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Der Marathon mitten im Meer

 

Nicht zum ersten Mal fragte mich Charly, ob wir denn zusammen den Helgoland Marathon laufen wollen. In diesem Jahr klappte es dann endlich und Charly übernahm auch die Organisation. Die 850 km bis zur Nordseeküste wollten wir mit dem ICE zurücklegen, anschließend mit der Fähre von Bremerhaven nach Helgoland und auf demselben Weg wieder zurück.

Diese Planung hatten wir natürlich ohne einen gewissen Herrn Weselsky gemacht, der unseren gebuchten ICE einfach nicht fahren ließ. Daher blieb uns nichts anderes übrig, als mit dem Auto nach Bremerhaven zu fahren. Nach gut neun Stunden kamen Silke, Charly und ich dennoch entspannt in unserem Hotel in Bremerhaven an. Wir hatten noch Zeit, uns die Stadt etwas anzuschauen.

Am nächsten Morgen ging es mit der Fähre „Fair Lady“ hinaus auf die Nordsee in Richtung Helgoland. Die Überfahrt ist für Bayern wie uns schon auch ein Erlebnis. Dank des schönen Wetters sollte eine ruhige Überfahrt vor uns liegen. Wir werden auch den Leuchtturm „Roter Sand“ passieren, der das bekannteste maritime Wahrzeichen der deutschen Nordsee ist. Ab hier wird die Nordsee etwas rauer.  Am Bug des Schiffes spürt man das ständige Auf und Ab am intensivsten und ich muss zugeben froh zu sein, als Helgoland in Sicht kommt.

Da unsere Fähre einen gewissen Tiefgang hat, kann sie nicht direkt im Hafen anlegen. Wir werden nun „ausgebootet“, wie der Seemann sagt. An unserer Fähre legt ein Boot an, das uns  die letzten Meter zur Insel bringt. Aufgrund des Seegangs ist das umsteigen aber gar nicht so einfach und bedarf einer gewissen Trittsicherheit. Heute geht alles gut und wir erreichen nach rund drei Stunden auf der Nordsee unser Reiseziel, die Insel Helgoland.

 
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Helgoland ist Deutschlands einzige Hochseeinsel. Sie liegt ungefähr 70 km vom Festland entfernt. Ihr riesiger roter Sandsteinfelsen ragt etwa 61 Meter über das Meer hinaus. Helgoland selbst besteht aus zwei Inseln. Wir werden beim 18. Gerolsteiner Helgoland Marathon die rund einen Quadratkilometer große Sandsteininsel mit der markanten Felsenküste unter die Füße nehmen.  Auf der 0,7 Quadratkilometer großen Düneninsel laden zwei traumhaft weite, weiße Strände zum Baden und Sonnen ein. Eine Sturmflut im Jahre 1720 trennte die Hauptinsel vom „Witte Kliff“.

1890 wurde der „Helgoland-Sansibar-Vertrag“ zwischen England und dem Deutschen Reich abgeschlossen, der Helgoland zu einer deutschen Insel machte. Im zweiten Weltkrieg wurde Helgoland zunächst weitestgehend verschont, aber am 18. April 1945 warfen britische Luftverbände mehr als 7000 Bomben auf Helgoland ab und die Insel war zeitweise unbewohnbar. Bei unseren Spaziergängen können wir noch riesige Bombenkrater entdecken.

Heute ist Helgoland eine Ferieninsel, deren wichtigste Einnahmequelle der Tourismus ist. Wir sind keine Touris. Wir sind Läufer und unterscheiden uns schon alleine durch unser Outfit von den üblichen Touristen. Nachdem wir unser Appartement mit Blick auf die Helgoland-Düne und den Nordosthafen bezogen haben, machen wir uns erst einmal auf eine kleine Erkundungstour, um anschließend die Startunterlagen in der Nordseehalle abzuholen. In der Nachbarhalle wird an diesem Nachmittag ein Briefing für alle Läufer abgehalten. Das kenne ich eigentlich nur von Trails. Aber natürlich nehme ich daran teil, schließlich will ich wissen, was es Interessantes mitzuteilen gibt.

In einer Dia-Show wird uns die Strecke erklärt und wir werden auf Stolperfallen hingewiesen. Kurios ist eigentlich, dass es auf der Strecke auch eine Ampel gibt. Sollte diese gelb blinken, ist unbedingt anzuhalten. Dies gilt auch für Läufer. Grund hierfür ist, dass auf dem benachbarten Militärgelände im Falle eines Seerettungseinsatzes ein Hubschrauber landen bzw. starten kann.  Dieser würde unsere Laufstrecke kreuzen und für Passanten bestünde Lebensgefahr. Desweiteren werden wir auf Pfützen hingewiesen, die teilweise knöcheltief sind, auch Treppen, l bergauf und bergab werden wir auf der Strecke vorfinden. Es verspricht nicht langweilig zu werden.

