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Laufberichte

Ultra-Premiere beim Kultlauf im Karwendel

 

Es ist fast noch dunkle Nacht, als wir uns auf einem Parkplatz in Scharnitz dick mit Sonnenmilch eincremen. Um uns herum bereiten sich auch andere Sportler auf einen langen Tag vor. Den Wecker um 4:00 hätten wir uns sparen können, denn meine Aufregung ließ mich schlecht schlafen. So gespannt bin ich auf den Karwendelmarsch, von dem ich mir nicht nur ein besonderes Naturerlebnis verspreche, sondern der auch mein erster Ultra-Lauf werden soll.

Der Karwendel lässt die Herzen aller Wander- und Sportbegeisterten höher schlagen. Die  Gebirgsgruppe der nördlichen Kalkalpen wird im Norden von den Voralpen mit dem Sylvenstein-Stausee, im Süden vom Inntal, im Osten vom Achensee und im Westen von der Ortschaft Seefeld begrenzt. 20 Prozent des Gebiets liegen in Deutschland, 80 Prozent bilden in Österreich den Alpenpark Karwendel, das größte Naturschutzgebiet der Ostalpen.

Auch Ludwig II von Bayern hat es hier gefallen. Auf der 2050 m hohen Schöttelkarspitze ließ er den Gipfel planieren und den Teepavillon „Belvedere“ aufstellen. Über einen breit angelegten Weg beförderten Sänftenträger den „Kini“ nach oben. Wir können von Sänften natürlich nur träumen. Selbst ist der Mann bzw. die Frau, wobei es mir auch ziemlich seltsam erscheinen würde, mich von den Einheimischen auf einen Berg tragen zu lassen.

Der Karwendelmarsch, die Durchquerung des Gebirges von West nach Ost, wurde 1969 ins Leben gerufen. Nach einer längeren Pause entschloss man sich 2009 zu einem Revival, das in diesem Jahr seine 7. Auflage erlebt. Klaus Duwe erzählt in seinem 2010er Laufbericht einiges über die Geschichte des Laufs.

Die Königsklasse bilden die 52 km von Scharnitz nach Pertisau am Achensee in den Kategorien Lauf, Marsch oder Nordic Walking. Zum Hineinschnuppern gibt es eine verkürzte Variante, die nach 35 km in der Eng endet und für Wanderer oder Nordic Walker gedacht ist. Die Strecke ist anspruchsvoll, wir müssen über drei Pässe und werden bei diesem Auf und Ab 2.300 Höhenmeter überwinden.

 
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Der Start ist am Samstag um 6:00 Uhr. Da ist es günstig, vor Ort zu übernachten. Die Olympiaregion Seefeld bietet eine Vielzahl von Unterkünften für jeden Geldbeutel. Man hört, dass an diesem letzten Augustwochenende alles belegt ist. Zu den Marsch-Teilnehmern gesellen sich die „normalen“ Feriengäste, die das hochsommerliche Wetter und die vielfältigen Wellness-Angebote genießen wollen.

Unser Hotel, der Egerthof, bietet bereits ab 4:00 Uhr ein Frühstück an, sodass wir gut gestärkt eine Stunde vor dem Start in Scharnitz ankommen. Das Parken ist nicht ganz einfach und etwas später muss man schon auf weiter entferntes Terrain ausweichen. Der (nahezu volle) Mond geht gerade unter. Im Startbereich ist richtig viel los - kein Wunder, denn das Kontingent von 2500 Teilnehmern wurde in diesem Jahr erstmals voll ausgeschöpft.

Wir entscheiden uns für die ganz leichte Laufmontur und wenig „Ballast“: Neun Verpflegungsstellen sollten für das leibliche Wohl und die Flüssigkeitszufuhr ausreichen. Nach der Taschenabgabe Anstellen beim Toilettencontainer. In meiner Schlange geht es gar nicht voran. Ein Läufer mit unter der Tür sichtbaren roten Schuhen blockiert das Häuschen eine gefühlte Ewigkeit. Nehmt euch also in Zukunft vor roten Schuhe in Acht!

