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Laufberichte

Humfeld an der Route 66

18.11.06

Die Legende lebt

 

Es gibt sie auch in Deutschland, eine Route 66. Die Bundesstraße 66 führt von Barntrup über Humfeld nach Dörentrup, dann weiter nach Bielefeld. Diese Namen sind Programm. Wie sie klingen, so sieht es aus: wellige, parkartige Landschaft, gesprenkelt von größeren und kleineren Ortschaften.

 

Ich war zum ersten Mal in Humfeld zum Lipperland-Volksmarathon. Er hat einen guten Ruf bei allen, die es rau aber herzlich mögen. Irgendwie hatte auch die Website heimelig auf mich gewirkt, weil sie im Hintergrund von der gleichen stilisierte Rose geschmückt wird, wie ich sie vor langer Zeit, als ich Konfirmandenunterricht hatte, auf  dem Einband meines Kirchengesangbuches hatte. Das habe ich kurz vor meiner Konfirmation verbummelt, was nicht weiter schlimm war, denn ich hatte ja pflichtgemäß alle wichtigen Lieder auswendig gelernt. Ich kann sie heute noch, was nicht so alles in einen Kopf hinein geht, nur singen sie heute in der Kirche meist neuere Lieder, vergebliche Mühe damals, war wohl doch nicht so der Schatz fürs Leben. Egal, hat wenig mit Laufen zu tun.

 

„So schlimm wie im Internet beschrieben ist das hier gar nicht“, sagte einer der Veranstalter. So schlimm sah auch nichts aus. Eine trauliche Grundschule – wie die Schulen doch überall gleich aussehen! – war die Basisstation, es gab Kaffee, Brötchen, Kuchen: Volkslaufflair.

 

Bei der Anmeldung wurde ich gefragt: „Wollen Sie mit oder ohne Teller laufen?“  Mit Teller laufen, wie geht das? Ach so, man kann einen Wandteller zur Erinnerung bekommen. „Ohne Teller laufen“ kostete nur erstaunliche sechs Euro. Und dabei fehlte nichts: Tee, Bananen und Mandarinen satt, dazu überall, wo man sie brauchte, Schilder, nur die Duschen, na ja.

 

Am Start sagte jemand: „Hier sind einige, die haben keinen guten Friseur.“ Ja, etliche Starter  sahen aus wie Abenteurer, lange Haare, klaren Blick nach vorn, die Route 66 ist ja auch gleich um die Ecke. Und wohin man blickte, waren die gelben Jacken vom 100-Marathon-Club. Man hatte meinen können, es sei eine Veranstaltung zu Ehren des Clubs.

 

Dann ging es los. So um die 70 Starter machten sich ohne Aufregung auf den Weg.

 

Der Marathon besteht aus einer 5 km langen Hin- und Rückstrecke und einem doppelten Rundkurs dazwischen, der allerdings nicht richtig rund ist, sondern ausgeprägte Zacken und Ausstülpungen hat. Selten eine kleine Ortschaft, Wald und freie Felder mit Ausblick auf sanftes Mittelgebirge wechseln sich ab. Der Wind vom Meer scheint noch ziemlich ungebremst dort anzukommen. Sonst wären da oben nicht so viele Windgeneratoren. Auf den Feldern war das Wintergetreide in kräftigem Grün aufgegangen, am Horizont standen manchmal dunkelblaue Regenwolken, und das herbstliche Laub hing noch ziemlich dicht an Bäumen und Sträuchern. Manchmal war der Weg matschig, meist aber nicht.

 

Gegen Ende des Laufes kam etwas, das werde ich in meinem Leben nicht vergessen. Die Sonne ging unter. Eigentlich war es den ganzen Tag bedeckt gewesen, es hatte auch manchmal genieselt, aber kurz vor dem Abend rissen die Wolken vor der Sonne auf. Ihr rotes Licht traf auf die gelben, rost- und kupferfarbenen Blätter. Das gab ein gewaltiges, fast überirdisches Leuchten vor dem regendunklen Himmel, als ob die ganze Fülle und die Wärme des Sommers noch einmal zusammengefasst würden, ein glühendes Finale, bevor die Nacht und der Winter kommen. So, dachte ich, sollte es bestenfalls sein, wenn es einmal zu Ende geht. Man sieht noch einmal zusammengefasst alle Highlights des Lebens und ist überwältigt und dankbar für die Reichhaltigkeit, und dann wird es langsam dunkel.

 

Die Hin- und Rückstrecke führt eine Weile durch einen Wald. Hoffentlich geht das gut, dachte ich, ganz allein im finstern fremden Wald und keine Lampe dabei. Es war jedoch noch gerade ausreichend Streulicht da. Nur einmal, als ich eines der weißen Richtungsschilder an einer Weggabelung sah, konnte ich  nicht erkennen, ob die dunkelrote Spitze nach rechts oder links zeigte, das musste ich ertasten.

 

Nein, der Marathon war wirklich nicht so schlimm. Die Steigungen sind nicht schrecklicher als vermutet, und der Matsch ist eher unter der Rubrik folkloristisches Dekor einzuordnen. Als ich endlich ins Ziel kam, war nicht mehr viel los in der Grundschule, aber Kaffe und Bratwürstchen waren noch warm. Nicht so die Duschen. Wie auch immer, die schlammigen Beine gesäubert und hinein in die Pumps, denn ich wollte auf dem Rückweg noch feiern.

 

Ich fuhr nicht über die B 66, sondern über die kleinen Dorf- und Landstraßen, auf denen wir zuvor gelaufen waren. Humfeld war ruhig und nachtdunkel, als nach einer Biegung ein Mann erschrocken mit hastigem Schwung das Plastikauto unter dem Kind wegzog, das sich darauf sitzend kutschieren ließ und dann auf die Straße kullerte. Und ich fahre doch so wie ich laufe, ziemlich langsam!

 

Wenn man das totale Gegenteil von einem Citymarathon schätzt, ist man in Humfeld gerade richtig. Abgesehen von einigen Leuten, die beim Start aus den Fenstern schauten und von einem Bauern auf einem Schlepper war kein einziger Zuschauer da. Es ist ein Romantikmarathon der etwas herberen Art.

Zuhause, nach der Feier in Pumps, lag ein Katalog vom Drogeriemarkt Schlecker. Da kann man eine Leuchte „Route 66“ mit dem entsprechenden Emblem bestellen: „Ein legendärer Kult!....Mit Ein- und Ausschalter am Sockel.“ Die ist das totale Gegenteil vom göttlichen Glühen oberhalb der B 66.

 

Informationen: Lipperland Volksmarathon
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