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Laufberichte

Le Grand Raid de la Reunion 2006

20.10.06

Wie kannst Du wissen  wann es genug ist, wenn Du nicht weißt, wann es mehr als genug ist?

 

Le Grand Raid de la Reunion 2006, 20, 21, 22. Oktober 2006 (diesmal 143 km, 8700 Höhenmeter, Zeitlimit 63 Stunden, es geht fast nur steil nach oben und nach unten auf zu mehr als 85 % abenteuerlichen „Naturpfaden“!)

                                                                                                            
Eigentlich stellt sich diese Frage an mich nicht mehr, denn ich weiß, dass die Bewältigung der DIAGNONALE DES FOUS, wie der Grand Raid noch genannt wird, von einem alles, wirklich alles abverlangt, schließlich habe ich bereits 2 mal erfolgreich daran teilgenommen.

 

Im Februar dieses Jahres tauchte in den Medien der Name Chickungunja auf, und schlagartig kam die franz. Überseeinsel Reunion in die Weltschlagzeilen. Leider ganz negativ, denn CHICKUNGUNJA  ist eine Krankheit, die von einer Mücke durch Stiche übertragen wird, zu hohem Fieber mit vorübergehenden sehr schmerzhaften Gelenknervenlähmungen führt, deren Inkubationszeit nur wenige Tage beträgt und bei mehreren hundert alten Menschen und einigen Kleinkindern zum Tode geführt hat. Der Kranke kann sich wegen seiner schlimmen Gelenkschmerzen nur in gebückter Haltung fortbewegen, woraus auch die Namensgebung resultiert; denn Chickungunja ist ein Kisuaheli-Wort (ostafrikanische Sprache) und bedeutet auf Deutsch „ der gebeugte Mann“!  Im europäischen Frühjahr grassierte diese Krankheit tatsächlich epidemieartig auf der Insel und jede Woche wurden 40.000 Einwohner davon befallen. Man bedenke, dass vorher tropische Krankheiten hier absolut unbekannt waren, ja die Tourismusbranche Reunions warb unter anderem mit dem Slogan „Tropeninsel ohne Tropenkrankheiten“.

 

Im 16. Jahrhundert wurden auf der damals noch unbewohnten Insel ein Gruppe Meuterer ausgesetzt und nach 4 Jahren wieder abgeholt. Zum Erstaunen des Kapitäns waren alle kerngesund und wohlgenährt geblieben; was eigentlich kein Wunder war, denn der Gabenteller der Natur war mit Früchten, Fischen und Wildgemüse überreichlich gedeckt.

 

Die sensationsgierigen Nachrichtendienste fanden reichlich Nahrung, denn „bad news are good news“ und ruinierten somit für Reunion die Tourismussaison zumindest für dieses Jahr.

 

Ich informierte mich über diese Krankheit, die normalerweise auf dem Afrikanischen Kontinent vor allem in Tansania vorkommt, und erfuhr, dass ein Mensch mit genügend starker Immunabwehr nach ca. 10-tägiger Krankheitsdauer mit den soeben geschilderten Symptomen ohne bleibende Schäden wieder gesundet und dann lebenslang dagegen immun ist. Und im Moment gibt es nur ca. 10 neue Krankheitsfälle pro Woche.

 

Das Risiko schien mir also kalkulierbar und ich meldete mich im Juni zu meiner dritten Grand-Raid-Teilnahme an.

 

Mir gleich tat es meine gute Lauf- und Abenteuerfreundin Sigrid Eichner aus Berlin, die mit mir gemeinsam bereits den Raid in 2004 und den Badwater in 2005 gefinisht  hatte.

 

Eberhard Ostertag, mit dem mich eine jahrelange Lauffreundschaft verbindet. Pascal Hagenbach, ein Elsässer, mir bekannt vom Marathon des Sables, Kunibert Schmitz aus Troisdorf, ein guter Bekannter aus der Ultramarathonszene, ein Berufssoldat der bereits die Tage bis zu seiner Pensionierung zählt und Holm Reinsch, wie ich Saarländer, den ich vom Sahara-Marathon 2002 her kenne.

 

Im September meldete sich eine junge sympathisch klingende männliche Stimme mit Schweizer Akzent, sie gehört Adrian Brennwald aus Zürich. Er hatte gerade meinen Grand-Raid-Erlebnisbericht von 2003 gelesen und bat mich um einige Informationen. Er wolle zum Rennen nach Reunion…. Und so war dann unsere kleine Reisegruppe komplett.

 

Im Hotel les Mascareignes in St. Denis hatten wir uns alle eingemietet, das von einem deutsch sprechen könnenden Elsässer geführt wird.

 

Es ist Dienstag, der 17. Oktober und planmäßig gegen 11.00 Uhr Ortszeit landen wir nach einem völlig unproblematischen Flug, der uns von Paris über Sizilien, Malta, Lybien, Sudan, Uganda, Kenia, Madagascar geführt hat und als französischer Inlandsflug zählt, in St. Denis, der Hauptstadt von Reunion mit 210.000 Einwohnern.

 

Wir werden schon erwartet, nämlich von Marlene und Harriette, 2 deutsche Frauen, die mit Franzosen verheiratet sind, und die ich bereits bei meinem ersten Reunion-Aufenthalt in 2003 kennen gelernt hatte.

 

Beide sind mit ihren Autos da und fahren uns zu unserer Hotelunterkunft. Es hatte gerade geregnet und die immergrünen Steilwände sind in Wolken verhüllt. Die Temperatur ist angenehm und beträgt so um die 20 Grad Celsius.

 

Bald ist unsere Herberge, das Hotel les Mascareignes erreicht, das im Stadtzentrum sehr zentral liegt. Es ist relativ preisgünstig und sauber, und die Inhaber bzw. die Hotelbediensteten sind freundlich. Alles ist gut…

 

Am Mittag dinieren wir in einem creolischen Restaurant und ich esse wie die meisten von uns eine Curry-Gericht, das mir ausgezeichnet mundet. Die Preise sind fast mit denen in Frankreich identisch. Den Nachmittag verbringen wir mit einem Stadtspaziergang zur Avenue du Barrachois, dort wo uns die Busse zum Transfer zur Südspitze der Insel abholen werden, und verbringen dann noch einige Zeit in einem großen Media-Geschäft, wo wir nach Inselliteratur Ausschau halten.

 

Ich finde einen wunderschönen Wandkalender. Im Fernsehen läuft die ganze Zeit eine Musiksendung, in der ein gut aussehender singender Gitarrist in meiner Altersklasse für meine Ohren sehr wohlklingende Rhythmen von sich gibt.

 

Eberhard teilt mit, dass der Sänger schon etliche Suizidversuche hinter sich hat und Johnny Holliday heißt. Ah, das Jugendidol von mir, als ich 17 Jahre alt war. Zuletzt hatte ich ihn vor über 40 Jahren in Saarbrücken bei einem Konzert in der Kongresshalle gesehen. Er hatte mir sehr imponiert…. Und wie ich gerade sehe, meine Sympathie hat er noch immer.

 

Wir gehen früh zu Bett, wir brauchen Ruhe; denn alle wissen, oder ahnen, dass der Raid alles verlangt.

 

Mittwoch, der 18. Oktober frühstücken wir gegen 9.00 Uhr gemeinsam auf der Hotelterrasse. Wir wollen am Morgen mit dem Bus nach St. Gilles-les-Bains auf die Westseite der Insel zum Baden fahren. Jedoch am Busbahnhof wird uns klar gemacht, dass ein Dorthinkommen im Moment nicht möglich ist… Ein Felssturz hat die Corniche, die Straße dorthin blockiert…

 

Als Ersatz bietet sich ein Minibusunternehmer an, uns in den Cirque de Salazie mit einigen interessanten Umwegen zu fahren. 10 € pro Person würde es kosten und wir akzeptieren es gerne.

 

Der nette Fahrer, ein ca. 50-jähriger, der seine Wurzeln in Südindien hat, besticht durch eine absolut keine Angst einflößende Fahrweise, was mich beruhigt; denn ich hatte schon andere Chauffeure…

 

Wir fahren durch Vororte von St. Denis, an großen Zuckerrohrplantagen vorbei und halten an einem Hindu-Tempel, der ein passendes Motiv für die Photographen unter uns darstellt.

 

Dann geht es bergan durch enge Täler mit kleinen Gartenbauplantagen. Viel  Chou-Chou wird hier angebaut und andere tropische uns in der Mehrzahl unbekannte Früchte. Die schroffen immergrünen hunderte Meter hohen Steilwände oft mit Wasserfällen werden sichtbar und ich glaube Eberhard, der einige Male meine Schilderungen über die Geländeschwierigkeiten als übertrieben angesehen hatte, ist nun nachdenklich geworden…

 

In Salazie, dem Hauptort des gleichnamigen Cirques (=Talkessel) machen wir eine Rast von einer halben Stunde, in der wir auf dem zentralen Platz vor einer schönen Kirche und dem Bürgermeisteramt eine Sandwichmalzeit von einem fahrbaren Kiosk zu uns nehmen.

