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Laufberichte

Ein Napf voll Trail

10.10.10

Die Menge Trail, welche der Napf-Marathon zu bieten hat, füllt einen ganz ordentlich großen Napf. Angerichtet ist er aber so liebevoll wie in der Nouvelle Cuisine. "Fusion-Küche" also; genau wie man in einem Emmentaler Gasthof zu speisen pflegt.

Nun aber der Reihe nach. Nach dem Défi du Jubilé im Wallis ist ein Abstecher ins Emmental nur ein kleiner Umweg auf dem Heimweg. Ein Manager würde das seiner Familie so verklickern, dass man, wenn immer möglich, Synergien nutzen müsse.

Das Timing stimmt, ich komme kurz vor 20.00 Uhr in Trubschachen an und kann beim Eingang der Mehrzweckanlage gerade noch die Startnummer abholen und dann in der Halle oben zum Spaghetti-Essen für Helfer und Teilnehmer antreten. Der Teller biegt sich unter der geschöpften Menge, trotzdem werden allfällige, bei mir nicht vorhandene Ängste mit dem Hinweis genommen, dass es beliebig Nachschlag gebe.

Ohne von diesem Angebot Gebrauch zu machen, verkrümle ich mich in meine Herberge auf vier Rädern und schlafe mit einer gesunden Müdigkeit  dem zweiten Teil meines Doppeldeckers entgegen.

Während aus beiden Richtungen Regionalzüge Läufer direkt ins Startgelände ausspucken, bringe ich mich wenige Meter davon entfernt mit einem hervorragend guten Kaffee im Festzelt beim Ziel in Schwung. Geradezu ungewohnt ist für mich, dass die mir bekannten Gesichter für einmal fast ausschließlich aus der Schweiz kommen. Die Ausnahme ist Didi, der mit Martin einen Schweizer Guide gefunden hat. Mit Christoph Dipner kann ich seine Pläne besprechen, „seinem“ Muttenz Marathon im kommenden Jahr – ganz nach dem Motto „einer geht noch“ – einen 3/2-Marathon anzugliedern.

Und dann geht es schon los. Doch bevor ich zu berichten und damit zu schwärmen beginne, muss ich die Anhänger der reinen Lehre des Marathons warnen. Ihr müsst tapfer sein, wenn ich euch den Speck durch den Mund ziehe, denn für euch und eure Statistik kommt der Napf-Marathon nicht in Frage, dazu fehlen ihm ein paar Meter. Bisher hat das im Emmental niemand gestört, und es ließ sich auch ohne Marathon-Reinheitsgebot ganz genussvoll laufen.

 
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Hätte in meiner Zeit bei der Armee einer der Truppe jemals dagegen aufbegehrt, dass bei einem Marsch die Höhenmeter als Leistungskilometer angerechnet wurden, hätte er in Zukunft einen schweren Stand bei seinen Kameraden gehabt…  Vielleicht ist es dieser Hintergrund, der die Schweizer diese kleine Ungenauigkeit pragmatisch betrachten lässt.

Wenn jemand von den Angesprochenen trotzdem bis hierher weitergelesen hat, dann habe ich gute Nachricht: Einer der Helfer hat mir versichert, dass es eine Kleinigkeit sei, ein paar Kilometer vor dem Ziel noch eine kleine Zusatzschlaufe einzubauen. Es wäre ja schade, wenn wegen einer solchen Kleinigkeit (oder Kleinlichkeit?) jemand auf diesen tollen Trailmarathon verzichten würde.

Als Letzter gehe ich über die Startlinie und folge, an der traditionsreichen Keksfabrik vorbei, gemütlich dem Feld. Sehr bald geht es nach einer scharfen Biegung ziemlich steil eine Straße hoch. Das bleibt dann für eine Weile so. Zuerst windet sie sich zwischen Weiden den Hügel hoch, dann an Bauernhöfen vorbei in sanften Biegungen und moderater Steigung.  Mehr und mehr lichtet sich der Nebel, der sich an jedem Haar festgesetzt hat. Die Hoffnung steigt, dass die Lücken, die sich in dem in dieser Gegend und um diese Jahreszeit nicht unüblichen Hochnebel am Morgen gezeigt haben, gute Vorboten waren. In der Tat, nach sieben Kilometern laufen wir in der Sonne.

