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Laufberichte

Weihe für Ultra-Läufer

21.05.05

73 Kilometer auf dem Kammweg des Thüringer Waldes

 

Der Rennsteig-Supermarathon ist ein legendärer Landschaftslauf auf dem Kammweg des Thüringer Waldes, der bereits seit 1973 ausgetragen wird, also noch zu Zeiten der ehemaligen DDR. Seine Anziehungskraft bezieht er nicht nur durch seine Länge von 73 Kilometern, sondern auch wegen der schweren Bedingungen: Der Weg führt über ein ausgeprägtes Profil, von 210 Meter beim Start über beinahe 1.000 Meter hohe Gipfel, eigentlich nie eben, ständig auf und ab, er verläuft nahezu ausschließlich durch Wald, Fichtenwald, aber auch lichten Mischwald, die Wege sind sehr anspruchsvoll, uneben, oft steinig und auch von Wurzeln überwuchert. Kurz - der Lauf ist ein Muss für einen Ultraläufer. Wer dort gelaufen ist, hat eine wichtige Weihe als Ultra hinter sich gebracht.


 
Wartburg
© marathon4you.de

Bereits vor zwei Jahren war ich die Strecke gelaufen, vergangenes Jahr nahm ich am Internationalen Isarlauf teil, konnte daher nicht teilnehmen, aber dieses Jahr wollte ich wieder mitmachen. Im Gegensatz zu den meisten Läufen, ist der Rennsteig Supermarathon ein Punkt zu Punk-Lauf, Startort (Eisenach) und Zielort (Schmiedefeld) sind also nicht identisch, was für den Veranstalter, aber auch die Teilnehmer einen nicht unerheblichen Mehraufwand bedeutet. Übernachte ich im Zielort oder im Startort? Beide Varianten haben ihre Vor-, aber auch Nachteile. Vor zwei Jahren übernachtete ich in Schmiedefeld, erinnere mich aber nur noch mit Schrecken an das frühe Aufstehen um 3.30 Uhr, für mich als Spätaufsteher eine große Überwindung. Dazu kam, dass wir damals am Freitag Nachmittag nach Eisenach mussten, um unsere Startunterlagen zu holen. Dieses Jahr wollten wir das anders machen, Übernachtung in Eisenach! Um es vorweg zu nehmen, eine optimale Entscheidung, denn den einzigen wesentlichen Nachteil dieser Variante, das Zurückfahren mit dem Bus nach dem Lauf konnten wir vermeiden.


Wir - das waren Jürgen und Hanne, Angelika und meine Frau Uta. Freitag um 10 Uhr starteten wir von Stuttgart aus über Heilbronn, Würzburg, Fulda nach Eisenach, ausschließlich Autobahn. Für die etwa 350 km benötigten wir, incl. Pause etwa vier Stunden. Kurze Suche nach unserem Quartier und die Überraschung war perfekt - die Zimmer waren in einer Gründerzeitvilla am Fuße der Wartburg. Kein außergewöhnliches Haus in dieser Gegend, ist doch dieser Teil von Eisenach berühmt für das wohl größte "Ensemble von Jugendstilvillen" in Europa. Mag ja sein, dass das eventuell übertrieben ist, aber beeindruckend war es und für mich unerwartet.


Der erste Gang führte uns auf den Marktplatz von Eisenach und tatsächlich, knapp 15 Minuten Fußweg und viele beeindruckende Villen später konnte wir unsere Startunterlagen für den 33. GMR, den Guts-Muths-Rennsteiglauf abholen. Wer 33 Läufe ausgerichtet hat, macht keine Fehler mehr und entsprechend professionell klappte alles. Abends dann ab 18 Uhr konnte man im Zelt neben dem Marktplatz seinen Gutschein gegen Thüringer Klöße eintauschen. Sicher eine gute Alternative zu den sonst üblichen Nudeln.


Der Mensch will offensichtlich wo er geht und steht unterhalten werden, zumindest war dies die Ansicht des Veranstalters, denn er hatte einen professionellen Discjockey engagiert, der mitgroßen Lautsprechern, viel Engagement und Freude das Zelt beschallte. Obwohl ich dort, wie immer bei Ultraläufen, liebe Bekannte traf, war ein Gespräch mit diesen interessanten Läuferinnen und Läufern nicht möglich. Wir verließen also baldmöglichst diesen lauten, ungeselligen Ort, schlenderten durch die attraktive Fußgängerzone und gingen dann in unser Quartier.


