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Laufberichte

Den Joker gezogen

 

Meldeläufer waren vor allem in Kriegszeiten die einzige Nachrichtenverbindung, die es gab. Sie legten zu Fuß große Strecken zurück, um Informationen zwischen einzelnen Truppenteilen auszutauschen. In dieser Tradition bietet der Ultraläufer Michael Frenz Gleichgesinnten unvergessliche Laufabenteuer. Auf seiner Homepage „Meldeläufer.de“ kann man nach Herzenslust seine Herausforderung finden.

So wagen auch Norbert und ich uns auf neue Pfade: Der Jokertrail mit seinen 51 Kilometern erscheint uns nach eingehenden Studien machbar. 1900 Höhenmeter erschrecken uns nicht, obwohl wir vom Odenwald eigentlich nur den Namen kennen und wir auch vorher noch nie (!) in Heidelberg waren.

Treffpunkt ist das Hotel Goldener Hirsch in Dossenheim, 5 Kilometer von Heidelberg entfernt. Die Übernachtung im gemütlichen 3 Sterne-Haus ist im Startgeld enthalten; perfekt für mich als Turnhallenallergiker. Beim gemeinsamen Abendessen mit anschließendem Briefing hat man Gelegenheit, die Mitstreiter kennenzulernen. In trauter Runde von immerhin fast 50 Läufern erklärt Michael Frenz die Strecke im Detail. Da wir uns ja vorher bereits mit den Unterlagen vertraut gemacht, den GPS Track auf die Uhren geladen und uns per Satellitenaufnahmen den Streckenverlauf eingeprägt haben, ist das meiste bekannt. Trotzdem, noch ausstehende Fragen werden beantwortet und dann können wir zum gemütlichen Teil übergehen.

 
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Am nächsten Morgen, nach dem ebenfalls im Startgeld enthaltenen Frühstück, geht es los. Der Start ist vor dem Hotel. Auf den ersten Blick erkennt man, dass hier Profis am Werk sind. Trinkrucksack ist obligatorisch, funktionale Kleidung und Trailschuhe selbstverständlich auch. Michael kontrolliert nochmal die Namensliste und lässt sich von jedem den Start bestätigen. Um 8 Uhr 34 können wir dann endlich loslaufen.

Schnell verlassen wir Dossenheim. Es geht bergauf und bald liegt Heidelberg im morgendlichen Dunst unter uns. Das Wetter verspricht schön zu werden. Mit 5 °C ist es auch nicht so kalt. Wir verlassen den Asphalt und machen mit dem ersten Single Trail Bekanntschaft. Das Feld ist mittlerweile enteilt und ich bin froh, dass Norbert mit mir läuft. Da meine Uhr nur eine Akkulaufzeit von ca. 7 Stunden hat, laufen wir zunächst mit Norberts GPS Gerät. Meines werde ich erst ab der ersten VP zuschalten. Ich hoffe, das ist für den Veranstalter o.k.; schließlich dienen die Aufzeichnungen ja später als Nachweis für die gelaufene Strecke.

 
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Wir sind jetzt im Wald und es geht immer noch bergauf. Nach kurzem aber knackig steilem Downhill-Trail liegt die Altstadt von Heidelberg plötzlich zum Greifen nah unter uns im Sonnenlicht. Eine Steintreppe führt uns auf den Schlangenpfad, einem mit Natursteinen belegten Hohlweg, bis hinunter ans Ufer des Neckars. Die Karl-Theodor-Brücke, besser bekannt als Alte Brücke, lassen wir rechts liegen und laufen an der Uferpromenade weiter.

Wir überqueren den Neckar auf einem eisernen Fußgängersteg, der über dem Wehr der Staustufe Heidelberg verläuft. Von dort genießen wir einen erstklassigen Blick auf die Alte Brücke und dem darüber thronenden Schloss.  Die 200 m lange barocke Alte Brücke ist nur werktags von 6 bis 10 Uhr für den Autoverkehr geöffnet; heute, am Samstag, dient sie als Fußgängerbrücke. Sie ist eines der letzten großen Beispiele klassischer Brückenbaukunst, ehe im 19. Jahrhundert der neue Baustoff Gusseisen vorherrschend und der Brückenbau zu einer reinen Ingenieursaufgabe wurde. Ihre ästhetische Wirkung beruht, neben ihrem Wert als Baudenkmal, vor allem auf ihrer landschaftlichen Lage im Neckartal und dem Panorama, das sie mit der Altstadt und dem Schloss im Hintergrund bietet. Im Jahr 2002 wurde die Brücke in die damalige Liste der am meisten gefährdeten Denkmäler der Welt, des WorldMonuments Fund, aufgenommen.

