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Laufberichte

„Eisch sinn en Hunsrück Marathoni“

 

Hunsrück-Deutsch wird im Gebiet von Rio Grande do Sul in Brasilien gesprochen und eben im Hunsrück, einem Teil von Rheinland-Pfalz. Man versteht es also auch ohne Portugiesisch-Kenntnisse. Da Deutschland sich bei Olympia in Rio für andere Athleten entschieden hat, haben Judith und ich entschieden, statt nach Rio nach Simmern zu fahren, wo der 16. Hunsrück Marathon stattfindet.

Die Werbung mit dem goldenen Läufer kennen wohl die meisten Sportler, denn bei vielen Marathonmessen wird auf den Event hingewiesen. Die Kollegen von M4Y wussten durchweg Positives über die Veranstaltung zu berichten, so dass wir uns entschlossen haben, in diesem Jahr auch einmal dabei zu sein. Früh sind wir unterwegs, um dem Rückreiseverkehr aus dem Süden zu entgehen. In Rheinland-Pfalz enden am letzten August-Sonntag die Ferien und um 6:00 Uhr früh dürften die Staus der Italien-Heimkehrer gerade erst in Österreich angekommen sein.

Ich bin schon sehr gespannt darauf, was mich außer dem Dialekt, bekannt aus den Heimat-Filmen von Edgar Reitz, im Hunsrück erwartet. Bisher ist mir nur die A61 von Ludwigshafen nach Köln ein Begriff. Wenn man dort die interessant klingende Ausfahrt „Rheinböllen“ nimmt und sich dann Richtung Flughafen Frankfurt-Hahn hält, kommt man schnell zur Verbandsgemeinde Simmern. Dort werden alle Lauf- und Inliner-Wettbewerbe ihr Ziel haben. Die Anfahrt zur Hunsrückhalle ist perfekt ausgeschildert, so wie auch alle Wege in der Stadt für die Sportler gut gekennzeichnet sind.

In der Halle gibt es die Teilnehmerunterlagen und eine kleine Marathonmesse. Die Startertüte ist prall gefüllt mit Laufhemd, Becher, Wasser, Riegeln, Kugelschreibern und Fußspray (!). Das ausführliche Infoheft enthält unter anderem einen Artikel von M4Y-Kollegin Birgit Fender aus dem letzten Jahr.

Das Wappen an der Halle erinnert mich mit seinen weiß-blauen Rauten stark an unseren heimischen Freistaat. Nicht von ungefähr, denn kein Geringerer als Kaiser Ludwig der Bayer verlieh Simmern anno 1330 das Stadtrecht und auch das Haus Wittelsbach hatte in der Folge seine Finger im Spiel. Was es mit den verschiedenen Herrscherlinien auf sich hatte, fällt allerdings nicht ganz in mein Ressort, da ich ja eher für Technik zuständig bin.

 

 
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Mich interessiert eine andere Linie wesentlich mehr: Der Hunsrück Marathon verläuft weitgehend auf einer aufgelassenen Bahnstrecke. Hier schnaufte ab 1903 die Dampfeisenbahn von Boppard am Rhein steil bergauf über Emmelshausen bis nach Simmern, wo sie auf die Hunsrückquerbahn stieß. In den 1980er Jahren wurden bekanntlich einige unrentable Bahnstrecken eingestellt, so auch das Teilstück zwischen Emmelshausen und Simmern, welches 1998 zum 38 km langen Schinderhannes-Radweg umgebaut wurde. Dessen Namensgeber, der vermutlich 1779 geborene Johannes Bückler, ist ein wichtiger Teil der örtlichen Folklore.

„Johannes durch den Wald“, wie er sich selbst nannte, wurde mit 15 Jahren erstmals straffällig und verübte bis zu seinem frühen Tod durch die Guillotine 211 Delikte. Sogar aus dem sogenannten Schinderhannes-Turm in Simmern konnte er fliehen. Vor dem Turm befindet sich heute eine Bronzeplastik, die Johannes und einen „Kollegen“ beim Schweinediebstahl zeigt. Später stellte er sein „Geschäftsmodell“ von Raub auf Schutzgelderpressung um, da ihm das einfacher und einträglicher erschien. Um den Schinderhannes ranken sich viele Geschichten, doch hatte er weder mit der Eisenbahn noch mit dem Radfahren etwas zu tun.

