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Laufberichte

Die Legende lebt

 

Mitte vergangenen Jahrzehnts, als die 7000 Startplätze des Zürich Marathons schon im Februar vergeben waren, wagte man sich auch in der Rivalenstadt Basel an die Organisation eines Laufs über die Königsdistanz. Mein Marathonometer bewegte sich damals noch im ersten halben Dutzend und ich nahm voll Enthusiasmus daran teil. Schon nach zwei Austragungen wurde dem Basel City Marathon aber der Stecker gezogen.

Keine zwei Jahre später lud Christoph Dipner in Muttenz, einem an die Stadt angrenzenden aber dem Kanton Baselland  (amtlich Basel-Landschaft) zugehörigen Vorort Basels, zu einem privaten Marathon. Der fand mit seinen sieben Teilnehmern sogar in den Medien Beachtung, nur war der Unterton der Berichterstattung spöttisch.

In Basel stieg der Marathon-Phönix später aus der Asche, ging mehrmals in die Mauser und bekam dieses Jahr die Flügel wieder gestutzt. Er nennt sich immer noch Marathon, für Einzelläufer ist nach halber Distanz aber schon Feierabend. Auf die doppelte Distanz kann man im September nur im Kollektiv einer Staffel kommen.

Davon unbeirrt geht es in Muttenz weiter. Im vergangenen Jahr fand eine Stabsübergabe im Organisationsteam statt. Dabei wurden ein paar Modifikationen vorgenommen, welche die Organisation einfacher  machen, den Teilnehmern aber das gleiche Erlebnis bieten sollen. Im Gegensatz zu früher wird nun zweimal auf einer Runde gelaufenen.Vorgesehen war, dass ich an diesem Sonntag an einem anderen, mir noch nicht bekannten, Traillauf teilnehmen würde. Die Absage wegen mangelnden Teilnehmern machte ein Umdisponieren nötig. Der Chefredaktor war sehr schnell, mir Alternativen zu präsentieren, bei welchen ich den Marathonometer im fünfzehnten Dutzend weiterticken lassen kann. Ich folgte dem Bauchgefühl und ließ mich für Muttenz melden.

 

 
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Mit einem heftigen Schlafmanko mache ich mich an diesem kühlen, nassen Sonntag auf den Weg. Das Wetter ist unfreundlich, dafür werde ich bereits freundlich auf den Parkplatz bei der Schulanlage Margelacker eingewiesen und ebenso freundlich im nur 100 Meter entfernten Schulhaus bei der Startnummernausgabe willkommen geheißen.  Nebst Startnummer mit integriertem Chip, einem Buff-Tuch und der Wurstspezialität eines Sponsors gibt es sogar einen vorbereiteten Beutel für die Wertsachenabgabe. Einen Stock tiefer sind Garderobe und Toiletten und im überdachten Eingangsbereich stehen Festzelt-Tische. Mit Kaffee und Kuchen kann man sich noch wärmen und stärken. Da ich schon mehrmals in Muttenz am Start war, treffe ich einige alte Bekannte.

Mir fällt die Absenz der Leute auf, die früher in den blau-weißen Vereinsfarben eines Basler Traditionsvereins am Start waren. Ein Eingeborener flüstert mir, dass ihre Vereinsführung den Mitgliedern empfohlen habe, in Muttenz nicht an den Start zu gehen. Der Grund? Die Mitglieder des veranstaltenden Vereins sind zugleich im Vorstand des Basel Running Clubs, der als neuer Verein offenbar nicht als Ergänzung, sondern als Konkurrenz gesehen wird. Solches Demokratieverständnis finde ich schlicht peinlich und nehme das einfach so zur Kenntnis.

Auf dem Platz geht es locker und unverkrampft zu. Zuerst starten um 9.00 Uhr die Läufer des 7,3km Laufs. Eine Viertelstunde später sind rund 125 Marathonis und Halbmarathonis dran.

 

 
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Um vier scharfe Ecken geht es zum nahen Waldrand. Wer sich darüber aufregt, dass er dabei ein paar Zehntel verliert, hat auf dieser Strecke nichts verloren, denn das Heu wird später ins Trockene gebracht. Zuerst kommt es aber noch „schlimmer“: Eine echte Haarnadelkurve bringt uns auf den Fußweg der Birs entlang – und der ist erst noch unasphaltiert. Die Birs ist ein 73km langer Nebenfluss des Rheins, der im Berner Jura unterhalb des „pierre pertuis“ als Stromquelle entspringt, nachdem das Regenwasser sich in einem unterirdischen, weitverzweigten Höhlensystem gesammelt hat. „Pierre“ heißt Stein und „pertuis“ bezeichnet eine Öffnung oder eine Engstelle. Hoffen wir, dass es für den Steiner heute nicht eng wird. Die Möglichkeit besteht, wenn von meiner gegenwärtigen Position im Feld ausgegangen wird. Mit einem Zielschluss nach sechs Stunden sollte das aber hinhauen, schließlich habe ich das vor einer Woche auf einer Strecke mit annährend gleicher Anzahl Höhenmeter geschafft und war in der Lage, auf eigenen Füßen, ohne ernsthaft zu eiern, vom Platz zu gehen.

