es nicht fassen, dass es die schöne Verpflegung zwar kostenlos, aber nur für die „runners“ gibt. Hier oben könnte man es eine Weile aushalten! Aber wer den RHEX zum ersten Mal läuft und sich zum Weiterlaufen entschlossen hat, wird gleich mit der fast schon alpinen Seite des Drachenfels‘ konfrontiert. Zwar zuerst mit einer Treppe, dann aber einem sehr schmalen Weg durch abschüssiges Gelände, später weiteren Treppen mit Geländer und längs Felsen geht es den steilen Hang hinunter. 

Fröhlich tänzele ich bergab, weil der Weg so recht zum Tänzeln geeignet ist. Wer tänzelt, statt bergab zu springen, bekommt keine Krämpfe, habe ich bei einem Seminar vor dem Swissalpine in Davos im vergangenen Jahr gelernt. Und das ist hier auch bitter notwendig. Weil ich im vergangenen Jahr wieder zu einer Kollegin aufschließen wollte und nach einigen Fotostopps zu flott den Berg hinunter rannte, begrüßte mich im Rhöndorfer Tal der erste heftige Krampf. Vor lauter Tänzeln kann mich der Streckenposten nur im letzten Moment vom abwärts führenden Pfad auf einen den Hang querenden Pfad scheuchen. Eine merkwürdige Wegführung, aber vom Veranstalter nicht nur markiert, sondern auch gut abgesichert. Schöne Trails, beim Ulanen-Denkmal eine lange Treppe, schließlich eine kurze schmale Straße, und ich erreiche unten den berühmten Waldfriedhof, auf dem der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland begraben liegt. Weiter unten im Dorf Rhöndorf stand Adenauers Wohnhaus: Das nahe Bonn wurde wohl nur deshalb Bundeshauptstadt, weil man in Rhöndorf prächtig wohnen und später auf einem schönen Friedhof beerdigt werden konnte.

 

 
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Jetzt hat für längere Zeit das Auf und Ab des RHEX ein Ende: Auf die Löwenburg geht es mit einem genau vier Kilometer langen Anstieg, praktisch ohne Abwärtsmeter. Für einen Mitläufer ist das hier die größte Herausforderung, mir hingegen geht es jetzt sehr gut, zumal diese Passage für mich der schönste Wegabschnitt ist. Ständig als Trail, oft sehr gut laufbar, wenn auch durch teilweise sehr steile Hänge geht es bergauf. An einer besonders steilen Wegpassage kurz vor dem Löwenberg-Rundweg verblüffe ich dann den Mitläufer 50 Meter hinter mir, denn ich verlängere den Weg kurz um mehrere Dutzend Meter, weil es dafür im Gegenzug zwei gut laufbare Wegeserpentinen gibt. Warum man den Rheinsteig hier den steilen Hang in Falllinie hinauf markiert hat, statt den viel schöneren Serpentinenweg zu nutzen, ist mir rätselhaft. Zwar verliere ich einige Meter auf den Läufer hinter mir, aber dafür komme ich frisch oben an und kann auf dem anschließenden Löwenberg-Rundweg, einem jetzt wieder breiten Weg, kurz vor dem „Löwenburger Hof“ gleich zwei weitere Läufer bequem überholen. Das fördert natürlich auch meine mentalen Aufwärtstrend. Jetzt macht mir der Lauf richtig Spaß!

Am Löwenburger Hof folgt die vierte Verpflegungsstation (km 24,3). Wieder gibt es Melonen wie am Drachenfels – meine liebste Läufernahrung angesichts der etwas schwülen Verhältnisse. Die Aussicht ist hier gut, wenngleich sie nicht zum Rhein, sondern in den Osten blicken lässt. Nicht die Veranstalter des RHEX, die sich möglichst genau an den Verlauf des Rheinsteigs halten, sondern die Rheinsteig-Verantwortlichen verdienen hier aber wegen der Fortführung des Rheinsteigs Kritik. Denn den Premium-Wanderweg jetzt lieblos auf einem Fahrweg durch die Ostflanke des zweithöchsten Siebengebirgsberges zu führen, ist wenig einfallsreich. V

