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Laufberichte

Vorwärts in die Vergangenheit

26.10.08

Ob es eine Wallfahrt an die Stätte ist, wo ich mein eigenes kleine Wunder erlebte, oder ob es die Rückkehr an den Ort war, wo ich meine erste solche Tat – je nach Gesichtspunkt – verübte oder  vollbrachte, ist eine Frage der Definition und für mich als solche nebensächlich.

Das einzige was zählt, ist die Tatsache, dass mein Fuß nicht nur die Reise nach Lausanne, sondern auch den Start am dortigen Marathon zulässt.

Acht Jahre ist es nun her, dass ich in Lausanne das erste Mal an der Startlinie eines Marathons  stand. Voller  Ungewissheit, auf was ich mich da eingelassen hatte. Zu dem Wagnis von 42,195 Kilometern kam noch die Tatsache, dass diese in französischer Sprache zu absolvieren waren.  Ausgerechnet ich, dem ein Französischlehrer am Gymnasium prophezeit hatte, dass ich mit meinen Sprachkenntnissen als Steinklopfer enden würde, während ein anderer die Sache kurz hielt und einfach meinte: „Taisez-vous, Monsieur Steiner, imbécile que vous êtes!“. Trotz aller Sprachunkenntnis wusste ich, dass das „Halten Sie die Klappe, Dummkopf!“ hieß.

Wie dem auch sei, ich hatte weder sprachlich noch läuferisch Schwierigkeiten diese Premiere zu überstehen,  zu welcher mich ein Kollege aus dem Lauftreff angespornt hatte. Der Grund für meine Anmeldung damals war der, dass ich mich damit zu regelmäßigem Training verpflichtete, denn eine Schlappe wollte ich nicht einfahren, nachdem ich meinen Entscheid im Freundes- und Bekanntenkreis herumposaunt hatte.

Auch wenn in den folgenden Jahren die Teilnahme an weiteren Marathons nur in homöopathischen Dosen erfolgte, so hat sich an jenem Oktobertag doch das Marathonvirus in mir festgekrallt. Heute gehe ich also dorthin, wo eine Leidenschaft begonnen hat, und probiere aus, wie sich das Unternehmen Marathon  an diesem Ort mittlerweile anfühlt.

Aus der anderen Landesecke muss ich frühmorgens den ersten Zug nehmen, damit ich es rechtzeitig zur Startnummernausgabe schaffe. Der Tagesanbruch - mit der Umstellung auf Winterzeit heute früher -  bringt nicht viel mehr Licht ins Abteil. Eine typische herbstliche Nebelsuppe hängt über dem Schweizer Mittelland. Doch kaum erschließt sich der Blick auf den Genfersee, sehe ich auch die ersten blauen Flecken zwischen den grauen Schleiern. Wenn das der Anfang ist von dem, was die Meteorologen vorausgesagt haben, dann steht mir ein wunderbarer Herbsttag bevor.

Kurz vor Lausanne fahren wir an der Bahnstation von La Conversion vorbei, was „ die Bekehrung“ bedeutet.  „Wie treffend dieser Ort doch heißt“, schießt es mir durch den Kopf. Wie häufig wurde mir doch schon gesagt, dass meine Begeisterung für den Laufsport missionarische Züge trage, seit ich vor acht Jahren hier auf den Geschmack kam.

Vom Bahnhof Lausanne hinunter zum See nehme ich den Bus, dessen Benützung mit  der Anmeldebestätigung oder der Startnummer kostenlos ist. Obwohl ich weder das eine noch das andere in der Hand halte, vertraue ich darauf, dass ich keine Schwierigkeiten bekomme, denn meinen Namen habe ich mit Sicherheit im Internet auf der Startliste gelesen.

Für das Erlebnis, mit der steilsten und erst noch automatisierten U-Bahn fahren zu können, bin einen Tag zu früh; die Inbetriebnahme ist auf den letzten Montag im Oktober angesetzt, also keine vierundzwanzig Stunden später.

