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Situationselastisches Laufen

 

Direkt vor dem Start interviewt der Moderator den österreichischen Verteidigungs- und Sportminister Gerald Klug. Dadurch lerne ich das Wort des Jahres 2014 in Österreich kennen, denn er hat es ausgesprochen. „Situationselastisch“ bedeutet, daß eine ansonsten alltägliche Situation sich auch einmal anders entwickeln kann. Das trifft diesmal auch auf mich zu. Die Anreise trete ich mit meiner Familie bereits am Samstag an. Ungewöhnlich ist dabei der Zeitpunkt, denn aufgrund der langen Anfahrt fahren wir bereits um kurz nach 5 Uhr los, um sicher zu stellen, bis zum offiziellen Schluß der Startnummernausgabe um 18.00 Uhr in der steirischen Landeshauptstadt angekommen zu sein. Der Verkehr auf der Autobahn meint es gut mit uns und kontrolliert wird an der Grenze nur in der Gegenrichtung, so daß wir kurz nach 15.00 Uhr die Marathonmesse erreichen.

Länger dauert es, die tatsächliche Ausgabestelle zu finden. Als Nichtösterreicher folge ich nämlich der Beschilderung Startsackerlausgabe, nur um dort zu erfahren, daß ich zuerst meine Startnummer an anderer Stelle abholen muß. Nach einer kurzen Einweisung habe ich aber auch diese schnell gefunden. Als Zugabe erfahre ich, daß in diesem Haus früher einmal Johannes Keppler lehrte. Sein Werk vom Geheimnis des Weltenbaus erweitete das damalige Wissen situationselastisch. Ganz so fundamental sind meine Erkenntnisse heute zwar nicht, aber auf dem Weg zu unserer Unterkunft lerne ich schon mal das bergige Graz kennen. Eine Erfahrung, die mir beim Lauf glücklicherweise erspart bleiben wird.

Nach erholsamer Nacht zeigt mir ein Blick aus dem Fenster, daß ich mich heute wohl auf einen situationselastischen Lauf einstellen muß. Es regnet und die Prognose für den gesamten Tag ist auch nicht besser. Damit steht mir wahrscheinlich mein erster kompletter Regenmarathon bevor. Wenigstens muß ich mir über den Weg zum Start keine Gedanken machen. Nachdem das Auto an der Wirtschaftsfachhochschule abgestellt ist, kommen wir mit dem Bus bequem zur Oper. Der Startbereich ist aufgrund des Wetters noch leer gefegt. Teilnehmer und Zuschauer suchen Schutz unter einem bunten Meer aus Regenschirmen oder nutzen wie wir den Vorbau der Oper. Es dauert nicht lang, da begrüßt uns M4Y-Kollege Herbert. Eigentlich wollte er heuer zum 4. Mal hier auf die Strecke gehen, was eine Verkühlung allerdings verhindert. Da er seinen Freund Radovan von einer Teilnahme überzeugt hat, macht er wenigstens den Chauffeur.

 
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Ich begebe mich kurz vor dem Start allein in den 2. Startblock. Den konnte ich mir am Vortag selbst aussuchen, indem ich meine geplante Zielzeit unter 4 Stunden bei der Startnummernausgabe angeben konnte. Sehr sinnvoll, denn aufgrund des Trainingsstandes können die Läufer sich meistens selbst am besten einschätzen. Nach dem Verklingen der Bundeshymne steigt die Spannung. Die letzten Sekunden werden gemeinsam herunter gezählt und pünktlich wird die Elite und der 1. Startblock auf die Strecke gelassen. Um das riesige Feld zu entzerren, wird der 2. Startblock etwas später gestartet. Sinnvoll ist das allemal, denn gemeinsam mit uns Marahonis starten die Staffeln und die Halbmarathonis, mit denen wir uns die erste Hälfte des Rennens die Strecke teilen. Das sind bei heuer insgesamt über 10.000 Teilnehmern immer noch etwa 4.000 Läuferinnen und Läufer.

Die ersten Kilometer laufe ich so noch dicht gedrängt in der Masse. Das erfordert schon jetzt erhöhte Konzentration, denn nebenbei versuche in den sich bietenden Lücken auch noch den zahlreichen Pfützen auszuweichen. Wenn ich schon jetzt nasse Füße bekäme, weiß ich nicht, wie sich das noch ausgeht. Nach einem knappen Kilometer quere ich über die Radetzkybrücke erstmals die Mur, die mich die meiste Zeit begleiten wird. Hier ist der aus den hohen Tauern kommende Nebenfluss der Donau noch jung, führt daführ aber schon kräftig Wasser.