Aus der klimatisierten Bäckerei im Startbereich schauen wir am Samstag bei Kaffee und Kuchen den Kinder- und Schülerläufen zu. Die Größeren legen trotz der hohen Temperaturen wieder einmal bemerkenswert schnelle Zeiten hin. Danach geht es ins Naturfreibad zum Abkühlen. Abends gibt es noch einen Schinderhannes-Braten vom Schwein und dann ab ins Bett. Wir haben im Wirtshaus „Domäne“ am Simmersee ein schönes Hotel gefunden. Kostenlos übernachten könnte man auch in diesem Jahr wieder in der Turnhalle der Rottmann-Schule.

 

Der Marathontag

 

Zum Marathon-Start in Emmelshausen sollen uns Busse bringen, die um 7:55 Uhr an der Hunsrückhalle abfahren. Auf dem Festplatz hinter der Halle stehen ausreichend Parkgelegenheiten zur Verfügung. Drinnen wird ab 6:00 Uhr ein Sportlerfrühstück serviert. Wir sind viel zu zeitig dran und stehen mit einigen Läufern vor den Bussen der Inline-Skater. Ich zögere einzusteigen, will den Skatern keinen Platz streitig machen. Ein Herr vom Organisationsteam meint, wir könnten da schon mitfahren, allerdings sei in Emmelshausen nichts los. Andererseits steppt um diese Zeit in Simmern auch nicht gerade der Bär, also auf zum Startpunkt.

Die Hunsrückhöhenstraße ist kürzer als die Eisenbahnstrecke und so benötigen wir für die Fahrt nur 25 Minuten. Im Zentrum am Park gibt’s noch Startunterlagen und viele Toiletten. Läuferherz, was willst du mehr. Wir treffen diverse Bekannte, so dass die Zeit wie im Flug vergeht. Der Landtagspräsident a.D. und neue Schirmherr Joachim Mertes spricht ein Grußwort. Er hatte diese Funktion schon früher einmal inne und war zudem auch läuferisch aktiv.

 

 
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Die Inline-Skater starten um 8:45 Uhr, wir werden eine Viertelstunde später auf die Strecke geschickt. Als „Aufwärmprogramm“ geht es auf den ersten 4 Kilometern leicht bergab, ein kurzes Begegnungsstück gibt es auch. Bei km 1,7 sind wir den Führenden naturgemäß noch dicht auf den Fersen. Unglaublich, wie viele Emmelshausener sich das Event nicht entgehen lassen und uns anfeuern oder gar am Streckenrand frühstücken. Da rufe ich gerne mal „Schön habt ihr es hier“, und das stimmt: In Basselscheid kommen wir an vielen noblen Villen vorbei. Dann wieder zurück nach „downtown Emmelshausen“. Unser 4-Stunden-Pacer Rudi nennt die Zuschauer Bergbauern, so steil geht es nun wieder nach oben. Am Startplatz sind noch mal alle Emmelshausener versammelt. Hier findet heute der traditionelle Weinmarkt statt, da geht es also gleich gesellig weiter.

„Shut up and run“ seht auf dem Shirt von Eva, die heute in persönlicher Bestzeit Gesamtzweite bei den Damen werden wird. Ich versuche mich erst gar nicht daran zu halten. Wir spielen „Tuff Tuff Tuff Tuff Eisenbahn“. Die folgenden 9 Kilometer geht es durch wunderschöne Wälder. Von der oft höheren Warte unseres Bahndamms bieten sich wunderschöne Blicke auf die Felder. Hier wird wohl viel Getreide angebaut. Nebenbahntypisch kommen wir an vielen Weilern vorbei. Und überall warten Zuschauer auf uns und fast so oft gibt es Getränke- und Verpflegungsstellen. Ich habe den Eindruck, da will jedes Dorf dabei sein. Die Strecke wurde für uns Läufer von allen Autoabsperrpfosten befreit. Alle Querwege sind mit Gittern gesichert und oft von Helfern bewacht. Jede unebene Stelle im Teerband ist markiert. Da hat man keine Mühen gescheut, obwohl sich auch sonst niemand verlaufen könnte.