Die Befürchtung dass ich von der geräumig gestalteten Startnummernausgabe  etwa 750 Meter zu den Garderoben und der Wertsachenaufbewahrung  und für die Gepäckaufbewahrung  wieder zurück zum Zielbereich und von dort gleich weit den Hang hoch zum Startgelände beim Place de Milan gehen muss, trifft nicht ein. (Sie war auch unbegründet und das genaue Lesen der Informationsbroschüre hätte sie gar nicht erst aufkommen lassen.)

Im Marathonbeutel des Sponsors ist noch ein großer Plastikbeutel, in welchem die Kleider direkt beim Start in Kleintransporter abgegeben werden können. So bleibt mir ein Umweg erspart, weiteres Warmlaufen betrachte ich heute aber trotzdem als unnötig.

Auf der großen Wiese des Parks neben dem Botanischen Garten  lassen sich immer mehr Läuferinnen und Läufer zum Warm Up begeistern. Auch der Nachwuchs, der zwanzig Minuten nach uns starten wird, beteiligt sich rege daran. Es gibt sie noch, die nicht übergewichtigen Kinder, die Freude an der Bewegung haben. Ich hoffe zumindest, dass sie aus eigenem Antrieb hier dabei sind und nicht weil  sie erst damit die Anerkennung ihrer Lauf-infizierten Eltern (Väter?) erhalten...

Dieses Jahr ist der Kanton Solothurn Gastkanton am Lausanne Marathon und alle dort Ansässigen kommen in den Genuss eines Freistarts. Knapp hundert Solothurner machen davon Gebrauch und starten auf einer der angebotenen Strecken, die meisten aber nicht auf der Königsstrecke.  Auf der Marathonstrecke stellt die Delegation aus Japan nicht weniger Läufer und Läuferinnen!  Auch in Lausanne sind ½- und ¼-Marathon die großen Teilnehmermagnete, letzerer wird auch für Nordic Walking und Walking angeboten, dazu gibt es den schon erwähnten Kindermarathon über 4, 219 km.

Die Spitzenläufer sind locker und unverkrampft am Aufwärmen und machen mehr den Eindruck, dass sie an diesem Sonntag zu einer lockeren Trainingsrunde aufbrechen wollen als zu einem schnellen Marathon.

 
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Mich überkommt ein großes Glücksgefühl, denn mir wird so richtig bewusst, dass ich heute Morgen das erste Mal seit längerer Zeit kaum Beschwerden im Fuß verspüre. Ein Danke zum Himmel und die Bitte, dass dies so bleibt, sind meine letzten Vorbereitungen, bevor es losgeht.

Punkt 10.00 Uhr werden wir  auf die Strecke geschickt.  Die Avenue de l’Elisée ist breit genug, um jeden das eigene Tempo und den Platz im Teilnehmerfeld ohne Gerangel finden zu lassen. Das leichte Auf und Ab der Straße wird uns auf dem ganzen Kurs begleiten. Es sind nur sanfte Steigungen, doch mit der Zeit fordern sie, wie ich später sehe, bei dem einen oder anderen ihren Tribut.

Bald schon kommen uns die Walker entgegen, welche den Wendepunkt bei Lutry früh genug erreicht haben, um uns nicht ins Gehege zu kommen. Na bitte, geht doch! Es ist alles eben eine Frage der Planung. Und ehrlicherweise muss ich erwähnen, dass in diesem Fall das Marathonfeld mit seiner Dichte der ersten Kilometer die Pylone auf dem Mittelstreifen nicht konsequent beachtet und von den Walkern den zusätzlichen Meter auf ihrer Spur ohne Gehässigkeiten zugestanden bekommen.