 

Bei der Rückreise machen wir einen Umweg am Meer entlang und gelangen durch große Zuckerrohrfelder an einer Zuckerfabrik vorbei. Die Erntearbeiten sind im vollen Gang. Im Übrigen werden die nicht verwertbaren Teile der Zuckerrohrpflanze als Biomasse in einem Kraftwerk zur Energiegewinnung genutzt.

 

Schließlich erreichen wir ein weiteres Naturidyll, das man auf vielen Postkarten bestaunen kann, einen großen Wasserfall nämlich. Viele bunte Frösche in verschiedenen Größen sind hier zu sehen. Der Fluß wird gesäumt von Bambuswäldchen, auf denen einige Dutzend Webervögel gerade ihre kunstvollen Nester bauen.

 

Am frühen Nachmittag erreichen wir wieder unsere Bleibe und wir haben genug Zeit, um fristgerecht zur Startnummernausgabe im Stadion de la Redoute, das auch das Ziel des Rennens ist, zu gelangen.

 

Wir kommen früh dort an und gehören zu den ersten in den Warteschlangen. Nach halbstündigem Warten wird mir bewusst, dass ich meinen Reisepaß, den ich als Identitätsnachweis unbedingt brauche, vergessen habe. Ich muß wieder zurück zum Hotel, und nachdem ich eine dreiviertel Stunde später wieder im Stadion eintreffe, haben sich mittlerweile lange Schlangen gebildet.

 

Eberhard und Co. erhalten gerade ihre Startunterlagen und ich gehe an der Schlange vorbei zu ihnen vor und ein Ordner von der Rennorganisation schnauzt mich auf Französisch an…ich solle mich gefälligst hinten anstellen.

Ich setze mich durch und erhalte meine Startnummer etc. sofort. Danach geht es an einer ca. 100m langen Zeltreihe vorbei, wo überall einige Sponsorartikel verteilt werden. Zuerst eine Legionärskappe mit unter anderem DHL-Emblem. Die Deutsche Post ist also Sponsor vom Grand Raid de la Reunion…

 

Dann gibt es Fitnessriegel, Linsen, Naturreis, Sonnenschutzmittel, Insektenspray gegen Chickungunja und vieles mehr. Auch das Französische Militär macht Werbung, sicherlich in der Hoffnung, unter der großen Masse der zum Raid angetretenen jungen Einheimischen bewerbungswillige Rekruten zu finden.

 

Denn für die Einheimischen Teilnehmer hat das Auftreten der Chickungunja-Epidemie  auch etwas Gutes;  die Teilnehmerzahl des großen Rennens ist auf 2.400 Läufer begrenzt. Es wird immer den auswärtigen Interessenten den Vorzug gegeben, denn Geld soll nach Reunion fließen, und die einheimischen Interessenten werden durch die dann knappen Plätze durch ein Losverfahren ausgewählt. Diesmal konnten aus Ermangelung auswärtigen Interesses viel, viel mehr Reunionesen als sonst zum Zug kommen.

 

Mit Geschenken schwer beladen kehren wir zum Hotel zurück und werden wenig später von unseren franz. Freunden, dem Anhang bzw. den Ehemännern von Marlene und Hariette zum Abendessen abgeholt. Wir speisen in einem großen Chinesischen Restaurant und haben einen netten Abend zusammen.

 

Gegen 22.00 Uhr sind wir alle im Bett und am Donnerstag, dem 19. Oktober ist Ruhe angesagt. Es wird lange in den Morgen geschlafen. Es gibt nur noch kurze Stadtbummel und nachmittags geht es wieder zum Vorschlafen ins Bett, denn zumindest Sigrid und ich wissen, wie wichtig das ist…

 

Überpünktlich schon in der Dämmerung haben wir uns am Busabholplatz in der Avenue des Bacharois eingefunden. Eine ganze Reihe von anderen Raidern ist schon da; darunter auch ein 70-Jähriger… Es werden Bilder gemacht und mit Sprüchen und Witzchen wird die beginnende Nervosität verdrängt…

 

4 Busse sind es, die dann kommen, pünktlich abfahren, immer hintereinander herfahren und unterwegs in der dicht besiedelten  Ostküstenregion ständig halten und weitere Läufer aufnehmen.

 

Mehrere Stunden dauert die Fahrt durch die Nacht, bis ich dann mehrere Stellen erkennen kann, wo der Vulkan mit seiner Lava erst vor kurzem den Dschungel links und rechts der Straße weg gebrannt hat, und die Straße einen neuen Teerbelag hat.

 

Jetzt kann es nicht mehr weit sein, und tatsächlich nach ca. 10 Minuten erkenne ich das Ortsschild St. Pierre und ein Hinweisschild Cap Mechant. Aha, der Ausgangspunkt des großen Abenteuerlaufs ist erreicht.

 

Große Menschenmassen, ein jeder mit Rucksack, begeben sich in eingezäuntes Stadion. Gleich am Eingang sind lange Tische aufgestellt, an denen die Pflichtgegenstände des Rucksacks wie Taschenlampen, Trillerpfeife, Wasserflasche, Überlebensdecke, Ersatzbatterien und Ersatzlampe etc. präsentiert werden müssen.


Mein mich bedienender Kontrolleur ist sehr großzügig, indem er mir ohne viel Hinzuschauen sein O.K. gibt und meine Startnummer scannt.

In Zelten werden Kaffee und Salamibrote sowie Obst angeboten. Von allem nehme ich reichlich, weiß ich doch, was mich erwartet…

 

Es sind jetzt weit über 2.000 Leute auf einem relativ kleinem Platz zusammengepfercht, das heißt, wir sind eingezäunt, man kommt hier herein aber nur durch die Startöffnung, die von vielen Hundertschaften belagert wird, wieder heraus. Ich habe momentan das Gefühl, in einem Internierungslager zu sein. Leichter Nieselregen setzt ein… und vor den Klohäuschen haben sich ganz lange Warteschlangen gebildet… und ich kann mich zurückhalten.

 

Es erschallt Life-Musik von einer Bühne, jedoch ist es nicht der tolle Rhythmus wie in 2003 und 2004. Endlich… nach einer längeren Wartezeit ist es soweit, es erfolgt der Start Count-Down. Eberhard, Holm und ich starten ganz hinten und prozessionsartig geht der Marsch, der immer wieder zu Rückstaus führt, nach oben zur Nationalstraße.

 

Dort angekommen, bewegt sich die Läuferheerschar auf einer Teerstraße mehrere km geradeaus, vornehmlich durch abfälliges Gelände. An den Straßenrändern stehen Einheimische und Läuferbegleiter Spalier und applaudieren.

 

Viele wissen nicht, was sie tun oder was auf sie zukommen wird, denn sie überholen slalomartig. Ein Phänomen, das man überall auf der Welt bei solchen Ereignissen beobachten kann. Die Menschen sind doch in vielen Fällen gleich …. Oder treffender gesagt, gleich blöd.

 

Erst nach 16 km guter Straße, zuerst durch Zuckerrohfelder dann durch Wald, erreichen wir eine Verpflegungsstelle mit einem Essensangebot und Wasserausschank. Gleich 3 l Wasser fülle ich auf, denn ich weiß von der Vergangenheit, dass der bevorstehende, vielstündige Steilaufstieg den Wasserkonsum anregt.

 

Viele Leute sind hier am Wegesrand mit exzessiven Dehnübungen aktiv. „Totaler Blödsinn“ entrüstet sich Eberhard. „Man sollte sich ihre Startnummern merken, um zu sehen, ob sie durchkommen“ meint er.

 

Ja, wenig später kommt dann der Abzweig vom guten Waldweg… ein Holzschild mit Aufschrift Grand Raid ist angebracht und zeigt auf einen trocken gefallenen Gebirgsbach, der in den schier undurchdringlichen Dschungel hinaufführt.

 

Zum ersten Mal bin ich hier in der Dunkelheit, denn die beiden früheren Starts erfolgten 3 Stunden später als heute. Und tatsächlich stellt die Dunkelheit überhaupt kein Problem dar, sie ist eher beim Bergabstieg hinderlich. Zügig geht’s nach oben, sind wir doch gut ausgeruht und gut trainiert, es läuft eigentlich wunderbar, wenn es nicht solche blöden Drängler gäbe, die noch zügiger vorankommen wollen, aber real nicht können, weil es immer wieder zu Rückstaus kommt.

 

Plötzlich … ich sehe vor meinen Augen Sternchen, ein derber Schlag trifft meinen Schädel, ich habe einen tief hängenden Ast falsch eingeschätzt und bin voll dagegen gerannt. Noch viele Minuten später bin ich benommen und noch Stunden später habe ich Kopfschmerzen. „It is so hard to be, so a hard (stupid) man like me.”

 

Es geht weiter und recht flott nach oben, und Holm, Eberhard und ich laufen stets zusammen. An einer Biegung liegt der erste Verletzte in seine Aluminiumüberlebensdecke eingehüllt am Boden. Wenig später hat es eine junge Frau erwischt, die Arm und Beine zuckend am Boden liegt und laute Schmerzensschreie von sich gibt. Eine andere junge Frau ist bei ihr und gewährt Hilfe. Der Raid ist grausam…

 

Über Stunden geht es so weiter und immer wieder kommt es vor fast senkrechten Steigungen zu Rückstaus. Eberhard sorgt sich bereits ums Zeitlimit. Ich versuche ihn zu beruhigen, dass das jetzt nicht genau genommen wird, wegen der unfreiwilligen Pausen.

