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Laufberichte

Durch Auen und über Höhen

 

Wenn wir von Nordwest auf das kleinste Gebirge Deutschlands zufahren, zieht uns als erstes die Rothenburg in ihren blickfangenden Bann. Die erhabene Zeitzeugin grüßt uns keck vom 400 Meter über Normal-Null gelegenen Bergausläufer und wir fühlen uns willkommen. Als nächstes fällt der Fernsehturm ins Auge, ein schmaler Pfahl, etwas weiter im Gebirgsinneren und auf 450 Meter Höhe am Kulpenberg gelegen. Kilometer 17 beim Marathon - pulssteigende Vorfreude wallt auf.

Die Überfahrt von Kelbra aus ist mit ihren zahlreichen Kurven im Serpentinenanstieg ein nächster prickelnder Vorgeschmack auf das, was uns Läufer aus dem eher flachen Heideland erwartet. Kaum oben und am Fernsehturm vorbei, windet sich die Straße nicht weniger spektakulär hinab nach Bad Frankenhausen.

In der Kur- und Solestadt am Südhang des Kyffhäusergebirges nehmen wir Quartier. Freilich ist die Stadt das Zentrum der vom Kyffhäuser-Berglauf-Verein organisierten Sportveranstaltung, immer Anfang April, dieses Jahr bereits zum 39. Mal. Die Veranstaltung hat sich als echter Event mit vielseitigem Angebot für die ganze Familie gemausert. Im Angebot stehen 6 Laufwettbewerbe von Bambini-Lauf bis Marathon, drei Wandern- bzw. Walkingtouren sowie drei Mountainbike-Rennen. Neu in diesem Jahr ist eine Teamwertung beim 6 Kilometerlauf.

Mit einem Tag Luft vor dem samstägigen Lauf nehmen wir uns Zeit zum kleinstädtischen Flanieren und zum Pilgern - es geht den Schlachtberg zum Panoramamuseum hinauf. Hier wurde im feudalen Mittelalter der Bauernaufstand um Thomas Münzer niedergeschlagen. Das riesige Rundgemälde im Museum erinnert eindrucksvoll daran. Klar sind hier auch schon die Vorbereitungen für den Berglauf in vollem Gange. Denn den Schlachtberg hinab führen fast alle Rennen. Kathy, Mitorganisatorin vom Berglaufverein, kündigt uns für morgen kräftigen Gegenwind auf dem baumfreien Flugplatzberg von Udersleben hinauf an. Schon wieder dieses Kribbeln…

Am Freitagabend findet im Zelt auf dem Schlossplatz die Startnummernausgabe nebst Sportmesse und Nudelparty statt. Wer will, kann auch schon eine Thüringer Bratwurst oder ein Bierchen schlemmen.   

Schlossplatz, Samstag um halb neun, der erste Startschuss: Königsdisziplin Marathon. Über 300 Königinnen und Könige trauen sich an den langen Kanten. Viele nicht zum ersten Mal. Hallo! Wie läuft’s bei dir? Man kennt sich, wenn manchmal auch nur vom Sehen. Am meisten verbreitet ist natürlich das weichnäselnde Thüringer Dialekt, Noh! Aber es sind Aktive aus allen Ecken Deutschlands dabei.

 

 
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Am Schloss vorbei geht es auf die Straße und durch die Stadt. Vorn und oben grüßt das Panoramamuseum, fast 40 Kilometer sind es noch zu dir. Das Feld zieht sich schnell auseinander, die Leistungsdichte scheint breit. Der Wind von gestern hat sich wieder erwarten beruhigt, der Himmel hängt voller heller Wolken, die Temperatur liegt um die zehn Grad. Und es ist trocken – Yeah, ein idealer Marathontag.

Wir verlassen die Stadt und bleiben auf der ebenen Straße. Für die fetischistischen Kletterer ist das zu wenig Berg und zu wenig Trail. Für den Landschaftslaufliebhaber ist das ein gemächliches Einlaufen. Leuchtend schweift das Auge über die hügeligen Auen zur Linken, glänzend hebt es sich zu den felsig oder bewaldeten Hängen zur Rechten.

