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Laufberichte

Eigentlich…

01.01.12

Ausrede, Vorwurf, Rechtfertigung oder Relativierung. Irgendetwas davon ist dabei, wenn ein Satz das Wort „eigentlich“ enthält. Kleines Beispiel gefällig?

Eigentlich hatte ich nicht vorgesehen, am Neujahrsmarathon teilzunehmen. Und was ist die Rechtfertigung dafür, dass ich es trotzdem wieder tue? Nach drei Teilnahmen hintereinander waren meine Liebste und unsere Jüngste davon ausgegangen, dass ich auch dieses Mal wieder mitmachen würde, und planten den Silvesterabend ohne böse Absicht ohne mich.

Eigentlich ist es eine Ehre, den Reigen der Laufberichte des frisch angebrochenen Jahres zu eröffnen, doch diese sollte würdig wahrgenommen werden. Ob ich das kann, daran zweifle ich. Am Schreibtisch sitzen und der Tastatur einen Bericht anvertrauen, das ist das Eine, die Eindrücke dazu auf einer Marathonstrecke zu sammeln, das Andere. Besonders bei einer Temperatur im unteren einstelligen Plusbereich und einer zu erwartenden ständigen Berieselung von oben.

Eigentlich steht ein Marathoni über solchen Widrigkeiten. Im Normalfall kratzt mich das auch nicht groß, doch dies ist nicht der Normalfall, denn pünktlich auf die paar wohlverdienten Ferientage hin hat es mich wieder flachgelegt. Zum wiederholten Mal, seit es mich beim UTMB so übel erwischt hatte.

Eigentlich bin ich in solchen Situationen ziemlich vernünftig und schone mich. Es kommt mir aber vor, dass es mir trotz all der Rücksichtnahme auf meine Zipperchen keinen Deut besser geht. Im Gegenteil, ich fühle mich schlapp, träge, kränklich. Ich bin auf dem Punkt, wo ich überzeugt bin, dass mir das Laufen in diesem Zustand kaum noch mehr schaden kann. Ich stelle mich darauf ein und bin bereit, während des Laufs zu leiden wie ein Hund, zu winseln und zu hecheln. Wenn ich dafür mit den gleichen Freudeausbrüchen, die meine Hunde zeigen, wenn ich nach Hause komme, über die Ziellinie krieche, dann hat es sich gelohnt.

Eigentlich findet der Neujahrsmarathon nicht in Zürich selbst, sondern in der westlich vorgelagerten Vorortsgemeinde Schlieren statt, welche Stolz das Attribut Stadt trägt. Es soll Leute geben, die dies als Etikettenschwindel bezeichnen. Hätte die Schweiz nicht eine so starke föderalistischen Struktur, in der die Gemeindeautonomie hoch gewichtet wird, wäre Schlieren schon längst ein weiterer Stadtteil Zürichs, unweit des ehemals industriell geprägten und nun aufblühenden „Züri West“. Ab Zürich HB sind es mit der S-Bahn gerade mal 10 Minuten bis nach Schlieren, vom Bahnhof nochmals 10 Minuten zu Fuß bis zur Sporthalle Unterrohr, in welcher außer dem Start der Halb- und Vierteldistanz alles andere zu finden ist und stattfindet, was es nebst einer Strecke zu einer Laufveranstaltung braucht.

Eigentlich spielt es auch keine Rolle, wo dieser Marathon stattfindet. Es ist nicht der Ort, der das Besondere ausmacht, sondern die Tatsache, dass es der erste  Marathon des neuen Jahres ist und dem Ottonormalläufer deshalb erlaubt, sich für einen kurzen Augenblick an ungewohnter Stelle der Jahresweltbestenliste zu finden.

 
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Eigentlich bin ich viel zu früh da. Die Startunterlagen – dazu gehörte auch eine Laufkappe - bekomme ich gegen die Zeichnung eines Enthaftungsformulars blitzschnell. Aber heute muss ich mehr denn je alle meine Systeme langsam und bewusst hochfahren. Gespräche links und rechts helfen mir dabei und ich erfahre, dass ich nicht der einzige bin, der seine Knochen, vielmehr Sehnen, in meinem Fall die Patellasehne, mehr spürt als ihm lieb ist.