 

Eberhard: „ Gell Bernhard, das ist jetzt die schwierigste Strecke des gesamten Rennens?“ Ich negiere und behaupte, dass noch schlimmere Passagen auf uns warten. „Warum sagst Du jetzt so was?“ und er wird richtig böse. „Ich sage das, weil es so ist, und ich Dich nicht belügen will“ entgegne ich ihm. Jetzt scheint Eberhard zu begreifen, auf was er sich da eingelassen hat, denn aus verschiedenen Redewendungen zuvor musste ich feststellen, dass er meine Schilderungen über den Raid als übertrieben abgetan hatte.

 

Es wird schnell hell, da die langen Dämmerungsphasen wie bei uns auf diesen Breitengraden nicht existieren. Der größte Teil des Anstiegs ist geschafft und es geht weniger steil nach oben und auch der Dschungel lichtet sich. Man hat jetzt freien Blick zur Bergspitze hoch und zum Indischen Ozean hinunter, den man wie von der Flugzeugperspektive wahrnimmt. Ich pausiere jetzt für wenige Minuten, um diese schöne Landschaft intensiv wahrnehmen zu können.

 

Klasse, wir leben in einer schönen Welt und in einer guten Zeit, wo wir unsere harmlosen und niemand schädigenden Abenteuer selbst bestimmen und aussuchen können, im Gegensatz zu unseren Vätern, denen die gar nicht harmlosen Abenteuerreisen z.B. nach Stalingrad oder nach El Alamein von der damaligen Nazi-Regierung aufgezwungen wurden…

 

Daran sollten all die vielen denken, die laut Meinungsumfragen mit unserer gegenwärtigen Demokratie unzufrieden sind, denn es gibt dazu keine Alternative.

 

Schließlich wird der Kontrollpunkt Foc-Foc innerhalb des Zeitlimits erreicht und wenig später kommt der Vulkan zu Gesicht, an dessen Caldera wir mehrere km entlanglaufen. Es ist gut zu laufen, denn der Pfad ist gut ausgebaut und weitgehend felsenfrei und wir machen Zeit gut. Der eigentliche Vulkankegel ist höher als unser Weg und wir können die Spuren der erst vor wenigen Tagen erfolgten Lavaeruptionen erkennen. Piton de la Fournaise heißt dieser Feuerberg und zählt zu den aktivsten Vulkanen unseres Planeten. Über 160 Mal ist er seit 1640 ausgebrochen und trägt zur ständigen Vergrößerung der Insel bei, denn durch den Lavafluß nach Osten in den Ozean kommt es zur fortdauernden Landgewinnung.

 

Nach fast 9 Stunden ist der Kontrollpunkt Route du Vulcan geschafft und es gibt hier ein umfangreiches Angebot an Speisen und Getränken. Viel Cola und auch Nudelsuppe nehme ich zu mir, esse Rosinen und Orangenstücke und fühle mich Klasse. Ein paar Minuten vor Eberhard und Holm bin ich hier angelangt und treffe jetzt auf Andrea und Burckhard Rooks, mit denen ich viele km in 2004 zusammen gelaufen war. Sie waren mir damals sehr behilflich, als meine Taschenlampenbatterien den Dienst versagten… Wir wünschen uns gegenseitig gutes Gelingen. Holm und Eberhard kommen und auch wenig später und Sigrid, die mit einem großen Handicap läuft. Sie hat nämlich seit August eine Sehnenentzündung, die sich beim Trans Gaule, einem Lauf durch ganz Frankreich, zugezogen hatte und diesen deshalb abbrechen musste. Aber Sigrid kann kämpfen und beißen.

 

Nach nur wenigen Minuten Pause laufen wir zusammen, Holm, Eberhard und ich wieder weiter. Wir wollen Zeit gut machen und aus dem Zeitlimitstress herauskommen. Durch eine Mondlandschaft, die Pleine des Sables geht es jetzt gut zu laufen. Mehrer Km sind jetzt, was rar ist beim Raid, flach. Wolken und Sonne wechseln ständig und es dürfte hier oben so gegen 15 bis 18 Grad Celsius sein. Kühl weht der Wind von unterschiedlichen Richtungen. Ca. 2 km vor uns sehen wir eine große Erhebung, noch immer fast vegetationslos, wo sich eine große Läuferschlange über zickzackartig angelegte Pfade nach oben bewegt. Es ist der Pieton Textor, und danach wird die Vegetation rasch wieder zunehmen.

 

Wir sind in der Pleine des Caffres angekommen, mit eingezäunten Viehweiden und Kühen, an denen es vorbei und darüber geht, über so genannte Weidezaunleitern bestehend aus Holz oder Eisen nämlich. Heute bereitet mir das im Gegensatz zu den vorangegangenen Rennen überhaupt keine Schwierigkeit; ich scheine mittlerweile fitter und besser trainiert zu sein. In dieser fast voralpin anmutenden Landschaft nehme ich in der Ferne einen See und Dörfer wahr. Wie fast immer bei den nachfolgenden Wegestecken verläuft der Pfad jetzt ständig mehr oder weniger steil nach unten und dann wieder genauso nach oben. Aber noch ist relativ gut zu laufen; die gefürchteten Felssprungpassagen kommen später. Sogar auf richtig guten Wegen kann ich abwärts laufen und nun lasse ich es richtig rollen –  ca. 12 Stunden bin ich jetzt unterwegs und überhaupt nicht müde! … Das Leben ist schön!

 

Mit 2 jungen Französinnen so Anfang 30 komme ich ins Gespräch. Die eine spricht perfekt deutsch und vor lautem Überschwang duellieren wir uns, das heißt, einmal überholen sie, dann wieder ich… immer mit lautem Rufen und Sprüchen.

 

Eine Betonstraße wird erreicht, Eberhard kommt und überholt mich und lässt mich ca. 100 m hinter sich. Es geht ihm also auch noch gut.

 

Monika Preissler steht am Wegesrand und macht Photos. Ihr Mann sei vor ungefähr einer Stunde hier vorbeigekommen, beantwortet sie meine diesbezügliche Frage.

 

In der Ferne kann man jetzt schon den Großverpflegungsplatz Mare a Boue erkennen. Ein Kontrollpunkt, der von der franz. Armee geleitet wird, und wo es jetzt auch warme Mahlzeiten gibt, außer der obligatorischen Nudelsuppe nämlich auch gebratene Hähnchenschenkel, worauf ich mich freue.

 

Nach wenigen Minuten erreiche ich dieses Zwischenziel, wo jetzt genau 50 km geschafft sind und inzwischen genau 13 Stunden und 1 Minute seit Startbeginn vergangen sind. Das 1. Drittel ist, würde es nach mathematischen Gesetzmäßigkeiten gehen, geschafft… Doch die reale Wahrnehmung des weiteren Rennverlaufs unterliegt völlig anderen Maßstäben; den die Wege waren bisher für Grand-Raid-Verhältnisse ziemlich angenehm zu bewältigen. Die eigentlichen Exzesse stehen uns noch bevor.

 

Eberhard ist schon da und labt sich gerade an einer Nudelsuppe; ich tue es ihm gleich und setze mich auf einen freien Hocker. Eberhard will sich auch einen freien Stuhl greifen, aber ein auf dem Rücken liegender französischer Läufer, mit einer Militärmütze auf dem Kopf, wie sie im Algerienkrieg der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die französischen Fallschirmjäger getragen hatten, gönnt ihm den Stuhl nicht, in dem er ihn mit der Hand festhält… Ein schwer nachvollziehbares aggressives Verhalten des Laufkollegen, so scheint es mir und ich glaube, dass ich an Eberhards Stelle die Aggression erwidert hätte, denn Eberhard brummt nur „Arschloch“ und gibt klein bei.

 

Holm kommt nach wenigen Minuten ebenfalls und kurz danach auch Sigrid. Wir pausieren nun ca. 15 Minuten, wobei ich mich noch mit Eberhard über Kleinigkeiten streiten muss und begebe mich dann zum Sanitäter, um mir meinen vom Rucksack wund gescheuerten Rücken behandeln zu lassen.

 

Vor mir wird gerade ein junger creolischer Kamerad wegen des gleichen Problems versorgt. Gleich ist er fertig und ich muss dann nur auf meinen Rücken zeigen und sagen: „Faites la meme chose chez moi.“ Die Sanitäterin, eine junge Negerin lacht und klebt mir ein Großpflaster von über 30 cm über die Scheuerstellen.

 

Ah, jetzt ist der vorher latent zu spürende Schmerz fast nicht mehr wahrnehmbar und ich breche frohgemut wieder auf. Für ca. 1,5 km geht es über einen relativ gut zu laufenden nur mäßig ansteigenden Feldweg, der zwischen Viehweiden hindurchführt. Einige Weidezaunleitern müssen wieder überwunden werden und dann kommen wir in Buschgelände, das anfangs noch moderat ansteigt. Der Weg, oder besser gesagt der Pfad wird wieder schlechter und ist jetzt mit krummen Holzknüppeln ausgelegt, die den Füssen bei Regen, bei dem der Pfad sicherlich ein Bach sein wird, Halt gewähren können. Im Moment aber, wo es kaum regnet, sind diese Hölzer eher hinderlich und ich versuche, meist erfolgreich, mich an ihnen vorbei auf dem fast trockenen Lehmuntergrund vorwärts zu bewegen.

