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Laufberichte

Ich bin doch nicht blöd

09.11.08

Marathonläufer sind für ihre Ausdauer bekannt. Die brauchen sie,  wenn es darum geht, die 42,195 Kilometer hinter sich zu bringen. Sie zeichnen sich aber auch durch eine besondere Ausdauer und Hartnäckigkeit bei irgendwelchen Gesprächen aus, die sie immer wieder so drehen können, dass ihr Steckenpferd zur Sprache kommt. Nicht viel Ausdauer braucht es dabei, wenn sich die Gespräche ums Reisen drehen, denn es gibt kaum einen Ort, dem der Vollblutläufer im Rahmen einer Marathonveranstaltung nicht schon die Aufwartung gemacht hat, und so ist es ein Einfaches, das Gespräch in die gewünschte Richtung zu lenken.

Dafür, dass es kaum einen Ort gibt, an welchem nicht schon ein Marathon stattgefunden hat, sorgt wiederum die Ausdauer, mit welcher es Läufer immer wieder schaffen, andere nicht nur zum Laufen, sondern auch zum Mitorganisieren zu überzeugen. Einer davon ist Peter Schmid.

Als passionierter Marathonläufer und Geschäftsführer des Media Markts in Muri hat er es geschafft. Mit Hilfe der Organisatoren des etablierten GP von Bern hat er den 1. Media Markt Muri Marathon auf die Beine gestellt.

Als ich die Ausschreibung las, war mein erster Gedanke: „Ich bin doch nicht blöd. In einem Vorort von Bern achtmal die gleiche Runde zu drehen und als Höhepunkt in jeder Runde einmal durch den Media Markt zu laufen, entspricht nicht unbedingt meiner Vorstellung eines Marathons. Ganz ehrlich gesagt, hätte ich mich von mir aus nicht ohne weiteres angemeldet. Gut, dass Berichte nur authentisch sind, wenn der Autor vor Ort war, und diese Aufgabe mir übergeben wurde. So gab sich mir die Gelegenheit festzustellen, ob ich nun blöd bin oder nicht.

Schon im Vorfeld war ich auf den Punkt gekommen, dass mir jegliche Art von Marathon zugesagt hätte, egal wie verrückt, seltsam, kurios oder was auch immer er gewesen wäre. Wie schnell doch eine gesundheitliche Beeinträchtigung den Fokus und die Ansprüche ändern kann. Glücklich und zufrieden, dass mir der Medizinmann - entgegen meinen Befürchtungen-  immerhin ein lockeres Laufen fern der Leistungsgrenze erlaubt hat, mache ich mich auf den Weg nach Gümligen. Kurz nach Bern, an der Autobahn ins Berner Oberland, ist der Austragungsort bei der Autobahnausfahrt Muri unübersehbar.

Eineinhalb Stunden vor dem Start sind die Helfer noch emsig damit beschäftigt, die Infrastruktur herzurichten. Ein paar Meter vom Media Markt entfernt wird auf einer Wiese gerade ein Parkplatz für die Teilnehmer und Besucher hergerichtet. Dass die Kundenparkplätze  des Elektronikmarktes nicht genutzt werden können, ist verständlich, da die Zufahrt an diesem Tag der Start- und Zielbereich ist. Weniger verständlich ist mir, weshalb für dieses Parken im Grünen fünf Franken entrichtet werden müssen.

 
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In einer modernen Schulanlage, etwa einen Kilometer entfernt, finde ich Startnummernausgabe, Garderoben und Wertsachenaufbewahrung. Wer hier – wie schon am Swiss Alpine – seinen eigenen Champion Chip mitbringt, zahlt trotzdem die gleiche Startgebühr.

Flugs habe ich meine Startnummer von einer freundlichen Helferin, womit mir noch viel Zeit bis zum Start verbleibt. Ich gehe zurück zum Auto, mache es mir gemütlich und lese noch eine halbe Stunde. Ich bin ganz entspannt und bemerke keine Spur von Aufregung. Durch den verhangenen Himmel drückt immer wieder die Sonne durch, zwischendurch tröpfelt es aber auch. Zwanzig Minuten bevor es losgeht entscheide ich mich, in welcher Ausstattung ich laufen werde und schlendere zum Startbereich. Dort schalte ich einen letzten Boxenstopp ein und gönne nachher meinem rechten Fuß noch ein paar gezielte Dehnungsübungen. Intensives Dehnen und meine selbst gebastelte Nachtschiene haben ihn in den vergangenen Wochen nahe an seine alte Bestform gebracht.

Das Feld der Startenden umfasst etwa 300 Läuferinnen und Läufer, wovon rund siebzig mit roter Startnummer ausgestattet sind. Die anderen beiden Farben bezeichnen diejenigen, die sich für den Halb- oder den Viertelmarathon entschieden haben. Es werden noch Interviews mit Teilnehmenden geführt, darunter einem Läufer aus Deutschland, der mit der Startnummer 60 seinen sechzigsten Marathon bestreitet.