Eigentlich sind wir uns in der Schweiz Sprachenvielfalt gewöhnt, doch was ich hier höre und auf den Trikots, Jacken, Mützen und Stirnbändern lesen oder eben nicht entziffern kann, hat nochmals eine andere Dimension. Trotz babylonischem Sprachgewirr herrscht eine entspannte, ruhige Atmosphäre, in welcher nur unterschwellig eine gewisse Spannung zu spüren ist. Wegen des Jahreswechsel oder wegen der bevorliegenden 42 Kilometern? Gesittet und ruhig treten alle beim Ausgang der Halle zur Startlinie. Mit rund 200 Startenden ist das Feld übersichtlich, den Gerhard kann ich aber nirgends ausmachen. Dabei haben wir doch in Sondershausen abgemacht, dass wir in Schlieren dann die Wünsche zum Neuen Jahr austauschen. Dafür treffe ich endlich mal „unseren“ Andreas Butz mit seiner Frau.

Eigentlich ist es nicht außergewöhnlich, dass ich am Schluss des Feldes starte. Anders als sonst ist mir aber klar, dass ich mich nicht viel nach vorne werde arbeiten können. Ist auch egal, ich habe wirklich nur ein Ziel, keinen Plan B oder irgendwelche Geheimpläne, ich will innerhalb der Zielzeit von fünf Stunden ankommen. Und wenn ich auf allen Vieren über die Ziellinie krieche.
Vor der Halle sprühen Feuerwerksvulkane ihre Funken in die Luft und die später Startenden von Halb- und Viertelmarathon stehen Spalier und schicken uns mit Applaus und Neujahrswünschen auf die Strecke. Auf alle Seiten hin begleitet uns Feuerwerk und beim einzigen Wohnhaus, welches direkt am Weg liegt, winken uns die Bewohner zu und rufen uns Ihre besten Wünsche aus ihren Fenstern herunter.

 
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Eigentlich finde ich Feuerwerke eine schöne Sache, wohl wissend, dass die Umweltbelastung nicht geringe ist. Bald schon kann ich mich aber nicht mehr am Anblick der bunten Buketts freuen und wünsche mir Ruhe. Das Knallen auf der anderen Seite der Limmat findet an den Fabrik- und Lagerhallen hinter dem Strauchwerk und den Bäumen auf der rechten Seite seinen Widerhall, und zwar so, dass es wie das Pfeifen von Schüssen tönte. Auf die durch diese Geräusche geweckten Erinnerungen kann ich gut verzichten. Auch der arme Hund, welcher dort alleine in einem Zwinger weggesperrt ist, macht durch sein gequältes Bellen deutlich, welches Martyrium er durchlebt.

Eigentlich reicht mir das Streulicht aus dem Siedlungsgebiet aus, um den Weg zu erkennen. Dort, wo der Naturweg  etwas gar gut hydriert ist, spielt es auch keine Rolle, ob man durch die Pfütze auf dem Weg läuft oder durch den Matsch nebenan. Die wenigen Wurzeln, über welche man stolpern könnte, sind zudem mit Neonfarbe markiert, sind also auch bei relativer Dunkelheit gut zu erkennen. Ein Großteil der anderen Teilnehmer hat ihre Stirnlampen aber eingeschaltet, was beim Blick auf die andere Uferseite einen besonderen Reiz ergibt. Die Schnellen bewegen sich wie eine Kette von Glühwürmchen flussabwärts. Nach dem Überqueren des Fußgängerstegs ist es dann das nachfolgende Halbmarathonfeld, das auf der anderen Seite für die Lichterprozession sorgt.

