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Drahdiwaberl lässt grüßen

 

Wie im letzten Jahr werden für die aus Wien und Umgebung zum Marathon anreisenden Starter/innen die Nummern beim Gigasport in Brunn/Gebirge ausgegeben, wofür heuer der 4.Oktober vorgesehen ist. Das Startsackerl ist gähnend leer, einige Warenproben sowie ein sogenanntes Gutscheinheft mit Nachlässen für Produkte, die man nicht braucht und daher nie kauft, sind enthalten. Ein Odlo-Funktionsshirt wird zum Kauf um 20 Euro angeboten.

Infolge einer schon die ganze Woche anhaltenden starken Verkühlung werde ich diesmal kein Anwärter für einen vorderen Platz in der Altersgruppe M 60 sein – dies ja eh zumeist nur dann, wenn es wenige Starter gibt oder ich als Einziger die Gruppe repräsentiere. Aber mein sportliches Ziel, wieder sub 5 Stunden zu finishen wie letzten Sonntag in Brüssel, sollte sich auch in Graz ausgehen. Die Kleine Zeitung widmet sich sehr umfangreich dem Graz Marathon inklusive Streckenplan. Der diesjährige Kurs wurde an einigen Abschnitten und im Verlauf geändert, wobei die Marathonläufer/innen zwei idente Hälften vorfinden. Festgehalten ist auch, dass in den Bewerben zu unterschiedlichen Zeiten gestartet wird: der Marathon beginnt um 10 Uhr aus dem Startblock 1, eine Viertelstunde später geht es für die Läufer/innen über die 21,1 km aus den Blöcken 2 und 3 los, der Viertelmarathon wird dann um 10 Uhr 30 aus dem 4. und letzten Block beginnen.  

Mir bleiben noch 40 Minuten bis zum Start, um 9 Uhr 15 spaziere ich zum Opernring,  Start und Ziel des Marathons ist wie in den Jahren zuvor direkt vor der Grazer Oper – ein im neobarocken Stil errichteter Theaterbau, der 1899 fertiggestellt wurde und nach der Wiener Staatsoper das zweitgrößte Opernhaus in Österreich ist. Ein Aushang ist an der oberen Fassade angebracht: „Das Grazer Opernhaus wünscht allen Läufern toi, to, toi!“

 

 
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Heute herrscht bestes Laufwetter, es ist zwar frisch am Morgen, aber im Süden Österreichs sollte es trocken bleiben. Ich habe trotzdem ein Longsleeve angezogen und im abzugebenden Kleidersack weitere Alternativen deponiert – Singlet, Kurzarmshirt und ärmellose Windjacke.

Während der Grazer Stadtsportrat Kurt Hohensinner vom Moderator interviewt wird, bereiten sich die Schuhplattler auf ihren Bühnenauftritt vor. Nur mehr eine Viertelstunde bleibt bis zum Start. Als Motto haben die Veranstalter um Anton Wippel den Leitspruch ausgegeben: „Der Läufer steht im Mittelpunkt“ – beim diesjährigen Grazer Innenstadt Erlebnis Marathon. Drei Tage lang soll in Graz, Landeshauptstadt der Steiermark und mit ca. 290.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Österreich, ein umfangreiches Bewegungs- und Unterhaltungsangebot für Jung und Alt geboten werden. In einem Läuferzelt direkt vor der Oper werden kulinarische Schmankerl zubereitet. Der Graz Marathon 2017 steht auch im Zeichen des Maskottchens Ferdi Flott und soll gesundheitsbildend wirken und vor allem die Jugend zur Bewegung und zum Laufsport motivieren. Darum haben am Vortag auch zahlreiche Kinderläufe stattgefunden.