ier Tage zuvor bei einem Testlauf wählte ich die weitaus schönere Variante: Wenige Meter nach der Gaststätte rechts in den Nordhang des Berges (anfangs sehr gut laufbar), dann auf schönem Felsenweg hinauf zum breiten Weg, der „andersherum“ über den Südhang hinaufführt, und kurz auf gemeinsamem Weg zur Burgruine auf dem Gipfel. Beim „Drachenlauf“ wird immerhin der breite Weg bis zum „Wendeplatz“ in der Vorburg als Wendestrecke belaufen; von dort aus bietet sich ein weiter Blick nach Osten, kurz vorher am Weg aber auch nach Westen. Wer hier wandert, sollte unbedingt bis auf den Gipfel gehen, wo ein einzelnes, schirmartiges Bäumchen steht, das man bei klarem Wetter selbst von Bonn aus erkennen kann. Fünfmal kann man von der Löwenburg aus den Rhein sehen. Der Gipfel könnte einer der „Top Ten“, einer der zehn schönsten Orte Deutschlands, sein.

Zurück zum RHEX und wie gesagt auf den breiten Weg durch die Ostflanke der Löwenburg. Wo der Löwenburg-Rundweg nach Westen abbiegt und der breite Weg auf den Gipfel beginnt – am höchsten Punkt des gesamten RHEX (ca. 375 m) –, geht es geradeaus weiter – steil hinab ins Tal des Poßbachs. Das ist nun für mich ein eher zweifelhaftes Vergnügen, denn auf 2,2 Kilometern geht es genau 220 Höhenmeter auf einem befestigten Forstweg bergab. Im letzten Jahr kam ich unten angelangt mit Krämpfen in beiden Oberschenkeln minutenlang nicht mehr weiter! Diesen „Spaß“ gönne ich mir heute ebenso wenig wie bei meinem Testlauf vier Tage zuvor (und dabei sogar noch vom höheren Löwenburg-Gipfel aus): Tänzeln, immer tänzeln, auch wenn es auf einer Forststraße eigentlich nichts zum Tänzeln gibt. Zum Glück ist der Weg nass und an seinem Rand ist einiges Lockermaterial zusammengeschwemmt. Die Trailschuhe sorgen für sicheren Tritt im weicheren Geläuf. Und ich bekomme heute keinen einzigen Krampf.

Im Schmelztal wird die nächste Straße überquert, kurz ein Regenrückhaltebecken umlaufen, ehe im Wald für den Läufer vor und die beiden Läufer hinter mir ein kleiner Schock folgt: Denn zehn Meter weiter geht es sehr steil hinauf, so dass sogar Tritte in den Hang gegraben sind; auch ein Stein mit Wegmarkierungen ist hier schon abgestürzt. Doch schnell ist der Weg erreicht, dem wir nun das Schmelztal hinein folgen. Zweimal gibt es kurze, steile Anstiege: Die Läufer hinter mir sind etwas erschüttert, während ich wegen meines Testlaufs den Weg hier sehr gut kenne und weiß, dass am Ende des langen dritten Aufstiegs die vorletzte Verpflegungsstation mitten im Wald wartet (km 28,3). Noch ist der höchste Punkt am Himmerich nicht erreicht; ein breiter, aber schöner Waldweg zieht erst länger bergab, dann wieder bergauf. „Hier wird jeder kleine Hügel zum Berg“, meint eine Läuferin und fällt wieder in den Gehschritt. Ich genieße den hübschen Weg hier eher und sinniere: Steht „Himmerich“ für den Himbeerenberg oder für den Hirschkuhberg? 

Bei der Bevölkerung ist der durch Steinbrüche überformte Berg schlicht der „Riesenschiss“, was irgendwie auch gut zu nationalsozialistischen Plänen für den Bau eines monströsen Denkmals im Gipfelbereich passt; als 1933 Reichspropagandaminister Goebbels zur Grundsteinlegung des Denkmals auf den Himmerich kam, wurde dafür durch das Mucherwiesental von Bad Honnef aus sogar eine Straße gebaut – eine Info für alle, die sich wundern, dass es im Himmerich-Bereich beim nahen Siebengebirgsmarathon weitab des Tales eine asphaltierte Straße zu belaufen gibt. RHEX-Läufer gelangen allerdings (leider) nicht in den Gipfelbereich des Himmerich, auf den es einen hübschen, wenn auch sehr versteckten Steig gibt. Aber in den Genuss dieser Straße kommen später auch sie.

