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Laufberichte

''Der schönste Marathon der Welt''

06.09.08

Oder: Von einer jungen Frau, Bergziegen in Kompressionstrümpfen und allerlei Brühe...

Vorbereitung

Unglücklicherweise musste der vergangene Mai aufgrund einer Sportverletzung am rechten Fuß trainingsfrei bleiben. Es folgte ein eher moderates Aufbautraining mit im Grunde genommen zu wenigen langen Läufen. Hin und Her gerissen zwischen notwendiger Schonung und einer möglichen Überforderung absolvierte ich zum Vorbereitungsfinish schlussendlich an den letzten beiden Weekends zwei Runs von jeweils 33 und 45 Kilometern im beheimateten Mittelgebirge. Mit den Strapazen der drei höchsten Schwarzwaldgipfel Belchen, Herzogenhorn und Feldberg in den Waden sollte es schließlich losgehen. Der Jungfraumarathon im Berner Oberland mit seinen 42,195 Kilometer und den 2.144 Meter Höhendifferenz wartete bereits.

Am Vortag

Die Anreise nach Interlaken absolviere ich schon am Freitagnachmittag bei schönstem Wetter. Es folgt der Besuch der Marathon-Expo mit Abholung meiner Startnummer und der obligatorischen Pastaparty. Die letzte innerliche Unruhe versuche ich bei einem Spaziergang am Ufer des Thunersees abzuschütteln. Was nicht sonderlich schwer fällt. Die Oberfläche des Sees funkelt beruhigend im Abendrot und in der Ferne glühen die Gipfel des Berner Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau. Bestimmt wird der morgige Tag gut verlaufen. Wenn nur nicht die negative Wetterprognose wäre...

Der Marathontag

Ohne wirklichen Hunger quäle ich mir das Frühstück nach unruhiger Nacht im viel zu kurzen Bett mit viel zu weicher Matratze am frühen Sonnabendmorgen um 6.00 Uhr hinein. Anschließend überprüfe ich zum wiederholten Male die Kleidung auf Vollständigkeit (2-Shirt-Strategie mit Short-Tights in „kurz“ und mit Kappe) und schmiere, sowie tape diverse Körperpartien ab. Krönend lege ich die neuen, aber eingelaufenen Schuhe mit einer neuen Schnürtechnik an. Die letzte Stunde bis zum Wettkampf verbringe ich fläzend auf dem Bett und verfolge die Frühnachrichten des Schweizer Fernsehens. Mein Fahrgestell macht mir augenblicklich weniger Sorgen, jedoch plagen mich schon seit Tagen diverse Verspannungen im Hals- und Nackenbereich. Eine gestern Abend noch erworbene Sportsalbe wird großzügig (genau genommen zentimeterdick) aufgetragen.

Das Hotel liegt nur unweit vom Startbereich des Marathons entfernt. Anderslautender Prognosen scheint gegenwärtig die Sonne und der Fön verhilft zu bereits 18° C. Aus allen Strassen des Ortes strömen die Läufer zusammen und versammeln sich auf der Hauptstrasse vor dem Grandhotel Victoria Jungfrau. Sportliche Hektik macht sich breit und diverse Durchsagen informieren u. a. über bereits verloren gegangene Zeitmessclips und dem Startschuss in nur wenigen Minuten. Ich gebe meinen zuvor gepackten Kleiderbeutel ab und laufe mich warm. Was angesichts der Lufttemperatur schnell passiert ist. Dehnübungen im Park beenden meine Marathonvorbereitung. Heute gibt es keine Gnade für die Wade..

Ich starte in der Gruppe M 20. Für meine 39 Jahre alten Beine verhältnismäßig ambitioniert. Wie ich beim kritischen Blick in das Teilnehmerfeld feststellen muss. Aber ich bin bei weitem nicht der Älteste. Entsprechend der anvisierten Zielzeit finden sich nunmehr die Teilnehmer im jeweiligen Startbereich, markiert durch verschiedene Farben, ein. Dank dem nur mäßigen Kundenservice der Firma Polar (wie viele Wochen muss ein simpler Batteriewechsel eigentlich dauern?) starte ich dieses Rennen ohne Zeitmesser. Aber mit der festen Absicht spätestens nach 6 Stunden die Medaille um den Hals hängen zu haben. Wie scheue Rennpferde in der Startbox stehe ich mit einigen tausend weiteren Läufern dicht gedrängt vor der Startlinie. Es riecht nach Funktionskleidung, Sportsalbe und Schweiß. Die Vorstellung der Eliteläufer interessiert mich derweil nicht wirklich. Vielmehr bin ich damit beschäftigt die Startnummer 4208 mittels Sicherheitsnadel untrennbar mit meinem Trikot zu verbinden. Und auch einer Brustwarze. Autsch! Um 8.57 Uhr ertönt die Schweizer Nationalhymne und weitere 3 Minuten später endlich der Startschuss. Los geht`s...