 

Die Strecke

 

Mich wundert, dass ich heute bisher kein einziges bekanntes Gesicht gesehen habe – sind die Kollegen alle im Ausland oder machen sie eine Regerationspause? Der Platzsprecher zählt von 10 herunter, es geht los. 20 Sekunden vergehen, bis ich zur Messvorrichtung komme – der Chip auf der Startnummernrückseite wird elektronisch geortet. Ich befinde mich heute ziemlich weit hinten im Feld, alle haben es am Anfang furchtbar eilig und spurten weg. Der 4:30er-Pacemaker fällt nach kurzer Zeit mit seiner kleinen Gruppe zurück, die 4:15er-Tempomacher laufen auf dem ersten Kilometer deutlich unter einer Sechserzeit.

 

 
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Bereits auf dem zweiten Kilometer dreht der Kurs in einer Schleife nach Osten, vorbei an der Steyrergasse, wo mein Auto geparkt ist, dann in westliche Richtung weiter. Man hat das Gefühl, dass es sanft abwärts geht, wenngleich das Gefälle vielleicht nicht mit freiem Auge zu erkennen ist.  Als wir bei den Hallen der Graz Messe vorbeikommen, wird die Gegend für alle jene wieder vertrauter, die hier schon einmal einen Marathon gelaufen sind. Besonders die langgezogenen Conrad-von-Hötzendorfstraße, die nach Süden bis in die unmittelbare Nähe des Liebenau-Stadions führt und dann nach der Wende wieder auf der anderen Straßenseite zurückgeht, ist einem vertraut. Die Begegnungszone ist in der Mitte mit Pylonen getrennt und weist zudem durch die Straßenbahnschienen eine natürliche Trennlinie auf. Längst sind die pfeilschnellen Kenianer rechts vorbeigezogen, mit beträchtlichem Abstand folgen die schnellen heimischen Marathonläufer.

Knapp vor der Wende wird die 4 km-Anzeige erreicht, ich laufe ca. 200 m vor der 4:15er-Gruppe. Von der anderen Straßenseite her schreit jemand laut „Hallo“ – es ist der Kraxi, wie schon so oft Pacemaker für 3:30. Seine Gruppe umfasst an die 20 Läufer/innen. Hannes Kranixeder ist Veranstalter des Sommeralm Marathons, ein sehr schöner Panoramalauf ins steirische Almenland.

Nach der Wende blicke ich auf die rechte Seite hinüber.  Der 4:30er-Pacer hat es gar nicht eilig, es kommt mir vor, als sei er sogar zu langsam. Aber dafür geht es nun Schlag auf Schlag: Noch bevor ich zur ersten Labe bei der 5 km-Anzeige komme, stürmen die superschnellen Halbmarathonläufer, an ihren roten eingerahmten Startnummern erkennbar, die Szene. Dahinter folgen Hunderte nach, das gesamte Starterfeld umfasst an die 3000 Personen.

Bei der Labe bleibe ich nicht stehen, ich schnappe mir einen Becher Wasser und trinke im Laufen. Doch siehe da, die 4:15er-Gruppe hat mich soeben eingeholt. Die Strecke dreht erneut, es geht 500 m nach Süden, dann wieder nach Westen, hinein in die Leitnergasse, wo eine weitere Labe aufgebaut ist, die ich auslasse. Vorbei am Städtischen Augarten geht es weiter, wenig später ist wieder eine Versorgungsstelle eingerichtet, an der ich kurz verweile, um einen Schluck Cola zu ergattern – alle Getränke sind in Bechern zuhauf verfügbar, nur was mir gar nicht passt: Es handelt sich um billige  Discounter Brause, die ziemlich grauslich ist.

Über die Augartenbrücke geht es über die Mur, dem Hauptfluss der Steiermark, der durch Graz fließt und im Süden der Steiermark die Grenze zu Slowenien bildet, hinüber zum Grieskai. Auf diesem Streckenabschnitt sind wir auch voriges Jahr gelaufen. Acht Kilometer sind nun zurückgelegt. Ununterbrochen werde ich nun von Halbmarathonis und vereinzelten Staffelläufern eingeholt.