Eigentlich sind es nur wenige lange Läufe, bei denen ich das Bedürfnis nach innerem  Abschotten, Meditation und Kontemplation verspüre. Sonst sind mir –salopp ausgedrückt – Quasselmarathons ganz recht. So habe ich auch nichts dagegen, dass es sich so ergibt, dass ich zu Franziska und Johanna aufschließe und mit ihnen bis auf weiteres die weitere Wegstrecke unter die Füße nehme. Wir unterhalten uns, genießen es, fernab von  hohlen Silvesterfeiern, deren Inhaltslosigkeit mit Alkohol vollgeschüttet wir, das Neue Jahr so zu beginnen. Auf diese Weise fliegen die Kilometer (mit bemerkenswerten Langsamflugeigenschaften, welche Fluzeugbau-Ingenieure neidisch machen können) der ersten beiden Runden an uns vorbei. Alle fünf Kilometer wird zudem für unser körperliches Wohl gesorgt. Gewärmtes Wasser und Iso, Bananen, Riegel und Gel werden von den freundlichen Helferteams angeboten. Die Helfer sind sowieso ein Thema für sich.

 

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Eigentlich ist es schon erstaunlich, dass sich Leute aus freiem Antrieb zur Verfügung stellen, Silvester und Neujahr im Helfereinsatz bei einem Marathon zu verbringen. Ich kann mir vorstellen, dass sie in ihrer Umgebung mit ihrem Einsatz noch mehr Kopfschütteln ernten als viele der Läufer für ihre verrückte Idee, das Neue Jahr mit einem Marathon zu beginnen. Auf jeden Fall haben sie es verdient, dass ihr Idealismus an dieser Stelle besonders erwähnt und verdankt wird!

Eigentlich könnte es jetzt einfach so weitergehen, wenn da nicht noch Ballast aus dem alten Jahr wäre, der noch abgeworfen werden sollte. Zu diesem Zweck gibt es zwei blau-weiße Kunststoffkabinen, von denen ich mir anfangs dritte Runde eine buche. Dadurch gerate ich ins Hintertreffen, habe damit dafür eine Motivation, das Tempo anzuziehen, um wieder zu meinen netten Weggefährtinnen aufzuschließen, was mir nach einiger Zeit auch gelingt. Offenbar drossle ich mein Tempo zu wenig und ziehe ihnen davon. Da sich vor einiger Zeit ein junger Sportler zu uns gesellt hat, denke ich, dass es kein Verlust ist, wenn ich Laufopa für ein Weilchen selber die Kreise ziehe. So laufe ich für mich allein und hänge meinen Gedanken nach. Nur noch selten knallt es und abgesehen vom Abschnitt in der Nähe der Autobahn sind es nur das Rauschen der Limmat und die entsprechend dem jeweiligen Untergrund sich verändernden Geräusche meiner Schritte, die mich begleiten. Einzig beim Vereinshaus der Pontoniere wird die Ruhe kurz von hochphoniger Musik  unterbrochen.

Eigentlich fühle ich mich nach der dritten Runde den Umständen entsprechend recht gut. Nach „auf allen vieren über die Ziellinie kriechen“ sieht es momentan nicht aus. Aber ich bräuchte etwas oder jemanden, um mich von den schweren Beinen und der Müdigkeit abzulenken. Zu meinem Glück kann ich mich beim zweitletzten Verpflegungsposten zu Sabrina vorkämpfen. Zufall, dass es wieder kein männlicher Teilnehmer ist, mit welchem ich die weiteren Kilometer absolviere? Nein, denn nicht nur der berührungslos gefühlte Anteil von Damen im Starterfeld, auch der ausgewiesene ist recht hoch. So ziehen wir uns gegenseitig über das letzte Viertel und bemerken, dass sich unsere Wege schon beim letzten Keufelskopf Ultra-Trail gekreuzt haben.

Eigentlich bin ich kein Fan von Energiegel, dieser süßen Kleberpaste, deren Hersteller in Sachen Aromen eine große Kreativität, leider aber wenig Geschmack beweisen. Kurz vor dem letzten Verpflegungsposten fühlen sich meine Beine so leer an, dass mir keine Wahl bleibt, als mich auf ein solches Abenteuer einzulassen. Statt Fisch, Tabak, Erbse und Grünem Apfel, gibt es nur eine einzige Geschmacksrichtung. Die hat es aber in sich. Geschmack, Konsistenz, Süße: alles stimmt. Weil es zudem von der Nachtluft schön gekühlt ist, habe ich das Gefühl, ein köstliches Himbeer-Sorbet zu verkosten. Ich habe den Beweis: Es geht auch anders! Mit diesem positiven Geschmackserlebnis auf der Zunge und der notwendigen Energie für die Beine machen wir uns auf die letzten knapp fünf Kilometer.