Die Route führt in einem großen Bogen durch die Innenstadt von Interlaken, passiert erneut die Startgerade und nimmt schließlich Kurs Richtung Böningen. Wobei wir nur ganz kurz den Brienzersee streifen. Beim Verlassen des Ortskerns touchiert vor mir eine Läuferin beim überlaufen einer Verkehrsinsel mit der rechten Schulter ein Verkehrsschild, dreht eine Pirouette und flitzt sichtlich benommen als Geisterläuferin in die Gegenrichtung. Blöd gelaufen...
Die Strecke verläuft nun entlang dem Fluss Lütschine. Dichter werdender Baumbestand, sowie der kühle Wassernebel des angeschwollenen und reißenden Bergbachs, verschaffen eine angenehme Frische. Das Tempo empfinde ich als gerade noch annehmbar, überholende Mitstreiter verleiten aber dennoch zur Tempoaufnahme. Die ersten Verpflegungsstände tauchen auf und zwingen offenbar nicht nur mich zum vorübergehenden langsamen Lauf. In den kleinen Ortschaften Widerswil und Gsteigwiler haben sich schon zahlreiche Zuschauer versammelt und veranstalten mit Ratschen und überdimensionalen Kuhglocken einen Höllenlärm. Wanderer und Biker machen immer wieder unaufgefordert den Heerscharen von Läufern Platz und rufen Hop Hop. So emotional erlebt man die Schweizer eher selten...

In Zweilütschinen kann ich beim Überlaufen eines Gleises mein gesamtes Gefolge kurzfristig abhängen. Dies allerdings nur aufgrund der Jungfraubahn und dessen Zugverkehrs. Ein Bahnbediensteter sperrt kurzzeitig direkt hinter mir die Marathonstrecke. Im stetig wechselnden Auf und Ab, gespickt mit einigen Brücken, verläuft der Weg wellig nach Lauterbrunnen. Immer öfter sehe ich Läufer mit kniehohen Kompressionsstrümpfen oder spiralförmig um die Waden gewickeltes Tape. Was um alles in der Welt soll das denn? Möchte mann/frau damit Krampfadern kaschieren? Oder reduzieren möglicherweise diese Hilfsmittel die Luftverwirbelungen an den Beinen und verbessern somit den cw-Wert? Irgendwie albern und nur was für Bergabläufer stelle ich halbwissend fest. Vielleicht sind aber auch diese Trainings- und Wettkampfinnovationen komplett an mir vorbeigegangen? Oh mein Gott! Und ich bin im Vorfeld einfach nur gelaufen! Viel gelaufen, lang gelaufen, hoch gelaufen...

Mein Fahrwerk eilt indessen präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, nur der Schulterbereich verspannt sich allmählich und wird hart wie ein Stück überlagerter Alpkäse. Nun noch ein Kontrollblick auf das Vorhandensein meines Zeitmessclips am rechten Laufschuh, eine letzte Rechtskurve hindurch einer aufgestellten Dusche und nach dem Überlaufen einer weiteren Brücke preschen wir bereits in Lauterbrunnen ein.

Hier hat sich abermals eine größere Zuschauermenge eingefunden und feuert die Läufer euphorisch an. Ein Hubschrauber kreist im tiefen Flug über den Ort und verschafft zusätzliche Luftbewegung und damit erwünschte Abkühlung. Am Ortsausgang überlaufe ich bei einer Zeit von 2:03:53 Stunden die Halbmarathonmarke. Nach Freiburg und New York meine schlechteste Zeit. Was heute jedoch überaus gewollt ist. Meine Stärke liegt nicht wirklich in der hohen Geschwindigkeit, vielmehr in der Ausdauer und der Steigung. Mit dieser Selbsteinschätzung sehe ich positiv Richtung Finish. Bis dato haben wir erst rund 250 Höhenmeter überwunden. Mehr als 1.800 weitere erwarten uns auf dem nun folgenden zweiten Abschnitt. Ein Gedanke den ich derzeit trotz allem lieber verdränge.