 

Nach wenigen 100 m geht es jetzt richtig steil wieder bergauf und wie fast immer wieder auch etwas bergab. Gegenüber meiner Raid-Teilnahme von 2003 und 2004 fällt mir nun auf, dass der Wegzustand sich deutlich verbessert hat. Durch Arbeitsbe-schaffungsmaßnahmen hat man mehr Erde zwischen die vorher großflächig herausstehenden Steine angebracht, so dass mir das Vorwärtsschreiten im Gegensatz zu damals viel leichter vorkommt. 


Ich fühle mich im Moment sehr gut, bin auf der Überholspur und ziehe an Einzel- aber auch an Gruppenläufern vorbei. Irgendwann sehe ich in einer Läufergruppe auch Eberhard und Holm vor mir und schließe auf, versuche ein Gespräch mit ihnen zu beginnen; erkenne dann aber sofort in ihren leidend aussehenden Gesichtern ihre gegenwärtige Kommunikationsunlust. Holm murmelt nur, dass das Ganze mit Laufen nichts mehr zu tun hat.

 

Jetzt scheint eingetreten zu sein, was ich immer befürchtet hatte, „ ich werde verflucht.“ Das ficht mich jetzt aber sehr wenig an, hatte ich sie doch vorher viele Male vor den physischen und mentalen Folterqualen gewarnt. Ich ziehe an ihnen vorbei und lasse sie langsam hinter mir, um dann kurz darauf auf das Ehepaar Rook zu stoßen, die wie meist äußerst kommunikativ sind. Wir laufen eine Weile gemeinsam und überholen mehr, als wir überholt werden.

 

Im Buschwald, der nicht viel höher als 3 Meter ist, geht es sehr schwer, teilweise wieder von Stein zu Stein springend voran. Die Steigungen werden immer schroffer und sind teilweise mit dem schwierigen Aufstieg zum Foc-Foc vergleichbar. Die Büsche werden immer niedriger und Andrea meint, dass es nun zum Refuge du Kerveguen nicht mehr weit sein kann… Aber es dauert und wieder einmal wird die Geduld strapaziert.

 

Zuerst hört man das Wummern der Dieselgeneratoren, die etwas abseits vom Versorgungsplatz abgestellt sind und dann Musik… Aber es ist Tecno-Musik und die romantischen Gefühle von 2003, als Jim Morrisons „Riders in the storm“ gespielt wurde, kommt nicht auf. Dennoch, mit Genugtuung stelle ich fest, das wir wieder  ein gutes Stückchen dem Ziel näher gekommen sind und wir diesmal, da das Rennen 3 Stunden früher gestartet wurde, wenigstens noch einen Teil des bevorstehenden, sehr schwierigen Abstiegs nach Cilaos bei Tageslicht absolvieren können.

 

Da es empfindlich kalt ist, erfreue ich mich jetzt an der heißen Nudelsuppe ganz besonders und esse Apfelstücke, Rosinen, Schokolade und trinke gleich mehrere Becher Coca-Cola, denn das darin enthaltenen Koffein scheint mir in Anbetracht der mir gut bekannten sehr schweren 800 m tiefen Abstiegsstrecke sehr nützlich zu sein.

 

Andrea und Burckhard, die ich mittlerweile hinter gelassen hatte, treffen ein und wenig später auch Eberhard und Holm, deren Minenspiel auf mich sehr düster wirkt. Holm erkläre ich noch, dass er jetzt seinen Willen gänzlich aktivieren muss, dann, aber nur dann könne er das Unternehmen erfolgreich zu Ende bringen.

 

Es ist jetzt 18.00 Uhr und noch hell, und in 45 Minuten wird es dunkel sein. Nur wenige Minuten mache ich Rast, ohne den Rucksack abzusetzen und beginne den Abstieg, denn ich weiß, dass jede Minute Tageshelligkeit jetzt ein Geschenk darstellt.


Sofort führt der Pfad steilst nach unten, dem Städtchen Cilaos entgegen. Der Weg ist glücklicherweise fast immer von vielen Büschen und Bäumen umgeben, und nur ab und an kann man den Talkessel einsehen; dann aber bietet sich ein Panorama, wie es wahrscheinlich auf diesem Planeten einzigartig ist. Unten kleinere und größere grüne, das heißt stark bewaldete spitze Bergkegel inmitten von immer wieder stark zerklüfteten Hochebenen mit zahlreichen Wasserfällen kann man erkennen.

 

Sehr schön wäre es, den ganzen Abstieg bei Tageslicht zu machen, was aber ein anderes Fortbewegungstempo erfordern würde und sich somit auf die Kraftreserven erschöpfend auswirken würde.

 

Ein Umstand, der dem relativ schnellen Läufer Kunibert Schmitz vergangenes Jahr hier zum Verhängnis wurde. Obwohl, wie gesagt damals 3 Stunden später gestartet wurde als heute, war Kunibert schon am späten Nachmittag in Cilaos, sah die nächste Steilwand, an der es wieder hoch gehen sollte, spürte körperliche Verfallerscheinungen in sich, und der Geist wurde schwach… Und obwohl er viele Stunden hier hätte pausieren und schlafen können, stieg er aus dem Rennen aus. Diesmal sollte ihm das nicht wieder passieren.

 

Der Pfad ist von abenteuerlicher Beschaffenheit und immer wieder muss man von Stein zu Stein nach unten springen, was mir jetzt aber im Vergleich zu den 2 vergangenen Läufen hier relativ leicht fällt und überhole jetzt öfters als ich überholt werde. Im Gegensatz zu mir, der ich immer bereitwillig den Überholenden Platz mache, muss ich selbst langsamere Läufer fast immer mit „Pardon Monsieur, Pardon Madame“ auf meine Überholvorhaben aufmerksam machen.

 

Ca. 1 Drittel des Weges schaffe ich tatsächlich noch bei Helligkeit und kann jetzt in der äußerst kurzen Dämmerungsphase ein Tier auf dem Pfad wahrnehmen, das ich zuvor noch nirgends gesehen hatte. Es ist ein Tanreck, ein Ministachelschwein, das etwa 3 mal so groß wie unser Igel ist und dessen Ursprung in Madagaskar liegt. Das Tier wendet mir kurz sein sympathisches Gesicht zu und entschwindet dann etwas schwerfällig in den Dschungel. Später werde ich erfahren, dass das Fleisch dieser schönen Kreatur den Speiseplan der Einheimischen bereichert und die Fruchtbarkeit des Weibchens rekordverdächtig ist… denn es wurden schon mal 36 Junge pro Wurf gezählt!

 

Es wird dunkel und ich benutze wieder meine Taschenlampe, da ich damit die schrecklichen Unebenheiten des Pfades besser als mit der Stirnlampe ausleuchten kann. Im letzten Drittel werde ich von Sigrid überholt, die leichtfüßig, Gemsen gleich, von Stein zu Stein springt. Es ginge ihr besser als vor dem Rennen, worauf sie sehr stolz ist, und ich freue mich für sie. Knapp erzählt sie mir noch, dass sie Eberhard und Holm überholt hätte. Beide kämen nur äußerst langsam voran, sie wären ständig am Fluchen, und sie glaubt, dass Cilaos Endstation für beide wäre.

 

Kurz darauf mache ich noch die Bekanntschaft mit einem etwa gleichaltrigen Franzosen aus Paris, der perfekt Deutsch spricht und unterhalte mich gut mit ihm, was das Vorankommen wesentlich leichter macht. Er will leider in Cilaos aufgeben, da er jetzt sehr müde sei und nicht glaube, dass ein nur kurzer Schlaf die Lebensgeister wieder mobilisieren würde. Ich versuche es ihm auszureden und verweise auf meine Erfahrungen von 2003 und 2004. Es nützt nichts, sein Entschluss steht fest!

 

Die diabolische Abstiegsfahrt ist zu Ende und um 21.00 erreichen wir, nachdem wir eine ca. 150 m lange Wiese gequert haben, ein Zeltpavillon, wo man sich wieder an verschiedenen Speisen und Getränken  verköstigen kann. Ich esse wieder viel Salami ohne Brot und trinke heiße Nudelsuppe, da es wieder sehr kalt ist, nur wenige Grade über dem Gefrierpunkt und das auf einer Tropeninsel…

 

Vor dem Zelt in der Dunkelheit sitzt ein einzelner Läufer und isst eine Portion Linsensuppe. Ein Stuhl neben ihm ist frei und ich setze mich zu ihm. Sofort spricht er mich auf Deutsch an und stellt sich vor. Er sei mit seinen 75 Jahren der älteste Teilnehmer und habe bereits 10 Mal in Folge den Raid gefinisht. Sehr gern höre ich das, und zolle ihm meine aufrichtige Bewunderung, habe ich doch mit meinen 60 Jahren noch eine Perspektive.