In Pärchen und Grüppchen plauschen die Läufe miteinander. Da ist Marlene von den Füchsen Hassenhausen, die den Lauf als Vorbereitung für den Superrennsteig Mitte Mai angeht. Im letzten Jahr ist Marlene beim Kyffhäuser noch den Halbmarathon gelaufen. Und jetzt ist der Langstreckenlauf für die junge Frau zur Leidenschaft geworden. Viel Glück Marlene!

Wir rollen über einen hügeligen Baumobstwiesenweg und atmen den Frühling. Die Knospen der Bäume beginnen sich matt-weiß zu öffnen. Ungeduldig schwärmen Insekten aus. Dann sind wir wieder auf der Straße zurück und in Rottleben bei der Tropfsteinhöhle. Hier schläft Kaiser Barbarossa seit vielen hundert Jahren. Erst wenn die Raben nicht mehr um den Berg fliegen, wacht er auf und schafft allenthalben Ordnung. Nein, die Zeit scheint dafür nicht reif. Barbarossa schläft auch heute und wir nutzen die erste Getränkestelle für einen Schluck Tee oder Wasser.

 

 
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Weiter geht es durch Auen und an Höhen bis Steinthaleben. In dem kleinen Ort am Westhang des Kyffhäuser Gebirges herrscht einige Stimmung. Die Bewohner heißen uns herzlich willkommen. „Habt dank, liebe Helfer!“, ruft Martina vom Marathonclub 100 überschwänglich aus. Wir laben am Büffet mit Obst und Butterbrot, mit Cola und Tee.

Jetzt, nach 10 Kilometern, geht es endlich los. „Das nennt sich ja auch Berglauf“, sagt Wilfried aus Ladbergen, der ein Shirt vom anspruchsvollen und stets schnell ausgebuchten Klippenlauf trägt. Die Straße steigt zwischen Wiese und Feld stetig an, oben werden wir mit einem Ausblick auf den Ort Kelbra und den Stausee belohnt. Wir biegen rechts in den Wald und bald führt es weiter auf befestigten Wirtschaftsweg bergan. Von der Straße sind wir runter, aber Trail geht anders, würden die Fetischisten sagen.

Der Landschaftsläufer in der zweiten Hälfte des Feldes aber hat ordentlich zu tun. Einige gehen die Anstiege, so wie es die Ultraläufer Dagmar (SC Impulse Erfurt) und Sven (Hudson-Runer) tun. Ihr Ziel: der Superrennsteig, was sonst. Nach ein-zwei welligen Kilometern wieder ein steiler Kilometer bergan. Dann sind wir bei Km 17 am Fernsehturm, 450 Meter hoch. Hier schenken Soldaten Getränke aus, wer will, nimmt sich ein alkoholfreies Weizenbier. Martina ist auch schon da: „Danke, liebe Helfer!“

 

 
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Jetzt haben die Fetischisten nichts mehr zu meckern. Auf wurzelumsäumten Trail führt es am steil abfallenden Hang durch den Wald entlang, vier Kilometer bergab meist. Doch dann, der halbe Marathon ist geschafft, beginnt die knapp zwei Kilometer lange Wallfahrt hinauf zum Kyffhäuser Denkmal und zur Burg Kyffhausen. Bei einer Wallfahrt ist nicht der Weg, sondern das Ziel entscheidend. Das passt damals wie heute. Wir müssen den Berg hinauf und an einem Wendepunkt den Stempel auf die linke Hand abholen, sonst werden wir im Ziel des Marathons nicht gewertet. Aber auch ohne den Stempel sollte kein Läufer den Punkt vor dem Denkmal auslassen. Hier gibt es neben dem majestätischen Blick auf die in Stein gehauenen Bildnisse der Kaiser Wilhelm und Barbarossa die beste Verpflegungsstelle des Marathons, nur hier gibt’s den leckeren Haferschleim.    

Und wieder sind wir 450 Meter hoch, verlassen aber die hoheitliche Stätte, werden bald rechts abgeleitet und laufen einen Trail hinab und an der Unterburg mit ihrer rotsteinigen Ringmauer vorbei. Schon im frühen Mittelalter soll Kyffhausen den Menschen der Umgebung als Fluchtburg bei Gefahr gedient haben. In ihrer heute erhaltenen Ausstattung gibt es die Burg seit dem 12. Jahrhundert. Drei Jahre hielten die Besatzer der Belagerung stand, bis sie 1118 niedergemacht wurden. Hernach begann der befestigte Wiederaufbau auf dem schmalen Grat des 800 Meter langen Burgberges. Der nächsten Belagerung hielten die Besatzer stand.    

