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Laufberichte

Großer Laufspass im kleinen Land

11.06.16

Selbst der vom Wetter verwöhnteste Läufer kann nicht bei jedem Wettkampf wolkenlosen Himmel erwarten. Dieses Mal erwischt mich die Schlechtwetterfront in Liechtenstein. Noch am Tag zuvor wandere ich bei perfektem Lauf- und Fotowetter durch die Berge und sehe anschließend auf dem Rheindamm nahe Schaan, wie es hier am Samstagmorgen bei idealen Bedingungen aussehen sollte.

Doch als ich tags darauf beim Frühstück den strömenden Regen vor dem Fenster sehe, scheint es so, als würde die Witterung heute sogar noch übler als vom Wetterbericht angekündigt. Für den Nachmittag hatte er bereits viel Regen prophezeit, aber zumindest hatte ich bis vor einer Stunde noch die Hoffnung, die erste Streckenhälfte trocken zu schaffen. Nun sinken meine Erwartungen auf Null.

 

 
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Vom nagelneuen und guten Hotel b-smart muss ich nur etwa 300 der Straße folgen, schon bin ich am Startgelände. Ich gebe meinen Rucksack ab, der hinauf zum Ziel transportiert wird. Die Läufer, die oben in Malbun übernachteten, werden mit dem Shuttle-Bus zum Start gebracht.  

Überall stehen Leute mit Regenschirmen oder drängen sich unter Vordächer und andere halbwegs trockene Stellen. Niemand hat es eilig, zum Startfeld auf die Straße zu gehen. Dann lässt der Regen plötzlich nach. Als der Moderator verkündet „Nur noch 60 Sekunden bis zum Start“, entscheide ich mich spontan, im letzten Moment doch noch schnell die Regenjacke auszuziehen. Gerade noch geschafft! Dies ist auch gut so, denn ich werde die Jacke heute nur zwischen km 32 und 34 brauchen.

Pünktlich um 9 starten gemeinsam Marathonis, Halbmarathon-plus-Läufer, die Staffel-Läufer und die rosa gekleideten Teilnehmer des 10 km Charity-Lauf, der keine Zeitmessung hat. Von den vielen Bergen entlang des Rheintals sehe ich heute nur wenige. Die meisten werden von tiefen Wolken verhüllt. Zuerst laufen wir eine Weile auf der Straße, dann zweigen wir rechts auf einen Weg in Richtung Rhein ab.  

Gestern war hier alles staubtrocken, doch durch die starken Regenfälle in der Nacht bedecken nun an manchen Stellen großflächige Pfützen den Asphalt. Um einige kann man herum laufen, andere lassen das Wasser unter unseren Schuhen spritzen. Mir macht das Spaß. Zum Glück sind die Pfützen sehr flach, so dass die Füße trocken bleiben.


 
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Das Fürstentum Liechtenstein ist mit 160 Quadradtkilometern der sechstkleinste Staat der Erde, nur San Marino, Tuvalu, Nauru, Monaco und Vatikanstadt sind noch kleiner. München ist dagegen fast doppelt so groß. Liechtenstein hat nur 37.500 Einwohner. Einst gehörte Liechtenstein dem Deutschen Bund an, wurde aber 1806 unabhängig und ist seit 1923 wirtschaftlich und in der Verwaltung eng mit der Schweiz verbunden, was man auch an dem Schweizer Franken als Zahlungsmittel merkt. Erst seit 1986 haben hier auch Frauen das Wahlrecht.  

Eigentlich hatte ich bei der Anmeldung zu diesem Marathon geplant, hier nicht schnell zu laufen, sondern die sieben Stunden Zeitlimit voll auszunutzen. Drei Wochen nachdem ich auf Menorca wunderschöne 185 km in etwas mehr als 35 Stunden gelaufen bin, sind meine Muskeln noch nicht wieder so ganz in Form. Doch aufgrund der trüben Witterung und des für den Nachmittag angekündigten starken Regens entschließe ich mich, den Zugläufer mit der 6-Stunden-Fahne nicht aus den Augen zu lassen.

Wir laufen an einer Weide mit Schafen vorbei. Dann zweigen wir auf einen herrlich mit Schlammpfützen dekorierten Weg, der hinter dem Rheindamm entlang führt. Als Trailrunner fühlt man sich da gleich richtig wohl. Plitsch, Platsch, im Slalom um die Pfützen herum oder mitten durch, das gefällt mir. Nach der ersten Verpflegungsstelle laufen wir dann aber auf Asphalt oben auf dem Damm weiter.

Der Rhein bildet die Grenze zwischen Liechtenstein und der Schweiz. Der eiskalte Alpenfluss hat noch etwa 40 km vor sich, bis er in den wärmeren Bodensee mündet. Die meisten Berge bleiben noch immer hinter den Wolken versteckt, aber einige lockern das graue Panorama auf.  