Den Startböller erlebe ich dann im Container. Schnell hinterher. Es gibt bereits zu Beginn eine Zeitmessmatte und auf die Sekunden muss ich heute nicht schauen. Vielmehr möchte ich dem Tipp des Ansagers nachkommen, die schöne Bergwelt zu genießen. Dummerweise sind auch die Walker und Marschierer schon unterwegs. Da heißt es Ruhe bewahren. In einigen Minuten wird es Platz zum Überholen geben. Über die Isar, die hier in einem Seitental entspringt, wenden wir uns Richtung Karwendeltal. Nach einer ersten happigen Steigung kann man auf der Forststraße sein Tempo finden. Judith wartet bereits auf mich. Schön, dass wir uns gleich getroffen haben, auch wenn ich dadurch im Ziel eine Nettominute schneller sein werde.

Ein Schild weist auf die nahe Birzelkapelle hin, ein 1809 erstmals erwähntes Kirchlein oberhalb von Scharnitz. Es ist nicht bekannt, von wem und zu welchem Anlass sie erbaut wurde. Sie wird
jedoch von den Anrainern gepflegt und steht unter dem Schutz von „Mariä Heimsuchung“.

Kurz danach verlassen wir den Wald und können die umgebenden Berge betrachten. Eine wunderbare Stimmung kurz vor dem Sonnenaufgang. Umrahmt von einigen der 125 Gipfel, die über 2.500 Meter hoch sind, geht es am Karwendelbach dahin. Ich drehe mich oft um, um die ersten Sonnenstrahlen auf der Bergkette zur Linken zur erhaschen. Bis zum Karwendelhaus verläuft dort oben die Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Das enge Grenztal bei Scharnitz war seit dem Dreißigjährigen Krieg von der Talsperre Porta Claudia, einer massiven Festung, gesichert. Deren Reste sind noch heute zu sehen. Inzwischen gelangt man dank Europa ohne Kontrollen hinüber; unglaublich, dass hier mal Kriege geführt wurden. Und so wie unter den 26 teilnehmenden Nationen viele Deutsche sind, werden morgen auch zahlreiche Innsbrucker an den bayerischen Seen zu finden sein.

Die westliche Karwendelspitze (2.385 m) lässt sich von Mittenwald aus mit der Seilbahn erreichen. Auch einen Berglauf hinauf gibt es. Rechter Hand bietet sich die Pleisenspitze (2.569 m) an, um die magischen 2500 zu überschreiten.  An der Verpflegungsstation Schafstallboden (mit Beleuchtung!) haben wir lockere 10 km hinter uns. Die Wanderer müssen hier ihren Nachweiszettel abstempeln. Läufer können sich das sparen. Und zwei Toilettenhäuschen gibt es auch. An den nächsten Stationen kann man dann die Anlagen der Hütten benutzen.

Wir kommen gut voran und erkennen am Spruch „Die sehen so aus, als würden sie schon seit zehn Jahren Marathon laufen“, dass der Aufdruck unserer M4Y-Shirts von den Mitstreitern gelesen wird. Wenn auch nicht unbedingt richtig gedeutet, denn wir laufen ja schon viel länger als die zehn Jahre, die es Marathon4you inzwischen gibt ...

Ich betrachte die riesigen Kare, die teilweise 1.000 Meter hinauf reichen. Und ich warte auf den ersten Sonnenstrahl, der um 7:33 Uhr über dem Hochalmsattel auftaucht. Auf den Wäldern liegt jetzt ein mystisch anmutender Morgennebel. Manch einer zückt sein Smartphone, um den Augenblick einzufangen. Aber so richtig schön ist dieses Naturschauspiel nur in echt. Das Telefonieren funktioniert auf unserem Weg übrigens nicht so gut. Viele Winkel sind nicht entsprechend versorgt. Erklärtes Ziel des Marsches ist die Bewusstseinsbildung für die Natur im Allgemeinen und den Alpenpark Karwendel im Speziellen. Dazu gibt es im Internet Informationen und drei große Info-Points am Rande der Strecke. Mal ehrlich:  Für den Notfall ja, aber sonst stört das Handy doch nur. Und zur Sicherheit haben ja auch die Helfer der Bergwacht ihre Funkgeräte dabei.