Doch gemach: Vorher sitzt am höchsten Punkt der Himmerich-West-Querung ein Streckenposten, der eindeutig jeden RHEX-Läufer aus seinen Träumen reißt und nach rechts unten weist: Von einigen Miniaufstiegen weiter unten abgesehen, beginnt hier endgültig der Abstieg. Und wie: Über eine sehr steile, in Falllinie gerade abwärts führende Trasse mit glitschigen Steinen! Das ist nach 30 Kilometern eine heftige Überraschung! Noch einmal hoch konzentriert gilt es, sturzfrei die nächsten 600 Meter hinter sich zu bringen: Dann landet man auf der Straße zum Himmerich und einer parallel ebenso bequem weiter talab führenden Forststraße. Die ersten Häuser von Bad Honnef zeigen sich, kurz darauf auch die Jugendherberge mit der letzten Verpflegungsstation (km 32,3): Noch einmal etwas trinken, ehe ein schöner Fußweg hinter Gärten und dann wenig befahrene Straßen weiter talwärts leiten – rheinwärts. Selbst hier und jetzt, fünf Stunden nach dem Start, ist die Querung einer Hauptstraße noch gesichert, und an allen Abbiegungen stehen meist Jugendliche, um auch den späten Läufern den richtigen Weg zu weisen. Eine tolle Leistung der Veranstalter und ihrer Helfer!

Die B42 im Tal wird mit einer Unterführung bequem unterquert, während die Bahnstrecke mit einer hohen Brücke überquert werden muss: Nein, das ist nicht der letzte Berg, meinen die Streckenposten. Und in der Tat: Auch die Brücke über einen Altarm des Rheins hinüber zur Insel Grafenwerth bietet noch einmal einen sanften Anstieg. 

So nah vor dem Ziel sorge ich dann gern für einen schönen Zieleinlauf. Das Hochgefühl, jetzt hier zu finishen, gleicht dem bei weit „wichtigeren“, großen Marathonläufen. Auch wenn es heute „nur“ 35 Kilometer waren: Mit seinen acht Bergen empfinde ich den RHEX als tolle Leistung. Und im Ziel fällt mir wieder der Spruch ein, der mich auf dem gesamten Weg, vor allem aber während meiner ersten, schlappen Phase begleitet hat, nachdem ich ihn neulich irgendwo gelesen habe: Wichtig ist nicht die Zeit, die Du läufst, sondern in der Du läufst. Mit 5:20 Stunden war ich zwar arg lang unterwegs. Auch wenn ich zum Schluss sogar einige Läufer überholen konnte: Eine tolle Zeit habe ich damit zwar nicht erzielt, aber im Ziel geht es mir gut und ich bin nicht verausgabt. Ich habe den RHEX heute genossen.

 

Fazit

 

Sehr schöner, sehr fordernder Landschaftslauf mit hohem Trailanteil. Besonders das häufige Bergauf und Bergab fordert die Teilnehmer erheblich. Von den 242 Voranmeldern verzichteten wohl einige wegen des unsicheren Wetters auf eine längere Anreise, denn trotz zahlreicher Nachmeldungen starteten insgesamt nur 235 Teilnehmer.

Ergebnis Männer:

1. Frank Hardeneck, M40, 2:39:09 (im Vorjahr bei besseren Bedingungen 2:36:10)
2. Dennis Klusmann, 2:46:05
2. Rene Spanier, 2:46:05
ältester Teilnehmer: Manfred Claaßen (76), 4:25:14

Ergebnis Frauen:

1. Carmen Otto, W40, 3:17:50
2. Annette Frings, W50, 3:22:32
3. Iris Walter, W45, 3:30:57

 

 

 

Informationen: Rheinsteig-Extremlauf (RHEX)
Veranstalter-WebsiteE-MailHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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