Unser Pensionswirt erzählte noch ein wenig von Eisenach, von der Renovierung seines Hauses und der geschichtsträchtigen Wartburg. Ach ja, die Wartburg. Sie war ja unter vielen anderen Ereignissen der jüngeren Geschichte auch Ort des Festes der Burschenschaften am 18. Oktober 1817. Seitdem hat wohl die Wartburg einen symbolischen Stellenwert auch noch bei den heutigen Burschenschaften. Just an diesem Wochenende versammelten sich daher nahezu 3.000 Mitglieder von Burschenschaften zu einem Treffen in Eisenach. Offensichtlich kein Problem für die Stadt, der "Ansturm" von Rennsteigläufern und Burschenschaften wurde professionell verkraftet.


Kurz vor fünf Uhr standen wir auf, frühstückten und rechtzeitig zum Start standen wir auf dem Marktplatz in Eisenach - alles problemlos wie erhofft. Schnell noch die Kleiderbeutel abgegeben und dann warteten wir auf den Start.

 

 
Spätzle-Connection: Angelika, Jürgen, Eberhard und Hanne
© marathon4you.de 3 Bilder

Wenn ich den Sprecher richtig verstanden habe, waren etwa 1.800 Läuferinnen und Läufer gemeldet, die jetzt alle auf dem Marktplatz von Eisenach standen und auf den Startschuss warteten, der dann auch pünktlich um 6 Uhr fiel. Nach knapp zwei Minuten waren auch wir, die etwas weiter hinten standen, über die Zeitnahmematten gelaufen. Aber was sind denn schon zwei Minuten bei erwarteten 9 Stunden, die ich für mich heute erhoffte.


In der Nacht hatte es geregnet, aber bereits eine halbe Stunde vor dem Start hatte es aufgehört. Die Temperatur betrug etwa 14 Grad, ich hatte ein Unterhemd an und drüber ein Laufshirt, kurze Laufhose und hatte damit die optimale Balance gefunden. Anfänglich befürchtete ich, dass ich eventuell zu warm angezogen wäre, aber der Lauf verläuft mehr als 50 km in 700 m Höhe oder höher und dort herrschen andere Verhältnisse.


Bereits nach dem Startschuss hatte ich meine Lauffreunde aus den Augen verloren. Nur Hanne sah ich nochmal nach etwa 11 Kilometern, ansonsten lief ich alleine unter den vielen Teilnehmern. Aber das machte mir keine Angst, findet man doch bei den Ultraläufern immer jemand, mit dem man ins Gespräch kommt, wenn man denn will. Ich wollte nicht und konzentrierte mich auf den Lauf. Ich hatte mir vorgenommen, wie vor zwei Jahren verhalten zu beginnen, die steileren Anstiege zu gehen.


Vielleicht zwei Minuten liefen wir eben durch die Stadt und schon ging es auf einer Serpentinenstraße recht steil hoch. Sofort begann ich zu gehen, bloß nicht am Anfang zuviel Energie verbrauchen, die mir dann am Ende fehlen könnte. Nach etwa zehn Minuten endete die Asphaltstraße, ging in einen breiten Waldweg über, gesäumt von Alleebäumen.

 

Wir waren jetzt auf dem berühmten Rennsteig, dem Kammweg des Thüringer Waldes. Insgesamt ist dieser Höhenwanderweg 168 km lang, von denen wir heute 72,7 km laufen würden.

 

Wir hatten die erste Höhe erreicht, es war einigermaßen eben und ich joggte jetzt wieder. Links von uns sah man durch die Bäume hindurch weiter unten die Häuser von Eisenach. Schon 20 Minuten gelaufen und noch hatte ich kein Km-Schild gesehen. Ich erinnerte mich, dass bei diesem Lauf nur alle fünf Kilometer angezeigt werden. Ich joggte im Läuferfeld, das sich noch nicht soweit auseinandergezogen hatte, dass man ungestört laufen konnte. Der Weg war jetzt schmaler geworden und es würde noch eine Weile dauern, bis die Langsameren zurückgefallen waren.
Beständig ging es jetzt hoch, mal sanfter, mal steiler. Nur einmal noch hatte ich einen Ausblick in die Landschaft, ansonsten liefen wir im Wald.