Nach einer Weile verlassen wir den Rhein und laufen auf Vaduz zu, immer das Schloss im Blick. Unterwegs kommen wir an einem Wettkampf ganz anderer Art vorbei. Dort müssen Pferdekutschen über einen Parcours gefahren werden, wobei sie an mehreren Stellen von Punktrichtern beobachtet werden.

Nach der zweiten Verpflegungsstelle geht es kurz durch die Fußgängerzone von Vaduz, der Hauptstadt von Liechtenstein, die gleichzeitig der Sitz des Fürsten ist. Bis vor wenigen Jahren verbanden viele Leute bei uns Liechtenstein mit Geldkoffern Geld, die Steuerhinterzieher nach Vaduz auf die Banken schleppten. Doch diese Zeit ist inzwischen vorbei.

Die ersten zehn Kilometer liefen wir auf völlig flacher Strecke, nun geht es eine steile Straße hinauf. Irgendwann müssen wir schließlich mit den insgesamt 1870 Höhenmetern Auf- und 720 Hm Abstieg beginnen!

Nach einer kurzen Passage durch Wald erreichen wir das Schloss. Dieses wurde im 12. Jahrhundert erbaut und im 16. und 17. JH erweitert. Da das Schloss lange Zeit nicht bewohnt war, verfiel es immer mehr, bis es Anfang des 20. Jahrhunderts renoviert wurde und 1938 der Fürst seinen Wohnsitz hier her verlegte. Das Schloss kann nicht besichtigt werden.

 

 
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 Bald darauf laufen wir einige Kilometer durch den Wald. Aufgrund der starken Bewölkung ist es hier so dunkel wie in der Dämmerung.  Ich bin froh, als wir bei Triesenberg wieder über hellere Wiesen laufen. Nun führt der Weg auf der Straße in vielen Serpentinen zwischen Bauernhäusern bergauf. Insgesamt haben wir heute 36 % Asphalt, 42 % Naturstraße, 22 % Trail. Diese Mischung ist für einen Bergmarathon ganz angenehm.


Bei idealem Wetter könnte man hier eine wunderbare Aussicht über das Rheintal hin zu vielen schneebedeckten Bergen genießen. Zumindest einige der Berge kann ich trotz dem trüben Wetter erkennen.  

Die vielen Helfer an den Verpflegungsstellen lassen sich ihre gute Laune vom Wetter ebenso wenig nehmen wie wir Läufer. Schon von weitem hören wir die Rufe der Leute, die uns unterschiedliche Becher entgegen strecken: "Wasser, Iso, Cola". An den Verpflegungsstellen gibt es außerdem meist auch Bananen, Orangen, Brot, manchmal Riegel und Gel, drei Mal sogar Bouillon. Zusätzlich stehen an einigen anderen Punkten noch weitere Wasserstellen. Kein Rucksack auf den Schultern und alle fünf Kilometer eine Verpflegungsstelle – Luxus pur für einen Ultratrailrunner.
 

 
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Neben der Strecke begeistern mich üppige Blumenwiesen. Dicht über mir hängt eine scheinbar undurchdringliche Wolkenschicht. Für kurze Zeit laufe ich durch dichten Nebel, dann öffnet sich der Blick wieder für eine Weile.  Oberhalb von Silum habe ich bereits die ersten tausend Höhenmeter geschafft. Auf der Silumer Höhe (1539 m) Höhe fotografiere ich die Wasserstelle in dichtem Nebel. Die Helferin meint, dass man normalerweise hier eine wunderschöne Aussicht habe. "Die werde ich dann hoffentlich nächstes Jahr genießen". Ich eile weiter.

Es 300 Höhenmeter hinab nach Steg. Zuerst schlittere ich auf einem recht rutschigen Pfad bergab. Hier erweisen sich  meine Schuhe als nicht ideal - gutes Profil wäre besser gewesen. Dafür kann ich auf einem bequemem Fahrweg bergab so richtig Gas geben.

Was ist denn das da oben? Sehe ich da tatsächlich einen kleinen blauen Fleck am grauen Himmel? Damit hätte ich nicht mehr gerechnet. Das gibt einen „herrlichen“ Sonnenbrand, denn die Wolkendecke reißt immer mehr auf und als ich das Ufer eines kleinen Saminasees erreiche, scheint die Sonne.

 

 
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 Noch kurz bergauf und wieder hinab, dann ist bei km 25 das Ziel der Halbmarathon-plus-Läufer erreicht, vor dem wir Marathonis rechts abbiegen. Die nächsten paar Kilometer laufe ich immer abwechselnd bergauf und bergab ins Valorschtal, manchmal bei Sonnenschein. Dann ziehen wieder mehr Wolken auf.

