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Laufberichte

Der ganz normale Wahnsinn

17.04.04

Der ganz normale Wahnsinn oder: Monschau-Marathon-Premiere bei 30 Grad im Schatten

 

Ein wenig verrückt muss man schon sein. Wenn das Vorurteil, dass uns Marathonläufern hartnäckig hinterher rennt, denn wahr ist, dann traf es am 9. August 2003 ganz besonders zu. Im Radio wurde jeder Wetterbericht mit der Zusage garniert, größere Kraftanstrengungen im Freien zu meiden. Schließlich war auch für besagten Sonntag eine Temperatur weit jenseits der 30 Grad-Marke angekündigt, dazu hohe Ozonwerte in der Eifel. Was tun? Zwei Monate Vorbereitung in den Wind schießen, stattdessen bei einem kühlen Bierchen auf dem Konzener Dorfplatz den Anderen, den noch Bekloppteren, bei der Quälerei zusehen?

 

Wir, das heißt meine Trainings- partnerin Birgit Hammer und ich, fällten eine Entscheidung: „Wir laufen . . .aber wenn es zu hart wird, steigen wir aus. Gesundheit geht vor“, so unser Ansinnen. Gut eineinhalb Jahre zuvor hatten wir etwa zeitgleich entdeckt, dass man den 30- oder 60-Minuten-Lauf im richtigen (langsamen!) Tempo eigentlich recht locker auf zwei oder drei Stunden ausdehnen kann, dies aber weit mehr Spaß macht, wenn man nicht alleine läuft. Seither trainieren wir die so genannten „langen Läufe“, wichtigstes Element in der Marathon- vorbereitung, gemeinsam, mal rund um den Rursee, ins schöne Eicherscheider Heckenland oder durch das Belgenbachtal um Konzen und Imgenbroich.

 

Bei unserem geplanten ersten Marathon im November 2002 am Rursee aber hatte Birgit kurzfristig aus beruflichen Gründen nicht starten können, und so war der 26. Monschau-Marathon mein zweiter und ihre Premiere. Wir gelobten, zusammen zu laufen, Zielzeit: Ankommen – alles andere ist beim ersten Marathon unvernünftig! Am Start Wettkampftag! Erst eine halbe Stunde vor dem Start kommen wir in Konzen an, laufen uns ein wenig warm und gesellen uns zur bereits wartenden großen Meute am „Königshof“. Die frische Morgenluft, die das Laufen morgens in der Eifel zu einem Erlebnis macht, weicht einer Mischung aus Schweiß und Franzbranntwein, aufgeregt fummeln alle an ihren Pulsmessern herum, schnüren zum 16. Mal ihre Schuhe und zupfen die Startnummer hin und her. „Ich fass es nicht“, stoße ich meine Laufpartnerin an und zeige auf einen Läuferkollegen, der nicht nur lange Hosen und einen Pullover trägt, sondern noch ungefähr fünf Liter Getränke in diversen Plastik- und Tupperdöschen, am ganzen Körper verteilt, mitschleppt. Wir verlassen uns da ganz auf das sprichwörtlich „beste Marathon-Publikum der Welt“ – und sollen Recht behalten . . .

 

Der Startschuss ertönt, doch ehe wir loslaufen können, vergehen fast anderthalb Minuten. Am Rochuskreuz vorbei, nehmen wir Kurs auf Stillbusch, doch schon spüre ich, was kommen musste… Dem kurzen Ausflug ins Gebüsch folgt der unter Marathoni eigentlich verpönte Sprint am Feld vorbei, doch schließlich muss ich meine Laufkollegin wieder finden. Kurz vor der Flora gelingt es mir, sie einzuholen. Ausgangs der Serpentinen steht der „Mann mit der Büchse“, Peter Borsdorf,


klatscht in die Hände und ruft allen, die er kennt, namentlich aufmunternede Worte zu. Er kennt viele… Schlafende Stadt Runter geht es die Laufenstraße, wie von selbst rollen die Beine über den Asphalt und übers Altstadtpflaster, doch die Stadt im Tal scheint noch zu schlafen. Nur auf dem Markt klatschen ein paar Zuschauer – Freunde und Familien der Läufer ganz offensichtlich.