Einen Kilometer später zeigt sich beim dortigen, mittlerweile dritten Verpflegungsposten, dass der weitere Verlauf der Strecke wieder in den Nebel hineinführen wird. Die Bisenlage verursacht leider ein Ansteigen der Nebelobergrenze, also lasse ich mir etwas mehr Zeit beim Trinken und Genießen des Wechselspiels von tief über den Tälern hängendem Nebel, der Sonne und dem sich über uns ausbreitenden weißen, feuchten Dach.

 
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Von hier weg folgt die Strecke während ungefähr 15 Kilometern der Kantonsgrenze von Bern und Luzern. Sicht- und spürbar ist davon eigentlich nichts, ganz im Gegensatz zu der sich nun veränderten Charakteristik der Strecke. Nun ist Schluss mit beständiger Steigung und Asphalt. Was jetzt kommt ist Trail satt. Zwei Teile Anstieg, ein Teil Abstieg; so geht es weiter bis zum Kulminationspunkt. Wiese, Wald, Wurzeln, Wirtschaftswege - wirkliches Wohlgefühl.

Im Wissen, dass ich ziemlich weit hinten im Feld eingereiht bin, ist mir klar, dass es sich bei den von hinten herannahenden Läufern um Mitglieder des später gestarteten Teambewerbs  handeln muss, die schnell zu mir aufschließen und an mir vorbeieilen. Als Frustprophylaxe für die Überholten tragen sie auf dem Rücken den entsprechenden Vermerk. Bei aller Anerkennung für ihre Leistung, der Blick in einige dieser Gesichter zeigt mir ein anderes Bild als ich für es erstrebenswert halte. Dass es auch anders geht, beweist die Dame des erstplatzierten gemischten Teams. Während ich wie ein Maultier den Berg hochtrotte, zieht  Livia einer Gazelle gleich mit locker federndem Schritt und einem herzlichen Lachen im Gesicht an mir vorbei.

Die Wetterfrösche liegen mit ihrer Vorhersage leider richtig. Die Bise hat in ihrem Spiel mit dem Nebel gegen die Sonne die besseren Karten. Der Kampf wird sanft ausgetragen und hat einen besonderen optischen Reiz. Sonne, Nebelschwaden und Nebelwatte wechseln in schnellem Tempo, gehen fließend ineinander über und lassen die Landschaft in unzähligen Nuancen erscheinen.

Je höher wir steigen und uns damit dem Napf nähern, umso häufiger begegnen wir Wanderern. Ich kann mir vorstellen, dass ihre Enttäuschung darüber, dass sie mit ihrer Wanderung auf den Napf dem Nebel nicht entfliehen können, einiges größer ist als meine, denn ich bekomme auch so einen wunderbaren Traillauf geboten.

 
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Auf dem Napf ist nicht nur die mittlerweile bereits achte Verpflegungsstelle, sondern auch die Wechselzone für die Zweierteams. Vor drei Jahren traf ich eine halbe Stunde früher am Kulminationspunkt ein, deshalb werde ich die Halbmarathonis heute nicht zu Gesicht bekommen, denn die sind schon seit einer Viertelstunde auf der Piste.

Wer meint, er könne sich auf dieser Streckenhälfte mit beinah 1200 Höhenmetern Gefälle locker einen Halbmarathon einverleiben, der sei gewarnt. Bis ins Ziel addieren sich über 500 Meter Steigung auf, Anstiege, die es in sich haben. Schon drei Kilometer später steht man in einer Wand, zumindest bildlich gesprochen. Fahrzeuge bestehen auf diesem Wirtschaftsweg nur mit Vierradantrieb – und auch dann vermutlich nur mit Reduktionsgetriebe.

Ich lasse mich von den jungen, ausgeruhten und eben frisch gestarteten Teamläufern nicht irritieren, die trotzdem noch mit Laufschritten unterwegs sind. Mit den gestrigen Kilometern und Höhenmetern in den Muskeln fühle ich mich nach diesem Anstieg den Umständen entsprechend noch ganz ordentlich fit und bereit, die kommenden sechs Kilometer mit beständigem Auf und Ab in Angriff zu nehmen. Da schlägt der Hammermann zu. Nein, es ist die Hammerfrau. Während Röbu und ich uns laben meint sie: „Ihr werdet wohl von den Letzten sein...?“ Ich trags mit Fassung, denn es war meine Entscheidung, an diesem Wochenende etwas länger, dafür gemütlicher zu laufen.