Es geht nach Norden, man spürt den leichten Anstieg – wer es nicht glaubt, könnte dank der abschnittsweise freien Sicht vom Grieskai auf die Mur hinunterblicken, die in die Gegenrichtung nach Süden fließt. Wir passieren auf dieser etwas welligen Passage mehrere Brücken zu unserer Rechten, die wohlklingende Namen haben: Graf Radetzky war als Feldmarschall der bedeutendste Heerführer Österreichs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Wilhelm von Tegetthoff war Vizeadmiral und Kommandant der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine, Erzherzog Johann von Österreich gehörte zum Hause Habsburg und hat mehrere Jahrzehnte das Herzogtum Steiermark wirtschaftlich und sozial gefördert.

Vor uns befindet sich ein Wegweiser – die Viertelmarathonläufer/innen sind aufgerufen, nun nach rechts abzubiegen und über die Erzherzog Johann Brücke zu laufen. Der Blick geht zum 28 m hohen Grazer Uhrturm, der auf dem Schlossberg steht und das Wahrzeichen der Stadt ist. Der Schlossberg selbst weist, ausgehend vom Grazer Hauptplatz, 123 Höhenmeter auf und ist höchste Punkt der Stadt. Hier stehen recht viele Zuschauer.

 

 
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Etwas Hektik kommt beim Staffelwechsel auf, nach 9 Kilometern erfolgt auf dem Lendkai die erste Übergabe. Nun sind die ausgeruhten zweiten Staffelläufer das Maß aller Dinge, so mancher drängt sich rücksichtslos durch die Menge. Ich schnappe mir einen Becher Wasser und laufe im langsamen Tempo weiter.

Der Kurs führt nach Norden weiter, zu unserer Rechten befindet sich die Kepler Brücke, benannt nach Johannes Kepler, einem deutschen Naturphilosophen, Astronomen und evangelischen Theologen, der Ende des 16. Jahrhunderts als Landschaftsmathematiker in Graz wirkte. Endlich sind 10 Kilometer erreicht, mit ziemlich genau 60 Minuten passt meine Laufzeit. Zwar sind die 4:15er schon über alle Berge, aber der 4:30er Tempomacher ist verdächtig weit hinten.

Vom Lendkai führt die Strecke nun nach Westen. Hier auf der Keplerstraße stehen viele Zuschauer, der Moderator von Antenne Steiermark ist in seinem Element, denn auf der anderen Seite biegen die Allerschnellsten bereits in die letzten 2 km des Halbmarathons ein.

Für uns, die zwei idente Runden zu bewältigen haben, geht es nun bei der 12 km-Anzeige Richtung Norden. Die nächste Labe befindet sich einen Kilometer weiter, meine Uhr zeigt 1:18 an.  Eine gute Zeit in Anbetracht meiner mich beeinträchtigen Erkältung. Bei der Tankstelle steht eine Musikgruppe, die brasilianischen Sound zum Besten gibt, die Wende erfolgt bei der 15 km-Anzeige. Mit 1:32 liege ich fast auf einer reinen Sechserzeit. Trotzdem ist die 4:15er Laufgruppe auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf einem ca. zwei Kilometer langen Abschnitt nicht mehr zu sehen.

 

 
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Nun kann man ein wenig zulegen, denn der Kursverlauf weist ein leichtes Gefälle auf. Bei Kilometer 18 befindet sich wieder eine Labestelle, die ich nutze. Ein leichter Anstieg in der Laimburggasse, durch die wir voriges Jahr nach Norden gelaufen sind, ist zu bewältigen, bevor es in die wieder abfallende Wickenburggasse geht. Der Antenne-Moderator vor der Kepler Brücke begrüßt einzelne Läuferinnen und Läufer namentlich.  Zwei Kilometer vor dem Ziel geben die Halbmarathonläuferinnen und -läufer nun ein starkes Lebenszeichen. Viele versuchen ihre letzten Kräfte zu mobilisieren. Es geht den Kaiser-Franz-Josef-Kai auf der der Grazer Innenstadt näher gelegenen Seite der Mur weiter, zu unserer Linken befindet sich der Schlossberg, auf den man auch mit einer Standseilbahn bequem hinauf kommt.

