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Das Monster

03.05.15
Autor: Joe Kelbel

Die Geschichte fängt im Dezember in Kambotscha mit einem großen schwarzen Skorpion an. Joao behauptet, ich hätte ihm das Leben gerettet.  Als Dank gibt er mir den Tip eines 130 km Trails, den ich garantiert nicht überleben würde. Salva, einer der besten spanischen Läufer,  stimmt Joao zu. Ich glaube das nicht, also melde ich mich beim Veranstalter.

Der heisst Carlos Sá, hat letztes Jahr den dritten Platz beim Badwater gemacht und war davor vierter beim MdS und Sieger beim Badwater. Der Mann kann laufen, aber keine Fremdsprachen. Im Februar stand endlich das Konzept und ich hatte einen Ansprechpartner: Rui Ribeiro, übersetzt: Roderich Bach. Ein Name, der zu dem Trailgebiet passt, dem  Parque Nacional Peneda-Geres (PNPG) in Portugals extremstem Regengebiet. Roderich machte mir eines klar: Ich darf von ihm alles haben, aber ich muss von der Premiere der  280 km Strecke Fotos und Bericht liefern. In diesem Moment wird mir klar, dass wir etwas machen, das einmalig auf der Welt ist. 

Einmalig auch mein Auftritt am Flughafen Porto. Gestern noch in der Wüste Marokkos, stehe ich nun gänzlich unpassend in kurzen Hosen vor Roderich Bach. Zwei Stunden dauert die Fahrt zu den Granitgipfeln der beiden Gebirgsketten Peneda und Geres, die aufgrund ihrer geologischen Härte mit extremen Abhängen locken.

Der Trail (PGTA), den ich wegen eines Skorpions  nicht überleben soll,  hat 17000 positive Höhenmeter, findet in dieser Länge zum ersten Mal statt, ist technisch extrem schwierig.

Als ich das Hotelzimmer in Arcos Valdevez (die Bögen des Tales des Flusses Vez) öffne, trifft mich ein bestialischer Gestank nach verschimmelter Yakscheisse und irgend so ein Ding zwischen Fledermaus und unterm Arm unrasiertem Yeti hängt kopfüber an der Wand. Es ist Moises Leon, chilenischer Jungspunt auf den Trailstrecken dieser Welt, der hier seine Schuhe trocknet. Aus welchem Gebirge er den Gestank mitgenommen hat, kann ich nicht verstehen. Acht Tage später werde ich über diesen Geruch auch nur noch lächeln.

Salva hat aus Kambotscha Nary mitgebracht. Nary, schnellste Trailläuferin aus den Sümpfen des Mekongs, hat keine Erfahrung mit Hochgebirgssümpfen und eisigen Temperaturen, wird später die vier letzten Etappen mitlaufen.

ZumZum aus Brasilien hat eine extrem laute Stimme und mehr Gewicht als ich, ist ein herzensguter Riese und dauerhafter Läufer. Er erzählt von 260 km nonstop in seiner Heimat.

Gustavo kommt auch aus Brasilien, ist irgendwie für den Dschungelmarathon zuständig. Zitteraale auf der überfluteten Laufstrecke zwangen zum Abbruch des Rennens. Die Viecher beenden nicht nur eine Laufkarriere, sondern mit 30.000 Volt auch ein Leben. Als Ersatz hat Gustavo fünf Läufer hierher gebracht. Als Ersatz? Ich fühle mich wie Kriegsberichterstatter Leutnant Werner, der in „Das Boot“ ganz unvorbereitet in den Krieg gezogen wird. Ich bin Kriegsberichterstatter in  „Das Monster“.

 

Erster Akt von  „Das Monster“  43 km, 2000 Hm

 

Alle Km- und Höhenmeterangaben gebe ich nach maximaler Recherche wieder, jedoch gibt es, wie beim Vorbild in Charmonix, jederzeit Änderungen. Alle Orte, Angaben und Strecken sind nicht geeignet, für folgende Jahre als Anhaltspunkt zu dienen.

