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Laufberichte

Flucht vor Wolfgang

06.08.06

Überschaubar und ursprünglich

 

Am 6. August 2006 richtete der TSV Wellen von 1919 e.V. nun bereits zum 36. Mal seinen stets am ersten Sonntag im August veranstalteten Volkslauf aus. Der idyllische Ort Wellen, der ein ehemaliges Rittergut vorzuweisen hat, ist etwa 6 km südöstlich von Beverstedt gelegen. Dieses wiederum kann man auf der Landkarte in etwa auf halber Strecke zwischen Bremerhaven und Bremervörde finden und von diesen beiden Städten aus über die Bundesstraße 71 erreichen.

 

Im Rahmen des Volkslaufes "Rund um Wellen" werden ein Marathonlauf (Start um 8.00 Uhr), ein 11-km-Lauf (Start um 8.30 Uhr) und ein Halbmarathonlauf (Start um 8.35 Uhr) sowie ein 11-km-Wandern angeboten. Eine Einteilung nach Altersklassen wird nicht vorgenommen. Die Siegerinnen und Sieger der 3 Laufwettbewerbe erhalten eine Sonderauszeichnung. Es ist eine Teilnahme mit oder ohne Erwerb einer allgemeinen Auszeichnung (in den letzten Jahren war dies jeweils ein Pokal) möglich, wobei das Startgeld für den "Idealistenstart Marathon" bei rechtzeitiger Anmeldung lediglich 6 € beträgt. Auf Wunsch wird gegen Kostenerstattung noch vor Ort eine Urkunde ausgestellt (dickes Büttenpapier, ordentliche Beschriftung mit Schreibmaschine, keine Werbeaufdrucke, zwei handschriftliche Unterzeichnungen) und/oder eine Ergebnisliste nachgesandt.

 

Alle Teilnehmer/innen müssen bis 15.00 Uhr das Ziel erreicht haben. Dies bedeutet, dass den "Marathonis" eine Zeitspanne von 7 Stunden zur Verfügung steht. Nicht nur laut Ausschreibung, sondern auch nach der in der Realität gezeigten Gastfreundschaft des Veranstalterpersonals ist "jede Läuferin/jeder Läufer herzlich willkommen". Die in den bisherigen 36 Marathonläufen von den Zielankömmlingen erzielten Ergebnisse liegen zwischen 2:32:00 und 6:16:57 Stunden.

 

Start und Ziel der Wettbewerbe befinden sich auf dem gepflegten Rasensportplatz des TSV Wellen. Als Parkplatz für die per PKW angereisten Teilnehmer/innen wird eine angrenzende Wiese genutzt. Umkleidemöglichkeiten, Toiletten und warme Duschen werden im Vereinsheim bereitgestellt. Zu Beginn aller Laufwettbewerbe ist zunächst eine etwa 4½ km lange "Eröffnungsrunde" in Ortsnähe von Wellen zurückzulegen. Für die Marathonläufer/innen schließt sich dann eine "große Runde" an, in deren Verlauf die Orte Brunshausen, Stubben, Beverstedt (in dessen Ortsmitte eine imposante zweiturmige Kirche steht und das Verwaltungssitz und Namensgeber einer Großgemeinde ist, zu der auch Wellen gehört), Kirchwistedt, Altwistedt, Kuhstedt, Hellingst, Steden und Oldendorf passiert werden, ehe man wieder nach Wellen zurückkehrt. Laut Ausschreibung wird die Strecke "durch die unterschiedliche Natur der Landschaften der Kreise Cuxhaven, Osterholz und Rotenburg geprägt".

 

Gelaufen wird auf asphaltierten oder gepflasterten Dorf- und Landstraßen sowie Rad- und Wirtschaftswegen. Auf der "großen Runde" sind veranstalterseitig 8 Getränkestationen (Wasser, "Iso") eingerichtet. An einem dieser Stände werden auch Bananenstücke angeboten. Außerdem kommt man bei warmer Witterung an mehr als einem Dutzend mit Wasser gefüllten Wannen vorbei, die Anlieger des Rundkurses entweder in Absprache mit den Organisatoren oder in Eigeninitiative und dann wohl aus Mitleid mit den geplagten "Marathonis" vor ihren Häusern/Gehöften aufstellen.