Dort, wo alle Verkehrswege die beiden Teile der Gemeinde Münchensteins über die Birs hinweg verbinden, geht es erstmals aufwärts – und gleich mit einer Streckenänderung. Nach Unwettern im vergangenen Jahr ist die ursprüngliche Strecke nicht  zu belaufen, deshalb geht es direkt zum Asphof. Wie viele Bauernhöfe in diesem Gebiet erfüllt er nicht mehr die ursprüngliche Bestimmung, sondern hat sein Ein- und Auskommen von der Reiterei, der die finanziell potenteren Bewohner der Agglomeration frönen. Entsprechend nennt sich das Gehöft Aspranch.

Danach wird es trailig. Schmal, etwas schmierig, mitten in den frischen Buchenblättern. Diese Ersatzstrecke kann von mir aus fest ins Programm aufgenommen werden. Es steigt an und die erhöhte Leistungsabgabe wird umgehend mit einem vollausgestatteten Verpflegungsposten entlohnt. Und das nach nicht mal vier Kilometern. Und es kommt noch besser.

 

 
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Es geht von der Ecke am Waldrand weiter auf einem richtigen Naturpfad. Aus diesem wird ein gepflegter Wander- und Forstweg. Nach gut fünf Kilometern wir rechts abgebogen und das Geläuf ist wieder asphaltiert. Dem Waldrand und den Feldern entlang geht es auf dieser Hochebene weiter, bis bei Kilometer sechs wieder abgebogen und auf die schon bekannte Verpflegungsstation zugesteuert wird.

Die meteorologischen Gegebenheiten haben dafür gesorgt, dass der nächste Abschnitt den Charakter von Schmierseife erhalten hat. Aber nicht für Lange. Bald schon geht es wieder hinaus auf die andere Seite der Hochebene. Von hier aus sieht man gut hinüber zum höchsten Punkt des Kantons Basel-Stadt, wo sich auf St. Chrischona der große Sendeturm, höchstes Bauwerk der Schweiz, in den Himmel streckt. Über dem Rheintal wabern noch Schwaden von Feuchtigkeit und zwischendurch treffen mich auch noch ein paar Regentropfen. Die in meinem von Müdigkeit verursachten Frösteln vor dem Start nicht abgelegte Jacke habe ich trotzdem schon längst ausgezogen und um den Bauch geknotet.

Nach dem siebten Kilometer ist Geispel erreicht. Auch dieses Gehöft widmet sich nun equestrischen und eine Wasserstelle gleich dahinter unseren läuferischen Bedürfnissen.

Die nächsten drei Kilometer sind wir vorwiegend im Wald unterwegs. Nur kurz öffnet sich zwischendurch der Blick auf die Regio Basiliensis. Unübersehbar dabei, das mit 178 Metern höchste Hochhaus der Schweiz, der Roche Turm 1, Hauptsitz des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche. Schneller, weiter, höher. Diese Devise gilt auch dort, deshalb sollte 2021 der Turm 2 mit 205 Metern Höhe eingeweiht werden. Hier verzichte ich auf schneller. Weiter geht es automatisch und in Richtung Schönmatt auch eindeutig höher. Von nichts kommen die 500 Höhenmeter pro Runde nicht. Aus dem Wald hinaus geht es hoch zur Schönmatt, wo wir mit anerkennenden und aufmunternden Worten sowie einem weiteren Verpflegungsposten empfangen werden. Mit dem hier ausgelobten Bergpreis habe ich nichts zu tun…

 

 
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Wer gemütlicher unterwegs ist und Zeit hat, die Umgebung genau zu betrachten, der stellt sofort fest, dass die Schönmatt nicht nur zu einer anderen Gemeinde als Muttenz, sondern zu einem anderen Kanton gehört. Es ist nur ein kurzer Abschnitt, aber auf diesem kommen wir an zwei Wegkreuzen vorbei. Traditionell war der Kanton Solothurn katholisch geprägt.

Die nächsten vier Kilometer geht es auf asphaltierten und Forststraßen im Wald hinunter zum Eglisgraben, wo bei Kilometer 15 wieder das volle Verpflegungsangebot geboten wird.

An einem weiteren Reiterhof vorbei geht es hinein in die Muttenzer Rebberge, welche beim Wintereinbruch nach Ostern elendiglich gelitten haben.