 

 
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Staffeln sind auch unterwegs, so dass wir gelegentlich auf eine Wechselstelle treffen. Schon hier gibt es Duschgelegenheit aus Wasserschläuchen. Mein Thermometer zeigt 24 Grad auf den Waldpassagen. Da kann man nicht meckern: Es soll schon mal einen Lauf gegeben haben, bei dem die 40-Grad-Grenze nach oben durchbrochen wurde. Wir haben viel Spaß in unserem Grüppchen um Pacer Rudi.

Viele Windräder gibt es hier, wahrscheinlich sind die Verbandsgemeinden damit unabhängig von Stromzulieferungen. Heute drehen sich die Räder nur langsam in einem lauen Lüftchen. Damit ist der Sponsor RWE auch mal angesprochen. Und noch etwas erfahre ich: Eine Verbandsgemeinde ist eine Spezialität des Bundeslandes Rheinland-Pfalz. In ihr werden mehrere Gemeinden gebündelt, um Synergieeffekte in der Verwaltung zu nutzen, ohne auf Eigenständigkeit zu verzichten.

Die Strecke ist leicht wellig, aber die Steigungen sind nur sehr sanft - oder wir noch sehr fit.

Ich glaub, ich spinn: In Pfalzfeld gibt es noch Eisenbahnwaggons, Signale und einen Wasserkran für die Dampfloks vor dem Bahnhof. Ich muss jetzt auch etwas Dampf geben, denn das Pacer-Grüppchen und Judith haben nicht etwa staunend vor den Wagen Halt gemacht, sondern sind einfach weiter gelaufen. Ich überhole Esther und Petra, die sich bestens unterhalten, und schnaufe so vor mich hin. Die Bäume duften in der Sommerhitze. Nachdem wir viele Laubbäume passiert haben, riecht es jetzt nach dem Harz der Nadelbäume.

 

 
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Die Halbmarathon-Marke ist in der Gegend des Ebschieder Bahnhofs. Auf den Radwegweisern ist ein Geselle mit Pistole und Federhut abgebildet. Die Originalrelikte kann man im Schinderhannes-Museum besichtigen. Verheiratet war der Gauner auch. Erinnert sich jemand an den Film mit Curd Jürgens und Maria Schell aus dem Jahre 1958? Nachfahren des Schinderhannes sollen übrigens im Taunus leben.

Ich freue mich schon auf Kastellaun. Dort wird der Halbmarathon gestartet. Als wir ankommen, sind die Halbmarathonis allerdings schon unterwegs. Sie legen gerade eine Sechs-Kilometer-Runde hin und werden unser Feld dann von hinten aufrollen. Dumm, dass der Startpunkt beim Bus-Bahnhof am Rande von Kastellaun liegt, so sehen wir nichts von der Stadt. Durch ein Neubaugebiet steht ein letzter Anstieg von ca. 30 Metern auf einem Kilometer Länge an. Mit 27 km in den Beinen spüre ich das jetzt. Den höchsten Punkt der Strecke haben wir schon hinter uns gelassen. Was schreibe ich „wir“? Ich sehe Rudi, Judith und das nette Grüppchen davonziehen.

Ein paar hundert Meter geht es an der B327 entlang. Ein blauer Trecker überholt mich. Links ist militärisches Gelände. Schusswaffengebrauch. Ich verkneife mir also ein Foto von dem ordentlich freigeschnitten Grünstreifen am Zaun.

 

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Informationen: Hunsrück Marathon
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