Ohne Schleifen kommt der Graz Marathon aber nicht aus. Mich persönlich stören die vielen Drehpassagen, aber man gewöhnt sich daran. Endlich kommen  wir zum Grazer Hauptplatz mit zahlreichen bedeutenden Bauten und Denkmälern wie dem Rathaus aus dem Jahre 1550, dem im Barockstil gehaltenen Luegg-Haus, der Adler Apotheke, den Palais Stürgh und dem bekannten Erzherzog Johann Brunnendenkmal. Inmitten vieler ins nahe Ziel stürmender Halbmarathonläufer gelingen mir beim ersten Durchlauf einige Schnappschüsse von den Gebäuden und dem Uhrturm auf dem Schloßberg. Der letzte Abschnitt verläuft durch die Herrengasse teilweise auf Kopfsteinpflaster, worauf sich meine Füße letzte Woche in Brüssel beim Einlauf auf dem Großen Platz schon eingestellt haben. Übrigens zählt die baulich sehr schöne Grazer Altstadt seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe, worauf man in der Stadtverwaltung und der Bevölkerung mit Recht stolz ist.

Während die Halbmarathonläufer nach links in den Opernring einbiegen und noch ca. 300 m bis ins Ziel vor sich haben, lichtet sich für uns Marathonläufer nun das Feld auf der zweiten Runde deutlich. Verschwunden sind die Menschentrauben, die vor mir liegenden Mitstreiter lassen sich an einer Hand abzählen. Es ist eine allgemeine Entwicklung, dass die Teilnehmerzahlen auf der Halbdistanz steigen, während beim Marathon eine Stagnation und z.T. auch Rückläufigkeit registriert wird. Für 21,1 km braucht man weniger Vorbereitung und es läuft sich leichter. Bei den großen Citymarathons stehen dafür oft 3 volle Stunden zur Verfügung.

Bei Kilometer 22 erfolgt der nächste Staffelwechsel, an die zwei Dutzend Läuferinnen und Läufer stehen noch dort. Nach der vom ersten Durchlauf vertrauten halben Schleife erreicht man die Messe Graz, wo ich im November 2000 nach einem Elementarerlebnis im Rahmen einer Bildungsmesse als Aussteller zur Erkenntnis kam, dass meine Leibesfülle und die gelebte Trägheit als Endvierziger gar nicht zu mir passen und ich am Montag darauf um 5 Uhr früh aufstand und im Wiener Prater mit Bewegungstherapie in Form schnelleren Gehens begann, zu mir zu finden. Den ersten Marathon lief ich dann ein halbes Jahr später im darauffolgenden Mai 2001 in 4:44 Stunden im Rahmen des VCM. Ich fand zum Triathlon und absolvierte auch einen Ironman. Zum Marathonsammler wurde ich mit 55 nach einer 5-wöchigen Nordamerika-Reise im Jahre 2009 mit Läufen in Portland, Chicago, Toronto, Washington D.C. und dem NYC-Marathon als Höhepunkt.

Als ich beim Stadion gewendet habe, fällt mir ein Bursche auf der anderen Seite auf, den der Sprecher als den erst 16-jährigen Bernhard, Jahrgang 2001, aufgerufen hat. Der Laufenthusiasmus färbt manchmal von den Eltern auf die Kinder ab. Von 2002 bis 2004 habe auch ich viel mit unserer Tochter trainiert. Mandy lief dann mit 14 Jahren den VCM 2004 in 3:24 und gewann mehrmals ihre  Altersklasse beim Wiener Frauenlauf über 5 und 10 km.