 

Kilometer Fünf musste ich übersehen haben. Ich fragte einige Mitläufer, niemand hatte das Schild gesehen. Bis zur ersten Getränkestelle bei km 6,9 lief ich also einigermaßen orientierungslos. Dann jedoch hatte ich den ersten Anhaltspunkt. Ich hatte 53 Minuten gebraucht, ein Schnitt von etwa 7:41 min pro Kilometer. Keine gute Zeit, aber bisher war es, wie angekündigt, ständig bergauf gegangen. "Keine gute Zeit" ist natürlich relativ zu sehen. Für die widrigen Bedingungen war ich eigentlich zufrieden, bei diesem anspruchsvollen Untergrund und den andauernden Steigungen wäre es unvernünftig gewesen, schneller zu rennen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass es zum Inselsberg bei Kilometer 25,5 tendenziell ständig bergauf ging, also 700 Höhenmeter Unterschied zum Start, reine Höhenmeter zum Laufen deutlich mehr, denn immer wieder mussten wir die gewonnene Höhe "verschenken" und abwärts laufen. Der Untergrund war feucht, stellenweise waren große Pfützen im Weg, ansonsten noch kein Untergrund der einen gefordert hätte. Meist liefen wir durch Wald, der immer wieder durch eine Wiese unterbrochen wurde.


Wie immer lief ich mit Pulsuhr. Für einen Ultraläufer wohl eher ungewöhnlich, denn die Ultras behaupten ja alle von sich, dass sie ihren Körper genau kennen und daher keine technischen Hilfsmittel benötigen. Mir jedoch hilft es sehr, wenn ich meine Belastung genauer steuern kann. Ich schaute, dass ich stets im Bereich von 115 .. 135 Schlägen lag, bei einem Maximalpuls von 175 Schlägen also ganz sicher im aeroben Bereich.


Wie im Vorjahr überkam mich bei etwa km 7,5 ein dringendes menschliches Bedürfnis. Das schuldete ich wohl dem ungewöhnlich frühen Aufstehen. Aber das war ja bei einem Landschaftslauf kein Problem, ich suchte mir einen geeigneten Busch, hinter dem ich mich niederlassen konnte und war danach mit ganz neuem Elan wieder auf der Strecke.


Da - Kilometer 10! Ein großes, weißes Schild, gut sichtbar angebracht. Ab jetzt waren jede fünf Kilometer ausgeschildert. Ich speicherte den Wert in meine Uhr und lief frohgemut weiter. Nichts tat mir weh, ich lag gut in der geplanten Zeit, das Wetter hatte gehalten, bewölkt, immer noch um die 14 Grad, eine schöne Strecke, ich war glücklich - es lief wie erhofft.

 

 
Erster Anstieg
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Bei Kilometer 12, 6 die nächste Getränkestelle, bereits hier wurde u.a. auch Cola angeboten. Ich nahm einen Becher Tee, trank ihn im Gehen und war schnell wieder auf der Strecke. Immer noch ging es hoch, die steileren Anstiege ging ich, die sanfteren und die ebenen Passagen, die leider nicht so häufig waren, rannte ich. Nur nicht verausgaben, es lagen noch beinahe 60 Kilometer vor mir!


Die erste richtige Verpflegungsstelle bei Kilometer 17,7 war erreicht. Einmalig, exklusiv, unerreicht - all diese Superlative stimmen. Der Rennsteig ist berühmt für seine Verpflegung: Haferschleim, Butterbrote, Schmalzbrote, auch Süßes und an Getränken sowieso alles. Dies sehr übersichtlich angeordnet, auch beschildert, damit man nicht lange suchen musste. Ich trank einen Becher Haferschleim mit Preiselbeeren, nahm ein Schmalzbrot und wollte wieder loslaufen.


Oh - ein anspruchsvoller Wurzelweg, hoch durch den Wald, bremste meinen Elan. So früh hatte ich den nicht in Erinnerung. Die Läuferschar zollte dem Untergrund Respekt und ging das Wegstück vorsichtig an. Nach einigen Minuten liefen wir dann wieder auf normalen Waldwegen, nicht ganz eben, aber die Aufmerksamkeit wurde nicht mehr so stark gefordert.