 

Durchs Rosenthal geht es Richtung Kluckbachbrücke, immer noch ist es angenehm kühl an diesem Augustmorgen, „so kann es weitergehen“, denke ich, wohl wissend, dass nun die ersten Anstiege anstehen.

Hinter der Brücke geht’s gleich steil bergauf, doch die herrliche Luft auf dieser Waldetappe bis Widdau wirkt wie eine Sauerstoffdusche, erfrischend, belebend. Der stetige, leichte Anstieg bis zur 10 km-Getränkestation aber hat mich doch, fast unbemerkt, ein wenig schwitzen lassen, so dass die Erfrischung vor dem wunderschönen Fachwerkhaus in Widdau gerade recht kommt. Die „Dusche“ und das Getränk bringen mich ein wenig aus dem Tritt, doch die nächsten Kilometer geht es wieder etwas bergab, so dass ich laufen lassen kann. Schließlich naht der Abschnitt, der durch die Erzählungen vieler Monschau-Marathonläufer wie eine Bedrohung klingt, wo er doch so idyllisch ist: das Holderbachtal!

 

Über zwei Kilometer fast nur bergauf, teils sehr steil. Vom weichen Waldboden unten im Tal geht es auf Schiefer und Schotter empor. Viele Läufer gehen hier, doch Birgit und ich sind die Steiletappe schon öfter im Training gelaufen und bleiben im leichten Laufschritt. Rasch wird deutlich, dass die Eifeler Läufer hier einen Heimvorteil haben. Wer im Eifelland „laufen lernt“, muss häufig Steigungen laufen. Und so verkrafteten wir dieses Stück gut, liegen bei km 14 immer noch im Rahmen unseres Sechs-Minuten-Schnitts, was auf eine Zielzeit von etwa 4:12 Stunden hinausläuft.

 

Sonne und Windräder Strapaziöser gestalten sich da schon die nächsten Kilometer. Die Schleifen hoch nach Rohren wollen nicht enden, und als wir endlich den Wald verlassen, knallt die Sonne uns erstmals an diesem Tag mit ihrer vollen Hitzeladung entgegen. Der Weg vorbei am Sportplatz und rauf bis zum höchsten Punkt, kurz vor Brath, ist staubig und beschwerlich. Gut, dass das Feld sich schon ziemlich auseinander gezogen hat und wir nicht die Staubwolke des Vordermannes schlucken müssen, denke ich. Die riesigen Höfener Windräder springen beim Weg bergauf plötzlich ins Auge, ich erschrecke, die Dinger wirken fast bedrohlich.

 

Hoch oben in Höfen überqueren wir die Bundesstraße, am einstigen Bundeswehrdepot stehen große Zuschauermassen, reichen Schwämme und Getränke, Obst und allerlei Riegel, feuern an.


Zwei dicke Schwämme drücke ich über mir au, bin nun nass bis auf die Haut, doch es tut gut. Die Hälfte der Strecke ist geschafft. Der Weg ins wunderschöne Perlbach- und Fuhrtsbachtal geht zunächst bergab, doch langsam schwindet der Blick für die schöne Natur. Immer wieder lassen unbewaldete Stücke die Sonne erbarmungslos auf uns herab brennen, doch es kann jetzt nicht mehr weit sein bis Gut Heistert und Kalterherberg. Ein übles steiles Stück hoch muss bewältigt werden, ehe wir am Stand einiger Freunde aus Monschau und Imgenbroich eine kühle Dusche und bewundernden Beifall genießen dürfen.

 

In Kalterherberg an den Straßen und am Eifeldom stehen unzählige Menschen, „einmalig!“ denke ich, als mein Blick nach rechts an eine große Hecke geht: Zwei Läuferkollegen hocken dort, haben sich übergeben, ein paar Meter weiter liegen andere im schattigen Gras, sind am Ende ihrer Kräfte. Am Eifeldom bleiben direkt vor uns zwei Läuferinnen stehen, auch sie können nicht mehr. Fast 100, so erfahre ich später, steigen aus. Und dabei kommt das Härteste noch: die Kilometer 30 bis 33 mit dem sprichwörtlichen „Mann mit dem Hammer“ und mit der Steigung ab Leyloch. Auto-Schock Meine Freundin hatte versprochen, uns auf diesem kritischen Stück, den knapp 10 Kilometern von Kalterherberg bis Mützenich, zu begleiten, und tatsächlich: am Fedderbach erwartet sie uns bereits. Mittlerweile schmerzen die Beine und Füße, doch im Gespräch mit ihr fliegt die sonst unendliche Rosengasse an uns vorbei.

