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Laufberichte

Laufreise im Reich der Zacken

27.06.15

Du  hast keine Chance – aber nutze sie. Dieser legendäre Ausspruch Herbert Achternbuschs mag widersinnig klingen und trifft doch meine Situation auf den Kopf. Zumindest wenn es um die Teilnahme am Lavaredo Ultra Trail (LUT) geht.

Der LUT ist ein Gewächs der noch jungen, aber rasch wachsenden Szene von Berg-Ultra-Läufen. Dabei reiht er sich ein in die Riege jener Läufe, deren  Anziehungskraft sich schon dadurch manifestiert, dass sie binnen kürzester Zeit ausgebucht sind. Nachdem es zum LUT 2015 im Meldezeitraum 15. bis 25.10.2014 2.000 Voranmeldungen aus 56 Ländern gab, entschied sich die Rennleitung zur Erhöhung des ursprünglichen Limits von 1.000 auf 1.300. In der Begehrlichkeit steht er damit fast schon auf Augenhöhe mit dem UTMB am Mont Blanc. 

Dabei sein ist alles – auch das ist ein Spruch, der passen würde. Die bizarre Bergwelt der Dolomiten, die von Cortina d'Ampezzo aus auf einem Trail von 119 km mit 5.850 Höhenmetern läuferisch zu erkunden sind, übt auch auf mich eine magische Anziehungskraft aus: Tofana, Monte Cristallo und der Dreizack der namengebenden Tre Cime di Lavaredo, bei uns besser als „Drei Zinnen“ bekannt –  das muss ich einfach einmal miterleben. 30 Stunden habe ich dafür Zeit. Das hört sich zunächst einmal reichlich bemessen an. Wer aber weiß, wie die Stunden in den Bergen auf nur wenigen Kilometern verfliegen können, der ahnt, dass 30 Stunden für Bummelei wenig Spielraum lassen. Sechs Zeitbarrieren sorgen zudem schon unterwegs für eine Selektion. So lautet mein Credo einfach nur: Einfach mal schauen, wie weit ich komme. 

Im Angebot steht mit dem Cortina Trail auch eine „Einsteiger“-Version von 47 km und 2.650 Höhenmetern, der die ersten 10 und letzten 37 km des Ultra Trails abbildet, sowie ein Skyrace über 20 km mit 1.000 Höhenmetern. Auch wer hier teilnehmen will, muss sich sputen. Die 1.000 Startplätze des Cortina Trails für 2015 waren bereits am 01.12.2014 binnen 24 Stunden vergeben.  

 

Cortina d'Ampezzo

 

Start- und Zielort des Lavaredo Ultra Trails ist Cortina d'Ampezzo, auf 1.211 m üNN im Valle de Boite im Herzen der Dolomiten gelegen. Auch heute noch zehrt der 6.000 Seelen-Ort von seinem Image als mondänem Winter- und Bergsportzentrum, dessen lange Historie 1956 durch die Austragung der Olympischen Winterspiele gekrönt wurde.

 
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Der Start- und Zielpunkt in Cortina d'Ampezzo ist allerdings die einzige Konstante im bisherigen Erdendasein des LUT. In jedem der ersten acht Jahre wechselte der Kurs. Bei seiner Erstausgabe 2007 waren es noch „schlappe“ 46 km und 2.800 Höhenmetern, die zu bewältigen waren. Rapide stiegen in der Folgezeit die Kilo- wie die Höhenmeter – und mit Ihnen die Teilnehmerzahlen. Da ließ auch die Weltelite nicht lange auf sich warten: Mit Iker Carrera und Anton Krupicka standen 2012 und 2014 zwei Große der Ultra-Szene ganz oben auf dem Siegertreppchen. 2015 ist das Jahr, in dem das erste Mal ein gegenüber dem Vorjahr unveränderter Kurs gelaufen wird. 

An der olympischen Vergangenheit dürfen auch die Läufer des LUT teilhaben. Das Stadio Olimpico del Ghiaccio, das olympische Eisstadion am nördlichen Ortsrand, ist der erste Anlaufpunkt für die Läufer. Trotz der vielen Teilnehmer äußerst entspannt geht es zu unter dem mächtigen blauen Stahldach des Stadions. Am Outfit der Besucher und der Bestückung der Messestände merkt man auch sogleich, dass hier so manches anders ist als bei einem „normalen“ Marathon. Ein wenig überrascht mich schon, dass deutsche Laute so gut wie gar nicht zu hören sind, und das bei einer Ausländerquote von 65 %. Die ganze Welt scheint zu Gast zu sein. Wie beim UTMB eben, für dessen Teilnahme man hier übrigens vier Wertungspunkte ergattern kann.