Die Cheerleader-girls in blau bei der Messe werfen sich in Pose, ein Schnappschuss könnte es werden, wenn die Kamera mitspielt. Ich bleibe kurz bei der Labe stehen, 27 km sind erreicht. Mit einer Läuferin namens Sieglinde komme ich kurz ins Gespräch. Ich sage zu ihr, dass wir uns beeilen müssen, wenn wir die 30 km-Marke vor dem 4:30er-Pacer erreichen wollen. Sie erwidert, dass dies heute ihr erster Marathon sei. Ja, dann wollen wir nicht hetzen, ich lege aber trotzdem einen Gang zu.

 

 
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Bei der dritten Staffelübergabe sind aber immer noch vereinzelt Läuferinnen und Läufer anzutreffen, die irgendwie komisch dreinschauen, wenn wir Langsamen sich an ihnen vorbeibewegen. „Robert, lauf!“, steht auf einer Tafel aus Pappe. Hat der Robert die Stelle nun schon passiert oder kommt er erst nach? Ich frage das Mädchen, dass die Anzeige hochhält, bekomme aber keine Antwort.

Andere sind besser in Form, z.B. Sabine, die von einigen Zuschauern bei der Labe angefeuert wwird. Sie läuft so locker und elegant an mir vorbei, dass ich mehrmals schaue, ob sie tatsächlich eine blaue Nummer hat und nicht Teil einer dritten Staffel ist. Zum zweiten Male geht es vorbei an der Wallfahrtskirche Mariahilf mit den beiden markanten Türmen, die auf das Jahr 1611 zurückgeht. Bei Kilometer 31 ist wieder eine Messvorrichtung installiert, meine GPS-Uhr zeigt 3:23 Stunden an, damit liege ich gut in der Zeit für den angestrebten sub 5 Stunden-Finish.

Auf der nun folgenden fast 360 Grad-Wende  – wir laufen sozusagen im Kreis – entlang  Neuer Bienengasse, Wienerstraße, Lendplatz, Keplerstraße auf und über die gleichnamige Brücke empfinde ich nicht als Highlight des Marathons, wohl aber die vorletzte Begegnung mit dem Antenne-Moderator, der hier für gute Stimmung sorgt. Auf der Strecke ist ein weitere Mitstreiter nun an mir vorbeigezogen, sein blaues Shirt mit der Aufschrift „Kärnten Sports“ prägt sich ein. 33 Kilometer sind erreicht, nun geht es nach Norden. Bei Kilometer 34 ist wieder eine Labe aufgebaut, und hurra – es gibt Gels und zwar so viele, dass der Läufer vor mir ein Dutzend in seine Bauchtasche stopft. Die brasilianische Gruppe spielt noch immer, es geht zum zweiten Male hinein in die Grabenstraße, die in der Autokarte als 67a angeführt wird und sonst zweispurig befahrbar ist.

Ich blicke auf die anderen Straßenseite hinüber, der 16-jährige Bernhard liegt nach der Wende bei Kilometer 36, die mir noch bevorsteht, inzwischen fast zwei Kilometer vor mir, sollte also eine Viertelstunde vor mir im Ziel sein – Kompliment im Voraus! Klaudius winkt rüber, auch er könnte noch Reserven haben. Die Vornamen stehen auf der Nummer, so weiß man, mit wem man es zu tun hat.

Es zieht sich ein wenig, aber auch anderen geht es nicht besser. 4:04 Stunden zeigt meine Garmin bei der 36 km-Messung an, nun bekomme ich die hinter mir liegenden zu Gesicht. Der 4:30er Pacer, längst außerhalb der Zeit und in zivil, taucht auf.  Ich schrei zu ihm rüber: „Etwas spät, aber nun doch!“ Und ergänze im gemurmelten Nebensatz: „Du wirst mich heute nicht mehr einholen!“ Wir werden sehen, was er noch drauf hat!

Die „Brasilo-Gruppe“, waschechte Grazer in grüner Verkleidung (grüne Shirts, weiße Hosen) mit einem brasilophilen Sänger, ist dabei abzubauen. Die ganz Langsamen werden den  Hörgenuss nicht mehr bekommen.