Wir befinden uns nun inmitten dem Lauterbrunnental, dem größten Trogtal der Welt. Für mich persönlich einer der schönsten Flecke dieser Erde. Eine beeindruckende Kulisse bietet sich allen Teilnehmern. Seitlich steigen die Felswände mehrere hundert Meter nahezu senkrecht empor. Und an so mancher Stelle fallen sprühende Wassermassen geräuschlos hinab. Die Szenerie erinnert mich an die Kopie einer Märklin Modelleisenbahn. Nur ist das Duplikat hier viel schöner als im Original. Die Sonne meint es noch immer gut mit der Veranstaltung und verzaubert die schneebedeckten Bergspitzen von Jungfrau, Breithorn und Co., gemeinsam mit dem Hochnebel, in eine ganz besondere Atmosphäre. Die mittlerweile ganzjährig ausgeschilderte Marathonstrecke macht im Tal auf asphaltierten Untergrund eine große Kehre, umrundet einen Campingplatz, streift nur am Rande die Trümmelbachfälle und kehrt in den alten und pittoresken Ortskern von Lauterbrunnen zurück.

Jetzt endlich wird der Bergmarathon seinem Namen gerecht. Auf der Etappe nach Wengen geht es unglaublich steil bergan. Knapp 500 Höhenmeter sind auf weniger als 4 Kilometer verteilt. In endlosen Kehren winden wir uns im schattigen Wald nach oben. Hier rennt niemand mehr wirklich, allenfalls ist zügiges Gehen mit nach vorn gelagertem Körperschwerpunkt angesagt. Offenbar kämpfen hier schon die ersten Kumpane mit Wadenkrämpfen. Schmerzverzehrte Gesichter und Abstützen auf die Wegbegrenzung sind ein Indiz dafür. Auch ich bemerke nunmehr die Energiereserve meiner Akkus in den roten Bereich absinken.

Tagelanges Pastaessen, sowie Müsli mit Banane und Honigbrot zum Frühstück haben mich 28 Kilometer weit getragen. Offensichtlich sind nun aber weitere Aktionen notwendig. Ein unter meinem Pulswärmer deponiertes Gel wird hervorgezaubert und, nach Minuten langen Herumgebeisse an der sich vehement zur Wehr setzenden Öffnung, irgendwann auch eingesogen. Die hohe Zuckerkonzentration verklebt den gesamten Mundraum und ich muss vorübergehend auf hechelnde Nasenatmung umstellen. Die Schmerzen in den Schultern werden von den Nackenqualen temporär abgelöst und die Sonnencreme in den Augen brennt höllisch. Auch die Schuhe schmeicheln meiner Orthopädie wie die Bärenfalle dem Fuß eines vom Wege abgekommenen Wilderers. Kann es noch schlimmer kommen? Ja es kann! Die Durchsage des Sportkommentators teilt mir schonungslos mit, dass der Gewinner des Marathons längst die Ziellinie überlaufen hat. Hurra! Bei der Bekanntgabe meiner Marathonabsichten im Freundes- und Bekanntenkreis im Vorfeld erntete ich oft nur verständnisloses Kopfschütteln. Augenblicklich denke ich vielleicht ein wenig zu recht...

Wir haben nun nach etwas mehr als 30 Kilometer Wengen erreicht. Auch hier erneut eine größere Anhäufung von Schaulustigen die eine gute Stimmung verbreiten. Anfeuerungsrufe mit dem persönlichen Namen (steht unter der Startnummer auf der Brust...) sowie ein Chor aus Ratschen und Glocken zaubern mir ein ehrliches aber gequältes Lächeln ins Gesicht.

Die Stecke schlängelt sich im weiteren Verlauf durch den kleinen Ort und man hat zur rechten Seite eine tolle Sicht hinab ins schon durchlaufene Lauterbrunnental, sowie etwas höher gelegen auf Mürren und dem Schilthorn. Zur rechten Hand strecken sich Männlichen und Lauberhorn majestätisch gen Himmel, deren Gipfel sich allerdings durch den zunehmenden Nebel nur erahnen lassen.

An der nächsten Verpflegungsstation stopfe ich mir noch einmal den Mund mit Bananenstücke voll und lange zu Cola und Wasser. Die Distanzmarkierung wechselt ab hier auf alle 250 Meter, was ich psychologisch als nachteilig empfinde. Ich bin begeistert, meine Basis arbeitet noch immer einwandfrei. Keine Wadenkrämpfe oder Achillesbeschwerden plagen mich. Nach wie vor jedoch der verspannte Schultergürtel. Mit vermutlich albern aussehenden Lockerungsübungen versuche ich dem entgegen zu wirken und lenke infolgedessen die Aufmerksamkeit einer Herde von Kühen auf mich. Deren verständnislos dreinschauende Augenpaare mich ein Stück weit begleiten. Welche unserer beiden Spezies ist hier sprichwörtlich nun wirklich blöd? Die Frage bleibt unbeantwortet...

