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Laufberichte

Mit verliehenen Flügeln

05.05.13

Als zum Start „Rock you like a hurricane“ von der Hannover-Band Scorpions durch den Friedrichswall kracht, bekomme ich Gänsehaut pur. Die 1 600 Marathonis schlagen mit den Flügeln, legen beflügelt los.

„Die werden immer besser“, so hörte ich im Vorfeld von vielen Lauffreunden. Und dann der beachtliche 5. Platz beim Marathon4you Voting im Jahr 2012 unter allen Marathons in Deutschland. In Hannover will ich laufen, auch wenn der Kyffhäuser Bergmarathon bei mir erst drei Wochen zurück liegt.

Der gute Ruf hat sich herumgesprochen. Bei schönstem Frühlingswetter finden sich heute an die 16 000 Läufer, Inline-Skater, Hand-Biker und Wanderer aus aller Welt in Hannover ein: Teilnehmerrekord. Unter den Läufern sind besonders die leistungsorientierten Marathonis aus Niedersachsen angespornt, denn es wird die Landesmeisterschaft 2013 ausgetragen.

 
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Da will mein Lauffreund Jan in der M65 mitmischen. Er ist nach einer Erkältung noch nicht zu 100 Prozent fit und so sortieren wir uns im Läuferfeld bei den Pacemakern mit dem gelben Luftballon und der Aufschrift 4:30 ein.

Das mit den Pacemaker ist eine feine Sache, vor allem wenn man selbst ohne Uhr läuft und gleichmäßig eine bestimmte Zeit erreichen will. In den Zielzeitabständen von 15 Minuten befindet sich jeweils ein gelber Luftballon mit gleich mehreren Pacemakern, die auf ihrem Shirt nochmal die im Ziel zu erwartende Zeit aufgedruckt haben, auf der Strecke.

Start und Ziel sowie das Prozedere um Sportmesse und Starnummernausgabe, alles befindet sich dicht beim Neuen Rathaus mit seinem grünen Hinterland. Und beim Marathon präsentiert die Stadt Hannover ihr abwechslungsreiches Bild. Klar, es geht durchs Zentrum mit dem Opernhaus, dem Bahnhof und der Einkaufpassage Kröpcke. Ein paar lange Graden wie das Rud.-von-Benningsen-Ufer am Maschsee, die Hildesheimer- und die Nienburger Straße werden durchlaufen. Aber die vielen grünen Abschnitte, wie in der Eilenriede, dem Georgengarten, den Herrenhäuser Gärten und auch durch ein paar Kleingärten überraschten mich - positiv.

 
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Wir haben uns bei km 7 an den Ballon mit der Zeit 4h:15 vorgekämpft. Das ist für unseren Trainingszustand die richtige Tempovorgabe. Aber irgendwie fällt mir das hinterherlaufende Schritthalten schwer. Ich breite mutig meine Flügel aus und wage mich vor die Gruppe. Jan bleibt dort dran.

Es ist die gute Stimmung an der Strecke, die uns Läufer motiviert und bei bester Laune hält. Einige Trommlerbands heizen uns immer wieder mächtig ein. Dann dichtgedrängten Zuschauertrauben, die uns vor allem an Straßenkreuzungen frenetisch anfeuern und durch die Kurven jagen. Ja, ich weiß, wir sind hier in der langsameren zweiten Hälfte des Marathonfeldes. Doch trotzdem, auch uns beschwingt die Stimmung. Und sie verleiht nicht nur mir Flügel.

Bei der Halbmarathonmarke ein kurzer Smalltalk mit Stephanie aus Lübeck. Wir haben bis hier 2h:03 Minuten gebraucht. Wenn es gut läuft, kann es sogar eine Zeit unter 4 Stunden werden. „Dann darfst du nur nicht mehr fotografieren“, meint Stephanie. Da fotografieren wir uns gegenseitig. Leider verwackelt das Bild, welches ich von ihr mache.

 
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Dann versuche ich es mit den verliehenen Flügeln. Eine weitere junge Frau läuft seit einigen Kilometern sehr couragiert. Ich frage Anna Claudia, ob sie unter 4 Stunden bleiben will? „Nicht unbedingt“, sagt sie bescheiden. „Es ist mein erster Marathon.“ „Das sieht bei dir noch sehr gut aus“, sage ich. Ich sehe es ihr an, lese es in ihren selbstbewusst klaren Augen: Sie wird es schaffen.

Ich halte bis km 28 mit ihr mit. In der Vahrenwalderstraße trinke ich erstmals Cola und merkwürdigerweise beschleicht mich kurz darauf körperliche Schwäche. Da ich noch nicht einmal den 4:00 Ballon gesichtet habe, gebe ich den ehrgeizigen Flügelschlag auf. Der Weg ist noch weit. Um nicht einzubrechen, drossle ich das Tempo.

