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Laufberichte

Geheimnisse des Königsforst

17.03.13
Autor: Joe Kelbel

Es ist noch nicht lange her, da wollte man keine Fremden im Königsforst sehen. Ich meine damit nicht die untere Umweltbehörde, die ein Gutachten in Auftrag gibt, um festzustellen, ob Marathonläufer brütenden Vögel stören.

Es war vor der Zeit der Langstreckenläufer, da wurde die Bahn nach Bensberg gelegt und die Arbeitnehmerschaft der “Chemischen” in Kalk fiel am Wochenende in das Naherholungsgebiet ein. Die “bessere Gesellschaft” trank damals im Ausflugslokal Hummelsbroich, dem alten Herrensitz von 1368, ihren Kaffee. 1978 beim Bau der A4, wurde das Hummelbroich abgerissen und die Bundesanstalt für Straßen(un)wesen auf dem Grundstück gebaut.

Der Start des Marathons ist um 12 Uhr. Bei der Startnummernabholung ist kein Gedränge, denn traditionell erhalten die Vormelder ihre Startnummer per Post. In der kleinen Halle feiern Eltern derweilen ihre kleinen Nachwuchsläufer bei Kaffee und Kuchen, um die Kölschfässchen kümmern sich die Langsstreckler.

 
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Zeit für mich das “Mordkreuz” zu suchen. Tatsächlich finde ich einen Lokalreporter, der mir einen Hinweis geben kann. Das Kreuz steht 200 Meter nach dem Start, links der Laufstrecke, zwischen zwei jungen Eiben. 1536 wurde hier Rüdger Geviin ermordet, wenn ich die alte Schrift entziffern kann. Es ist ein Sühnekreuz, welches von den verfeindeten Familien errichtet wurde. Es kann sein, dass die Brüderstraße nach diesem Mord so genannt wurde. Doch wahrscheinlich kommt der Name eher von “Breite Straße”, denn dies ist die älteste Handelsstraße (Flandern-Eisenach) in NRW.

Wir unterqueren die A4, die die Brüderstraße teilt, und laufen weiter hinauf bis zur L 288. Auf der linken Straßenseite liegt das Grubenfeld Klaproth (Blei, Kupfer, Zink). Der 70 Meter tiefe Schacht von 1866 ist teilweise mit einer Halde überdeckt. Gefunden wurden Werkzeuge aus dem Mittelalter.

Am Ortschild Forsbach geht’s rechts den Brück-Forsbacher Weg hinab. Bis vor drei Jahren gab es noch die Gaststätte “Whiskey Bill“. Nach dem Krieg verlangten die belgischen Besatzer ausschließlich Whiskey und der Wirt lief bis 2010 mit Cowboyhut rum. Nichts Besonderes, wenn nicht Franz Hubert Wolfgang Remling bei einem seiner Auftritte beim Whiskey Bill entdeckt worden wäre und sich seitdem Wolfgang Petry nennt.

 
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Am 12.06.1900 fiel in Forsbach ein Meteorit runter. Das 240 g Ding liegt im Mineralogischen Museum in Bonn. Wenige Meter den Brück-Forsbacher Weg fällt, fällt auf der linken Seite ein kleines gepflastertes Gelände im Wald auf. Es sind die Reste des Bahnhof Forsbach. Die Bahnlinie der Sülztalbahn wurde 1964 stillgelegt, die Trasse ist nun ein Radweg. Eine Bronzetafel erinnert an den Bahnhof, der wegen des Funkenfluges der Dampflok außerhalb der Stadt gebaut wurde.

Links der Mergelberg, der aufmerksame Läufer sieht unter sich Kieselsteine und Sande, die vom eiszeitlichen Rhein hinterlassen wurden.

An der nächsten Wegekreuzung steht die Kaisereiche. Die alte Eiche wurde von der französischen Besatzungsmacht zerschossen, die jetzige Kaisereiche ist ein Nachbarbaum der alten.

Bei km 10 muss ich an den Bericht von Bernhard aus dem Jahr 2009 denken: “Ein Stoffwechselendprozessvorgang zwingt mich …hinter dicke Eichenstämme. Viele Minuten verbringe ich jetzt in niedergekauerter Haltung und kann die Läufer auf dem Weg sehen….” Er betrachtet dann auch noch sein Resultat, das ein “vielseitig interessierter Förster zum Zoologischen Institut .... schicken wird. “

Tatsächlich waren die Förster hier nie zimperlich gewesen. Wilddiebe ketteten die Gehilfe der Herzöge an den Baum, zerschossen deren Gelenke und ließen sie dort hängen. Der Königsforst war früher die Fleischkammer der Herzöge, doch die Bauern aßen auch gerne das Wild, das ständig Felder und Vorräte plünderte. So lebte man  mit den Förstern und Jägern der Herzöge im Bürgerkrieg. Erst 1790, mit dem Ende des Feudalzeitalters, durften die Untertanen offiziell selber jagen. 4000 Hirsche und das gesamte Schwarzwild wurden in drei Monaten erlegt.