Allmählich merke ich, dass die drei Wochen Regenerationszeit nach Menorca nicht ausreichen. Meine Beine wollen nicht wie ich. Immer mühsamer marschiere ich bergauf. Die 6-Stunden-Fahne verschwindet über mir in der Ferne.

Nach der Verpflegungsstelle bei km 30 beginnt ein langer Aufstieg. Hinter mir steigen sehr schnell bedrohlich dunkle Wolken aus dem Tal auf und holen mich bald ein. Gerade noch rechtzeitig ziehe ich meine Regenjacke an. Mit einem eiskalten Wind beginnt es in Strömen zu regnen. Die Temperatur fällt gefühlt um mindestens zehn Grad.  

Auf einem schönen Single-Trail steige ich nun durch den Regen bergauf. Zwischendurch umgibt mich ein wunderschöner Wald, doch wegen dem Regen bleibt meine Kamera in der Jackentasche.  

Schon von weitem höre ich über mir Alphörner. Kann man die bei Regen spielen? Manchmal braucht man nicht viel zum großen Glück. Der Regen lässt bald nach und die Wolken geben den Blick auf die Berge schon wieder frei. Nachdem es eben noch so aussah, als müsste ich die letzten zehn Kilometer ohne Bergsicht durch Regen laufen, lassen die winzigen blauen Flecken am Himmel meine Seele lachen. Vor Freude könnte ich die Helfer an der Verpflegungsstelle umarmen.

Die Alphörner kann ich noch eine ganze Weile auf meinem Weg hinauf zum zum Sassförkle auf 1771 m Höhe hören. Von dort geht es meist gut und schnell laufbar weiter, nur von ganz kurzen Zwischenaufstiegen unterbrochen. Ich erreiche den Talkessel von Malbun.

Die auf etwa 1600 m Höhe liegende Siedlung Malbun gehört wie die umliegenden Orte Steg, Maescha, Silum und Gaflei zur Gemeinde Triesenberg. Der aus dem Romanischen stammende Name bedeutet „schönes, ertragreiches Tal“. Wie in einem Amphitheater wird dieser weite Talkessel von recht gleichförmigen Berghängen umschlossen.1951 wurden am hinteren Ende des Tales mehrere Hütten durch eine Lawine zerstört, im Februar 1999 wurden durch Lawinen zehn Ferienhäuser zerstört und das gesamte Tal evakuiert. Mit 23 km Piste ist Malbun ein beliebter Wintersportort.

Bei einer Kapelle nahe des Ortsrandes bin ich Luftlinie nur noch wenige hundert Meter vom Ziel entfernt und höre den Moderator, der die Finisher begrüßt. Ich habe bis dahin noch einige Kilometer den Talkessel mit mehreren kleinen Auf- und Abstiegen zu umrunden.  


 

 
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Wegen dem kalten Sommerbeginn liegen an den Hängen über mir
noch viele Schneereste, was für den Wandertourismus schlecht, für meine Fotos aber schön ist. Die Laufstrecke selbst führt nur einmal für wenige Meter durch Schnee. Kurz vor dem Ziel geht es noch einmal kurz steil bergauf, dann bei km 40 auf bequemem Fahrweg schnell bergab. Noch einmal bremst mich ein flaches Wegstück. Dann könnte ich eigentlich wieder Gas geben, lasse es aber stattdessen gemütlich rollen.

 

 

Zufrieden erreiche ich das Ziel, hole meinen Rucksack, gehe zur Dusche und anschließend ins Festzelt, wo es Pasta, Wurst, Kuchen und eine gute Getränkeauswahl gibt.  

Als ich nach dem Essen das Zelt verlasse, verhüllen wieder tiefe Wolken die Berge. Glück gehabt, dass ich früh genug Malbun erreichte. Während ich auf den Shuttle-Bus warte, der mich kostenlos zurück zum Startgelände bringen wird, kommen kurz vor Zielschluss um 16 Uhr die letzten Finisher an.

Auch ohne Postkartenwetter hat mir der LGT Alpin Marathon viel Spaß gemacht. Trotzdem wünsche ich mir für meine nächste Reise ins Fürstentum weniger Wolken und keinen Regen.  

Insgesamt erreichen heute 320 Männer und 64 Frauen das Marathonziel.  

Schnellste Frau ist Aline Camboulives mit 3:31:59, gefolgt von Simona Staicu mit 3:48:11 und Claire Gordon mit 3:50:49.

Schnellster Mann ist Patrick Wieser mit 3:05:00 gefolgt von Hannes Rungger mit 3:11:54 und Gerd Frick mit 3:16:32.

 

Informationen: LGT Alpin Marathon Liechtenstein
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