Nach einem weiteren kurzen Spaziergang, bei dem wir schon mal die bereits markierte Marathonstrecke ablaufen, wollen wir uns bei einem Italiener mit Pasta oder Pizza zu stärken. Scheint kein Problem zu sein, denn vor vielen Lokalen weht eine Grün-Rot-Weiße Flagge. Erst auf den zweiten Blick fällt uns ein, die Fahne Italiens ist Grün-Weiß-Rot und ist außerdem eine Trikolore. Das hier ist die Helgoländer Flagge: „Grön is dat Land, rot is de Kant, witt is de Sand. Dat sünd de Farven vun't hillige Land.“ Ok? Pizza bzw. Pasta gibt es trotzdem.

Am nächsten Morgen staune ich, als ich aus dem Fenster schaue:  Wohin ist  denn der blaue Himmel verschwunden? Alles ist grau in grau, es regnet und stürmt.  Na prima, so hatten wir uns das nicht vorgestellt. Trotzdem hatte ich natürlich eine Regenjacke eingepackt und die kommt jetzt auch zum Einsatz.

Irgendwie will bei Charly und mir aber keine rechte Lust auf den Marathon aufkommen. Lieber wäre ich wieder ins Bett gegangen. Aber wenn man  schon mal hier ist …. Da unser Appartement nur wenige Fußminuten vom Start entfernt ist, gehen wir nicht zu früh los, damit wir bis zum Start halbwegs trocken bleiben.

 
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Als wir um neun Uhr den Start des „Helgoland-Mini-Marathons“ verfolgen, entscheidet sich Petrus für eine Regenpause. Beim Mini-Marathon wird nur eine der fünf Runden des Helgoland Marathons gelaufen, also knapp über acht Kilometer. Am Start stehen aber nicht nur Kinder (wie man vielleicht vermutet), sondern alle Altersklassen sind vertreten. Besonders beeindruckend ist ein älterer Herr, der sich mit seinem Rollator auf den Weg macht. Ich überlege, ob ich wohl die Letzten des Mini-Marathons einholen kann, denn der Marathonstart erfolgt ja bereits eine viertel Stunde später. Vorab: Tatsächlich habe ich drei Läufer eingeholt, aber der Rollator-Mann war nicht dabei.

Rund 180 Läufer haben sich am Südstrand eingefunden, um Helgoland fünfmal zu umrunden. Ich mache noch schnell ein Erinnerungsfoto mit Oke, dem Organisator des Helgoland Marathons, und schon geht es los. Charly ist  wie üblich gleich weg, ich winke Silke zum Abschied und versuche mich möglichst schnell tempomäßig einzusortieren. Am Musikpavillion vorbei, wo ich rund 4:30 Stunden später das Ziel erreichen will, biegen wir nach links auf die Kurpromenade ein. Gleich  setzt wieder  leichter Nieselregen ein.

 
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Wir passieren den Nordosthafen, biegen zum Meerwasser-Schwimmbad ab und laufen am Erholungspark Nordost entlang. Dort findet man das Helgoland Museum und auch die Nordseehalle. Bald erreichen wir die Jugendherberge, wo Jugendliche die erste Verpflegungsstation organisiert haben. Nach nur  zwei Kilometern habe ich jedoch weder Hunger noch Durst und klatsche lieber mit den Kindern ab. Durch den Erholungspark laufen wir zurück in Richtung Unterland, wo gleich der „Düsenjäger“ auf uns wartete.

Der Düsenjäger ist ein kurzer, aber steiler Anstieg, der uns vom Unter- ins Oberland bringt. Rund 40 der 75 Höhenmeter pro Runde legen wir hier zurück. Oben erwarten uns zahlreiche Zuschauer, die uns anfeuern. Entgegen meiner Befürchtung ist der  Anstieg aber gar nicht so schlimm  und ich erhole mich schnell bei einer leichten Bergab-Passage durch das Oberland.

Wir schlängeln uns nun durch das Oberland und erreichen bald den Klippenrandweg, den mit Sicherheit schönsten Streckenabschnitt. Heftiger Regen und starker Wind bremsen den Vorwärtsdrang, kräftige Böen bringen einem immer wieder aus der Spur. Nordseewetter halt. Ich genieße es trotzdem – das man hat ja nicht alle Tage.  Ich mache die Fotos auf der ersten Runde, auch wenn sie unter dem Regen leiden. Die Atmosphäre kommt aber ganz gut rüber.

Im Nordosten des Klippenrandweges befindet sich die „Lange Anna“. Sie ist Helgolands Wahrzeichen und dürfte wohl jedem bekannt sein. Eigentlich ist die 48 Meter hohe Anna ein recht profanes Stück Gestein und zudem durch einen potthässlichen Wellenbrecher vor der stürmischen Nordsee geschützt. Ihr Oberteil ist dicht an dicht mit Vögeln besetzt, was schon alleine eine Sehenswürdigkeit ist. Wie lange die Lange Anna noch aufrecht stehen wird, kann niemand genau sagen. Die Elemente nagen an ihr  und  eines Tages wird sie einfach in sich zusammensacken.

Wie sehr die Insel den Naturgewalten ausgesetzt ist, bekommen wir heute live mit. Die normale Strecke über eine Aussichtsplattform direkt an der Langen Anna ist gesperrt. Ein Stück Fels ist dort vor kurzem abgebrochen und macht die Plattform instabil.

