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Laufberichte

...und der Himmel weint vor Freude

 

Die Dänen sind ein lauffreudiges Volk, das sieht man alljährlich beim Berlin-Marathon und auch in Hamburg, wo sie nach den Deutschen die zweitstärkste Nation in Bezug auf die Teilnehmerzahlen bilden. Die größte Laufsportveranstaltung in ihrem eigenen Land wird im Gegenzug auch von vielen Deutschen gut angenommen. Kopenhagen rangiert im Ranking der weltweit größten Marathons an 30. Stelle.

Die Fahrt mit den 1a-Bus von meinem Hotel du Nord nahe dem Hauptbahnhof zur Sparta Hallen im Stadtteil Østerbro dauert 20 Minuten. Im Gegensatz zu Wien, wo es die ganze Woche über geregnet hat, scheint heute in Kopenhagen die Sonne bei Temperaturen an die 20 Grad C. Vor dem Stadion  werden „gesunde“ Äpfel an die Messebesucher verteilt, die eine Telekommunikationsfirma gesponsert hat.

 

 
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Ich habe schon deutlich größere Marathonmessen erlebt. Die hier in einem Zelt mit Nebentrakt zum Stadiongebäude unterbrachte Ausstellung ist wie der Name „Sparta“ schon sagt, ziemlich bescheiden aufgezogen. Auch ist der Andrang am frühen Nachmittag noch gering. Mag sein, dass viele der 10.000 registrierten Teilnehmer ihre Startnummern schon Tage davor abgeholt haben oder die lange Öffnungszeit am Samstag bis 20 Uhr nutzen und später kommen.

Das Startpaket enthält die mir zugeteilte Nummer 4237 mit auf der Rückseite integriertem Chip, einen übergroßen Kleidersack und  ein schickes Funktionsshirt in schwarz. Einige deutsche Marathonlaufveranstalter sind mit einem eigenen Stand vertreten, neben Berlin, auch Düsseldorf und Münster. Den Marathon von Nice nach Cannes, der hier beworben wird, bin ich 2011 schon gelaufen, ebenso Amsterdam.

Weil es draußen so schön ist, begebe ich mich alsbald zum angrenzenden Park nahe der Expo, um mich wie Dutzende andere auf die grüne Wiese zu setzen. Als Unterlage benutze ich den Kleiderbeutel. Viele junge Leute sind zugegen, lesen, sonnen sich, manche sogar in Badekleidung. Welch ein herrlicher Frühlingstag.  

Ich schmökere in der Sport-Sonderbeilage der Zeitung Politiken, in der eine neuere wissenschaftliche Studie von Henrik Lund Jensen über die Einstellung der Dänen zum Laufsport zentrales Thema ist. Ich bin nicht überrascht zu erfahren, dass in Dänemark statistisch gesehen von 10.000 Einwohnern 36 Marathonläufer sind. Nur die Iren liegen mit 43 vor ihnen an erster Stelle des weltweiten Ranking. Österreich und Frankreich bringen es nur auf 16 Läufer, Deutschland liegt mit 14 noch weiter zurück. Gewisse Zweifel kommen mir allerdings an der Untersuchung auf, als ich in der Grafik sehe, dass gerade die sportverrückten Italiener mit nur 10 Marathonläufern neben den Griechen und Australiern an letzter Stelle liegen. Bei 5,4 Millionen Einwohnen werden dieses Jahr rund 25.000 Dänen einen Marathon in Angriff nehmen, 75.000 einen Halbmarathon laufen. Das sind schon beeindruckende Zahlen.

 

 
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Eine Stunde bringe ich so zu, dann mache ich mich auf den Weg zur Kleinen Meerjungfrau, eine der bekanntesten und viel besuchten Touristenattraktion Kopenhagens. Auch der morgige Marathonkurs wird dort vorbeiführen, heute Nachmittag sollte aber mehr Zeit für ein Fotoshooting sein als während des Rennens.

Mein letzter Aufenthalt in Kopenhagen datiert vom Sommer 2000. Damals hatten meine Frau, meine Tochter und ich eine 12-tägige Ostseekreuzfahrt gebucht. In der Eremitage in St. Peterburg holten wir uns einen Influenzavirus, Dutzende Passagiere mussten sogar ins Krankenhaus. Die Weltausstellung in Hannover besuchten wir trotzdem, wenn auch entkräftet und mit Fieber.