 

Ich habe die Wellener Veranstaltung, bei der ich bereits vor meiner Bypass-Operation einmal (1995) und nach derselben nun schon viermal (2002, 2003, 2005 und 2006) den Marathonlauf bestritten habe, lieb gewonnen. Erinnert sie mich doch sehr an die Anfänge des breitensportlichen Langstreckenlaufens mit Beginn der Volkslaufbewegung in den 60er- und frühen 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Diese Ursprünglichkeit besitzt einen gewissen Charme, den ich in der heutigen Zeit und vor allem bei den so genannten "Mega-Events" mit eingekauften Spitzenläufern häufig vermisse.

 

Es ist also der sehr großen Sympathie, die ich dem Wellener Marathonlauf entgegenbringe, zuzuschreiben, dass ich in der Vergangenheit nun schon fünfmal Folgendes auf mich nahm und auch in den nächsten Jahren jeweils am ersten August-Sonntag mir "anzutun" beabsichtige: Aufstehen um 2.45 Uhr, Abfahren von meiner Wohnung in Bonn gegen 3.15 Uhr, 377 km weites Anreisen mit dem PKW, Ankommen am Veranstaltungsort Wellen gegen 7.00 Uhr (mithin nach 3¾ Stunden Fahrzeit), 5½ bis 6 Stunden langes Laufen mit Gehpausen, nach etwas Sightseeing Heimfahren am gleichen Tag bei nun größerem Verkehrsaufkommen und damit längerer Fahrdauer.

 

In diesem Jahr gab es für mich aber noch einen ganz besonderen Anreiz, nach Wellen zu fahren: Mein in Hamburg wohnender Sohn Frank hatte ebenfalls seine Teilnahme am dortigen Marathonlauf angekündigt. Die Gelegenheit zu einem Wiedersehen, noch dazu aus solch erfreulichem Anlass wie einem gemeinsamen Lauferlebnis, konnte man doch nicht ungenutzt lassen!

 

In diesem Jahr wurden die Marathonläufer, die sich in Wellen eingefunden hatten, von schönem Wetter verwöhnt. Dies bedeutete allerdings, dass die in den Wettervorhersagen angekündigte Temperatur von +25° Celsius mit einem Spitzenwert von +29° Celsius noch deutlich übertroffen wurde. Wer sich von den +14° Celsius, die bei meiner Ankunft am Veranstaltungsort um 7.00 Uhr vom Thermometer abzulesen waren, so wie ich dazu verleiten ließ, noch etwas über oder unter das Laufhemd zu ziehen, bekam bald zu spüren, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte. Und so entledigte ich mich meiner dünnen ärmellosen Laufweste schon nach wenig mehr als 3 km. Ansonsten gab es aber keinen Anlass, über das Wetter zu klagen. In meinen vorangegangenen 6 Marathon-/Ultraläufen hatte man wesentlich höhere Temperaturen zu verkraften. Da sowohl die "Eröffnungsrunde" als auch die "große Runde" viele Abschnitte enthalten, in denen man im Schatten laufen kann, war die Wellener Marathonstrecke auch bei der diesjährigen warmen Witterung recht gut zu bewältigen. Und zudem gab es ja auch noch die vorgenannten vielen Wannen, deren Wasserfüllung man über Kopf und Körper gießen und/oder zum Eintauchen einer mitgeführten Mütze nutzen konnte.

 

"Mein Rennen" verlief wir folgt: Über die gesamte "Eröffnungsrunde" hinweg meldeten sich - wie üblich auf den Anfangskilometern eines jeden Laufes - meine Bandscheibe- oder Ischiasbeschwerden, deren Ausstrahlung in mein rechtes Bein eine leichte Beeinträchtigung darstellte. Dann aber fand ich zu meinem Laufrhythmus, und ich genoss fortan dieses Rennen, zumal ich nicht von einem für mich engen Zeitlimit bedrängt wurde und ich nicht (wie im Vorjahr) die "Schlusslicht-Position" innehatte. Auf dieser befand sich vom Start weg Sportkamerad Wolfgang Dankers aus Hamburg, von dem ich mich bereits im Verlauf der "Eröffnungsrunde" so weit absetzen konnte, dass ich ihn hernach bei meinem wiederholten Umdrehen nicht mehr in meiner Sichtweite hatte.

