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Laufberichte

Traumhafte Zeit

23.08.14

Da ich von meinem Domizil in der Norddeutschen Tiefebene meist nur einmal im Jahr in die Alpen komme, lassen sich ein paar Urlaubstage in toller Umgebung mit der notwendigen Akklimatisation an die Höhenlage verbinden. Die sollte schon sein, schließlich kommen wir im Verlauf des „46 K“ nur einmal unter 2000 m. 

Läufe halte ich in den letzten Tagen vor dem Rennen nicht mehr für sinnvoll. Gemütliche Bergwanderungen mit meiner Frau bieten uns tiefe (dafür muss man sich schon bücken) Einblicke in den Teil der Alpenflora, der gerade in Blüte steht, und steigern die Vorfreude auf den langen Renntag durch den Anblick der gewaltigen Berge und Gletscher den wir jeden Tag genießen dürfen. Auch das Wetter ist uns wohlgesonnen. Um es vorwegzunehmen: Temperatur und Einstrahlung waren auch am Renntag bis abends so angenehm, dass T-Shirt und kurze Hose ausreichten  und so mein Laufvergnügen noch weiter gesteigert wurde.

Zermatt ist groß geworden und wächst weiter. Da der enge Talgrund nicht ausreicht, werden neue Häuser aufwendig an Steilhängen gebaut. Teilweise erreicht man sie durch einen Tunnel mit einem Aufzug, der uns durch den Fels von unten ins Haus bringt. Da die Schweiz im Wesentlichen zahlungskräftige Gäste erwartet, sind aufwendige Bauten möglich. So wird auch die traditionelle Dachdeckung mit riesigen Steinplatten weiter gepflegt. Einige alte Speicher auf Mäusesteinen sind sogar im Zentrum zu bewundern.

 
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Im Ort fallen schon 4 Tage vor dem Start die Streckenmarkierungen auf. Bei einer Auswahl von 4 Routen haben die Teams ja auch viel zu tun. Die Markierung und die Betreuung rund um das Rennen sind dann auch vom Feinsten.

 

Start

 

Statt des verbreiteten „Highway to Hell“ stimmen uns auf dem Kirchplatz Alphornbläser auf den Tag in den Bergen ein. Das ist sicher gut für mich, schließlich kann ich heute kein hohes Tempo vorlegen. Zwar ist es zunächst kühl, da es aber sofort bergauf geht, wird es mir unter dem Windbreaker schnell zu warm. Nach 3 km sind die ersten 300+ Hm geschafft und es geht entlang einer Wasserleitung eben weiter. Meine Oberschenkel erinnern mich schon hier an das fehlende Bergtraining. Dabei liegen heute noch 10-mal so viele Hm vor mir.

 
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Jede Lücke im Zirbenwald gibt den Blick auf das Matterhorn frei. Das begleitet uns durch den Tag, zusammen mit immer mehr Viertausendern, die nach und nach in den Blick kommen. Der erste Verpflegungspunkt auf der Sunnega Bergstation (2,288 m) ist schon nach 6 km erreicht. Noch ist es zu früh für ausgedehnte Tafelfreuden. Auch weiß ich noch nicht, ob ich mir um das Zeitlimit um 15 Uhr in Stafel Gedanken machen muss. So geht es gleich wieder bergab. Vor dem großen Anstieg auf den Gornergrat muss erst das Findelbachtal durchquert werden. Das Matterhorn vor Augen, laufen wir durch den Weiler Findeln, wo uns die netten Einwohner auch außerhalb der offiziellen Vepflegungsstationen Erfrischungen anbieten.

 

Gornergrat

 

Nun kommt der längste Anstieg dieser Strecke. Von 2000 m geht es fast ohne flache Abschnitte auf 3100. Wie auf der gesamten Strecke sind wir meist auf gut ausgebauten Wanderwegen unterwegs, je nach Steilheit für mich auch bergab nicht überall laufbar. Ich komme gut voran. Es fasziniert mich immer wieder zu beobachten, dass ich auf manchen Rennen die im Mittel gleich schnellen Läufer bergab wieder einhole, bei anderen Rennen bergauf. Heute ist wieder letzteres der Fall.

 
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Die Ankunft auf dem Gornergrat ist ein besonderes Schmankerl. Erst geht es auf einem Skiweg auf 3000 m Höhe ein Stück weiter ins  Hochtal hinein, ehe wir auf einer angefrorenen Schutthalde gerade zum Grat aufsteigen. Nun wird die Aussicht überwältigend. Unter uns liegt der Gornergletscher, der von den gegenüber liegenden Bergen herunterkommt. Ganz oben thront das Monte Rosa Massiv. Die Viertausender, die von hier zu sehen sind, habe ich nicht gezählt, aber die Zeit für einige Panoramafotos und einen Filmschwenk muss hier schon sein. Das ist nicht nur eine willkommene Ausrede für einen Fotostopp. Hier erlebe ich das großartigste Panorama, das ich je auf einem Lauf gesehen habe. Nach dem Empfang auf dem Aussichtspunkt führt der Parcours uns um Hotel, Kapelle und Bahnhof, dem höchsten einer offenen Bahnlinie in Europa (die Jungfraubahn kommt im Tunnel noch höher). Hier wünscht mein Gehirn, mehr vom knappen Sauerstoff abzubekommen, und ich laufe schön langsam bergab.