 

 
Kilometer 25
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Es wurde steiler, wir kamen dem Inselsberg näher und mit Schrecken dachte ich an den Abstieg, den ich noch ganz übel in Erinnerung hatte. Aber erst Mal mussten die letzten Kilometer überwunden werden. War mein Kilometerschnitt auf den ersten 20 Kilometern etwa bei 7:30, fiel er auf diesen fünf Kilometern auf 8:05 min pro km. Der Wald lichtete sich, die Bäume wurden kärglicher und schon sah man das Hotel. Der "schönste Berg Thüringens" war erreicht, knapp über 900 m hoch. Ohne Aufenthalt ging es sofort steil runter, erst auf breiten Stufen und dann auf einem asphaltierten Weg. Vor mir lief eine Läuferin im Zickzack, um der Steilheit zu entgehen. Ich versuchte, mit dem Vorfuß aufzukommen und dadurch die Belastung beim Aufprall zu entschärfen. Auf den nächsten 1,3 Kilometern wurden wir alle stark belastet, "verloren" wir doch nahezu 200 Höhenmeter. Unten angekommen, wurden wir mit einer bestens ausgestatteten Verpflegungsstation entschädigt.


Hier mischte ich mir zum ersten Mal mein bewährtes Getränk, Haferschleim natur und Cola und lief dann frohgemut weiter. Ab jetzt blieben wir einigermaßen auf selber Höhe, erst etwa 15 km später würde es wieder 100 m höher gehen. Allerdings darf man sich das nicht so vorstellen, dass die Strecke jetzt flach war, wellig ist vermutlich der richtige Ausdruck. Mein km-Schnitt wurde sofort deutlich besser, ich kam auf diesem Abschnitt unter 7 min pro km, trotz der Verlockungen auf der Ebertswiese (km 37,4). An diese Verpflegungsstelle erinnerte ich mich noch bestens, war ich doch davon beeindruckt, dass man hier sogar gegrillte Würste bekam. Schon seit einiger Zeit waren die Wanderer und Walker auf unserer Strecke und vor allem an diese Teilnehmer richtete sich wohl dieses Angebot. Ich blieb lieber beim Bewährten und war trotz der Verlockungen nach längstens zwei Minuten wieder auf der Strecke. Auch hier wurde mein Elan sofort wieder gebremst, ein steiler Anstieg konnte nur gehend angegangen werden.


Kurz zuvor hatte mich eine Läuferin aus Urbach angesprochen, da sie mich an dem Aufdruck auf meinem Laufhemd als Landsmann erkannt hatte. Wir hatten uns noch gefreut, dass das Wetter gehalten hatte und es nicht regnete. Die Bewölkung hatte sich in der letzten halben Stunde deutlich verstärkt, die Wolken waren dunkler geworden. Tatsächlich begann es nun leicht zu nieseln und bald auch stärker zu regnen. Meine Bekleidung hatte sich aber bereits vergangenes Jahr in Biel gut bewährt, als es mitten in der Nacht zu regnen begonnen hatte. Ich machte mir also keine Sorgen, hoffte auf den schützenden Wald und lief frohgemut weiter. Allerdings gab es hier oben nur noch Nadelbäume, der Weg wurde breiter und somit boten die Bäume keinen Schutz mehr. Auch wurde der Wald wieder lichter und auf den freien Bereichen blies ein kräftiger Wind und trieb den Regen von schräg rechts zu uns her. Wieder bewährte sich meine Kleidung; während viele jetzt ihre Regenjacke anzogen, oder irgend einen Plastiksack überstülpten, lief ich zuversichtlich ohne jeglichen Schutz weiter. Ich hatte vorsichtshalber eine Mütze dabei, die ich jetzt aufsetzte. Allerdings trieb mir der Wind trotzdem die Regentropfen ins Gesicht und wieder mal lief ich halb blind. Wir Brillenträger sind bei so einem Wetter echt im Nachteil. Entweder ist es so dämpfig, dass die Gläser ständig beschlagen, oder die Regentropfen trüben den Durchblick, meist aber beides. In der Nacht in Biel hatte ich die Brille in die Tasche gesteckt und mich darauf verlassen, dass man auf Asphaltstraßen nicht stolpern kann. Hier wäre das verhängnisvoll gewesen, bei dem Untergrund!. Aber irgendwie schaffte ich es, den Durchblick zu behalten.


Es war 11.39 Uhr, Kilometer 45 erreicht und auf den vergangenen fünf Kilometern hatte ich nur noch 8:31 pro km geschafft. Schuld daran waren nicht nur die widrigen Wetterbedingungen, oder die nahezu 200 Höhenmeter, die überwunden werden mussten, sondern auch die Aufenthalte an den Getränke/Verpflegungsstationen. Hier hielt ich mich jetzt deutlich länger auf, als noch zu Beginn. Wir hatten eine Art Hochfläche erreicht, weniger Bewaldung und es war neblig. Teilweise konnte man keine 50 m voraus blicken. Dafür aber hatte der Regen aufgehört, etwa 40 Minuten hatte es gedauert und es sollte auch nicht mehr zu regnen beginnen.