 

 
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Nach dem Parkplatz an der Unterburg bleibt der Trail abschüssig. Nur zwei Kilometer weiter sind wir auf 300 Meter Höhe hinab und beginnen wieder mit einem anfangs recht steilen drei Kilometer langen Anstieg zum Streckenkontrollpunkt Dreiforststein auf 430 Meter Höhe. Auch der Wald hat uns vorfrühlingshaft aufgenommen. In zartem hellgrün sprießen die Knospen der Buchen, Buschwindröschen sprenkeln den grünrotbraunen Waldboden mit weißen Flecken. Mit von der Laufpartie sind Silke und Torsten vom Teufel-Team. Die beiden haben die gleiche Fitness und laufen und trainieren meist zusammen. Schön, wenn es so zweisam harmoniert.

Zwei Drittel des Marathons sind geschafft und das schwerste scheint überstanden. Auf festem Wirtschaftsweg rollt es leicht wellig über den Bergkamm. Doch es rollt nicht für alle. Bei der 30 km Marke nähert sich so manchem der berüchtigte Mann mit dem Hammer. Da sind Sybille und Martina vom SV Blau Weiß Petershagen, die abwechselnd gehen und laufen. Martina hat sich etwas von Sybille abgesetzt. Durchhalten, Sybille! Und sie kämpft. Linker Hand grüßen Kyffhäuser Denkmal und Burganlage hinüber. Ja, da waren wir schon.

Zehn Kilometer vor dem Ziel der nächste Verpflegungspunkt am Seebersbrunnen. Sybille hat sich wieder an Martina herangekämpft. Doch nun beginnt der Abstieg auf brüchigem Gesteinsweg und durch Querrinnen nach Udersleben. Da gewinnt Martina als bessere Bergab-Läuferin an Fahrt und setzt sich wieder von Sybille ab. Martina will in drei Wochen die Harzquerung laufen und dann den Superrennsteig, Glückauf! Der Wald öffnet sich und wir erhalten freien Ausblick über Obstwiesen und Auen in die Landschaft östlich des Kyffhäuser Gebirges.

Als wir nach Udersleben hineinfliegen, haben wir auf drei Kilometern 200 Höhenmeter verloren. Egal, noch 7 Kilometer bis ins Ziel. Legendär schon ist der Empfang der Anwohner in Udersleben. Wir laufen durch ein kleines frenetisch anfeuerndes Spalier und kommen zum wieder üppig bestückten Verpflegungspunkt: Äpfel, Bananen, Butterbrot, Tee, Wasser, Cola, Bier…

Ein nettes Osternest grüßt uns ausgangs des Dorfes. Richtig, nächste Woche ist es soweit. Doch wir stehen vor der nächsten berüchtigten Hürde: dem Flugplatzberg. Dieser zieht sich über drei Kilometer durch eine Wiese bis in ein Wäldchen stetig hinauf. Wohl dem, der noch Kraftreserven hat. Der Wind bläst nur mäßig von vorn, die Mittagssonne aber dringt mit gleißendem Licht erwärmend durch die Wolkendecke und fördert den Schweiß. Oben am Wald langt Volker von den Cottbuser Parkläufern an und kann nicht mehr… Besser hat es da Fitness Mama Christiane. Die junge Mutter wurde den ganzen Marathon von Silvio und Christoph (Stiftung Wadentest) eskortiert. Christiane läuft heute ihren zweiten Kyffhäuser-Marathon und verbessert ihr Vorjahrergebnis um eine halbe Stunde, Chapeau! Vielleicht wird sie auch wieder selbst berichten? Aber jetzt noch vier Kilometer.