Durch Wind und Regen kämpfe ich mich weiter in Richtung Lummenfelsen. Er ist Deutschlands kleinstes Naturschutzgebiet. Die Brutvogeldichte hier ist enorm. Schon bei unserem Spaziergang am Vortag haben wir  Möwen, Trottellummen, Tordalks und Basstölpel beim Brüten beobachten können. Das kann man nur auf Helgoland. Heute präsentieren sich die Vögel im Sturm als wahre Kunstflieger.  Es ist faszinierend zu sehen, wie geschickt und zielsicher sie ihre Nester in den Steilwänden anfliegen.  Offensichtlich macht den Vögeln das Wetter genauso viel Spaß wie mir, denn am Tag zuvor waren nicht annähernd so flugaktiv.  

Weiter geht`s am Klippenrandweg entlang in Richtung Leucht- und Funkturm, wo er zu Ende ist. Über ein paar Treppenstufen geht`s nach unten ins Mittelland. Schnell verlieren wir die zuvor erlaufenen Höhenmeter, durchlaufen eine kleine Unterführung und danach weiter bergab. Noch macht das richtig Laune. In der letzten Runde brennen dann die Oberschenkel. Wir sind am Binnenhafen und laufen an den „Hummerbuden“ vorbei. Diese bunten Häuser waren früher Schuppen und Wohnungen der Fischer. Heute gehören sie zur Touristenmeile und stehen unter Denkmalschutz.

 
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Wir laufen in Richtung Kringel. Der Kringel wurde zum Schutz des Inselsockels zwischen 2008 und 2009 errichtet und hat eine Länge von 480 Metern, die wir als Wendestrecke belaufen. 1850 Tetrapoden, das sind speziell geformte,  6 Tonnen schwere Betonklötze, die als Wellenbrecher aufgeschichtet sind.  Einer dieser Ungetüme versperrt uns die Ideallinie. Wurde der tatsächlich von einer Welle  aus der Mauer gerissen? Wahnsinn.

Dem Kringel folgt ein eher unansehnliches Industriegebiet, das aber auf Helgoland natürlich nicht allzu groß sein kann. Nach ein paar Metern bin ich durch und befinde mich schon wieder im Unterland. Es geht erneut  an den Hummerbuden vorbei und schon ist der Südstrand wieder erreicht und die erste Runde ist geschafft.

Der Regen hat, ohne dass ich es bewusst wahrgenommen habe, aufgehört. Der Wind wird mich aber weiter bis ins Ziel beschäftigen, im Oberland würde ich die Verhältnisse schon als stürmisch bezeichnen. Aber, ehrlich gesagt, ich habe nach wie vor Spaß. Die Touristen, die auf dem Klippenrandweg wandern, werden mehr. Ihr Applaus und ihre bewundernden Blicke sind aber weiterhin Ansporn, die Sache durchzuziehen.

 
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Und so spule ich meine Runden weiter ab und so gönne ich mir zwischendurch eine geistige Auszeit, indem einfach gedankenlos vor mich hinlaufe. Ein Fehler: Bei den Hummerbuden übersehe ich den Pfeil, der mich in Richtung Kringel weist,  und laufe geradeaus weiter. Ein Zuschauer macht mich darauf aufmerksam, dass ich in der falschen Richtung unterwegs bin. Rund 600 zusätzliche Meter bekomme ich durch meine Dummheit aufgebrummt.

Der Rest verläuft dann ohne Zwischenfälle. Charly gibt mir die Bayernfahne, mit der ich ins Ziel laufe.  

Abends findet in der Nordseehalle die Siegerehrung und anschließende Marathonparty statt. Wir gehen ohne große Erwartungen hin, nur um Mal zu schauen. Aber die Diashow mit Bildern vom heutigen Marathon ist eine tolle Idee. Immer wieder kommt es zu Applaus und Jubelstürmen, wenn man sich oder einen Bekannten auf der Leinwand entdeckt.

Auch wir haben Grund zum Jubeln. Charly hat, ohne dass wir nur annähernd damit gerechnet hätten, den zweiten Platz in seiner Altersklasse belegt und darf sich auf der Bühne einen Glaspokal abholen.

Am nächsten Tag geht es mit der „Fair Lady“ zurück nach Bremerhaven und eine tolle Reise geht zu Ende. Wäre Helgoland um die Ecke und nicht so aufwändig zu erreichen, ich würde dort jedes Jahr laufen.

 
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Marathonsieger

 

Männer

1. Oliver Sebrantke LC Hansa Stuhr 2:45:12   
2. Tewes Brandt Delligser SC 2:49:52   
3. Thies Jansen Airbus SG / BSV HH 2:56:13

Frauen

1. Antje Möller ASV Duisburg 3:12:55   
2. Beate Heinzelmann Laufspass SW Sende 3:43:49   
3. Anja Leistner TV Werne 3:44:20  

155 Finisher

 

 

 

 

 

Informationen: Helgoland-Marathon
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