Nun spaziere ich langsamen Schrittes über die Østerallee, mache einen Abstecher in den Park und schlendere weiter zu den Esplanaden. Vorbei an der St. Albans Kirche sind es nur rund 500 m entlang der Uferpromenade „Langelinie“ bis zur Kleinen Meerjungfrau. Das heutige Postkartenwetter hat viele Spaziergänger und natürlich Touristen angelockt, die in dichten Trauben davor stehen.

Die seinerzeit vom dänischen Brauereiunternehmer Carl Jacobson gesponserte und von Edvard Erikson gestaltete zeitlose Schönheit aus Bronze und Granit wurde am 23. August 2013 100 Jahre alt. Sie repräsentiert die Meerjungfrau aus dem Märchen von Hans Christian Andersen. Obwohl sie schon oft beschädigt wurde, hat sie nach den Wiederinstandsetzungen ihre Anmut nie verloren.

Es ist bereits 19 Uhr, mir bleiben noch zwei Stunden, um bei Tageslicht das Start- und Zielareal des Marathons zu begutachten. Das ist eine Gewohnheit von mir, schließlich muss man sich ja auch etwas auskennen und wissen, wie man am Morgen am besten zum Start kommt.

Bis zur Langebro, der Brückenabschnitt vor und nach dem Start, und zum eigentlichen Startareal, Islands Brygge, sind es von wohl mehr als 5 km, die ich lieber mit dem Bus zurücklegen werde. Eine Faustregel vor einem Marathon lautet: „Verausgabe dich nicht bei ausgedehnten Sightseeing-Touren vor dem Renntag!“

Das Frühstücksangebot im Hotel du Nord (934 DKR für ein kleines EZ) am Renntag ist nicht üppig, aber es ist für jeden etwas dabei. Mir sagen die weich gekochten Eier zu, weil man zu oft in anderen Hotels zehn Minuten lang gesottene Eier im Körbchen vorfindet, die bockig hart sind.

 

 
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Der Start des 35. Kopenhagen Marathons ist für 9 Uhr 30 angesetzt. Nach einem Wettercheck am Morgen sind zwei Lagen angebracht, eine hauchdünne Windjacke nehme ich auch noch mit. Heute möchte ich erstmals auf die während unserer dreieinhalb Monate dauernden Reise um die Welt mit einem Kreuzfahrtschiff in Singapur etwas günstiger gekaufte Canon DS20 Unterwasserkamera als Fotoreportage-Werkzeug zurückgreifen. Hauptgrund dafür sind die ab Mittag angekündigten Regenfälle, die mich als sub 5-Stunden-Läufer betreffen werden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Marathons spüre ich hier am Start in Kopenhagen keine Sekunde irgendwelche Hektik. Die Läufer sind auch nicht aufgeregt, fast sachlich gehen die Dänen an die Sache ran. Vielleicht ist es auch der nahende Wetterumschwung, den manche spüren – auch unter den Marathonläufern soll es Rheumatiker geben.

Am Start stehen Zugläufer u.a. mit den Zielzeiten 3:50, 4:00, 4:10, 4:20, 4:30, 4:50, 5:00 Stunden. Ich begebe mich etwas weiter nach vorne, damit ich am Start nicht zu viel Zeit verliere. So gehe ich mit nur ca. 3:30 Minuten Zeitverzögerung ins Rennen. Es ist mein erster Marathon in Kopenhagen und auch der erste in Dänemark. Nur in Stockholm bin ich 2002 schon einmal gelaufen. Daher plane ich heuer mein Länderkontingent von derzeit etwas über 20 dieses Jahr nach Möglichkeit zu erweitern. Ziel ist aber auch, bis Jahresende die „200 marathons in one‘s lifetime“-Marke zu schaffen. Addiere ich meine 5 Ultramarathons dazu, wären es nach meiner persönlichen Zählung nur mehr 13 Läufe.