 
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Einen ersten Blick auf den Schloßberg mit Schloß Eggenberg und dem Wahrzeichen von Graz, dem Uhrenturm kann ich erhaschen. Seit 1712 schlagen hier der Stadt die Stunden. Nebenbei hat man von dort noch einen herrlichen Blick auf die Stadt. Beim heutigen Wetter wohl eher nicht. Zeit für einen Abstecher habe ich gerade eh nicht. Mich leitet die Strecke kurz darauf über die Erzherzog-Johann-Brücke bereits wieder ans östliche Ufer der Mur. Erzherzog Johann war bei der Revolution 1848/49 Reichsverweser und stand damit der ersten provisorischen gesamtdeutschen Regierung vor.

Zurück auf den Boden der lokalen Politik holt mich der Hauptplatz. Ein Blick nach rechts zeigt mir das Rathaus von 1878. Die Strecke schwenkt hier nach Norden in die Sackstraße. Zwischen zwei Häusern auf der rechten Seite tut sich auf einmal der Grazer Schloßberg auf. Oben thront der Uhrenturm, unten führt ein Stollen tief in den Berg. Im zweiten Weltkrieg dienten diese als Luftschutzbunker. Ich folge der Strecke bis KM 3 um den Grazer Schloßberg herum. An der Keplerbrücke heizt uns Radio Steiermark bereits mit heißen Rhythmen ein. Dreimal mal noch komme ich im Verlauf des Rennens hier vorbei.

Nach einem großen Linksbogen biege ich nach 3,5 KM auf die Theodor-Körner-Straße ein. Bis KM 7,5 führt die Strecke ziemlich gerade nach Nordwesten. Das Feld ist immer noch dicht gedrängt. Das überfordert sogar die hier installierte Tempomessanlage. Wenn man der Anzeige Glauben schenkt, bin ich hier mit 144 Kilometern pro Stunde unterwegs. Könnte ich tatsächlich einen neuen Marathonweltrekord aufstellen? Da würde die Realität aber mal situationselastisch korrigiert. Die Wirklichkeit sieht natürlich ganz anders aus. Da bekomme ich ab KM 5 die führenden Läufer auf der Gegenseite zu sehen, denn bis KM 10 folge ich jetzt einer Begegnungsstrecke. Schon jetzt liege ich also weit zurück, aber die Schnelligkeit ist ja nicht mein Anspruch. Ich beobachte vielmehr, wie die Masse der entgegenkommenden Läufer und Läuferinnen größer wird. Erst tröpfchenweise kommen sie mir entgegegen, schließlich wie eine große Woge. Mit dabei die Pacemaker für 3:45 Stunden. Jetzt kann es für mich nicht mehr weit bis zum nörlichen Wendepunt sein. Und tatsächlich, schon habe ich ihn erreicht. Die Dance Production empfängt mich enthusiastisch. Noch ist die Stimmung gut. Mal sehen, ob dies auf der zweiten Hälfte immer noch so ist, denn der Regen wird auch ihnen zusetzen.

Ich werde jetzt erst mal von der mir jetzt entgegenkommenden Masse abgelenkt. Ich befinde mich also mitten im Feld. Es dauert, bis der Strom abebbt. Dennoch erblicke ich gegenüber die Nummer 300, getragen von Helmut „Linzi“ Linzbichler, der heute seinen 300. Marathon läuft. Er war bereits am Mount Everest unterwegs und hat sich den heutigen Lauf für sein Jubiläum ausgesucht, da hier seine Marathonkarriere begann. Die Anzahl von 300 Marathonläufen erscheint mir für mich utopisch. Aber wer weiß, vielleicht bin ich ja situationselastisch genug, um diese Zahl auch einmal zu erreichen. Noch brauche ich mir darüber allerdings nicht den Kopf zerbrechen. Ziel ist erstmal den heutigen Marathon erfolgreich zu bewältigen.

 
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Weiterhin muß ich großen Wasserlachen ausweichen. Noch gelingt es ganz gut. Von KM 12 schallt mir bereits die Musik von Radio Steiermark entgegen. Die Moderatoren sind voll in ihrem Element und schicken mich über die Mur. In einer großen Runde durchquere ich auf den nächsten Kilometern die Bezirke Lend und Gries. KM 13 ist erreicht, das dazugehörige Schild sieht arg mitgenommen aus. Randalierer gibt es halt überall, aber immerhin hängt es noch am Haken. Die nächste Trommlergruppe erklingt bereits, doch direkt an ihr vorbei komme ich noch nicht, denn beim ersten Durchlauf dieses Teilabschnitts biege ich links ab.

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Informationen: Graz Marathon
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