Es ist nicht diese Bemerkung am Verpflegungsposten, die mich dazu bringt, das Tempo ein bisschen anzuziehen. Stellenweise bläst die Bise unangenehm stark und ich spüre, wie sie mich auskühlt. Ablenkung verschafft auch die für ein Laufen ohne Sturz über diese Wurzeln, Steine und schmalen Singletrails erforderliche Konzentration.

Von den Wandersleuten, denen wir im doppelten Sinn laufend begegnen, kommt immer wieder aufmunternder Zuspruch. An einzelnen Orten macht es den Anschein, als sei die Teilnahme eines Familienmitglieds oder Freundes zum Anlass für einen Ausflug im Familien- oder Freundeskreis genommen worden.

An einer für Autos zugänglichen Stelle steht entlang eines Wirtschaftsweges eine Treichlergruppe, die schon von Weitem zu hören ist und für die Laufsportler Spalier steht. Was im Engadin ein alter Brauch ist, um den Winter zu vertreiben, die Chalandamarz, hat offensichtlich im Oktober im Emmental auch seine Wirkung. Das Ohren betäubende Geläut der Treicheln (Die an diesem Wochenende in Bern versammelten Damen und Herren Fachleute der Gilde der Carillonneure und Campanalogen mögen mir verzeihen, wenn ich den Ton der Treicheln allenfalls fälschlicherweise auch als Geläut bezeichne.) macht dem Nebel für den Rest der Strecke so ziemlich den Garaus.

Wie die Emmentaler Hügellandschaft im herbstlichen Sonnenschein so daliegt, verspüre ich plötzlich zu dieser Gegend passende, herbstliche, kulinarische Gelüste. Ich stelle mir vor, dass ich mir nach dem Marathon auf dem Heimweg noch einen zünftigen Coupe (Eisbecher) einverleiben werde. Oder wenn es gleich am Weg liegen würde, am liebsten die berühmten Meringues im Kemmeriboden-Bad, in Kombination mit Vermicelles. Ich glaube der gestrige Effort hat in meinem Kalorienhaushalt ein paar Löcher hinterlassen.

Die nächste kulinarische Versuchung ist nicht nur virtuell. Gegenüber des zwölften Verpflegungsposten – offiziell als Wasserstation deklariert aber auch mit anderem Getränk und Bananen ausgestattet – stehen ein paar junge Helfer um ein Caquelon herum und lassen sich ein Fondue munden. Meine Kontaktaufnahme mit ihnen wird gleich mit einer Einladung zum Mitessen entgegnet. Ich berufe mich auf meine läuferische Vernunft und lehne, halbherzig zwar, dankend ab.

Zwei nahrhafte Trailkilometer weiter ist wieder eine voll ausgestattete Verpflegungsstelle. Jemand aus dem Helferteam hat seinen Kumpeln zwei Schachteln mit Tortenstücken, Vermicelles und Diplomats mitgebracht, diese aber zu schön zur Schau gestellt. Ich beginne zwar nicht gleich zu sabbern, der GIanz, den diese Köstlichkeiten in meinen Augen auftreten lassen, muss aber allzu deutlich schimmern. Das still erhoffte Angebot folgt postwendend. Nach längerem von Restvernunft und Hemmung gesteuertem Zögern stehe ich dazu: „Ja, sehr gerne!“ Die unerwartete Erfüllung einer kulinarischen Tagträumerei macht diese Portion Vermicelles zu einem ganz besonderen Genuss. Zudem finde ich beim Blick auf die Uhr spontan noch einen Grund zum Feiern: Vor drei Jahren war ich um diese Zeit nicht am Schlemmen bei Kilometer 30, sondern bereits im Ziel…

Auch Röbu kann der Verlockung nicht widerstehen und bedankt und verabschiedet sich bei den netten Helferinnen mit einem „Vergelt’s Gott mit einem halben Dutzend Kindern“.

 
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Für den Rest bin ich nun gerüstet. Mit der Sicherheit im Bauch, dass ich auch diesen Marathon ins Ziel bringe, trabe ich durch die Emmentaler Landschaft. Was im Emmentaler Käse die Löcher, sind im Emmental die Hügel. Das Markenzeichen dieses Landstrichs. In den Waldstücken ist er urtümlich, mit Farnen, Moos und Heidelbeersträuchern, die gerodeten Flächen sind entweder Weiden oder akkurat geschnittene Wiesen. Zusammen mit den Bauernhäusern mit den tief heruntergezogenen Walmdächern und dem prächtigen Blumenschmuck im Garten und an der Fassade ist es deutlich spürbar: Hier ist Heimat, die man hegt und pflegt, hier ist man verwurzelt.