Die beiden jungen Begleiterinnen der Halbmarathondistanz finden, dass sie auch zünftig leiden müssten, wenn sie, wie Thomas und ich, auf eine zweite Runde gehen müssten. Understatement sagt man dem. Beide wirken nämlich sehr fit.

Es wäre zu locker, wenn es nicht noch einmal einen Anstieg geben würde, deshalb geht es in den Rebbergen hinunter ins Tal und auf der anderen Seite wieder hoch zum Geispel. Immerhin weiß ich, dass dort eine weiter Wasserstelle ist, die wir nach dem siebten Kilometer schon passiert haben. Aber Anstieg ist Anstieg, da helfen auch so schöne Namen wie Paradieshofstraße und Alter Paradiesweg nichts. Vor allem, wenn zwei viel jüngere Läuferinnen das Ziel wittern und unwiderstehlich davonziehen.

Die letzten zweieinhalb Kilometer von der Wasserstell bis zum Ziel sind hälftig abwärts und flach, wobei der einundzwanzigste irgendwie länger erscheint. Zweimal um die Ecke und dann hoch auf den Schulhausplatz, wo Lucas, der Moderator, mich mit netten Worten auf die zweite Runde schickt. Auch die beiden Mädels winken mir zu und sehen aus, als seien sie schon vor langer Zeit hier eingetroffen.

Bevor es wieder um die scharfen Ecken geht, investiere ich etwas Zeit in die Verpflegung. Bananen Orangen, Riegel, Gel, Salzbrezel, Leckerli – die Basler Honiggebäck-Spezialität mit enormem Suchtpotential - Wasser, Cola und Iso. Das Menu wurde von Läufern für Läufer entworfen. Dass dabei die Wünsche und Bedürfnisse der Langsameren und vom Typ her eher Ultraläufer berücksichtigt werden, zeugt vom organisatorischen Fingerspitzengefühl.

Als Vierergruppe gehen wir auf die zweite Runde. Matthew, ein seit zwanzig Jahren auf Teneriffa lebender Amerikaner und Weltenbummler in Sachen Laufen, mit Michelin bereiften Sandalen im Tarahumara-Stil, Thomas und Markus, beides Jahrgangskollegen und ich halten ein laufendes Gesprächskränzchen ab.

 

 
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Da nur noch etwas weniger als die Hälfte der Gestarteten auf der Strecke sind und die meisten vor uns, ist es sonst eine ruhige Angelegenheit. Das kühle, nasse Wetter hält die Städter davon ab, dieses bei schönem Wetter regelrecht geflutete Naherholungsgebiet zu besuchen. Wobei, der Regen hat aufgehört und die Aussicht über die Rheinebene ist gestochen scharf. Die Luft ist reingewaschen. Böse Zungen behaupten, dass die Luft über Basel eben regelmäßig chemisch gereinigt werde.

Von der Schönmatt weg bin ich mit Markus unterwegs und wir unterhalten uns über dies und das. Er hat über den Spreewald Marathon von Muttenz Marathon erfahren, der quasi vor seiner Haustür in seinem üblichen Trainingsgebiet stattfindet. Die Verbindung dazu ist Lausitz-Timing, welche sowohl hier als auch dort für die Zeitnahme verantwortlich zeichnen. Dass sie in Muttenz, weit außerhalb ihrer eigentlichen Jagdgründe im Einsatz sind, ist die gelungene Umsetzung einer Bieridee.

Aber nicht nur über das Laufen sprechen wir - das durch den Austausch angeregte Reflektieren bringt mich dazu, wieder einmal ganz bewusst wahrzunehmen, wie privilegiert ich in verschiedenster Hinsicht bin. Eine angenehme Nebenwirkung solchen Laufens – ohne Risiken.

 

 

Auf dem letzten Kilometer schickt mich Markus vor und ich kann tatsächlich noch Kräfte mobilisieren. Dass ich auf vergleichbarer Strecke fünfzig Minuten weniger benötige als vor einer Woche (der Urkunden-Beweis wird mir kurz nach Zieleinlauf gleich in die Hand gedrückt!), erstaunt mich, zumal sich die Beine lockerer anfühlen. Es gibt Marathon-Mysterien, die versteht man auch nach Dutzenden von Marathons nicht. Aber es gibt andere, die bei genauem Hinsehen eben keine sind. Der Muttenz Marathon zum Beispiel. Eine kleine, feine, mit Herzblut von Läufern für Läufer konzipierte Veranstaltung.

Mein Lobgesang wäre nicht fertig, würde ich nicht erwähnen, dass in der Schulanlage Margelacker die Duschen nicht nur heißes, sondern infernalisch siedendes Wasser bieten. Ein guter Kontrapunkt an diesem sonst himmlisch guten Tag.

 

 

 

 

 

 
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Informationen: Muttenz-Marathon
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