Als Letzter löse ich die individuelle Zeitmessung aus und vorbei an den Cheerleader-Girls mache ich mich auf den Weg. Der Gedanke an acht gleiche Runden hat keine beängstigende Wirkung mehr, vielleicht auch aus dem Grund, dass ich um die Möglichkeit weiß, frühestens nach zwei Runden aufgeben zu können und mindestens in die Wertung des Viertelmarathons genommen zu werden.

 
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Nach dem Start biegen wir auf die Hauptstraße ein, welche uns an zwei Bauernhäusern vorbei ins Siedlungsgebiet von Gümligen bringt, das wir kurz nach dem ersten Kilometer bereits wieder verlassen. Die schmale geteerte Straße führt durch ein schönes Waldstück, wo eine knackige Steigung auf uns wartet. An dieser Steigung treffe ich auf Reto Baumgartner, der anders als die anderen unterwegs ist. Die Besonderheit ist die, dass er einen großen Flachbildschirm am Rücken trägt. Hätte ich nicht das Interview mit ihm vor dem Start gehört, ich würde mir ernsthaft die Frage stellen, ob ich richtig sehe. Doch ich sehe richtig und weder er noch ich sind blöd.

Kurz vor dem Waldrand, dort wo ich einen Blick auf die Berner Alpen erhaschen kann, biegen wir scharf links ab. Die Kurve ist insofern entschärft, als die Helfer sie vom nassen, rutschigen Laub befreit haben.  Die vorher gesammelten Höhenmeter werden auf diesem Abschnitt wieder neutralisiert. Beim Verlassen des Waldes tut sich rechter Hand der unverstellte Blick auf die Alpen auf und gerade in dem Moment braust ein ICE unter uns in diese Richtung. Offenbar ist heute nicht nur mein Fahrwerk, sondern auch das des ICE anstandslos einsatzbereit.  Wenige Meter nach dem Überqueren dieser Zufahrt zu einem Kernstück der NEAT (Neue Eisenbahn Alpentransversale), dem fast 35 Kilometer langen Lötschberg-Basistunnel, unterqueren wir eine zweite Bahnlinie, welche ins Emmental führt.

Hier, dem Waldrand entlang, geht es auf unbefestigtem Weg wieder leicht aufwärts. Bevor wir ganz im Wald verschwinden und auf typischem Waldweg eine weitere Steigung zu bewältigen haben, kommen wir am Zelt der Samariter vorbei, womit die erste Hälfte der ersten Runde schon mal im Trockenen ist. Das kurze Stück im Wald weckt Erinnerungen an den Pfälzerwald Marathon, doch bald darauf befinden wir uns schon wieder auf Asphalt und unterqueren wieder die Trasse der beiden Bahnlinien. Nach der Unterführung kreuzen sich Hin- und Rückweg, für mich gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn es kommt mir Didier Comina entgegen, der schon jetzt einsam vorne liegt,  seine Führung bis ins Ziel nicht mehr abgibt und mit über zwei Minuten Vorsprung gewinnt.

Etwas weiter steht schon die vierte Distanztafel. Es besteht keine Gefahr, dass ich die humorvoll auf die Straße gepinselte Geschwindigkeitsgrenze nicht einhalte, aber ich bin locker unterwegs. Wenig später liegt die beschauliche Wohngegend hinter uns und bereits ist der Bogen beim Reitzentrum zu sehen, der den Verpflegungsposten nach dem Maisfeld ankündigt. Ein Blick  hinüber zu dem architektonische ansprechenden Bau und ich frage mich: „Bin ich blöd?“  Da sehe ich doch tatsächlich ein Pferd auf einem Laufband. „Armes Vieh“, denke ich, und „wie privilegiert ich doch bin, dass ich nicht nur an Ort treten darf!“

Beim Verpflegungsposten lasse ich es fürs Erste mit einem Becher Wasser gut sein; auf  Iso, Gel und Obst kann ich später zurückgreifen. Mit den Klängen der Guggenmusik im Ohr nehme ich die Kurve und steuere erstmals auf den Media Markt zu. Vor dem Betreten des Gebäudes wird die Zwischenzeit gemessen und umgehend mit der aktuellen Rangierung auf mehreren Bildschirmen im Innern angezeigt. Beim Durchqueren des Markts renne ich auf einen Läufer zu, der mir bekannt vorkommt. Es ist mein Konterfei, welches von einer Videokamera aufgenommen wird und mir auf einem monströsen Flachbildschirm entgegenkommt. Um nicht in die Plasmawand zu krachen, muss ich einen Haken schlagen und an den Kassen vorbei und nach einem weiteren Haken zum Ausgang.

Die Cheerleaders – Dritte an den Cheerleader Schweizermeisterschaften - empfangen mich draußen, als wäre ich der schnellste, der einzige oder der schönste Läufer…

Die nächsten drei Runden verbringe ich plaudernd mit einem Läufer, der sich dann aus Verletzungsgründen für einen kurzfristigen Wechsel auf die halbe Distanz entscheidet.