Zwischendurch gibt es einen kürzeren asphaltieren Abschnitt, ansonsten bewegen wir uns auf natürlichem, teilweise angenehm weichem Untergrund. Was von Zuschauern als Muskelkrämpfe und mein Bemühen gedeutet wird, dagegen anzukämpfen, bringt mich zum Schmunzeln. Es ist offensichtlich das erste Mal, dass sie einen Marathonläufer beobachten, der eine etwas eigenartige Körperhaltung einnimmt, um einen guten Bildausschnitt für ein Foto von unterwegs mit Kilometerschild zu erhalten.

Auf den letzten vier Kilometern sind noch über 250 Höhenmeter abzubauen. Was jetzt noch kommt fährt zwar direkt in die Oberschenkel, ist aber – sofern man sich nicht vorher schon völlig verausgabt hat – nur noch die Oberflächenpolitur dieser Trail-Perle.

Jetzt gilt es nur noch einen kleinen Schlenker über eine der im Emmental häufig anzutreffenden gedeckten Holzbrücken zu machen, dann bin ich auf der langen Zielgerade. Weit vorne sehe ich Martin und Röbu. Da sie nicht in meiner Altersklasse laufen und ich ihre Klassierung nicht beeinträchtige, erlaube ich mir einen kleinen Selbstversuch und staune, dass ich nach so vielen Kilometern an einem Wochenende noch dieses Maß an Spurtkraft mobilisieren kann.

Nach dem Zieleinlauf deutet sich bald schon an, dass die Sonne wieder dem Nebel Platz machen muss. Dadurch gewinnt auch die Bise an Giftigkeit. Dagegen gibt es ein Rezept: eine heiße Dusche. Ich höre unken, dass es die Dusche nur ohne das Heiß gebe und versuche mich darauf einzustellen. Beim Betreten der Mehrzweckanlage erhalte ich dann den guten Tipp, ich solle nicht die Dusche in den Garderoben aufsuchen, sondern die in der Zivilschutzanlage, denn dort gebe es immer noch heißes Wasser.

Wenn ich nach der heißen Dusche noch eine Portion Pommes erhalte, dann ist für mich die Marathonwelt in Ordnung. Dafür sorgt die Festwirtschaft, in welcher ich mit einem kräftigen Kaffee den Tag begonnen habe. Dass ich beim Bezahlen noch meine Schulden für die exklusive Zwischenverpflegung begleichen will, stößt nicht einmal auf Verwunderung und wird mit der Bemerkung quittiert, ich sei schon der Zweite mit diesem Anliegen.

Mit  rund 200 Finishern, darunter ein Fünftel Frauen, hat der Napf-Marathon seine Kapazität noch lange nicht ausgeschöpft. Wer voralpine Trails liebt, kommt voll auf seine Kosten, daran ändert der etwas langgezogene Einstieg auf befestigtem Weg nichts. Vielleicht braucht es aber tatsächlich eine kleine Zusatzschlaufe, damit auch die Puristen an den Start kommen und diesen Lauf in ihre Marathonstatistik aufnehmen können.

Zum unverbindlichen Ausprobieren der Gegend fürs Trailrunning gibt es bei Schweiz Tourismus eine iApp für eine Napfwanderung, womit auch ohne Streckenmarkierung kein Verirren in den Eggen des Emmentals befürchtet werden muss.

Damit mit meiner Schwärmerei über den Napf-Marathon nicht der Eindruck entsteht, ich stehe im Sold der Organisatoren und Sponsoren, erwähne ich noch zwei  Punkte, an welchen noch gefeilt werden könnte. Zum einen wäre da die Farbwahl für das Baumwoll-T-Shirt. Kermit und Niels hätten ihre helle Freude daran, mir ist sie zu auffällig. Zum anderen würde ein Läufer, der sich unterwegs eine Portion Vermicelles einverleibt, ein Packung feinster Kekse aus dem Ort unbeschadet überstehen. Und wenn ihm diese Packung im Ziel mit dem kleinen Hinweis überreicht wird, dass der Fabrikladen auch sonntags geöffnet ist… 

Moment mal, was erlaube ich mir da? Schuster bleib bei deinem Leisten – ich bin Marathoni, nicht Marketing-Heini. Na gut, war ja nur so `ne Idee.

 

Informationen: Napf-Marathon
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