 

Marathonläufe mache er nie, sondern er hat sich auf Abenteuerläufe spezialisiert und ist auch schon Raids in Mauretanien, Niger, Mali und Franz. Guyana gelaufen. Leider werde ich später erfahren, dass er diesmal der besonders schweren Strecke Tribut zollen musste und den Marsch aus Zeitgründen nicht beenden konnte.

 

Nach ca. 15 Minuten Pause mache ich mich wieder auf den Weg und ich fühle mich noch immer fit. Ca. 1,5 km verläuft die Reise weiter durch einen abgeholzten Nutzwald auf einer breiten Teerstraße zu einem Weiler. Die Rooks holen auf und wir laufen eine Weile gemeinsam. Wir kennen den Weg, der dann hinter einer niedrigen Natursteinmauer wieder nach unten führt. Es sind die gleichen Pfadbedingungen wie gehabt, wir wissen aber, dass es nur eine „kurze“ Wegstrecke sein wird und sind gelassen und guten Mutes. Beide laufen jetzt etwas schneller als ich, und ich lasse sie ziehen. Bald kommt der Bach, an dem ich 2003 große Probleme hatte. Diesmal hat er nur etwa ein Viertel der damaligen Wassermenge und die Querung verläuft ohne besondere Mühe.

 

Danach kommt wieder die Steigung, relativ leicht zu bewerkstelligen und sehr bald habe ich Cilaos erreicht. Es ist 22.05, als ich die Kontrollstelle passiere und ein überaus freundlicher Helfer festlandfranzösischer Herkunft begrüßt mich auf Deutsch mit „ Willkommen im Paradies!“

 

Na, das Paradies stelle ich mir schon etwas anders vor, wärmer und geordneter nämlich; denn hier herrscht das pure Chaos. Im Freien in der Kälte unter Zeltdächern liegen auf Feldbetten ca. 50 Läufer, die sich gerade massieren lassen. Über einen Sportplatz gelange ich dann zu einer Turnhalle, wo warme Speisen und Getränke angeboten werden. Sigrid sitzt an einem der Tische und ich setze mich zu ihr und esse die obligatorische Nudelsuppe. Sie sagt, ihr gehe es gut und würde in wenigen Minuten das Rennen fortsetzen. Schlafen wäre für sie nicht notwendig.

 

Auch Andrea und Buckhard wollen ohne Schlafpause weiter, nachdem der Sanitäter Andreas Fußblasen behandelt hat.

 

Ich habe vor, 2 Stunden zu schlafen und begebe mich nach draußen zu den Militärzelten. Vor mir sind schon einige Läufer aus einer Gruppe auf der Suche nach freien Betten und finden keine.

 

Gerade kommt ein einzelner Raider aus einem der Zelte. Aha, ein Schlafplatz ist für mich frei geworden… Kurz leuchte ich mit meiner Handtaschenlampe hinein und erspähe tatsächlich ein freies Bett, nehme es in Beschlag, ziehe noch meine Schuhe aus, breite meine Überlebensdecke aus Aluminium über mich und schließe die Augen….und kann nicht einschlafen, denn ständig klingeln mobile Telephone, die in Massenunterkünften üblichen Schnarchgeräusche werden hörbar und es ist kalt.


Die Aluminiumdecke wärmt diesmal wegen der grimmigen Kälte nur unzureichend und es riecht…. Trotzdem bleibe ich noch eine Stunde liegen und entspanne mich, aber der Geruch unmittelbar neben meinem Bett ist nicht zu verdrängen und es wird immer unangenehmer…. Schließlich  hole ich wieder meine Taschenlampe aus dem Rucksack, den ich am Fußende abgelegt hatte und beleuchte den stinkenden Platz neben mir und erkenne eine große Lache mit frischem Erbrochenen, in der zu allem Überfluss auch noch meine Stirnlampe und einige Powerriegel aus meinem Rucksack liegen.

 

Ich erhebe mich von meinem Nachtlager und verlasse die ungastliche Behausung, begebe mich wieder zum Essensraum, die Stirnlampe und Powerriegel zurücklassend. Dort verweile ich noch ca. 20 Minuten und trinke wieder heiße Nudelsuppe und 2 Tassen Milchkaffee.

 

Es ist 23.50 Uhr, als ich die Kontrollstelle verlasse, fülle wieder Wasser in meine Flasche und nehme das Rennen wieder auf und fühle mich erstaunlicherweise noch immer recht fit.

 

Ich marschiere einige 100 Meter über breite Autostraßen durch Cilaos. Das Städtchen zählt über 6.000 Einwohner, deren Wurzeln hauptsächlich in der Bretagne und der Normandie zu finden sind. Es ist die Partnerstadt von Chamonix und soll eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr haben, was ich leider nicht beurteilen kann, da ich nur kleine Teile von ihr gesehen habe und das auch nur nachts.

 

An einer schon bekannten Mauer geht es dann treppenabwärts weiter. Davor steht ein PKW, laute Techno-Music ertönt daraus und betrunkene Jugendliche grölen durch die Nacht.

 

Am jetzt relativ einfach zu laufendem Weg sind immer wieder Treppenstufen angebracht, aber immer so, dass sie in etwa doppelt so groß sind wie normale Stufen. Vor mir schreitet ein einzelner Raider ziemlich langsam voran. Bald wird Mitternacht sein, und ich verspüre jetzt zum ersten Mal bleierne Müdigkeit. Seine Langsamkeit ist mir gerade recht und ich bleibe ca. 20 -30 m hinter ihm, denn auf Konversation steht mir der Sinn im Moment überhaupt nicht.

 

Er biegt nach links vom Weg in ein Bett eines trocken gefallenen Gebirgsbaches mit ausschließlich Großkieselsteinen ab. Das heißt: die Kiesel haben einen Umfang von 50 cm bis 2,5 m und höre vor mir einen lauten Fluch: „Merde!“

 

Vielleicht 50 schwere m habe ich mich jetzt hauptsächlich auf allen Vieren krabbelnd vorwärts bewegt, als das Schicksal in Gestalt eines nachfolgenden sich auf dem eigentlichen Weg befindlichen Raiders uns zu Hilfe kommt und uns auf unser Verlaufen hinweißt.

 

Vorsicht: ich darf nicht kritiklos hinter anderen herlaufen, dämmert es mir

Weiter geht’s nach unten und der andere ist mittlerweile noch langsamer geworden und sehe ihn nicht mehr. Bald ist die tiefste Stelle des gegenwärtigen Weges erreicht und ein Wildwasserbach muss gequert werden, was jetzt im Moment recht leicht  zu machen ist, da die Großklieselsteine dicht zusammen liegen und  ich einfach darüber gehen kann und nicht viel springen muss.

 

In Erinnerung habe ich, dass es jetzt wieder steil hoch geht. Ja, der Pfad verläuft tatsächlich nach oben, aber nach weniger als 50 Höhenmeter führt er wieder steil nach unten am Gebirgsbach entlang, der nach einigen 100 m wieder gequert werden muss. Diesmal sind die Großkiesel weit, sehr weit und auch tief auseinander.

 

Soeben hat der neue Tag begonnen, der 21. Oktober und ich bin richtig müde. Der Gedanke, so weit über das allem Anschein nach tiefe Wasser springen zu müssen, flößt mir Angst ein, ich mache zuerst einmal eine fünfminütige Pause und überdenke dabei meine weitere Vorgehensweise. Dabei komme zu dem Entschluss, dass die Sprünge für mich in meiner momentanen Situation zu riskant sind.

 

Ergo werde ich waten und suche eine Furt, die ich schnell finde, wo das Wasser nur zu den Oberschenkeln reicht. Puh, das Wasser ist eiskalt und ich denke an meine wenige Wochen zurückliegendes Abenteuer auf Island. Bin ich doch ein „harter Mann“ und die Kälte wird durch den bevorstehenden brutalen Steilaufstieg schon schnell durch die sich dadurch entwickelnde Körperwärme kompensiert, mache ich mir vor. Was dann auch stimmt, denn unmittelbar danach geht es steilst, aber auf relativ gut zu gehenden Pfaden nach oben. Ab und zu werde ich jetzt überholt und überhole selbst nur selten.

 

Bei den Rennen in 2003 und 2004 wurde es hier schon hell und es war für mich die schönste Strecke des gesamten Raids. Heute jedoch ist es kurz nach Mitternacht und bekomme von der Schönheit der mich umgebenden Landschaft nichts mit und führe Selbstgespräche und kämpfe damit gegen die mich immer mehr plagende Müdigkeit an. Alle 15 Minuten mache ich kurze Sitzpausen auf Steinen, die mir dann tatsächlich neue Kraft geben.

 

Mehrere 100 Höhenmeter sind geschafft und dann geht es fast genau so weit wieder bergab, was mich diesmal nicht belastet, da ich mental darauf vorbereitet bin. Auch die hell erleuchtete Kontrollstelle an der Teerstraße ist schon von weitem sichtbar, zuerst liegt sie unter mir, um dann eine Weile später weit über mir zu sein. Das Wummern der Dieselgeneratoren kündigt die unmittelbare Nähe schließlich an. Eine steile Treppe ist noch zu nehmen und dann ist wieder ein Etappenziel erreicht.