Das Elchgeweih, das vor mir auftaucht, gehört keinem echten Vertreter seiner Gattung – die gibt es hier so wenig wie es in Austria Kängurus gibt. Es ziert die Mütze des Zugläufers für 4:00, Jean-Pierre Lüthi, für den die Marathondistanz eher zur Kategorie Kurzfutter gehört (Wem „La Petite Trotte à Léon“ etwas sagt, weiß, was ich meine). In unserem kurzen Gespräch bringt er zum Ausdruck, dass er auch als Französisch Sprechender die Berichte auf Marathon4you gerne liest und schätzt. Das ist natürlich Ansporn, auch heute die Augen und Ohren offen zu halten, um später in meinem Bericht einen informativen Überblick über diese Veranstaltung zu geben.

 
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Nach dem Verlassen des Stadtgebiets von Lausanne rückt der See immer mehr ins Blickfeld der Läuferschar und bald tauchen wir seeaufwärts ein in das warme Licht, welches das verfärbte Laub der Reben über und unter uns ausstrahlen. Die abgesperrte Kantonsstraße gehört heute ganz den Sportlern und da und dort weht ein Hauch von Trester über die Strecke.  Hier sind nur noch vereinzelt Zuschauer an der Strecke, womit die Aussicht uns allein gehört. Die Region Lavaux gehört zum Weltkulturerbe und die Ortsschilder unterwegs zieren die gleichen Namen wie die Weinkarte im feinen Restaurant. Epesses, St-Saphorin – noch nie gekostet? Das muss daran liegen, dass die Schweizer diese edlen Weißweine so gut mögen, dass sie gar nicht ausgeführt werden. 

Bis Kilometer 14 laufe ich schmerzfrei und freue mich über diesen vermutlich letzten schönen, angenehm warmen Herbsttag in diesem Jahr.  Sollte mein Stoßgebet vor dem Start nicht das gewünschte Echo erhalten, dann müsste ich halt einmal abbrechen. Aber auch dann wäre das Wetter  immer noch das gleiche und ich könnte Isogetränk und Riegel  gegen einen guten Tropfen und etwas Raclette tauschen.  Das langsam wieder aufkommende  Ziehen im Fuß kann mich aber noch nicht vom Laufen und den mit Wasser, Iso, Riegel, Früchten und Gel gut bestückten Verpflegungsstationen abhalten.

Ein Mädchen sitzt am Straßenrand und ist daran, das Plakat für ihren Papi noch schön farbig zu gestalten. Ich frage mich: „Kommt er wohl auch bald oder ist er schon vorbei  und soll auf dem Rückweg eine noch schönere Anfeuerung zu Gesicht bekommen?“

Die dem Kindes- und Teenageralter entwachsenen Zuschauer vertreiben sich die Zeit eher mit – wie könnte es anders sein? – einem Schluck Weißem. Wenn man das Kantonswappen der Waadt kennt, ist dies nicht weiter verwunderlich. Auf die Frage „Warum haben sich die Waadtländer dieses Wappen (grün und weiß mit der Inschrift Freiheit und Vaterland) ausgesucht?“ gibt es als Antwort nämlich ein französisches Wortspiel: „Parcequ‘ ils aiment le blanc dans le vert/verre (Weil sie das Weiße/den Weißen im Grünen/im Glas lieben)“.

Nach nicht ganz eineinhalb Stunden kommt mir schon die Spitzengruppe entgegen. Dieses Vergnügen zu haben, als Volksläufer auch ein bisschen vom Geschehen an der Spitze mitzubekommen, ist ein Vorteil dieser Pendelstrecke.
Auf dem kurzen Stück in Corseaux, wo Hin- und Rückweg nicht identisch sind, geht es an der Villa Le Lac vorbei, die Le Corbusier 1923 für seine Eltern erbaute und das erste Beispiel moderner Architektur in der Schweiz ist.