Das Blinklicht zeigt die 40km-Marke an, und die orangen Straßenlaternen, dass gleich die letzte Wende in Form des zweiten Fußgängerübergangs über die Limmat kommt. Gleich danach geht es zum letzten Mal über die Zeitmessmatte für die Zwischenzeit, und es dauert nicht lange, da kommt schon die „Flamme Rouge“, die Anzeige des letzten Kilometers. Es ist alles im Lot und ich werde zudem aufrechten Ganges einmarschieren, das ist ja schon mal eine Steigerung des Erfolgs.

 
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Eigentlich ist ein Zieleinlauf mit dieser Zeit nichts Spektakuläres. Aber dem Eintreten in die Halle und den letzten Meter auf dem blauen Teppich bis zum Zielbogen verleiht die stimmungsvolle Lichtgestaltung etwas Triumphales. Das Organisationsteam rund um Roger Kaufmann hat sich überhaupt große Mühe gegeben, der Halle ein festliches Ambiente zu verpassen. Auf diese Weise hatten auch Angehörige einen angenehmen Rahmen, um in dieser besonderen Nacht auf die Rückkehr ihrer Liebsten von der vom Mythos umrankten Laufdistanz zu warten.

Eigentlich würde ich zu der Festwirtschaft nicht mehr schreiben, als dass es sie gibt und ich mich auch noch hinsetze, mich bei Kaffee und Kuchen für die Heimfahrt stärke und mich mit der momentanen Jahresweltbesten unterhalte, wenn da nicht im vergangenen Jahr ein erboster Kommentar gekommen wäre. Schönfärberei sei mein Bericht gewesen. Die Abzocke hätte ich mit keinem Wort erwähnt. Stimmt, denn es gab für mich keine Abzocke. Preislich liegt der ganze Anlass, inklusive Festwirtschaft, in einem für die Schweiz normalen Rahmen. (Unterwegs wurde mir sogar gesagt, die Startgebühr sei für einen Marathon in der Schweiz sehr moderat.) Dass mit der Frankenstärke der Besucher aus dem Euroraum dies anders empfindet, kann ich nachvollziehen. Es gilt einfach das Verhältnis zu sehen. Als solches seien nur die monatlichen Kosten für die Krankenversicherung genannt, die ich in der Schweiz für eine fünfköpfige Familie mit zwei volljährigen, sich in Ausbildung befindlichen Kindern berappe: Zum aktuellen Wechselkurs sind es etwas mehr als EUR 1500.-! Dass dabei die Kosten für zahnärztliche Behandlungen nicht eingeschlossen ist, gilt es auch noch zu erwähnen. Noch Fragen?

Eigentlich sind meine Laufberichte nicht vollständig, wenn ich zum Schluss nicht noch die Duschen erwähne. Auch als bekennender Heißduscher würde ich das Wasser nicht als kalt bezeichnen. Sagen wir es so: „Das Jahr hat gut begonnen, das Pulver ist aber noch nicht alles verschossen. Ich freue mich auf die Momente, wo ich noch Steigerungen des hohen Standards des Wohlbefindens erleben darf.“ Vielleicht schon bei meinem nächsten geplanten Marathon, der hoffentlich ein ganz besonderer sein wird. Heute bin ich bei meinem hundertsten Start über die Marathondistanz und länger zum 99sten Mal ins Ziel gekommen, da stehen die Chancen gut, dass ich in drei Wochen in Leipzig Jubiläum feiern werde. 

Marathonsieger

Männer

1. von Gunten Markus, Bettlach               3:00.59,2 
2. Boden Lazloe, Grossbritannien          3:01.18,1   
3. Moog Paul, F-Schleithal                        3:01.45,9 

Frauen

1. Hildebrand Carmen, Hedingen           3:38.18,3    
2. Käppeli Andrea,  Merenschwand        3:39.07,6  
3. Schoplocher Petra, D-Cham                3:39.24,2  

155 Finisher

 

Informationen: Neujahrsmarathon Zürich
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