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Obermain-Marathon 2005: Fast schöner als Gold

10.04.05

Detlef Vetten berichtet, wie er den 10fachen Paralympics-Sieger Gerd Schönfelder punktgenau mit einer Zeit von 4:57 Stunden ins Ziel brachte.

 

 

Gerd Schönfelder hat Schmerzen. Die Oberschenkel sind’s. Jeder Schritt tut weh. Bestialisch weh. . Schönfelder hat mächtige Muskeln, und die wollen jetzt nicht mehr. Schließlich sind sie nicht geschaffen fürs lange Laufen. Schönfelder nämlich ist Skirennläufer. Da trainiert man Sprints und Sprünge, Kurventechnik und minutenlanges Verharren in der Abfahrtshocke. Aber man muss nicht 42 Kilometer am Stück rennen.

 

Doch Gerd Schönfelder aus Kulmain hat sich auf einen knallharten Dauerlauf eingelassen. Für einen guten Zweck will er sich bei der Premiere des „Obermain-Marathons“ bis ins Ziel durch- kämpfen: Die Sparkasse schreibt im Erfolgsfall einen ansehnlichen Scheck für die Fanconi-Stiftung aus, die sich dem Schicksal von Kindern verschrieben hat, die an einer seltenen Krebserkrankung leiden.

 

„Für den guten Zweck mache ich es“, hat Schönfelder gesagt. Ein paar Dutzend Kilometer hat er trainiert – das war’s. Normalerweise hätte ein 35-Jähriger wie er mit einer solchen Vorbereitung keine Chance. Doch Schönfelder ist Leistungssportler. Bei den Paralympics, den Olympischen Spielen der Behinderten, hat er insge- samt 10 Goldmedaillen gewonnen; in der abgelaufenen Saison hat er im Weltcup alles abgeräumt, was möglich war: Gesamtweltcup, Sieger in den Disziplinen Slalom, Riesenslalom und Super-G. Schönfelder dominiert seinen Sport.

 

Aber nun hat er’s schwer. Grau hängt der Himmel über dem Lautertal, vor eineinhalb Stunden hat es noch leicht geschneit. Schönfelders Schritte sind schwer und flach. Er hat die Sonnenbrille aufgesetzt – so hofft er, sich vom Elend dieser Welt ein wenig abzuschotten. Doch es hilft nicht. Schönfelder leidet.

 

Die Muskeln der Oberschenkel sind steinhart. Sie haben ja auch eine Menge mitgemacht. Haben den Läufer von Staffelstein nach Unnersdorf getragen, den Banzer Wald hochgewuchtet und wieder hinunter gepuffert. Schönfelder ist durchs Obermaintal getrabt, hinauf nach Vierzehn- heiligen, hinüber zum Staffelberg, zurück nach Vierzehnheiligen und hinunter nach Ützing. Stublang, Loffeld, jetzt Horsdorf.

 

Noch zehn Kilometer. Und diese grausamen Schmerzen.


Er könnte nun wandern. Es sich ein bißchen angenehmer machen. Schönfelder wird das Ziel – auch mit langsamsten Tempo – in einer Zeit unter sechs Stunden erreichen. Wenn er jetzt gehen würde, wären die Schmerzen weg. Er bräuchte Geduld und noch zwei Stunden.

 

Aber er läuft. Denn Gerd Schönfelder hat sich als Ziel gesetzt, den ersten Marathon seines Lebens in einer Zeit unter fünf Stunden zu beenden. Sein markantes Gesicht scheint versteinert, ab und zu ächzt er. Irgendwann – er nähert sich Unterzettlitz – sagt er: „Gut, dass ich einen Glauben habe.“ Wie er denn das meine? „Ich glaube, dass man manchmal leiden muss, wenn man danach glücklich sein will.“

 

Die Oberschenkel schmerzen so sehr, dass er die Beschwerden an der rechten Schulter gar nicht wahrnimmt. Dort schneiden die Lederbänder der Prothese mittlerweile so ins Fleisch, dass sich die Haut ablöst. Die Prothese braucht Schönfelder. Nachdem ihm bei einem Zugunfall der rechte Arm aus dem Gelenk gerissen wurde, muss er die Schulterpartie mit orthopädischen Hilfen panzern. Auch der linke Arm wurde bei dem Unglück beschädigt; in langwierigen Behandlungen haben Ärzte dem jungen Mann Zehen an den Armstumpf transplantiert. Und Schönfelder hat mit dem Zangengriff dreier „Finger“ erstaunlich geschickte Handfertigkeit entwickelt.

 

Schon ein paar Tage nach dem Unfall lag Gerd Schönfelder in seinem Klinikbett und sah eine Dokumentation über Olympiagewinner bei den Paralympics. „So einer werde ich auch“, sagte er. Er hat sich nie irre machen lassen. Das Leben ist für ihn eine ständige Herausforderung. ‚Geht nicht’ gibt’s nicht“. Der Kulmainer nimmt an Inline-Marathons teil, er hängt mit dem Rad gestan- dene Biker ab, er fährt Auto wie ein Rallyprofi. Schönfelder war bei Johannes B. Kerner zu Gast – und der war danach so beeindruckt von dem optimistischen Mann, dass er sich gar nicht mehr einkriegte. Schönfelder tanzte mit der Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf so gekonnt den Walzer beim Ball des Sports, dass die sich noch Jahre danach an ihn erinnerte.

 

Doch nun der „Obermain-Marathon“. Eine Herausforderung der ganz besonderen Art. Warum quält sich der Mann so? Warum tut er sich das an? Er schleppt sich durch die Auwaldsiedlung - noch knapp fünf Kilometer -, tappt um die Baggerseen. „Ja, hört denn des net auf?“, keucht er.

 

Es wird knapp. Noch acht Minuten , dann ist die fünfte Stunde des Rennens vorbei. Noch ein Kilometer. Schönfelder läuft und läuft und läuft. Er passiert ungläubige Passanten im Kurpark. Bahnunterführung. Parkplatz. Stadion.

 

Endlich, das Stadion. Gerd Schönfelder läuft seine letzten 200 Meter an diesem Tag. Die Anspannung löst sich. Er lacht. Wie ein Kind freut er sich, als er die Ziellinie nach 4:57 Stunden überquert. Dann gibt er dem Fernsehen und den Presseleuten bereitwillig Interviews und humpelt zur Scheckübergabe. Roland Vogel und Josef Breunlein von der Sparkasse überreichen dem seligen Gerd Schönfelder den Scheck, der gibt ihn weiter an Cornelia Thron von der Fanconi-Stiftung. Allgemeines Händeschütteln. Und mitten in dem ganzen Trubel murmelt Schönfelder: „Des is fast so schön wie eine Goldmedaille.“

 

 

Informationen: Obermain-Marathon
Veranstalter-WebsiteErgebnislisteFotodienst HotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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