 
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Am Karlstor überqueren wir die Straße, um auf einem kleinen Serpentinenweg das Schloss zu erreichen. Der Track weist nach rechts und so laufen wir unterhalb des Schlosses wieder bergab, bis wir linker Hand eine lange Treppe mit dem frechen Namen „kurzer Buckel“ erreichen. Da müssen wir hinauf.
Ein paar Minuten und ca. 400 Treppenstufen später liegt das Wahrzeichen Heidelbergs unter uns. Bis zu seiner Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg war das Heidelberger Schloss die Residenz der Kurfürsten der Kurpfalz. Seit den Zerstörungen durch die Soldaten Ludwigs XIV. zwischen 1689 und 1693 wurde das aus Neckartäler Sandstein erbaute Schloss teilweise restauriert.

Wir haben keine Zeit, uns das monumentale Bauwerk genauer anzusehen. Eine kleine Straße führt uns zum Einstieg in die Himmelsleiter. Mehr als 1200 Stufen führen direkt zur Gipfelregion des 567 m hohen Königstuhles. Die unregelmäßige Treppe aus grob behauenen, ungleichen Sandsteinen steigt nach Süden an und überwindet 270 Höhenmeter. Erbaut wurde die Treppe ab 1844 unter Bezirksförster Adam Laumann. 1994 wurde sie fast vollständig saniert.

 
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Mit brennenden Oberschenkeln, den Blick immer auf die nächsten Stufen gerichtet, steigen wir nach oben. Bloß nicht hoch schauen. Der Anblick wäre frustrierend. Es nimmt keine Ende. Immer wenn ich glaube, jetzt ist es geschafft, macht die Treppe nur eine Pause, um ein paar Meter weiter wieder anzusteigen.
Irgendwann bin ich aber dann doch oben. Norbert war etwas schneller und erwartet mich bereits. Gemeinsam lassen wir unsere Blicke über das wunderbare Panorama schweifen.

Der Königstuhl ist der höchste Berg des kleinen Odenwalds an der Bergstraße. Entsprechend weit ist die Sicht. Doch der kalte Wind treibt uns weiter. Auf dem Parkplatz zwischen den Fernmeldetürmen wartet bereits der Helfer mit Getränken auf uns. Er hakt uns auf der Liste ab und kann nun abbauen, da wir ja die Letzten sind. Wir haben gute 10 km geschafft. Der Track führt uns auf einem steinigen Weg durch das Felsenmeer bergab.

Nach kurzen Anlaufschwierigkeiten ist das Laufen abwärts eine wahre Freude. Plötzlich schießt mir ein Schmerz ins linke Bein. Ich war ja vor 5 Wochen böse umgeknickt und hatte lange einen dicken Fuß. Eine falsche Belastung und der Schmerz ist wieder da. Vorsichtig und langsam setze ich den Weg fort. Norbert muss nun öfter auf mich warten, so viel Zeit verliere ich auf der langen Strecke bergab. Hauptsache, ich kann weiter laufen, alles weitere wird sich finden.

Mittlerweile versucht Norbert mit meiner Uhr ein Satellitensignal zu bekommen. Er wäre besser stehen zu bleiben, doch dafür haben wir keine Zeit. Nach einer Ewigkeit klappt es aber doch und ich hab nun einen eigenen Weganzeiger.

Nach der langen Strecke im Wald bin ich froh, als wir den nächsten Ort erreichen. Am Bahnhof von Schlierbach schließt sich die Bahnschranke vor unserer Nase. Ich nutze die unfreiwillige Pause für Dehnübungen. Meine Beine sind schon ganz steif und krampfig. Es geht weiter über die Neckarbrücke nach Ziegelhausen. Im Prinzip hätten wir in Heidelberg einfach am Neckaufer weiter laufen können und wären schon vor Stunden hier gewesen. Aber das ist ja nicht der Sinn der Sache.

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Informationen: Joker Trail
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