Der Weg gibt nun in Serpentinen eine härtere Steigung vor, sodass die meisten Läufer unserer Leistungsklasse ins „Powerwandern“ herunterschalten. Unterhalb des Hochalmkreuzes kann man  das Karwendelhaus erkennen. 1908 nach fünfjähriger Bauzeit eröffnet, bietet es Übernachtungsplatz für 190 Personen. Beliebt ist es wegen der günstigen Lage an den großen Fernwanderrouten E4 und Via Alpina und als ideale Basis für Kletterer. Als Fußgänger ist man von Scharnitz bis hierher fünf Stunden unterwegs, wir haben gut zweieinhalb Stunden in den Beinen. Legendär ist die Erzählung von Judith, wie sie in ihrer Jugend mit kaputtem Wanderschuh hier ankam und deshalb am nächsten Tag nicht die Birkkarspitze erklimmen konnte. Ich muss mir die Geschichte gottlob nicht schon wieder anhören, da uns Axel anspricht. Der trägt ein Marathon-Supercup-Hemd und hat dieses Jahr auch schon einige Wettkämpfe hinter sich. Er schätzt seinen heutigen Zeitbedarf auf zehn Stunden. Ich habe mir mal die Ergebnisse des letzten Jahres angesehen und die Mitte der Teilnehmerzeiten bei 7:30 gefunden. Plus Zuschlag für meine mangelnde Berglauferfahrung tippe ich mal auf acht Stunden. Positiv wirkt sich bei diesem Lauf die Marschkategorie aus, die uns einen Zeitrahmen von 14 Stunden beschert. Da braucht man sich um Cut-offs keine Sorgen zu machen.

Der Blick hinab ins Karwendeltal ist traumhaft. In der Tiefe sieht man noch viele bunt gekleidete Teilnehmer. Unterhalb des Karwendelhauses (1.771 m) ist der erste Höhepunkt erreicht. Die Verpflegungsstelle versorgt uns außer mit Käse- und Wurstbroten auch mit Kartoffelsuppe aus der Gulaschkanone. Unbedingt probieren! Da wird einem klar, warum die Österreicher das Wort Labestelle verwenden. Selbstredend gibt es auch Bananen und Äpfel. Als Getränke stehen Wasser, Tee (meist warm) und Holundersaft bereit. Als Basis für letzteren haben Bäuerinnen aus Niederndorferberg 25 Liter Holunderkonzentrat zubereitet. Weiteres Highlight sind die selbstgemachten Wanderriegel aus dem Pitztal, die mich etwas an das vorweihnachtliche Kletzenbrot erinnern. Somit hat die Verpflegung das Prädikat „Bio vom Berg“ mit Sicherheit verdient.

 
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Der warme Tee lässt übrigens darauf schließen, dass es hier witterungsmäßig auch ganz anders zugehen kann. Davon künden auch die Vorjahresberichte auf M4Y. Sogar Schnee soll es schon gegeben haben. Mir gefällt die Hitze besser, da man sich eine große Ausrüstung sparen kann und  die Berge auch sieht.

Dann geht es auf einem Grobschotterweg wieder 400 Meter abwärts. Der kleine Ahornboden kündigt sich an. Die namensgebenden Bäume werden bis zu 600 Jahre alt, sind natürlich streng geschützt und werden auch durch Neuanpflanzungen ergänzt. Mir gefällt der kleine Ahornboden  noch besser als der große, den wir später auch noch passieren werden. Also nehmt euch an der Verpflegungsstelle die Zeit für einen Rundumblick unter den alten Riesen. Die ersten Kühe stehen am Wegesrand und lassen sich bereitwillig tätscheln. Wir durchqueren ein ausgetrocknetes Bachbett. Wie mag das wohl bei Regen aussehen?

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Informationen: Karwendelmarsch
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