 

Nach etwa 3 Stunden Laufzeit wurde ich jedoch jäh aus meiner Zufriedenheit herausgerissen. Nun stellten sich erstmals "Zuckungen" in meinen beiden Waden ein, die als Vorboten von Krämpfen einzustufen waren und mich zu mehr Gehpausen zwangen, als ich organisch nötig gehabt hätte. Die Intervalle dieser "Zuckungen" wurden immer kürzer, und schon bald darauf verspürte ich die ersten (zunächst noch leichten) Krämpfe. Auch diese wurden immer häufiger und intensiver.

 

Selbstmassagen und Dehnübungen brachten keinerlei Linderung. Weil oft schon nach nur wenigen Laufschritten die nächste Verkrampfung auftrat, musste ich die letzten 15 km überwiegend gehend zurücklegen. Zu allem Übel kam hinzu, dass ich bei einem Zurückschauen kurz vor km 30 in zwar noch deutlicher, aufgrund meiner Situation aber dennoch bedrohlicher Entfernung eine Person erblickte, die ebenfalls gehend unterwegs war. Die mit ihrem Auto auf der Strecke hin und her pendelnden und mich wenig später passierenden Sanitäter erklärten auf meine besorgte Frage, dass dies tatsächlich der Letzte des Teilnehmerfeldes im Marathonlauf sei. Also musste mir Wolfgang Dankers, dem ich weit enteilt gewesen zu sein glaubte, wieder näher gerückt sein.

 

Hätte Wolfgang nur im Geringsten geahnt, dass ich bei einem Angriff von ihm zu keinerlei Gegenwehr fähig gewesen wäre, hätte er sicherlich die Dauer seiner Aufenthalte an den Getränkestationen verringert und mich erfolgreich attackiert. So aber konnte ich trotz allen Handicaps meinen Vorsprung bis km 35 verteidigen oder vielleicht sogar noch etwas ausbauen. Lediglich zwischen km 36 und 37 geriet ich nochmals in Bedrängnis, als ich Wolfgang bei einem meiner nun ständig nach hinten gerichteten Blicke erkannt zu haben glaubte und seinen Rückstand auf nur noch 200 - 300 m schätzte.

 

Letztlich konnte ich aber meine "Flucht vor Wolfgang" erfolgreich beenden und mit meiner Endzeit von 5:56:05 Stunden die schon für nicht mehr machbar gehaltene 6-Stunden-Marke zu unterbieten. Was war es nun, das die in einem derart gravierenden Ausmaß von mir bisher noch nicht erlebten Wadenverkrampfungen ausgelöst hatte? Ein Mangel an Magnesium kann es nicht gewesen sein, denn ich hatte solches im Vorfeld dieses Marathonlaufes und am Wettkampftag selbst in ausreichendem Maße zu mir genommen. Nach dem, was ich in jüngerer Zeit so alles gelesen habe, könnte auch ein akuter Salzmangel meine schlimmen Probleme verursacht haben. Hoffentlich wird sich ein Negativerlebnis und eine Quälerei dieser Art nicht mehr wiederholen.

 

Abschließend sind noch folgende Sachverhalte zu erwähnen: Ein Blick in Ergebnislisten der letzten Jahre zeigt auf, dass die Marathonteilnehmerzahlen beim Wellener Volkslauf leider etwas rückläufig sind (1998 noch 87 Zielankömmlinge, 1999 64 Zielankömmlinge, 2003 55 Zielankömmlinge, 2004 nur noch 38 und in diesem Jahr nur noch 36 Zielankömmlinge; Frauen waren heuer gar nicht am Start).

 

Ich führe dies nicht auf ein Nachlassen der Attraktivität dieser Veranstaltung, sondern auf die fehlende Internetpräsenz des TSV Wellen zurück. - Die Zeit des diesjährigen Siegers (Volker Schmonsees aus Hollen) betrug 3:07:53 Stunden. - Mein Sohn Frank blieb trotz deutlich reduzierten Trainings (neue berufliche Tätigkeit mit täglicher Bahnfahrt von Hamburg nach Hannover und zurück) mit seiner Endzeit von 3:57:01 Stunden noch deutlich unter 4 Stunden. - Mein „Kontrahent" Wolfgang Dankers gelangte nach 6:00:18 Stunden ins Ziel.

 

Informationen: Marathon rund um Wellen
Veranstalter-WebsiteErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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