Der jeweils nächste Verpflegungspunkt wird das nächste Ziel. Zum Glück gibt es davon genügend. Und sie sind gut bestückt. Melone, Banane, Apfel und jede Menge Energiegels. Zu trinken gibt es Leitungswasser en Mas, was nicht jeder Magen verträgt. Später wird neben Cola auch Apfelschorle geboten. Und auf den letzten Kilometern vor zwei Kneipen sogar Bier.

Ach ja, Bier. Auch in Hannover laufen wir an einigen Biergärten und Biertischen vorbei, an denen sich die Zuschauer und Anwohner laben. Wenigstens haben auch diese oft ein gutes Wort für uns übrig, genau wie die Leute, die sich aus ihren Fenstern lehnen und die vielen Kinder, die uns ihre Hände zum Abklatschen hinhalten.

Nach Km 30 laufen wir ein gutes Stück mit den Halbmartahonis zusammen. Hier der gelbe Luftballon mit der 2:00 Marke, dicht umhüllt von Läufern. Ich suche, meinen Lauffreund Uwe zu sichten, der diese Marke unterbieten will. Ich finde ihn nicht – er läuft ein paar Meter weiter voraus. Noch weiter vorn läuft mein Lauffreund André, der sich sputen muss. Er muss deutlich unter 2 Stunden bleiben, da seine Frau Miriam mit den Kindern im Ziel wartet und dann selbst die 10 Kilometer laufen will.

Da auch die Straße etwas enger wird, werden wir etwas ausgebremst, was mich nicht stört, im Gegenteil. Meine Flügel sind gestutzt.

Unter der Mittagsonne ist es ordentlich warm, doch weiter treiben uns wilde Trommler, enthusiastische Zuschauer und die Verpflegungsstände voran. An diesen taucht mein Base-Cup in die Schwammwasserschalen ein. An Häuserfronten und in den Parks folge ich weniger der blauen, sondern mehr der schattigen Spur. Immer mehr Marathonis verfallen in den Gehschritt.

Und dann die letzten vier, …drei Kilometer durch die City pur. Beim Blick zurück kommt der Ballon mit der 4:15 in Sicht. Nein, du bekommst mich nicht. Es wird hart, es zieht sich hin, aber ich spreize die Flügel und laufe. Das ist der Moment, an dem der Marathoni sagt, du musst dich selbst bezwingen, ist der Moment, der weh tut. Aber du weißt: Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt. Und hier bist du nicht allein. Neben den Läufern sollen in Hannover 180 000 Zuschauer an der Strecke sein.

 
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Das Ziel kommt. Erleichtert und erledigt laufe ich durch das Tor. Im wahrsten Sinne des Wortes atme ich auf. Und dann ist Stephanie aus Lübeck da. Sie ist ziemlich glatt im 6‘ er Minuten Schnitt die Kilometer gelaufen. Ihr geht es gut. Hätte ich das man auch so getan. Dabei bin ich der erfahrenere Marathoni. Für sie war es heute der erste Marathon. „Bravo!“ Wir lassen uns Medaillen umhängen und fotografieren. Schön, die Bilder verwackeln nicht.

Jetzt gönnen wir uns ein Erdinger Alkoholfrei und können nochmal zulangen: Kekse, Obst, Salami, Salzbrezel...

Auf den Wiesen um das Neue Rathaus kauern die Marathonis und putzen sich wie Zugvögel nach einem Langstreckenflug das Gefieder. Jan schafft es auch unter 4h:30min und wird mit seinen 69 Jahren in der Meisterschaft damit 3. M65. Klasse! Auch Gerrit und Thomas, zwei weitere gestandene Marathonmänner aus unserem Umfeld, haben auf den letzten Kilometern Federn lassen müssen.

Dann treffe ich die junge Anna Claudia. Ich habe es ja gewusst – Punktlandung: Anna Claudia hat ihren ersten Marathon mit einer zweiten schnelleren Hälfte unter vier Stunden gefinisht. „Herzlichen Glückwunsch!“

Fazit: Den Hannover Marathon sollte jeder einmal laufen. Er ist schnell und abwechslungsreich, stimmungsvoll und sehr gut organisiert. Er eignet sich so besonders für die, die ihren ersten Marathon laufen wollen. Und eins hat mich wieder nachdenklich gemacht: Die Frauen scheinen die klügeren Marathonfliegerinnen – Verzeihung – Läuferinnen zu sein.

 

Informationen: HAJ Marathon Hannover
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