Die Sage vom Räuber Hopsa schildert diesen Kleinkrieg. Der Räuber konnte sich in einen Dornbusch verwandeln, sodass die Hunde des Försters ihn nicht ergreifen konnten. Aber gerne hoben sie das Bein und pullerten den Dornbusch an.

Rechts führt die Laufstrecke auf den Wolfsweg. Wölfe waren hier früher so zahlreich wie heute Läufer. Die linke Seite des Weges gehört zu Köln, weswegen wir zum höchsten Punkt Kölns, den Monte Troodelöh (118,04 m),  hinab laufen. Der Weg führt von hier aus durch ein zerfurchtes Waldgebiet, es sind die Abraumhalde der Grube Galilei (bis 1863), die Schächte (bis 62 m) sind zugeschüttet.

Wir kreuzen den Bergmannpfad. Das Silber der Erzgruben wurde zur Finanzierung des Kölner Doms gebraucht, das Blei zur Abdichtung der Fenster und des Daches.

 
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Weiter geht es auf der Schnacke-Linie. Die Bezeichnung “schnack” bedeutet schnurgerade, dies ist also “ne schnacke Wäch”.

“Nordwaldzelle” steht auf einigen Schildern, hier soll ein naturbelassener Urwald entstehen.

Der “Rennweg” erinnert an die früheren Hochöfen, die hier das Erz zum “rennen”, also zum rinnen brachten. Weiter  geht es nach Süden, links der große Steinberg, in Sichtweite seltsame gezackte Gräben. Es sind Schützengräben. Der “Schiefer Hauweg” zeugt davon, dass hier die Ablagerungen des Devon abgebaut wurden um das Dach des Kölner Doms zu decken.

Bevor wir wieder in den Rennweg nach Norden einbiegen, ein kurzer Blick auf die  Hügelgräber aus der Eisenzeit. Die Straßennamen in Rath: Walhallastraße, Donarstraße, Wodanstraße, usw. zeugen von einer Epoche, in der man gerne auch die Eisenzeit germanisierte.

Der Parkplatz an der L358 ist praktisch eine Exklave von Bergisch Gladbach, genau hier gegenüber auf dem Gelände des Kinderdorfes stand im zweiten Weltkrieg eine Munitionsfabrik.

Wieder auf dem Rennweg gelangen wir zur kleinen Pendelstrecke, einem sehr interessanten Stück, denn hier sind noch Reste der Verladestation der Munitionsfabrik sichtbar: Laderampen, Scheinwerferstellungen und Splitterschutzzellen. Ein Bunker ist abgesperrt, die verstärkte Brücke, über die wir laufen, wurde für die Güterzüge errichtet.

Links im Wald liegt der Hexenteich, eine alte Richtstätte vor den Toren Kölns. Rechts unmittelbar am Weg noch ein kleiner Teich, dessen Ränder allerdings so hoch sind, dass man das Wasser nur sieht, wenn man den Rand hinaufsteigt. Die Alliierten haben hier die Munition gesprengt und unbeabsichtigt ein wertvolles Biotop geschaffen.

Nun geht es wieder die Brüderstraße hinauf. Wir verabschieden die HM-Läufer und begeben uns in die zweite, einsame Runde. Helmut Urbach mit seinem typisch Kölner Zwirbelbart steht im Zielbereich. Es sieht so aus, als würde er beobachten, ob sein Streckenrekord heute fallen wird. Aber er braucht keine Angst zu haben und wird auch noch dort stehen, wenn der letzte Läufer nach 5 Stunden ins Ziel kommt.

Einige Geheimnisse des Königsforst konnte ich nicht lüften. So frage ich mich, ob  die jungen Helfer an den Verpflegungsstationen deswegen Haarnetze tragen müssen, damit sich kein gestörter, brütender Vogel auf deren Kopf einnistet. In den Bechern mit warmem Iso und kaltem Wasser finden sich jedenfalls allenfalls ein paar Baumstückchen und an den Müsliriegeln und Bananen klebt keine Feder.

Auch kann ich mir nicht erklären, warum die zweite Runde für mich 35 Minuten länger ist, und warum hier so viele Finnen starten. Fragen, die ich versuche nächstes Jahr zu klären, denn ich komme sehr gerne hierher in mein Stückchen alte Heimat mit den vielen Geheimnissen.

 

Informationen: Königsforst-Marathon
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