 

Hektische Betriebsamkeit herrscht hier und ca. 80 Raider verweilen da, größtenteils essend und trinkend, einige aber auch auf im Freien abgestellten Feldbetten schlafend oder ruhend.

 

Zuerst ziehe ich meine Schuhe aus und wechsele meine Strümpfe. Aua, durch die Flußwatung bedingten Nassstrümpfe habe ich mir jede Menge Blasen an den Zehen zugezogen. Was soll’s, schließlich bin ich „a strong man“ und an Blasen ist noch keiner gestorben. Darum kümmere ich mich auch nicht mehr weiter darum und überlasse den Heilungsprozess der Natur und meinem Immunsystem.

 

Hier esse ich jetzt ein Eintopfgericht mit Würsten und nehme dazu Salamistücke, deren salziger Geschmack einen willkommenen Kontrast zu dem Süßgeschnmack, resultierend aus dem exzessiven Cola-Konsum, darstellt. Ich denke gerade, würde ich mich immer so ernähren wie jetzt beim Raid, so würde ich wahrscheinlich 15 Jahre älter aussehen… Aber das viele Cola brauche ich gegenwärtig zur Aufrechterhaltung meiner Vigilanz ganz unbedingt.

 

Einige Minuten verweile ich noch sitzend vor der Verpflegungsstelle, um mich dann wieder auf die Weiterreise zu begeben.

 

10 m weiter auf der anderen Seite der Teerstraße ist wieder ein Holzschild mit Grand-Raid-Aufschrift zu sehen. Es zeigt eine Steiltreppe mit unzähligen Stufen nach oben. Nun, ich kenne die weitere Streckenführung und weiß, was mich erwartet. Wie gehabt, extrem steil nach oben geht es weiter. Hin und wieder gibt es mal für eine sehr kurze Zeit ebene Strecken, auf denen ich mich dann wundersamer weise sofort erholen kann. Und schon ist etwa die Hälfte des Berges erwandert und ich komme an einen Platz, wo heißer Tee ausgegeben wird. Ja danke, dieses Getränk ist gut und belebt mich augenblicklich.

 

Eine ganze Reihe von Konkurrenten liegt hier eingehüllt in ihren Überlebensdecken und schlafen. Ich ziehe vorüber, ohne mir die Gesichter anzusehen. Später werde ich erfahren, dass ich hier Sigrid und die Rooks überholt habe. Weiter geht’s dem Col Taibit entgegen. Mehrmals glaube ich kurz davor zu sein, und meine Geduld wird wieder geprüft…und weitere steil angelegte Höhenmeter sind zu nehmen.

 

Nach ganz kurzer Dämmerung ist der Morgen da, es nieselt, es wird wieder richtig kalt… und meine Nachtmüdigkeit ist wie weggeblasen. Auf einem richtig guten Weg laufe ich momentan in einem wunderbaren Märchenwald mit mir vielen unbekannten Baum- und Straucharten und fühle mich Klasse. Der Raid… das Leben ist schön….

 

Von nun an geht’s bergab und ich sehe tief unter mir den Weiler Marla, tief im Cirque de Mafate gelegen. Relativ problemlos komme ich auf dem folgenden Pfad nach unten. Schon seit einiger Zeit habe ich mir eine neue Vorgehensweise ausgedacht, indem ich mich langsam vorwärts bewege um Erschöpfungszustände und Stürze zu vermeiden. Zum Ausgleich versuche ich dann nur noch kurze Erholungspausen einzulegen. Diese Rechnung ist bisher hervorragend aufgegangen, denn allein durch das Einlegen der Kurzrast in Cilaos habe ich mich im Läuferfeld um fast 300 Rangplätze nach vorne geschoben.

 

So gegen 6.50 Uhr komme ich am Cut-Off-Platz Marla an. Cut-off-time  ist 9.00 Uhr. Es ist also ein komfortables Zeitpolster, das ich mir geschaffen habe und genau 80 km sind zurückgelegt. Dort pausiere ich jetzt wieder Suppe essend und Cola trinkend eine Viertel Stunde, um dann relativ frisch wieder den Raid fortzusetzen. Ab hier ist im Gegensatz zu 2004, wo der Streckenverlauf schon wieder anders als 2003 war, eine andere Wegstrecke vorgegeben.

 

Der Lauf geht an blechbedeckten Häusern mit ihren schönen Gärten vorbei wieder steil nach unten. Und… keine Wolken sind am Himmel, es wird warm. Zuerst laufe ich noch im Schatten des gegenüberliegenden Berges in eine sehr tiefe Schlucht hinein.

 

Eine wahrhaft gigantisch anmutende Landschaft, übersät mit großen Steinbrocken im Flusstal und umgeben von mehreren tausend m hohen immergrünen Steilwänden kommt in mein Blickfeld. Der Pfad ist jetzt teilweise sandig und führt über ein Bachbett mit sehr wenig Wasser. Sogar eine Brücke gibt es hier. Die Sonne steigt höher und nur gelegentlich spenden große Steinbrocken ein wenig Schatten. Merde, ich habe mir mein Gesicht heute morgen nicht eingecremt, weil ich bereits die kleine Dosis Sonnenmilch, die wir in St Denis von den Sponsoren des Raids bekommen hatten, am ersten Tag vollständig aufgetragen hatte. Eine große Packung creme mit Lichtschutzfaktor 60 +, die ich mir in Deutschland gekauft hatte, liegt jetzt im Koffer in meinem Zimmer des Hotels. Ich hatte sie vergessen, in den Rucksack zu tun.

 

Hoffend auf das Aufkommen von Schatten spendendem Wald laufe ich weiter. Die bloßen Arme und Beine machen mir keine Sorgen, denn die sind durch den Sonnensommer in Deutschland abgehärtet, nur mein Gesicht ist sonngewöhnungsresistent. Ich glaube jetzt schon, die Gesichtsfarbe eines Dauersäufers zu haben.

 

Um nochmals auf die übergroßen, überall im Flusstal herumliegenden Kieselfelsen zurückzukommen: so wäre wohl Homer, hätte er damals etwas von Reunion gewusst, sicherlich auf die Idee gekommen, seine Zyklopen hier anzusiedeln, und der einäugige Polyphem  hätte wahrscheinlich hier diese Felsbrocken auf griechische Schiffe geworfen.

 

Zügig laufe ich, ja manchmal jogge ich jetzt auf für reuniösische Verhältnisse recht guten Pfaden mehrmals überholend dahin.

 

Es ist schön hier, alles ist gut, das Leben ist wunderbar….

 

Großstädtische Deutsche Umweltfanatiker und Autohasser wären hier in Mafate wahrscheinlich im Paradies, denn es gibt wegen Straßenmangel keine Automobile. Der einzige Wehmutstropfen wäre für sie das Geknatter der Transporthubschrauber, die Güter des täglichen Bedarfs ins Tal bringen und jetzt beim Raid die zahlreichen Verletzten ausfliegen.

 

Die Kontrollstelle Trois Roches ist erreicht und das Zeitlimit ist weit. Trotzdem mache ich hier überhaupt keine Pause und fülle nur Wasser nach. Der Fluss wird mit Zurhilfenahme eines Stahlseils von Stein zu Stein springend gequert. Es klappt tadellos und wie schon in gewohnter Manier geht es hoch und runter… weiter.


Die Landschaft wird immer schroffer und gewaltiger und an einem hohen Bergkegel haben sich Wolken festgesetzt. Hoffnung keimt auf, dass es mehr werden. Denn mittlerweile ist es richtig heiß und zwar schwül-heiß geworden. Ich muss immer öfters trinken und der Inhalt der Flasche neigt sich dem Ende zu.

 

Eine Französin, so im Alter von 45 Jahren, überholt mich wieder, sie ist mir schon öfter aufgefallen und hat einen offenen sympathischen Blick. Sie frage ich nach Wasser und sofort gibt sie mir von ihrem Camel Bag welches ab. Sie kommt mir wie ein Engel vor…

 

Ich mache jetzt eine minutenlange Trinkpause und lasse sie ziehen. Nach mühevollem Marschieren auf wieder sehr schlechten Pfaden kommt Roche Plat, ein größerer Weiler zu Gesicht. Vor 2 Jahren war für uns, das heißt für Andrea und Burckhardt Rook und mich das Zeitlimit schon sehr nahe und wir mussten sprinten, um es um wenige Minuten doch noch zu schaffen.

 

Diesmal laufe ich um 10.30 Uhr ein und das Zeitlimit ist um 13.00 Uhr. Meine Taktik des langsamen, relativ sicheren und nur Kurzzeit pausierenden Vorwärtsbewegens funktioniert.

 

Hier machen viele Raider wieder eine größere Pause, ich treffe auch die junge Lehrerin, eine Freundin von Marlene und sie gibt mir Sonnencreme, mit der ich mir Hals und Gesicht weiß einfärbe und sehe nun nicht mehr aus wie ein Säufer sondern wie ein Pantomime. Es tut gut. Alles ist gut. Das Leben ist schön…

 

Nur 3 km sind es bis zur nächsten Verpflegung, der ecole des Orangers nämlich. Große Steigungen sind zu überwinden, darunter auch eine Stelle, wo ein Teil eines Hangs mehrere 100 Meter in die Tiefe abgerutscht war. Ein junges Pärchen hat sich am Anfang der Gefahrenstelle im Auftrag der Rennorganisation postiert und warnt.