Wir laufen weiter auf schotterigen Wanderwegen stetig aufwärts, die nun immer enger werden. Der Baumbestand verdünnt sich merklich und die Nebelbrühe verhüllt den Landstrich in eine dunstige Waschküche. Aus diversen Wintersportaktivitäten ist mir die Jungfrauregion längst gut vertraut. Stundenlang könnte ich sinnlos Zeit damit verbringen von der Kleinen Scheidegg auf die Nordwand des Eigers zu starren. Oder auch die Naturgewalten zwischen Wolken und Wind am Gipfel der Jungfrau zu betrachten. Letztendlich waren dies die Gründe für meine Entscheidung zum Bergmarathon in dieser Location.

Aktuell kann ich die Bergatmosphäre freilich nicht wirklich genießen. Irgendwie gelingt es mir nicht meine Energiespeicher zurück in den normalen Betriebszustand zu versetzen. Obgleich der Berg meine Disziplin ist, komme ich im Augenblick nicht aus den Hufen. Vielleicht war der letzte Lauf in der Woche zuvor mit über 40 Kilometer Schwarzwaldterrain doch zu umfangreich? Oder die vorherrschende dünne Gebirgsluft macht mir zu schaffen? Immer wieder muss ich aus dem langsamen Trapp in nur zügiges Gehen wechseln. Am nächsten Verpflegungsstand greife ich abermals auf den mich wartenden Pappbecher und verschlucke mich fast am Inhalt. Bäähhh. Eine lauwarme Boullion habe ich hier beim besten Willen nicht erwartet. Den Becher kann ich unmöglich ohne Brechreiz leeren und schwenke erneut auf Cola und Wasser um. Die Schweizer, womöglich gibt es für die Runner hinter der nächsten Kehre noch ein Käsefondue oder Raclette...

Kurz hinter der Mettlenalp auf 1.720m Höhe geht es für einen kurzen Abschnitt bergab in Richtung Wixi. Eine etwas ungewohnte Belastung nach dem stetigen Hinauflaufen. Nun aber ist meine Zeit gekommen, das spüre ich genau. Etwas erholt und mit der Einnahme eines weiteren Gels aufgepuscht setzte ich weitere (oder auch letzte...) Leistungsreserven frei. Die Markierung mit der Zahl 40,250 km wird rechts liegen gelassen. Im Nebel ist von neuem das Rotorengeräusch eines Helikopters zu vernehmen, welcher nur kurz über uns sichtbar wird und in unmittelbarer Nähe landet. Dabei handelt es sich offenbar nicht um einen Notfalleinsatz, vielmehr um fotografische Aufnahmen von Läufer und Landschaft.

Verlorene Höhenmeter bedeuten immer auch wieder bevorstehende Höhenmeter. Einige Fahnenschwenker und Alphornbläser verschaffen für kurze Zeit dankbare Ablenkung. Der nun bevorstehende Bergweg verlangt jedoch unabdingbare Aufmerksamkeit. Um die Staubildung an dieser Stelle zu minimieren wurde diesjährig eine Alternativroute zur Moräne eingerichtet. Mit nur mäßigem Erfolg. Beim Einstieg des teilweise nur 30-40cm breiten Pfades kommt das gesamte Teilnehmerfeld zum Stillstand. „Stau unterhalb der Eiger Nordwand aufgrund erhöhten Läuferaufkommens“ höre ich es schon in den Verkehrsnachrichten auf DRS 1...

Es dauert einige Minuten bis sich die Läufer wie auf einer Perlenschnur gezogen geordnet haben und im Gänsemarsch hintereinander her spazieren. Die Sicht reicht keine 40 Meter, nur vereinzelt reißt die Nebelwand auf und gibt einen kurzen aber grandiosen Blick auf das Felsmassiv des Berner Dreigestirns frei. Mit der Aussicht verschwindet allerdings auch meine Hoffnung hier noch einige Minuten bzw. Platzierungen wieder heraus zu holen. Nur ganz vereinzelt ergibt sich die Möglichkeit den Vorderläufer/in zu überholen.