 

Schwarzsee

 

Aber das ist ja nicht lange nötig. Die Hängebrücke, auf der wir die Gornera überqueren, liegt 1200 m tiefer. Auf dem Weg zur Riffelalp macht eine große japanische Wandergruppe bereitwillig Platz für uns Läufer. Auf der Alp spricht mich ein Hannoveraner an, der mich im Internet aus der Startliste herausgesucht hat. So gibt es nette Überraschungen, die beste bleibt aber das tolle Wetter. Auf der Riffelalp ist die belebteste Verpflegungsstation. Hier treffen wir die Läufer der 16 K und 30 K Strecken. Letztere begleiten uns von hier bis Stafel. Von dort geht ihr Kurs im Zmutttal nach Zermatt.

 
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Das letzte Stück hinunter ins Gorneratal ist steil, und ich bin froh über meine Stöcke. Auf der Brücke darf nicht gelaufen werden. Das stört mich nach fünf Stunden Laufen gar nicht. Die Hälfte der Strecke ist jetzt geschafft. Nachdem wir über den Bach sind, geht es natürlich bald wieder hoch. Bis zur Schwarzseehütte sind „nur“ 700 Hm zu bewältigen. Was soll‘s, ich bin im Zeitplan und genieße einen besonderen Tag in einer einzigartigen Umgebung. 70 Minuten später bin ich oben, fülle den Magen etwas auf und freue mich am Blues, den eine Band dort für uns spielt. Ich hätte zwar noch genug Zeit zu bleiben, aber so ganz passt eine längere Pause nicht in mein Konzept.

Also wieder hinunter. Dieses Mal nach Stafel, von wo es nach 15 Uhr nur noch über die kurze Strecke zurück nach Zermatt geht. Ich habe genügend Zeit, die 46 km zu schaffen und mache mich an den nächsten Anstieg.

 

Höhenweg

 

Der führt uns auf den Höhenweg, von dem aus wir über das Zermatter Tal hinweg die Berge betrachten können, die wir am Morgen belaufen haben. Die Bezeichnung „Höhenweg“ ist wörtlich zu nehmen, wir steigen wieder auf über 2700 m. Das Matterhorn hat sich inzwischen, wie an den letzten Nachmittagen auch, mit Wolken bedeckt. Von dieser Seite gesehen ist es genau so beeindruckend wie von Zermatt oder vom Gornergrat. In dieser Höhe kommen wir den Gletschern näher, die wir heute Morgen von Ferne gesehen haben. Warum wird mein Magen jetzt nervös? Zum Glück kommt noch die Verpflegung auf der Trift. Mit zwei Bechern Bouillon lässt er sich besänftigen. So komme ich nach einem kleinen Buckel zum letzten Abstieg. Die 900 Hm nach Zermatt sind in 4 km vernichtet.

 
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Sehr zufrieden komme ich nach gut zehn Stunden wieder auf dem Kirchplatz an. Vielleicht keine Traumzeit, aber sicher eine traumhafte Zeit in dieser Kulisse. 3600 Hm an einem Tag sind meine Bestleistung.

Was wird auf dem Ultraks geboten? Vier Distanzen zur Wahl, davon eine (2 VK) fast nur bergauf mit Finish auf dem Gornergrat, gute Organisation und eine Landschaft, die ihresgleichen sucht. Für alle, die sich eine der Strecken zutrauen können, bestimmt eine gute Wahl. A propos zutrauen: im Gegensatz zu ähnlichen Läufen verzichtet der Veranstalter auf die detaillierte Vorgabe von Pflichtausrüstung und auf entsprechende Kontrollen. Eigene Verantwortung wird vorausgesetzt. So diszipliniert wie das klingt, sahen auch alle Läufer aus, die ich unterwegs gesehen habe. Unter dieser Bedingung war dem Spaß auf der Strecke keine Grenze gesetzt.


p. s.

Jedes Jahr nehme ich einen meiner Läufe zum Anlass, meine Freunde und Kollegen um Spenden für benachteiligte Kinder in den Townships rund um Kapstadt zu bitten, die wir seit meinem Aufenthalt dort über den Verein Home from Home unterstützen. Dieses Jahr ist mein Ziel, für jeden der 3600 gelaufenen Höhenmeter einen Euro für das Tutoring Programm zu sammeln, mit dessen Hilfe diese Kinder die Schule meistern können. Ist dieses Ziel genauso ambitioniert wie der Lauf? Ich bin gespannt.

 

Informationen: Matterhorn Ultraks
Veranstalter-WebsiteErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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