 
© marathon4you.de 30 Bilder

Wir sind 35 Läufer, die das Monster bezwingen wollen. 22 werden nach acht Tagen in der Ergebnisliste stehen. Vor dem Start quatsche ich lange mit Amandio Antunes, so wie man mit jemanden spricht, der nur portugisisch kann. Dass das brasilianische Kerlchen mit den Segelohren in 8 Tagen Sieger sein wird, hätte ich mir nie vorstellen können. Brasilien und Portugal haben exakt dieselbe Sprache, nur ein leichter Akzent deutet auf die Nationalität des Sprechers hin.

Christoph le Saux und sein Teampartner Christoph Erceau sprechen wenigstens Französisch, ansonsten ist der Infoaustausch stark rudimentär. Auch die Website spricht kein englisch. Aber um ehrlich zu sein: Gerade deswegen sind die Bekloppten aus allen Teilen der Welt hier -  wir wollen Neuland erobern!  Ich werde bester Deutscher sein.

Auf der Brücke finden der Start und die Kontrolle der Pflichtausrüstung statt. Einige Läufer werden dem GPS Gerät ihr Leben verdanken, denn nur so konnten sie von Rettungsteams geortet werden. Grundsätzlich wird in Teams gelaufen, ich habe aufgrund meiner Laufvita die Erlaubnis, alleine zu laufen. 

Carlos Sá macht das Briefing. Sehr lange, es gibt viel zu erzählen von der Strecke und den Gefahren. Ich verstehe kein Wort. 1200 Läufer sind mit uns am Start, sie laufen heute 16 km, sind hochgerüstet wie Mars-Urlauber.

 
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Ein Bild dieser ersten Etappe geht mir in den nächsten Tasgen nicht aus dem Kopf: Die erste Pfütze verursacht einen ängstlichen Stau und das gequälte Gesicht der Nr. 4100, als seine Schuhe nass werden, ist so lächerlich im Hinblick auf das, was mir in den nächsten Tagen widerfahren wird.

Der erste Vp kommt nach etwa 7 Km. Super leckere Verpflegung, Musik, Tanz, ausgelassene Stimmung. Ab da bin ich allein und meine nassen Schuhe werden für die nächsten 192 Stunden den Gestank erbrochener Yaksverdauung annehmen.  Ich habe Spass an jeder Blume, an jedem Kratzer vom Stechginster, von Dornen oder Steinen. Jede Wasserdurchquerung begeistert mich. Mich, der alles, nur kein Wasser  mag!

 
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Im Empfangsgebäude des Nationalparks ist der zweite VP. Die Verpflegung ist nochmals besser geworden, es gibt Cola, die bei dieser Temperatur gut tut. Auf dem Gelände hier ist alles nachgebaut, was uns die nächsten Tage erwartet: Schrumplige Häuser, steile alte Granitwege und vor allem diese Kornspeicher, die auf Stelzen (damit Mäuse nicht reinklettern) stehen, und mit Kreuzen geschützt werden.  Die Dinger sehen aus wie Monstersärge.

Man erklärt mir, die Strecke sei geändert, wegen Hirschbrut oder so. In den folgenden Tagen begreife ich, dass die Vorschriften im Nationalpark sich eher nach Überlebensmöglichkeiten, statt nach Hirschen richten. Keine Hirsche, sondern die wilden Ponys entdecke ich. Die Viecher sind so schreckhaft, dass sie bei meinem wilden Schlachtruf augenblicklich nach hinten ausschlagen und bucklig das Weite suchen. Vielleicht denken Pferdeliebhaber anders,  ich habe jedenfalls einen Heidenspass, die Viecher zu erschrecken und vor mir herzutreiben. Der Stärkste wird überleben!