Traditionell steht auf dem höchst gelegenen Punkt der Marathonstrecke, genauer gesagt am Eigergletscher, ein Dudelsackspieler. Wenn man ihn auch noch nicht sehen kann, zu hören ist er bereits. Ebenso wie die jubelnden Zuschauer an der Ziellinie. Ich fühle mich jetzt ziemlich erholt, kann aber aufgrund der Streckenbeschaffenheit und der anderen Läufer nicht den Schlussspurt zünden. Ein Sturz wäre, abgesehen vom Zeitverlust der jetzt auch keine ganz bedeutende Rolle mehr spielt, eher peinlich und unbedingt zu vermeiden. Was ein vor mir, überwiegend auf nur noch einem Bein humpelnder Runner in meiner Meinung noch verstärkt. An einer durch Felsbrocken verengten Stelle teilen einige Helfer Schweizer Schoggi aus. Eine wie ich finde sehr nette Geste. Da ich allerdings beruflich tagtäglich mit Schokolade zu tun habe, winke ich dankend ab. Und bediene damit erkennbar das Vorurteil der arroganten Deutschen im Ausland. Nüt für unguät...

Ab diesem Zeitpunkt nehmen wir auch Kurs auf die Zielgerade oberhalb der Kleinen Scheidegg. Dieses bestätigt zumindest die Wegmarkierung bei Kilometer 42. Wobei von Geraden nicht wirklich die Rede sein kann. Die letzten Meter geht es noch einmal ruppig bergab. Im Nebel- und Adrenalinrausch fege ich inklusive dem geliehenen Zeitclip nach 5 Stunden, 53 Minuten und 4 Sekunden blasenfrei über die letzte Zeitmessmatte.

Es ist gelaufen...

Die Strapazen fallen augenblicklich von meinen schmerzenden Schultern und ich könnte mich direkt hier hinter die Ziellinie werfen und stundenlang vor Glück heulen. Was ich aber natürlich nicht tue. Zu viele Fotografen lauern nur darauf. Ohne Bremsfallschirm verzögere ich mein hohes Tempo und verfalle freudig taumelnd in ein schnelles Gehen. Verweile dann nur kurzzeitig um mir die Finisher-Medaille umhängen zu lassen, greife die mir zur Gratulation entgegen gestreckten Hände einiger Offizieller und grapsche im Anschluss hastig nach einer Flasche isotonischen Getränkes. Wie in einer Art Bewegungstrance fällt es mir sehr schwer gesamthaft zum Stillstand zu kommen. Während der Kopf eine Pause befiehlt, ignorieren Beine und Füße diese Anordnung und wollen einfach weiter in Bewegung bleiben.

An den Bahnsteigen der Kleinen Scheidegg kommen zu den Läufern und deren Angehörigen nun auch noch die Touristen der Jungfraubahn hinzu und verursachen so ein dichtes Menschentreiben. Und so begegne ich zwangsläufig einer Familie mit eindeutig indischer Herkunft. Offensichtlich finden sie Gefallen an meiner silbernen Medaille auf stolzgeschwellter Brust. Aus einer Mischung von Gebärdensprache, gepaart mit nur schwer verständlichen Brocken der englischen Sprache lassen sie mich wissen, dass ich unbedingt mit auf das Erinnerungsfoto ihrer 5-Tage-Europareise muss (möglicher Titel „Unsere Familie mit verrücktem Läufer und Eigernordwand im Nebel“). Mir fehlt eindeutig die Kraft mich erfolgreich zu wehren oder zumindest wegzulaufen bzw. auch der Atem um energischen Einspruch einzulegen. Und so gehe ich nicht als Gewinner dieses Marathons in die Sportgeschichte ein, werde aber für die Nachwelt Bestandteil eines Familien-Fotoalbums oder einer Urlaubs-DVD irgendwo in Indien...

Im zweckentfremdeten Lokomotivschuppen finde ich bald darauf nach kurzem Suchen meinen Kleiderbeutel und wechsele zügig den kurzen Sportdress gegen lange und trockene Kleidung. Nach Abgabe des Zeitmessclips und Übernahme des Finisher-T-Shirts bleibt gerade noch Zeit für den Erwerb eines großen kühlen Bieres. Ganz bestimmt nicht das ideale Regenerationsgetränk, was mir aber augenblicklich als nicht so sehr wichtig erscheint.

Im überfüllten Zug der Jungfraubahn geht es sodann über Grindelwald zurück nach Interlaken. Während die ersten Regentropfen des Tages auf das Dach des Zuges klatschen, sitze ich zwar völlig erschöpft und mit dicken Beinen, aber sehr zufrieden auf dem Boden des fensterlosen Gepäckwagens. Eingepfercht zwischen diversen Gepäckstücken, Mountainbikes und anderem Zeugs. Sowie der Erstplazierten Simona Staicu und ihrem großen Blumenstrauß.

Irgendwie ist der Tag doch gut gelaufen...

 

Informationen: Jungfrau-Marathon
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