 

 
Laufen in den Wolken, bei Kilometer 46
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Die nächsten 10 Kilometer waren angenehm zu laufen, sanft abwärts, sanft aufwärts, ab und zu mal ein steilerer Anstieg, hier hätte ich Zeit gewinnen können, wollte aber eher vorsichtig sein, es lag noch die höchste Stelle vor mir und ich wollte Reserven haben für die letzten 10, 15 Kilometer, also hielt ich mich zurück und erreichte in guter Verfassung die Station "Grenzadler". Hier verließen uns die 35 km-Wanderer, unsere Zwischenzeit wurde genommen, wer wollte konnte hier aussteigen und vor allem gab es hier wieder eine Verpflegungsstation, das erste Mal wurde auch Fleischbrühe angeboten. Ein Schmalzbrot, zwei Becher Fleischbrühe, einen mit Haferschleim/Cola und wenn mein Verstand mich nicht gestoppt hätte, wer weiß, was ich da noch alles gegessen hätte. Trotz Zurückhaltung hatte ich zuviel gegessen und wollte meine Sorge einem Läufer mitteilen, der gerade locker vorbeispazierte, als ich wieder loslaufen wollte: "Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten!" Mehr konnte ich nicht sagen, denn er unterbrach mich sofort und meinte, dass er die Möglichkeit des Aussteigens wahrnehmen wolle. Das wollte ich ihm gar nicht anbieten, sondern eigentlich sagen, dass es mir vom vielen Essen jetzt entweder schlecht würde, oder ich davon jede Menge Energie bekommen würde für die letzten 18 km. Ich war aber so erstaunt, dass jemand, der so gut in der Zeit lag, ans Aussteigen denkt, dass ich diese beiden Alternativen nicht mehr formulieren konnte. Ich versuchte ihn zum Weiterlaufen zu animieren, aber er ließ sich nicht abbringen. Er sei die letzten Jahre immer schneller hier gewesen, heute sei er nicht so gut drauf. Tja, so weit kommt es, wenn man nur die Zeit im Auge hat und einen solch schönen Lauf nicht auch dann noch genießen kann, wenn mal die Zeit nicht mehr stimmt. Ok, der Mann ließ sich nicht umstimmen, wünschte mir aber noch viel Glück.


Ich machte mich wieder auf die Socken, hatte ich doch hier insgesamt mehr als sechs Minuten vertrödelt. Sofort aber wurde ich gebremst. Das scheint Methode zu sein, dass die die besten Verpflegungsstellen stets dort hinstellen, wo es dann anschließend ordentlich ansteigt. Die nächsten knapp sechs Kilometer hatten es in sich. Hoch, runter und wieder hoch, insgesamt wohl 250 Höhenmeter oder mehr. Dazu dieser Untergrund! Das wohl schlechteste Stück Weg traf ich hier an: Steine, Wurzeln, große Furchen im Weg, stets irgendwie gewölbt - von der Gegend oder gar einer möglichen Aussicht nahm ich nicht besonders viel wahr, viel zu sehr musste ich mich auf den Untergrund konzentrieren.

 

 
anspruchsvolle Wege
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Und dann, bei km 62 war sie endlich erreicht, die mit etwa 940 m höchste Stelle des Laufes. Knapp unterhalb des Gipfels des Großen Beerbergs liefen wir vorbei und ich war mir gewiss, dass die noch folgenden 11 Kilometer nur noch abwärts führten. Jetzt legte ich also zu. Aber verflixt, ganz so einfach war das gar nicht. Zwar ging es in der Tat abwärts, jedoch über Wiesen, auf schmalen Pfaden ein Stück der Straße entlang, so dass man nicht so schnell laufen konnte, wie es das Gefälle bei normalem Untergrund zugelassen hätte. Meine Hoffnung, noch unter 9 Stunden das Ziel zu erreichen schwand. Ich musste mich sputen. Bei der letzten Verpflegungsstelle (Schmücke) hielt ich mich dann auch gar nicht mehr lange auf, Schleim-Cola gemischt, hinuntergestürzt, ein letztes Bild gemacht und dann endlich konnte ich so laufen, wie ich es eigentlich schon länger erwartet hatte. Mein Puls war bisher im Schnitt stets bei etwa 125 gelegen. Auf den letzten 8,7 km bis ins Ziel stieg er auf 142 Schläge im Durchschnitt. Ich ließ es laufen, die Wege waren entsprechend und nun überholte ich noch reihenweise all die Läuferinnen und Läufer, die hier das Gefälle nicht mehr ausnutzen konnten, weil sie sich zuvor zu sehr verausgabt hatten. Mit 6:27 min pro km war ich dann auch tatsächlich über eine Minute schneller als im Gesamtdurchschnitt. Ich freute mich, dass es so gut lief und ließ mich auch nicht einschüchtern, als es plötzlich, ganz unerwartet nochmals einige hundert Meter Wegs aufwärts ging.