 
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Ich kann es kaum glauben, dass ich schon mehr als die Hälfte in den Beinen habe. Ich fühle mich immer noch locker. Die Strecke hat so viele verschieden Facetten, dass sie auch beim wiederholten Mal nicht langweilig oder zermürbend würde, obwohl nur noch gut fünfzig Marathonis unterwegs sind.  Mittlerweile gibt noch eine zweite Musikgruppe den Läufern ihre Unterstützung und auch das Wetter bleibt so abwechslungsreich wie es schon vor dem Start war: Ein paar Sonnenstrahlen wechseln sich mit Regentropfen ab, beides aber so dosiert, dass ich meine Kleiderwahl als Erfolg bezeichnen kann.

Irgendwann treffe wieder mit André zusammen, der heute seinen ersten Marathon läuft und mit dem ich mich zu Beginn schon unterhalten habe. Er hat seine Kräfte gut eingeteilt und ist in gleichmäßigem Tempo unterwegs. Er hat besondere Betreuung an der Strecke, seine Kinder, die ihn an strategisch günstiger Stelle auf dem Hin- und Rückweg anfeuern und ihm mit Getränk und Riegel entgegenlaufen.

Auf meiner letzten Runde schließe ich wieder zu Reto auf, der mit dem Fernseher am Rücken erstaunlich schnell unterwegs ist. Er erzählt mir, dass er, der bei keinem Wettbewerb etwas gewinnt, ausgerechnet diesen Wettbewerb gewonnen hat. Der Preis ist das, was er eben macht: Den Marathon mit diesen zwanzig Kilo am Rücken zu laufen. Dafür sind ihm sieben Stunden gegeben und das Versprechen, dass er dafür eine solches Teil mit nach Hause nehmen darf.

Ich kann es kaum glauben, wie schnell diese acht Runden vorbei gehen. Vermutlich hat sich der Hammermann gesagt „Ich bin doch nicht blöd“ und ist zu Hause geblieben. Schließlich wäre es für ihn mit größerem mathematischem Aufwand verbunden, auszurechnen, wer sich gerade auf welcher Runde befindet, um dann beim richtigen Kilometer zuschlagen zu können. Bis ich im Ziel bin lässt er sich auf jeden Fall nicht blicken.

 
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Obwohl ich eigentlich schon genügend davon habe, vermisse ich das Ritual, eine Medaille umgehängt zu bekommen. Dies ist den Läufern auf den Rängen vorbehalten. Das Finisher-Geschenk hingegen kommt mir gelegen: Marken-Ohrhörer für meinen MP3-Player und damit für mein mentales Wohl auf den geplanten langen Winterläufen. Für das unmittelbare körperliche Wohl sorgen Trockenfrüchte und Getränke, „bleifrei“ inbegriffen.

Dieser kühle Becher lässt meine Betriebstemperatur so schnell absinken, dass ich mir im Auto Jacke und Kleider hole und mich schnell zu den Duschen aufmache, wo ich die Wohltat des richtig heißen Wassers genieße.

Erfrischt und aufgewärmt gehe ich wieder zurück zum Zielgelände. Auf dem Weg dorthin kann ich die Teilnehmer des Achtelmarathons anfeuern. Auch die Guggenmusik widmet sich mit Ausdauer immer noch dieser Aufgabe.

Ich komme gerade rechtzeitig, um der Übergabe des Wettbewerbgewinns beizuwohnen, einem stattlichen 42“-Fernseher. Bis zu den letzten Siegerehrungen und der Verlosung von elektronischen Sachpreisen sehe ich mir die Fotowände an. Ein Sponsor präsentiert die Qualität seiner Drucker, indem er Fotos der Veranstaltung vor Ort ausdruckt und aushängt. Man darf seine Bilder suchen und als Erinnerung mitnehmen, was ich auch gerne mache, denn mehr als die Hälfte davon zeigt mich in sehr schmeichelhaftem Licht. Der entspannte Gesichtsausdruck wird meinen Arzt überzeugen, dass ich unverkrampft und gemütlich unterwegs war – meine Beine spürt er ja nicht; ich aber auch nicht.

Die Veranstalter werden demnächst den Anlass analysieren und dann entscheiden, ob der Media Markt Muri Marathon auch ein zweites Mal stattfinden soll. Ich würde es begrüßen. Das Konzept mit den verschiedenen Distanzen, der Möglichkeit früher auszusteigen und auf der kürzeren Distanz klassiert zu werden, überzeugt mich und eignet sich besonders für Einsteiger. Da am Nachmittag auch Kinder- und Jugendläufe angeboten werden, ist eine aktive Teilnahme als Familie möglich. Wenn es gelingt, noch mehr Volksfeststimmung zu generieren und damit mehr Zuschauer anzuziehen, dann hat diese Veranstaltung gutes Potential, sich als origineller Ausklang der Saison zu etablieren. Und wer ist so blöd, sich so was entgehen zu lassen? Ich sicher nicht!

 

Informationen: Muri Marathon
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