 

 
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Der Anstieg auf die Langebro ist am Anfang des Marathons kein Kriterium. Man wird im Sog der losstürmenden Läufer mitgezogen. Auch ich bin am Anfang mit ca. 12 km/h (5:00 min/km) auf den ersten Kilometern unterwegs, was ja für mich viel zu schnell ist. Aber dank dieses zeitlichen Vorsprungs kann ich öfters für einige Augenblicke stehenbleiben und unbeschwert knipsen.

Die hinter mir nachkommenden Läufer/innen strotzen förmlich vor Energie. Man erkennt an der Körpersprache, dass 3:50er-Finisher für den Marathon zumeist ordentlich trainiert haben. Nach 3 km ist das Feld inzwischen schon weit auseinander gezogen. Nicht nur am Start hinter den Absperrungen, sondern auch entlang der H.C. Andersen BLV stehen auf der für den Verkehr gesperrten Seite der Straße viele applaudierende Zuschauer am Gehsteig. Ein Mann zeigt ein Transparent, auf dem zu lesen steht: „Run like any angry Kenyan“. Ich bin inzwischen von Hunderten Marathonis überholt worden, sie alle haben es sehr eilig.

Der Kurs führt nun die Øster Voldgade nach Norden bis zur Østerport Bahnstation, wo bald darauf bei der Kristianiagade sich die erste Labestation befindet und 5 km erreicht sind. Ich pflege den Wasserbecher immer beim letzten Tisch zu fassen, da ist das Gedränge der nachrückenden Läufer geringer. Auch eine kleine Gehpause von 15 bis 30 Sekunden sollte man sich erlauben. Jeff Galloway, der US-amerikanische Laufguru, empfiehlt überhaupt lange Gehpausen, damit man bei einem Marathon sicher (allerdings über 5 Stunden) finishen kann.

 

 
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Der Marathonkurs in Kopenhagen hat viele Wenden, das konnte ich gestern auf der Expo an der Karte gut erkennen. Manche Zuschauer haben einen Folder in ihren Händen, auf denen die Strecke abgebildet ist. Von der Nordre Frihavnsgade geht es nach 6 km nun in der Østeralle vorbei am Fußballstadion des FC Kopenhagen. Gleich darauf folgt die nächste Labe, die ich nicht beanspruche.

Die Schlaufe danach führt die Läufer/innen wieder in die Nähe der Nordre Frihavnsgade zurück, bevor der Kurs nach Südosten in die Øster Søgade abzweigt. Zur Rechten befindet sich der Sortedams Sø mit herrlichem Blick auf das Wasser und mit Bänken unter noch blühenden Kastanienbäumen. Gestern bin ich hier vorbeispaziert, heute ist das Wetter jedoch längst nicht mehr so einladend.

Die 10km-Distanz erreiche ich nach 1:08:12 Stunden, ziehe ich 3 ½ Minuten ab, so habe ich bereits 5 Minuten Verspätung, denn auch ich kalkuliere auf den ersten 10 km nicht mehr als 60 Minuten Laufzeit ein. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass, je dichter das Feld ist, ich umso länger brauche. Ein Grund dürfte wohl sein, dass man immer wieder etwas Zeit durch Ausweichmanöver verliert bzw. manchmal nicht vorbeikommt, wenn andere noch langsamer laufen als mit 10km/h.

Gleich nach der Labe taucht von hinten ein energischer Läufer auf, der ein Shirt der Marathon Maniacs trägt. Ich bin seit meiner Nordamerika-Marathon Running Tour im Jahre 2009 bei ihnen Mitglied. Damals nahm ich in 5 Wochen an ebenso vielen Läufen über die 42,195 km teil – Höhepunkt war der 40. New York City Marathon. Bei den Maniacs erhält man die höchste Auszeichnung, wenn man 52 Marathons in einem Kalenderjahr gelaufen hat. Die 10 Sterne habe ich voriges Jahr bekommen, mit einem Ultra beim Mozart 100 über 55 km sind es sogar 55 Läufe geworden.

Die nächste eckige Wende kommt knapp vor Kilometer 11: der Kurs führt nach Süden und anschließend die Nørrebrogade wieder nach Osten. Die angebotene Labestation erneut nach Kilometer 11 erklärt sich daraus, dass diese bei Kilometer 36 erneut passiert werden wird.

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