Nach 9:04:26 Stunden war ich im Ziel, glücklich, dass ich den Lauf so gut überstanden habe, dass mir nichts weh tat. Angelika (8:35h) und Jürgen (8:27) waren bereits im Ziel und Hanne kam bald darauf. Sie hatte ihre Vorjahreszeit um mehr als 20 Minuten verbessert - Donnerwetter. Entsprechend stolz und glücklich war sie dann auch.

 

 
Kleiderdepot
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Nun, der Rennsteig bekommt für vieles zu Recht nur Lob, aber der Zielbereich ist immer noch nicht optimal organisiert. Da muss man vom einen Ende des Geländes (Kleiderbeutel) bis zum anderen Ende (T-Shirt abholen), dann wieder eine ordentliche Strecke und man bekommt seine Fleischbrühe und wieder woanders eine Flasche Bier. Vermutlich aber kann man das gar nicht viel optimaler gestalten. Das Gelände ist zwar riesengroß, sicher 5 Minuten vom einen Ende zum andern, aber mit mehr als 16.000 Teilnehmern (alle Events) versagt wohl alle Logistik. Ich zog frische Kleider an, holte mein T-Shirt ab, verzichtete auf die Urkunde, trank einen Becher Brühe, dann noch meine Flasche Bier und eine Stunde später machten wir uns auf den Weg zum Auto. Kein Bus nach Eisenach! Wenn man eine Frau hat, die nicht läuft, hat man manchen Vorteil. Uta war von Eisenach nach Schmiedefeld gefahren, hatte uns beim Zieleinlauf fotografiert und wir konnten jetzt mit dem Auto nach Eisenach zurück fahren.


Mein persönliches Fazit. Ein schöner Lauf und wenn es zeitlich passt, werde ich da in den kommenden Jahren immer wieder mal teilnehmen.


Streckenbeschreibung:


Punkt zu Punkt Kurs von 72,7 Kilometern, Start in Eisenach bei 210 m, höchster Punkt 943 m (Großer Beerberg), Ziel in Schmiedefeld bei 711 m, geschätzte Höhenmeter +1.100m, -700m


Rahmenprogramm:


Kloßparty, musikalische Unterhaltung, Verkauf von Souvenirs

Logistik:


Startnummernausgabe und Nachmeldungen Freitag 14-21 Uhr und Samstag 4-6 Uhr jeweils in Eisenach.


Gepäcktransport von Eisenach nach Schmiedefeld, Abgabe der Kleiderbeutel im Startbereich auf dem Marktplatz in Eisenach.

 

Großräumiges Zielgelände in Schmiedefeld, die Kleiderbeutel sind übersichtlich ausgelegt, sortiert nach Nummern.


Bustransport vor dem Start von Schmiedefeld nach Eisenach, dabei werden unterwegs alle möglichen Dörfer angefahren und Läufer mitgenommen. Ebenfalls ist die Rückfahrt mit dem Bus organisiert.


Weitere Veranstaltungen:

Marathon, Halbmarathon, Walking/Wanderung (10km, 20 km, 35 km), Juniorcross;
Startorte je nach Streckenlänge


Zeitnahme:

Champion-Chip


Verpflegung:

Perfekt; insgesamt 9 Getränkestellen und sechs Verpflegungsstellen, der  Abstand wurde nicht nach Entfernung gewählt, sondern dem Streckenprofil angepasst, so dass in etwa gleiche Zeitabstände dazwischen liegen: Cola, Iso, Mineralwasser, Tee,, Obst, Haferschleim, Bier, Wurst, Schmalzbrote, Brühe.


Zuschauer:

Wenig, wie bei einem Landschaftslauf nicht anders zu erwarten


Auszeichnungen:

Medaille, Urkunde, Funktionsshirt

Europacup:

Der Rennsteig-Supermarathon ist einer von insgesamt sechs Läufen; an dreien muss man teilgenommen haben, um gewertet zu werden.

 

 

 

Informationen: GutsMuths-Rennsteiglauf
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