Bevor ich meine Startinsignien bekomme, muss ich zunächst die obligatorische ärztliche Lauftauglichkeitsbescheinigung vorlegen und vor den gestrengen Augen der Gepäckkontrolleure bestehen. Ich scheine einen guten Eindruck zu vermitteln und so begnügt sich die freundliche Helferin mit einer Stichprobe. Accessoires wie Stirnlampe, Pfeife und Rettungsdecke, Schutzkleidung inkl. Handschuhe sowie ein Getränkevorrat von zumindest einem Liter gehören zum Pflichtgepäck. Und ein Trinkgefäß. Denn Einwegbecher passen nicht ins Ökokonzept. Einen Teller muss man allerdings nicht mitbringen, um sich auf der Pasta-Party ab 19 Uhr den letzten Carbo-Kick zu holen. Zugegebenermaßen: Diese Pasta muss man nicht gegessen haben. Aber der Blick durch die große Glasfassade der Halle hindurch auf die abendsonnenbestrahlten Berggipfel lässt das Herz gleich höher schlagen.  

 

Nachtstart auf dem Corso Italia

 

Nur für den Start muss man die Örtlichkeit wechseln. Etwa 800 Meter sind es zu Fuß vom Stadion  hinein ins Herz Cortinas, bis zum zentralen Corso Italia. Hier, zu Füßen von Cortinas Hauptkirche, der trutzigen Parrocchiale SS. Filippo e Giacomo, und von gleißendem Scheinwerferlicht ausgeleuchtet sammeln sich in der Nachtdämmerung die Läufer. Die einen wandern unruhig auf und ab, andere scheinen in Meditation versunken. Hoch im Kurs steht Posieren für das Fotomotiv „Ich am Start“. Schnell wird es voll im Startkanal. Wie ein nicht endend wollender Wasserfall, ohne Punkt und Komma, fluten die die aufgeregten Worte des Startmoderators über uns. Ich verstehe nichts, aber für deutsche Ohren hört sich italienisch einfach auch so gut an. Ab und an darf ein Co-Moderator kurz etwas in englisch und französisch übersetzen, aber der „Italiener“ reißt schnell wieder die verbale Oberhoheit an sich.

 
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Es ist kurz vor 23 Uhr. Ich komme mir mittlerweile vor wie eine Sardine in der Büchse. Die Worte des Moderators überschlagen sich fast. Da ertönt sie donnernd über die Lautsprecherboxen: Die „Hymne“ des Lavaredo Ultra Trail, Ennio Morricones „Ecstasy of Gold“. Pathetisch und gleichsam  euphorisierend wirken die Klänge, gerade recht, um die wartende Läuferhorde in einen emotionalen Hexenkessel zu verwandeln. Die letzten zehn Sekunden werden kollektiv herunter gebrüllt. Der Startschuss kracht. Und während die Musik weiterläuft, ergießt sich, begleitet vom Geklatsche und Gejohle der dichtgedrängt am Straßenrand harrenden, nachtschwärmenden Zuschauer die Läuferflut über den Corso. Was für eine Abschiedsshow!

Zunächst noch leuchten die Straßenlaternen unseren Weg aus. Doch schnell ist der Ortsrand erreicht und das Umgebungslicht auf unserem Weg durch die Randsiedlungen nördlich Cortinas wird schwächer. Spätestens hier kommt das wichtigste Nachtutensil zum Einsatz: Die Stirnlampe. Eingebettet in einen langen Lindwurm tanzender Lichter tauche ich ein in die endlose Dunkelheit.

 

Durch die Nacht 

 

33 km in 6,5 Stunden: Das ist die Vorgabe für unsere erste Etappe. Komfortabel klingt das, doch angereichert mit 1.600 Höhenmetern durch die nächtliche Bergwelt kann das auch ziemlich wenig Zeit sein. Erinnerungen an letztes Jahr werden wach, als ich in Geröll und Fels nächtens geradezu Abenteuerliches und vor allem auch Zeitraubendes beim Südtirol Ultra Skyrace erleben durfte. So spukt mir diese erste Zeithürde gleich im Kopf herum. Aber um es vorweg zu nehmen: Dieses erste Limit ist nicht die wahre Hürde, um hier durchzukommen.

Ganz auf das Laufen kann und muss ich mich konzentrieren, denn zu sehen gibt es tageszeitbedingt nicht viel. Der Weiler Cadin ist die letzte Ansiedlung im Dunstkreis Cortinas, den wir passieren. Dann geht es aus dem Valle de Boite hinaus und erste Steigungen auf steilen Naturwegen führen uns durch den Wald hinauf zu den Ghedina Seen. Die beiden kleinen Seen liegen zu Füßen der bis auf 3.244 m ansteigenden Tofanen, einem der bekanntesten  Gebirgsstöcke der Dolomiten und sozusagen einer der „Hausberge“ Cortinas. Zu einem späteren Zeitpunkt des Rennens, etwa 80 km von hier entfernt, habe ich nochmals die Chance, einen Blick auf dessen Felsformationen zu werfen, wenn auch aus anderer Perspektive und vorausgesetzt,  dass mich nicht schon wieder die Nacht oder ein Zeitlimit eingeholt hat.