Zur Beruhigung sind an der Wand Drahtseile angebracht, an denen man sich festhalten kann. Höhenängstliche Teilnehmer schauen am besten nicht nach unten…

 

Fast nur noch über Felsen geht die weitere Wanderung steil nach unten an einem Fluss entlang, immer wieder auf allen vieren krabbelnd. Im Fluss sehe ich Kaulquappen  in verschiedenen Größen sich tummeln. Wir sind jetzt endgültig im Felsenspringerteilabschnitt des Rennens angekommen. Danach verläuft der Kletterfelspfad steil nach oben auf ecole des Orangers zu. In 2004 folgten die Rooks und ich 2 europäischstämmigen Einheimischen Raidern, die nach einer Abkürzung suchten und sich verliefen, da sie sehr lautstarker Musik nachgingen, in der Hoffnung, der Kontrollpunkt wäre dadurch früher zu erreichen, da wir damals unter erheblichen Zeitdruck standen.

 

Es stellte sich anschließend heraus, dass wir vor einem Privathaus standen, aus dem die laute Musik erschallte. Ohne Anzuklopfen öffneten diese Hinterwäldler die Tür der Hütte und fanden ein Pärchen vor, das nackt auf dem Bett lag… Es war uns sehr unangenehm und der Mann schrie die Eindringlinge an.

 

Schließlich redete er ruhig mit ihnen und erklärte den Weg zum Kontrollplatz. Viel Zeit hatten wir durch dieses Malheur verloren und Andrea und Burckhardt waren ein paar Sekunden vor mir an der Scanstelle angekommen. Ein lauter Ruf aus Burckhards Kehle ertönte: “Bernhard!“ Man wollte ihm gerade mit der Schere an die Startnummer. Ich sprintete hin und versuchte mit meinem radebrechenden Französisch dem Chef der Station klarzumachen, dass wir uns verlaufen hätten und deshalb so spät dran wären. Man möge doch bitte ein Einsehen haben, wir wären über 10.000 km weit gereist, total fit und willens, den Raid richtig zu Ende zu bringen.

 

Zuerst verhielt er sich stur und unnachgiebig, lenkte dann aber doch ein und gab uns eine weitere Chance, aber mit dem damals für uns deprimierenden Hinweis, dass es unmöglich wäre, Deux Bras in der Sollzeit zu erreichen. Denn dort würde sich der stellvertretende Chef der Rennorganistion aufhalten und der würde keine Kompromisse machen.

 

Wie ganz anders ist es jetzt. Durch kluge Vorgehensweise habe ich alle Zeit der Welt und bin überhaupt keinem Stress ausgeliefert und mache jetzt mal eine 20 minütige Pause, in der ich Schuhe und Rucksack ausziehe und mich auf den Rücken lege. Mit einem neben mir liegenden Franzosen unterhalte ich mich deutsch sprechend gut und wir beide sind sehr finishoptimistisch…


Ecole des Orangers liegt auf einer kleinen Hochebene und hat mit Sicherheit weniger als 100 Einwohner. Hier scheint es schon längere Zeit nicht mehr geregnet zu haben, denn der Boden ist hier sehr staubig und trocken. Die Pause ist um und ich breche wieder auf und nach 100 m beginnt ein längerer sehr steiler Abstieg, der Anfangs sogar aus betonierten Treppenstufen besteht, allerdings wie gehabt immer weiter auseinander als normale Stufen. Springen ist wieder angesagt und in Übung bin ich ja mittlerweile.

 

Je tiefer es runter geht, desto heißer wird es, und die schwüle Hitze belastet jetzt doch den Kreislauf. Auch die Knie melden Signale und entwickeln ernsthafte Antipathien gegen das ständige Fels-zu-Fels-Springen. Mehrere 100 m tief unter mir kann ich eine Brücke erkennen, die über ein extrem tief in die Felsen eingeschnittenes Flussbett führt und ich kann einzelne Raider erkennen, die gerade darüber laufen. Wenigstens laufe ich jetzt ab und zu im Schatten des Berges, was die Hitze etwas mildert.

 

Nach einiger Zeit ist die Brücke erreicht. Auf der anderen Flussseite geht es sofort wieder steil nach oben auf einigermaßen gut zu gehenden Wegen; aber es wird immer heißer. Zum ersten Mal bei diesem Rennen spüre ich mein Herz, das jetzt arg gefordert wird, auch kommt es mir so vor, als hätte ich Fieber. An einer Sanitätsstation begieße ich meinen Kopf mit Wasser, was kurzzeitig Linderung verschafft.

 

An kleinen Weilern geht es vorbei, wo immer wieder die Hoffnung, in grand place de bas cayenne zu sein, trügt. Immer weiter geht es bergauf und auf das Diagramm auf der Rückseite der Startnummer ist überhaupt kein Verlass…

 

Nur gut, dass kein Zeitstress besteht, denn großartig dagegen anrennen könnte ich jetzt nicht mehr. Dann erreiche ich endlich die Kontroll- und Cut-off-Stelle, wo wieder zig Raider unter Schatten spendenden Bäumen ausruhen.

 

Mit Erschrecken stelle ich fest, dass nirgendwo auf den Tischen Cola angeboten wird. Ich frage danach und muss hören, dass es ausgegangen ist, was ich mit einem zornigen Blick quittiere. Donnerkeil, ich bin schon Cola-süchtig geworden, muss ich feststellen. Stattdessen saufe ich Wasser kübelweise und schütte mir es auch wieder über Kopf und Oberkörper. Appetit habe ich überhaupt keinen und ohne Pause setze ich meinen Marsch, der jetzt ständig nach oben führt, fort.

 

Glücklicherweise ist die Baumdichte wieder größer geworden und je höher es hinauf geht, desto mehr Kiefern einer speziellen mir unbekannten Sorte sind da, die angenehmen Schatten spenden. Hin und wieder setze ich mich für Minuten hin und entspanne, was mir wieder die Kraft gibt, mich weiter nach oben zu quälen.

 

Und Aurere, die nächste Kontrollstelle ist weit, und ich komme nur sehr mühsam und ganz langsam voran. Auf einer Höhe angekommen, bedeutet immer wieder, dass es dann auch wieder zig Meter abwärts geht. Und die Zeit verrinnt. Jetzt kommen erstmals Ängste in mir hoch, ich könnte zur rechten Zeit nicht am Zwischenziel sein, rede mir aber ein, dass die Rennleitung bedingt durch die große Hitze Kompromisse in puncto Sollzeit macht, zumal ich erkennen kann, dass zig Läufer noch hinter mir kommen.

 

Am Anfang eines Weilers verteilt jetzt ein lieblich dreinschauendes Negermädchen im Alter von ca. 10 Jahren Blumen an die Läufer. Eine wirklich nette Geste, die mich rührt. Wenige Minuten später steht ein hoch gewachsener europäischstämmiger Endsechsziger am Wegesrand und teilt mit, dass es bis Aurere nur noch 5 km seien, die gut zu laufen wären. Wir wären gut in der Zeit und würden sicherlich das Zeitlimit hinkriegen…

 

Immer wieder geht es durch dichte Wälder hoch und runter und über Steine springen ist auch immer wieder notwendig. Einmal traversieren wir eine Holzhängebrücke, die jeweils nur einer Person standhält. So steht es auf einem Schild davor.

 

Immer Mehr Aloe Vera-Gewächse sind im Wald anzutreffen und riesenhafte Bambusstauden sind zu bewundern. Um 19.30 h ist cut-off-time und es ist jetzt kurz vor 19.00 Uhr. Ah, jetzt kommt ein Schild und Aurere steht drauf… Ich freue mich. Aber von einer Verpflegungsstation ist weit und breit nichts zu sehen. Eijeijei, wir verlassen schon wieder den Ort und es geht wieder in den tiefen Wald bergab und es wird dunkel. Ständig laufe ich jetzt in Läufergruppen, und Kommunikation gibt es keine, da jeder richtig müde ist und vom Zeitstress geplagt wird.

 

Ich krame wieder meine Taschenlampe aus dem Rucksack, denn die dritte Nacht beginnt, und ich habe seither noch keine Stunde geschlafen, was sich jetzt auf meine mentale und physische Situation sehr negativ auswirkt. Meine Laune ist auf dem Nullpunkt.

 

Jetzt kommen wir an einem Lagerfeuer vorbei, wo 2 rastalockige Schwarze im Twenalter mir ein rundes Etikett auf meine Startnummer kleben. „Moins de dix minutes“ wären es noch bis zur Kontrollstelle, höre ich auf meine Frage. Wenn es stimmt, klappt es ja, stelle ich fest. Felsspringend geht es wieder einige zig Meter nach unten und dann wieder nach oben und bebautes und beleuchtetes Gebiet kommt in Sicht, Musik kann man vernehmen und eine Halle sehen.


Es ist geschafft… noch 15 Minuten Puffer habe ich.