 

 
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Durch das Wäldchen rollt es wellig bis zum Jägers Kreuz. Wir langen am Panoramamuseum an. Doch kaum ein Läufer hat einen Blick für das runde Gebäude. Noch ein letztes Getränk gekippt und es läuft den steilen Schlachtberg auf teils querinnigem Weg hinab. Die netten Spruchtafeln am Streckenrand verdrängen die Müdigkeit: „Krisen meistert man am besten, indem man ihnen zuvorkommt.“

Jetzt kommen die schiefe Oberkirche und Bad Frankenhausen in den Blick. Der letzte Kilometer auf flachem städtischen Terrain, durch eine Parkanlage, am Solefreibad, an Fachwerkhäusern vorbei. Dann die Kyffhäuser Therme, der Schlossplatz, das Ziel. Der Zieleinlauf wurde durch die Umstellung des Zeltes zuschauerfreundlicher gestaltet. Frenetischer Empfang der Königinnen und Könige. Hurra! Kaviar!

Nein, Kaviar gibt es nicht, aber wir werden alle mit einer Kyffhäusermedaille gekrönt. Und dann am Buffet laben an Energiegetränk, Tee oder Wasser; Banane, Salzbrezeln und Kuchen. Manchem Teilnehmer ist die Erschöpfung deutlich anzusehen, aber egal, der Wettkampf gegen sich selbst ist gewonnen und die Erholung setzt rasch ein - bei Erbsensuppe mit Bockwurst oder Thüringer Bratwurst, bei Fischbrötchen oder Kaffee und Kuchen.

 

 

In manchen Quellen werden die Höhenmeter beim Bergmarathon mit 350 Metern angegeben. Das mag die Differenz von höchstem und tiefstem Streckenpunkt sein. Aber beim Blick auf die Höhenprofilskizze stehen 700 Meter aufwärts auch 700 Meter abwärts gegenüber. Der Kyffhäuser Bergmarathon ist kein Osterspaziergang, probiert es selbst!

Die Siegerehrungen finden draußen auf einer offenen überdachten Tribüne statt. Auch das ist zuschauerfreundlich und vor allem ehrenvoll für die Platzierten. Und am Abend dann die Schlossplatzparty zum Berglauf. Die Tische und Bänke sind in diesem Jahr partyfreundlich chic hergerichtet. Aber anders als die letzten Jahre spielt keine Live-Band auf. Es wurde ein Discjockey arrangiert. Das gefällt vor allem den Bad Frankenhausern selbst, denn die erscheinen teils mit der ganzen Familie und feiern ab. Das Discogeträller ist zwar nichts für Rockmusikanhänger, aber auch die rockenden Läufer tanzen. Und sei es auch nur der aktiven Regeneration wegen.

Ein gelungenes Sportwochenende findet seinen krönenden Abschluss. Die Veranstalter zeigen sich mit Ablauf und Resonanz zufrieden. Wie im Vorjahr konnten wieder über 2 500 Teilnehmer verzeichnet werden. Da wird schon jetzt mit Spannung das nächste Jahr erwartet. Denn 2018 steht das 40. Jubiläum beim Kyffhäuser Berglauf an. Das wird sicher noch mehr Teilnehmer anziehen, die den Kyffhäuser sportlich rocken wollen, gern auch am Abend wieder!
               
Marathonsieger:

1.    Marcel Krieghoff     SC Impuls Erfurt        2:37:37,8
2.    Enrico Wiessner    LG Nord Berlin Ultrateam    2:48:37,2
3.    Frank Wagner        Rennsteiglaufverein LG Süd    3:00:32,2

1.    Michaela Danner    SV Kasing            3:29:26,8
2.    Patrizia Hummel    Siebenlehn            3:36:35,2
3.    Bettina Böttcher    MEDLETIK Sports-Team    3:41:04,9

 

 

Impressionen

 

 
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Durch Auen und über Höhen

 

Du schöne goldene Aue
Mit üpp’gen Ährenkranz,
Mit frischem Morgentaue
Im hellen Sonnenglanz!

Ich grüße deine Wälder,
Der Eichen dunkles Grün,
Und auf den Höh’n der Felder
Die Burgen stolz und kühn.

Ich grüße deine Städte
Aus grauem Altertum,
Die mancher Sturm durchwehte
Und mancher hohe Ruhm.

um 1800 – Quelle: „Burgen im Kyffhäusergebirge“ von Fred Dittmann

 

Informationen: Kyffhäuser Bergmarathon
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteFotodienst HotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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