In serpentinenartigen Kurven schlängelt sich der Weg weiter nord- und aufwärts durch den Nadelwald. Dicht an dicht schnaufen die Läufer und treiben sich so gegenseitig an. Man merkt die hohe Zahl der Starter. 1.200 waren es letztlich. Aber ich merke auch: Das Hordengefühl lässt zunehmend nach, der Tross zieht sich mehr und mehr in die Länge.

Über den Posporcora Pass erreichen wir nach etwa 8 km eine Höhe von gut 1.750 m üNN. Der erste, wenn auch kleinste und leichteste „Gipfel“ unseres Streckenkurses ist bewältigt. Ein kühler Wind bläst uns aus der Tiefe entgegen, aus der Ferne grüßen ein letztes Mal die Nachtlichter Cortinas. Bis hier her folgt der morgen früh um 7 Uhr startende Cortina Trail dem Kurs des LUT; dann trennen sich die Wege und der Trail kürzt den LUT um gut 70 km ab.

Entspannung verspricht ein Stück Höhenweg. Steile Felswände begrenzen zu unserer Linken den Wegesrand und verlieren sich nach oben im Schwarz der Nacht. Flott geht es in kollektivem Trab dahin, der allerdings zum überdrehten Schweinsgalopp mutiert, als wir eine erste längere Abwärtspassage nehmen müssen. Das 400 Höhenmeter-Downhill-Quickie durch den Wald quittiert meine Beinmuskulatur denn auch mit größtem Unverständnis und dem Andeuten erster Krämpfe. Das geht ja gut los. Unten im Tal folgen wir auf bequemen Naturwegen der aus dem Off unsichtbar rauschenden Boite. Im Wechsel geht es auf und ab, allerdings Ersteres mehr, sodass wir auf dem Weg durch das Val Felizon zunehmend wieder an Höhe gewinnen.

Eigenversorgung wird beim LUT groß geschrieben. Und so dauert es bis km 18, als ich kurz nach 1:00 Uhr das erste Mal inmitten der Einsamkeit eine Oase des Lichts und damit die erste von acht Versorgungsstationen entlang des Streckenkurses erspähe. Dicht umlagert sind die Verpflegungstische und die Helfer kommen kaum nach, warmen Tee auszuschenken. Das tut gut. Kekse, Kuchen, Obst und Schokolade gibt es auch, aber Hunger haben jetzt noch die wenigsten. Belebende Cola und ein bekanntermaßen flügelspendender Energy-Drink sind da schon eher gefragt. Ach ja: profanes Wasser gibt`s natürlich auch.  

Mäßig aufregend geht es weiter. Ein breiter, bequemer Schotterweg führt uns durch das waldige Val Pandeon. Immer geradeaus, zumeist leicht bergan, kilometerlang. Noch dominiert das Laufen gegenüber dem Powerwalking, doch Schluss ist mit Ersterem beim deftigen Anstieg über eine Skipiste, der uns bis zur Bergstation eines Sessellifts an der Forcella San Forca (km 25) auf etwa 2.100 m üNN katapultiert. Jenseits des Passes dürfen wir uns auf ein neues Steckenprofil freuen. Vor allem Singletrails führen mal hart über Gestein, mal weich durch Wald und Wiesen gen Tal. Mit dem Passo Tre Croci (1.809 m üNN) kreuzen wir nach 29,5 km einen der bekanntesten Dolomitenpässe. Mit Hotel und Gastronomie ist der Pass für den automobilen Bergtourismus bestens erschlossen. Auch ohne Schweißtropfen zu vergießen könnte man hier einen fantastischen Dolomitenrundblick erleben, vor allem auf den nahen, bis zu 3.221 m hohen Gebirgsstock des Monte Cristallo. Die Betonung liegt im hier und jetzt allerdings auf dem Konjunktiv.  

Wir huschen nur vorbei an den nachtschlafenden Gebäuden und den namengebenden drei großen Holzkreuzen und eilen weiter bergab durch Wiesen und Wälder. Es ist 3:35 Uhr, als die hell erleuchteten Pavillons vor dem Hotel Cristallo in Federavecchia (1.368 m üNN) die ersehnte nächste Verschnaufpause verheißen. Zum ersten mal wird hier die Zwischenzeit erfasst. Um fast zwei Stunden kann ich die Sollzeit von 5:30 Uhr unterbieten. Das gibt ein gutes Gefühl, sich entspannt dem reichhaltigen Buffet zu widmen. Ringsalami mit Parmesan auf Weißbrot gefällig? Hier bekomme ich das. Oder Zitrone "natur" mit Salz – fehlt eigentlich nur der Tequila. Für "Süße" gibts Crostata di Marmellata und noch Einiges mehr. Ihr seht schon: Wenn es ums Essen geht, lasse ich ungern etwas aus. Sich eine anständige Unterlage zu verschaffen macht aber auch Sinn: Der erste der beiden Hauptanstiege des Trails steht bevor: Etwa 1.000 Meter Höhenmeter sind in zwei Etappen zu bewältigen: via Misurinasee zum Rifugio Auronzo unterhalb der Drei Zinnen.  

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Informationen: Lavaredo Ultra Trail / Cortina Trail
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