Portugals einziger Nationalpark ist ein Flickenteppich. Offiziell soll die urbane Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Natur geschützt werden. Die winzigen, mittelalterlichen Dörfer sind auch wirklich ein Hit. Doch die Bewohner pfeiffen auf Nationalpark, sollen sich an Vorschriften halten, die ihnen keinen materiellen Vorteil bringen. Portugiesen wandern nicht und Almhütten mit Cerverja-Angebot gibt es auch nicht. So werfen die Dörfler ihren Müll absichtlich auf unseren Trail und begegnen mir mit brummigen Missmut. Ein „bon dia“ wird ungern erwidert.

Wir laufen auf uralten Granitwegen. Kakoa-Transporter haben tiefe Rillen in das steinharte Material geschliffen, in dem uns nun das Wasser entgegenrauscht. Kakoa aus Brasilien wurde in schweren Ochsenkarren hier hoch ins Gebirge gekarrt, weil nur hier die Wasserkraft es möglich machte, den ewig langen Malvorgang der Bohnen bis zur Schokolade vorzunehmen. Noch heute hat Portugal eine unglaubliche Dichte von Schokoladenshops.

 
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Oben auf dem kalten, windigen Pass werde ich von einer Meute Hunde angegriffen. Flucht hilft nicht, also schlage ich mit meiner nassen M4Y-Kappe auf die monströsen Viecher ein. Zack! Auf die Fresse des Anführers. Jede von den zähnefletschenden Bestien kriegt einen mit meiner Mütze auf die Mütze. Ich haue drauf, drauf, drauf, wie Klaus Kinski am Orinoko. Ein Biest beisst mir in die Socke, mein Gebrüll lässt seine Genoden augenblicklich auf  Mirkogröße schrumpfen. Mit links wird fotografiert mit rechts geprügelt. Weit hinter mir sind noch zwei Läufer. Ich hoffe auf deren Hilfe, doch die halten lieber Abstand, die lieben Kameraden. Ich hätte es auch so gemacht.

750 € incl Vollpension, Getränken und Übernachtungen auch Cerveja  kostet mich der 280 km-Spass. 42 € der Flug, Teamläufer zahlen  650 p.P. Mein Tanz mit den Wölfen wird vom herbeieilenden Schäfer beendet, der wahrlich keine Kontrolle über die Wölfe hat.

Unglaublich viele abgenagte Knochen garnieren unsere Lauftstrecke. Reste der wilden Ponys, die von den Wölfen verspeist wurden. Wölfe markieren mit ihren Essensresten ihr Revier, wie Menschen im Mittelalter ihre Städte mit den an Galgen baumelden Verbrechern.

Seit Stunden suppt es von oben, mir reisst es die Füsse weg und wirklich alles vom Leib. Die Hose bleibt hängen, egal sieht niemand. Der Rucksack hält mich am Ast, der Schuh liegt weit entfernt. Als ich später auf meine Uhr schauen will…. ich muss zurücklaufen!  Eine Stunde mehr kostet mich der Rücklauf durch den Regen, die Nässe und das ewige Gedröppel macht mich krank. Krank, nass, kalt und eingesaut wie ein Dreckspatz. Der Weg am Fluss Vez entlang ist weggespühlt. Flach liegende Gräser künden vom Hochwasser der letzten Nacht. Auf den Kieselsteinen lässt sich nicht laufen, die Schuhe rutschen immer wieder ab.

In kleinen Nischen riecht es nach saftigem Bärlauch, ich habe Hunger! Wenn sich die normale Laufzeit verdoppelt, dann zweifelst du an deiner Fähigkeit!

Der Zieleinlauf kommt überraschend, nämlich hinter einem Cafe. Angehörige der Kurzstreckler verdecken den Zielkorridor, sodaß ich auf den überschwemmten Uferweg ausweiche und am Ziel vorbeilaufe. Acht oder neun Stunden Arbeit liegt hinter mir und kein Ziel vor mir. Irgendwer schickt mich im Bogen zurück. Finish! Platz 13 von all den Superläufern!

 
 

Informationen: Peneda-Geres Trail Adventure
Veranstalter-WebsiteE-MailHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner
 

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