Kurz danach geht es durch Vevey, an den Gebäuden von Nestlé vorbei in Richtung La Tour-de-Peilz, wo der Wendepunkt ist. Am Seeufer unter den Bäumen kommt Ferienstimmung auf. Die Leute in den Gartenrestaurants genießen ihren Mittagsschoppen in der Herbstsonne und ich meinen Marathon. Ich habe den Eindruck, dass ich bis jetzt mit meinen  -heute etwas spärlichen - Kräften haushälterisch umgegangen bin und der zweiten Streckenhälfte gelassen entgegensehen kann. Bei einigen ist das offensichtlich anders, jedenfalls tauchen vor mir immer wieder Shirts auf, deren Rückenanschriften sich schon früh meinen Blick entzogen haben.

 
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Auch die Guggenmusik ist nicht mehr ganz so munter am Schränzen und wer den Wetterpropheten nicht vertraut hat, merkt jetzt, warum die Weine hier so gut gedeihen – und dass er zu warm angezogen ist. 

Ich lasse die Wärme und die Gegend auf mich wirken, sauge jeden Strahl auf und komme mir vor wie die Maus Frederik, die Ihren Farben-und Lichtvorrat für den Winter sammelt. Die gleiche Strecke wirkt von der Gegenseite und anderem Lichteinfall nochmals ganz anders. Dass ich das Streckenprofil vom Hinweg schon kenne und weiß, was diesbezüglich noch auf mich zu kommt, verursacht keine Kopfschmerzen. Dafür habe ich Magenschmerzen, die ich mir selbst zuzuschreiben habe. „Selber schuld“, denke ich, „ich hätte mich an den Verpflegungsposten auch etwas zurückhalten können und mich nicht quer durch das Sortiment durchfuttern und -trinken müssen!“

An einem dieser Posten sehe ich, wie sich eine Läuferin mit ihrer eigenen Kamera fotografieren lässt – mit einer Flasche Weißwein in der Hand. Leute, die unterwegs Zeit zum Fotografieren haben, sind mir sympathisch, weil sie sich die Zeit dazu lassen und sich damit als Genussläufer outen. Bis zum fast zeitgleichen Zieleinlauf sehe ich sie immer wieder, ins Gespräch komme ich mit Ricarda aber erst mit umgehängter Medaille, eingepackt in die Plastikfolie.

Der Zielbereich ist so großzügig  gestaltet, dass wir für die weiteren eintreffenden Läufer kein Hindernis sind, obwohl wir dort stehen bleiben und noch einen längeren Schwatz abhalten. Wir machen noch ein paar Erinnerungsfotos bevor wir uns mit Früchten versorgt und einer Flasche Wasser unter dem Arm zur Gepäckausgabe machen.

Von dort aus flaniere ich dem Jachthafen entlang zurück zur Garderobe in der großen Schwimmanlage Bellerive am See. Ich nehme dort den weiten Weg bis zu den hintersten Duschen auf mich und werde dafür mit kürzester Wartezeit und heissem Wasser belohnt. In den offenen Garderoben des Freibads bin ich allerdings froh, dass heute ein milder Herbsttag ist. Bei tiefen Temperaturen würde mir da sonst ein gewisser Ankleidekomfort eindeutig fehlen….

Erfrischt und mit dem eleganten Marathon- T-Shirt in bester Baumwoll-Qualität bekleidet mache ich mich auf den Heimweg. Wehmütig, dass es schon wieder vorbei ist, aber noch glücklicher als acht Jahre und knapp zwei Dutzend Marathons zuvor. Was ist es, was die Wirkung ausmacht? Eine mögliche Erklärung finde ich auf der Heimreise im Programmheft in den Zeilen des ehemaligen Schweizer Spitzenläufers und Literaturwissenschaftlers Yves Jeannotat, in welchen er eine Läuferin zitiert, die diese Worte trabend, mit Blick auf die Gegend von Lavaux flüsterte:

„Bei dieser Anstrengung habe ich das Gefühl, dass meine eingeengte Seele sich in mir ausdehnt und erholt…. Es ist hart, aber es ist gut, denn hier weiß ich, dass ich bin…“

 

Informationen: Lausanne Marathon
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