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Himmelswege, Sternstunden der Jahrtausende

04.09.11
Autor: Joe Kelbel

„In der Nacht vom 18. zum 19. Januar 1945 warfen sowjetische Flugzeuge Bomben auf unser Gutsgelände... in aller Hast entschlossen wir uns schweren Herzens zur Flucht. Treibstoff und Pferde hatte die Wehrmacht beschlagnahmt...“ so beginnt der Bericht meiner Großmutter.

Es blieb nur der Weg über das Riesengebirge. „Frauen weinten, Kinder schrien, die Männer schritten stumm neben den Wagen. Der Schneesturm peitschte Eiskristalle ins  Gesicht. Kilometerweit formierte sich der Zug der Flüchtenden.“ Und dann froren die Bremsen der Ochsenkarren ein. Die Karren rutschten rückwärts den Berg hinunter, eine verheerende Kettenreaktion, zahlreiche Flüchtinge  kamen dabei ums Leben.

Viele schlesische Flüchtlinge landeten damals in Halle. Felix Graf Luckner  („Der Seeteufel“) schlug sich zur US-Armee durch. Seine Verhandlungen bewahrte Halle mit seinen  zahlreichen Flüchtlingen vor der Bombardierung. Halle wurde anders als Dresden unzerstört an die Amerikaner übergeben. Entsprechend der Erklärung von Jalta zogen die USA aber am 01. Juli 1945  ihre Truppen aus den als SBZ bestimmten Gebieten ab und rückten im Gegenzug in die für sie reservierten Westsektoren Berlins ein. Meinem Großvater kostete diese neue politsiche Situation das Leben, mein Vater wurde inhaftiert, flüchtete dann nach West-Berlin.

Oft wurde behauptet, dass die Vertriebenenverbände den Begriff „Mitteldeutschland“ geprägt hätten, um die Grenze zu den verlorenen Ostgebieten wenigstens sprachlich zu ignorieren.

Dabei gibt es den  Ausdruck schon sehr lange. Ursprünglich kommt die Bezeichnung aus der Sprachforschung und bezeichnet das Gebiet, wo eben Mitteldeutsch gesprochen wird.

Zu  DDR-Zeiten dann bezog man den Begriff  nur auf das Gebiet Halle-Leipzig, wo man vom „Mitteldeutschen Industrierevier“ und dem heutigen Mitteldeutschen Chemiedreieck sprach.
Eine politische Bedeutung steckt hinter „Mitteldeutsch“ jedenfalls nicht. Viele Firmen, Sportverbände und soziale Einrichtungen nutzen den Ausdruck schlicht als Alternation.

Vom Hauptbahnhof Halle sind es wenige Meter bis zum Marktplatz, wo die Infrastruktur des Marathons zu finden ist. Doch ich muss unbedingt zuerst in das Landesmuseum für Vorgeschichte (Straßenbahn 7 ab Hbf.).  Das Gebäude ähnelt einem Bunker. Kein Wunder, hier befindet sich eine pizzagroße Scheibe, die mit 100 Mio Euro Versicherungssumme wohl Deutschlands wichtigster Schatz ist: Die Himmelsscheibe von Nebra. Für mich so wichtig wie der erste Besuch am Grab meines Großvaters.

 
© marathon4you.de 4 Bilder

Die Scheibe zeigt die weltweit älteste  Darstellung astronomischer Phänomene. Sonne und Mond werden  in ihrem Himmelslauf abgebildet. Zwischen den Horizonten  ein Schiff in nächtlicher Fahrt über den Himmelsozean. Einblick in das Wissen unserer Vorfahren über den Weltenlauf und seine religiöse Deutung vor 3600 Jahren. Mehr geballtes Wissen als bei den Ägyptern zur damaligen Zeit. Die gesamte Geschichte der Scheibe: ein einzigartiger Krimi.