 

Im Leyloch dann ein Schock: 34 Kilometer haben wir mehr oder minder im Grünen zurückgelegt und ausgerechnet hier, 8 km vor dem Ziel und der Erschöpfung nahe, bläst uns Auto an Auto die Abgase in die weit offene Lunge. Beim Wechsel der Straßenseite müssen wir sogar aufpassen, von den Autos nicht erfasst zu werden. Der rege Verkehr macht den ohnehin beschwerlichen Weg bergauf noch härter, doch die Aussicht, bald in Mützenich zu sein, lässt uns rhythmisch weitertraben. Denn für einen Läufer der LG Mützenich gibt es beim Monschau Mararthon eigentlich zwei Zieleinläufe – das „richtige“ Ziel in Konzen und 4 Kilometer vorher Lauscheit: Das Volksfest in diesem Dorfteil von Mützenich ist einfach nur geil! Dicht gedrängt stehen die Leute hier, hundert kleine und große Händen klatschen, reichen Essen, Trinken und kaltes Wasser, die Kinder haben bunte Bilder und aufmunternde Worte mit Kreide auf den heißen Asphalt gemalt.

 

Wie in Trance laufe ich weiter, am liebsten würde ich hier stehen bleiben. Meine Freundin steigt aus, gibt mir einen flüchtigen Kuss, wünscht mir Glück. Gänsehaut ohne Ende Auf dem langen Kirschensteinweg kommen mir Marion und Wolfgang Braun, unsere Ultras, entgegen, rufen „Super Junge, genieß es!“ Gut gemeint, doch mir tut jetzt einfach nur noch alles weh.

 

Der kleine Anstieg, vorbei am Troistorffer Weiher wird zur Tortur, doch es folgt die Erlösung: Kilometer 41,  jetzt höre ich das Getöse und den Lautsprecher vom Dorfplatz. Ein guter Kilometer noch, das sind gut sechs Minuten, „die schaffts Du!“ denke ich und blicke mich nach Birgit um, die sich in Mützenich ein wenig hat zurückfallen lassen. Nichts zu sehen von ihr. Was ich nicht weiß: Sie ist nur eine Minute hinter mir, schafft ihren "Ersten" mit Bravour.


Im Ziel ist der Teufel los. Vor gut anderthalb Stunden ist der Sieger hier angekommen, doch auch jetzt noch beklatscht das Publikum jeden, der hier ankommt. Alle Schmerzen sind plötzlich weg, Gänsehaut ohne Ende. Ich schaue auf die große Zeittafel: 4:14 Stunden – fast sechs Minuten mehr als bei meinem ersten Marathon. Egal, denke ich und balle die Fäuste. Geschafft! Ein Traum ist wahr geworden: So oft habe ich den Monschau-Marathon als Zuschauer erlebt und als „Mann von der Zeitung“ beschrieben. Nun habe ich ihn selbst bewältigt. Dieses Gefühl kann nur nachempfinden, wer einmal in Konzen durchs Ziel gelaufen ist.

 

Zur Person: Heiner Schepp, damals noch 41, aus Imgenbroich, ist Lokalredakteur der Eifeler Nachrichten/Eifeler Zeitung und startet für die LG Mützenich und den FC Imgenbroich. Nach einem dreifachen Wadenbeinbruch im Jahr 2000 beendete der bekennende „Lauf-Hasser“ seine aktive Fußballerkarriere und erarbeitete sich in einem einmonatigen Programm nach „Laufpapst“ Dr. Strunz mit täglichem Training vor dem (gesunden) Frühstück eine halbstündige Laufgrundausdauer. Bereits drei Monate später weitete er seine fast täglichen Runden auf 45 bis 60 Minuten aus, bestritt als ersten Laufwettkampf seines Lebens überhaupt den Halbmarathon beim Vennlauf in Mützenich und behauptet heute, „dass jeder gesunde Mensch mit entsprechender Vorbereitung einen Marathon schaffen kann“.

 

Informationen: Monschau-Marathon
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