Ich kann ein wenig zulegen und gleich drei Kollegen ein- und überholen, werde aber dann in wieder zurücküberholt. Das Kräftemessen setzt sich fort, auch Klaudius hat inzwischen den ganzen Vorsprung eingebüßt. 39 Kilometer sind geschafft. Nun folgt die Achterschleifen-Zickzackpassage durch die Grazer Innenstadt – verwinkelter könnte der Kurs kaum sein. Die GPS-Uhr zeigt 4:37 bei 40,6 km an, eine Zeit um 4:45 wird es nicht mehr werden. In der Herrengasse überholt mich noch eine Japanerin, die immer hinter mir gelegen ist. Ich lasse sie ziehen, mit 4:51 bin ich hochzufrieden.

 

 
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Ein Mädchen hängt mir die Finishermedaille um. Meinen Kleidersack hole ich mir, bevor ich die Labe im Ziel beanspruche. Die traditionelle warme Kraftsuppe wird wieder ausgegeben, steirische Gala-Äpfel und Grahamweckerln sind en masse übrig geblieben.

Ich setze mich auf eine Bank beim Zelt vor der Oper und leiste mir ein Bier. Die Siegerehrung ist im Gange, gewertet werden nur Zehnersprünge. Als verkündet wird, dass nur ein Siebzigjähriger am Start war, frage ich mich als inzwischen bald 64-Jähriger, ob ich  dann noch laufen werde. Im Alter wird die Luft nach oben dünner, die Gaußsche Verteilung ist der Maßstab. Mir fällt der Helmut Linzbichler ein, der am 9.Oktober 2015 hier in Graz mit 74 Jahren seinen inzwischen 300. Marathon inklusive ca. 60 Ultraläufe absolvierte und mit 4:51 exakt nur eine Stunde langsamer war als bei seiner ersten Lauf am 26.Oktober 1985. Anerkennend kann man nur sagen – „Dös mocht ihm kana so schnöl noch!“

 

 

Mein Fazit

 

ist positiv, weil sich die Grazer Veranstalter immer sehr große Mühe geben, ihren größten und bedeutendsten Laufbewerb mit viel Engagement, Freude, Innovationsgeist und Umsicht auszurichten. Trotz der zusätzlichen Schleifen und des verwinkelten Zickzackkurses vor allem im Bereich der Innenstadt weist die Strecke auch schnelle Passagen auf, die zum Tempobolzen – halt jeder in seinem Rahmen – gut geeignet sind. Die zeitliche Verschiebung des Starts der Halbmarathonläufer und der Staffeln auf eine Viertelstunde bewirkte eine fiktive Hasenjagd, denn viele der voranliegenden Marathonläufer/innen wurden eingeholt. Für die Schnellen kam es in den engen Straßenpassagen durchaus zu einem Zeitverlust.

Aber nach der ersten Runde kehrte die gewohnte Ruhe ein, mit 600 Marathonläufern blieb ein Fünftel des Traffic übrig, alle hatten genug Platz für ihr Finish. Jeder, der heuer in Graz dabei war, wird mit Freude gerade zum nächstjährigen 25. Jubiläum gerne wiederkommen.

 

Siegerliste Männer:

1. Edwin Kirwa (KEN) – 02:12:57
2.Wilson Cheruiyot (KEN) – 02:15:31
3. William Koskei  (KEN) – 02:16:40

Damenwertung:

1. Elisabeth Smolle (AUT) – 03:13:36
2. Sigrid Sabbadini-Tengg (AUT) – 3:16:09
3. Bettina Pracher (AUT) – 03:19:23.2

591 Finisher (503 Herren, 88 Damen), 152 Vierstaffeln im Ziel; 2744 Finisher beim Halbmarathon, 1648 beendeten den Viertelmarathon.

 

Informationen: Graz Marathon
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