Striktes Fotoverbot, nur die Repliken im Souveniershop darf ich fotografieren. Es wird kontrolliert, dass ich das Handy aushabe. Ständig Security um mich herum, und dann betrete ich einen stockdunklen Raum, 10.000 Sterne über mir, den Securitymenschen kann ich nur noch riechen,  dann schwebt die Scheibe dort vor mir. Klasse! Ein Ort, den man unbedingt einmal im Leben besucht haben muss: Mitteldeutschland und die Himmelsscheibe von Nebra.

Die Scheibe stammt nicht aus einem Grab, sondern aus einem Hort, eine sogennante Schatzniederlegung, Opfergabe. Begraben wurde eine metallische Besonderheit, deren Wichtigkeit und Bedeutung sich geändert hatte.

Und dann die Gräberfelder aus prähistorischer Zeit. Eingeschlagene Schädel, es muss eine grausame Zeit damals gewesen sein. Kinderskelette. Auch Schädel mit verheilten operativen Eingriffen. Genetische Untersuchungen auf Verwandschaftsverhältnisse an 4000 Jahre alten Knochen. Hunderte von Steinbeilen an den Wänden, Steinmesser und Pfeilspitzen. Eine Schädelzertrümmerungstätte: Schädel Verstorbener wurden zerkleinert und man hinterließ tausende von Schädelstückchen für die Nachwelt - war jetzt auch neu für mich.

Mir wird klar, warum hier bei Halle soviele Fundstellen sind: nach der Eiszeit bildete sich hier eine abwechslungsreiche Steppenlandschaft mit dem wichtigsten Gut: Salz. Ganze Herden kamen hierher um Salz zu lecken, eine leichte Beute für die Vorzeitossis.

Das Läuferherz würde doch lachen, wenn man alle Fundstätten mal ablaufen könnte! Und tatsächlich: www.himmelswege.de , der Lauf der Heroen am 16.Juni 2012 über 120 Kilometer verbindet die Arche Nebra, das Sonnenobservatorium in Goseck, das Großsteingrab der Dolmengöttin, das Museum in Halle und andere wichtige Fundstätten zwischen Saale und Unstrut. Der Mitteldeutsche Marathon deckt ein Teilstück des Himmelsweges ab.

Und dann geht es 200.000 Jahre zurück: Ein Mammutskelett aus hiesiger Braunkohle. Nichts Besonderes, hätten die Ossijäger nicht ihre Werkzeuge beim Wühlen im Fleisch verloren. Und so liegen Pfeilspitzen, Schaber und Messer zwischen und in den Knochen, als wären sie eben gerade erst fortgelaufen. Schwer beeindruckt träume ich von dieser Zeit, in der der Mensch Jäger und Läufer war. Ich weiss nicht, wie ihr es empfinden würdet in diesem Museum, mich hat es total umgehauen. Jäger und Läufer, das bin ich!

 
© marathon4you.de 32 Bilder

Und weiter geht mein Himmelsweg: die Hallesche Marktplatzverwerfung. Das könnte jetzt ein neuer Partyauftritt von mir sein, ist aber eine tektonische Störung quer durch Halle. Nun hat jeder mal ne tektonische Störung, diese aber hat Halle reich gemacht: es dringt Sole, also Salz nach oben. Und da man die Marktkirche genau auf dieser Bruchlinie gebaut hat, hängt der westliche Turm ein bisschen schief. Erdbeben gibt es jetzt nicht mehr, dafür ein Geoskop, ein unscheinbarer Metallkasten. Damit kann man mehrere Meter tief in den Marktplatz hineinschauen.

Und jetzt muss man sich ein paar Jahrtausende zurückdenken: Da sind Mammut, Höhlenlöwe, Wildschweine und Bären hier auf dem Marktplatz um Salz zu lecken, und dann kommen die mitteldeutschen Ossis und machen Steaks draus. Für mich ein fantastisches Bild.

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Informationen: Mitteldeutscher Marathon
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