 

Der Kontrollchef, ein französisch stämmiger Mann in meinem Lebensalter, begrüßt mich mit Handschlag. Hier mache ich noch mal eine halbstündige Pause, die ich sitzend und Nudelsuppe essend verbringe, ohne meinen Rucksack auszuziehen. Viel Cola trinke ich und verstaue auch 2 Flaschen davon in meinem Rucksack. Ständig laufen noch Raider ein, obwohl mittlerweile das Zeitlimit überschritten ist und niemand wird, so lange ich da bin, aus dem Rennen genommen.

 

Als ich Aurere verlasse, sind noch mindesten 60 Konkurrenten in der Halle…


Auf einem guten Weg laufe ich jetzt so ca. 100 m eben in den nächtlichen Urwald hinein. Viele Frösche sind auf dem Weg zu sehen, und ich bemühe mich, keinen zu zertreten. Vornehmlich geht es jetzt steil auf breitem Großkieselpfad bergab.


Ab und zu springe ich von Stein zu Stein, werde jetzt trotz Coca-Cola Abusus immer müder und immer mehr benutze ich jetzt zum Bergrunterbewegen auch meine Hände oder rutsche mit meinem Hintern schwierige Passagen hinunter. Nur ganz langsam komme ich voran. An einer Kehre höre ich Froschgequake, das an startende Harley-Davidson Motorräder erinnert. Von weitem sehe ich ein übergroßes weißes Kaninchen, das unbeweglich zu sein scheint. Beim Näherkommen kann ich es als weißen Stein identifizieren. Die Geräuschkulisse ist mannigfaltig und sehr laut.


Tropenvögel geben ihre Konzerte, Baumgrillen sind sehr kommunikativ und jetzt kann ich sogar in  20 Meter einen auf einem Baumast sitzenden kleineren Flugsaurier erkennen… Als ich ganz nahe dran bin, und ihn mit meiner Taschenlampe anstrahle, merke ich erleichtert, dass es nur ein bizarr geformter Ast irgendeines Tropenbaumes ist.

 

Oh je, ich bin mal wieder in der Welt der Halluzinationen angelangt… Mir fällt gerade ein, dass in früheren Jahrhunderten die Inkas in Peru so genannte Gottesläufer ausschickten, die auch viele Km ohne Schlaf im Hochgebirge zurücklegen mussten, um mit den Göttern Kontakt aufnehmen zu können.

 

Ich bin nun also ein Gottesläufer geworden, aber als Mensch, der die Aufklärung achtet und gutheißt, mache ich mir jetzt ernsthafte Gedanken über meinen Geisteszustand und frage mich, warum ich so etwas überhaupt mache, nun schon zum dritten Mal. Bin ich wirklich ein Border-Line Typ? Warum kann ich nicht leben wie die anderen?

 

Erstaunlicherweise kann ich trotz ständiger Halluzinationen die Gefährlichkeit der Laufstrecke erkennen und bewege mich übervorsichtig langsam weiter.

 

Aus meinen Gedanken reißt mich plötzlich eine bekannte Stimme. „Bernhard, was machst Du denn da?“ Es ist Freund Eberhard, in Begleitung von 2 anderen jüngeren Läufern, die an mir ziegenbockartig vorbei springen. Sofort bin ich wieder voll im Diesseits und rufe Eberhard zu, dass ich mich freue, ihn zu sehen. Ich wäre die ganze Zeit der Ansicht gewesen, er wäre schon in Cilaos aus dem Rennen gegangen. Ich höre von ihm noch, dass Sigrid und Holm raus sind und weg ist er.


Ich rufe ihm noch nach, warum er wie blöd rennt, er gibt mir eine Antwort, die ich nicht verstehe…

 

Nach ca. 15 Minuten komme ich an eine Stelle, die hell beleuchtet ist und da ich mich noch immer an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bewege, sehe ich, wie unter Flutlicht 2 Läufer auf Großkiesel hocken. Der eine davon ist Eberhard, und das Flutlicht ist Eberhards Stirnlampe. Auf meine Frage, was passiert ist, sagt er mir, dass alles in Ordnung sei. Der Franzose telefoniert mit seinem Handy.

 

Mir ist klar, dass da etwas nicht stimmen kann und ich frage Eberhard wieder.
Nun wird er böse und beschimpft mich. Eberhard gebärdet sich autoritär und ich nehme an, dass er sich das Verhalten von seinem Vater abgeguckt hat und teile ihm mit, dass er sich mir gegenüber so nicht dran stellen kann. Ich laufe weiter, denn er will sich anscheinend nicht helfen lassen. Minuten später überholt er mich wieder und jammert mir was von Zeitdruck vor. Wir müssten in wenigen Minuten in Deux Bras sein, sonst bekämen wir mit dem Zeitlimit Probleme.


Ich kann’s nicht fassen. Auf dem Steckenplan habe ich was von 2 Uhr gelesen.

 

Jetzt bin ich doch unsicher geworden und schaue mir noch mal die Rückseite der Startnummer genauer an. Mein Atem stockt, als ich das sehe. Ja, Eberhard hat recht, um 2 Uhr müssen wir den Kontrollpunkt wieder verlassen haben und ich spute mich jetzt auch.

 

Bald ist ein ca. 50 m breiter Fluss erreicht und eine Reihe Großkieselsteine sind perlenschnurartig  darüber angebracht und eine Grand-Raid-Banderole weißt darauf hin, dass diese Großkiesel als Brücke dienen.

 

Mehrmals die gleiche Prozedur und immer wieder geht es von Stein zu Stein springend über den Fluss. Der Raid quält…

 

Genau 1 Minute nach der Sollzeit komme ich am Kontrollpunkt an und 116 km sind geschafft. Der stellvertretende Rennleiter, ein Zigaretten rauchender, blonder Mittvierziger begrüßt mich, und meine Daten werden ohne Kommentar eingescannt. Ich bekomme noch mit, dass auch die Läufer, die dicht hinter mir waren, ohne Probleme gewertet wurden. Später werde ich erfahren, dass alle, die Aurere erreichten, auch in Deux Bras gewertet wurden. Einige waren noch mehrere Stunden nach mir angekommen. Eberhard’s Stresseinlage war also gefährlich und völlig überflüssig gewesen. Na, ja er wusste es halt nicht besser.

 

Ich trinke jetzt noch ein wenig Wasser, Appetit auf Nahrung habe ich überhaupt keinen und freue mich auf den „Luxus“ eines einstündigen Schlafes. Jawohl, in der Tat habe ich vor, nur 1 Stunde wirklich zu schlafen. Es muss reichen, denn ich habe mich auf’s Finishen programmiert.

 

Ich finde auch gleich ein freies Bett. Rucksack vom Rücken, Schuhe aus und unter die dort liegende Wolldecke schlüpfen, ist eine Affäre von Sekunden. Ich schließe die Augen und falle sofort in Tiefschlaf. Nach ca. 1 Stunde wache ich auf, so wie ich es eingeplant habe.

 

Sofort ziehe ich die Schuhe an und den Rucksack auf und ab geht’s zum Verpflegungsplatz, wo ich 2 Teller Nudelsuppe esse und einen halben Liter Cola in mich reinschütte. Das Ganze hat nicht länger als 5 Minuten gedauert und roboterhaft setze ich mich wieder in Bewegung. Jetzt merke ich, dass ich total schlaftrunken bin, weiß aber, dass nach einigen 100 m Bewegung es wieder besser wird.

 

Am Steilhang, der nach Dos D’ane, dem nächsten Etappenziel hochführt, sehe ich glühwürmchengleich die Stirnlampen der sich langsam hoch bewegenden Kollegen.

 

Ich weiß vom Rennen in 2004, dass weitere Prüfungen auf mich warten, 2 schwierige Flussquerungen nämlich. Hinter einer Straße geht’s wieder zum Flussufer und da sehe ich, wie gerade ein Raider beim Springen von einem großen Felsen auf einen kleineren abrutscht und in’s tiefe Wasser fällt. Er muss schwimmen und wird dann von Rennhelfern herausgezogen. Die Alarmglocken in mir schrillen… Ich muss jetzt sehr, sehr vorsichtig sein.

 

Waten kann man hier nicht, dafür ist das Wasser zu tief. Ich konzentriere mich und springe mehrmals ganz schnell hintereinander auf die unterschiedlichen Felsen und es klappt… Am anderen Ufer angekommen laufe ich so ca. 30 m am Ufer weiter, um dann das Gleiche wieder zu tun.

 

Konzentration, fertigmachen zum Sprung, Sprung… Sprung …Sprung …. Hurra, ich habe diese Zwischenprüfung bestanden.

 

Unter einer Brücke führt der „Pfad“ nach links und ich kann nirgends Banderolen oder sonstige Rennmarkierungshilfen erkennen… Ich orientiere mich jetzt an den Spuren der vorher hier vorbeigekommenen Läufer. Bald habe ich auch eine Gruppe eingeholt, was mich sehr beruhigt. Ich überhole alle und Verlaufen ist im Moment nicht möglich, weil es nur einen „Weg nach oben“ gibt. Auch sehe ich vor mir weitere sich bewegende Lichter. Ständig geht es vornehmlich im Zickzack mal extrem steil oder weniger steil bergan. Bei absturzgefährlichen Stellen sind immer Drahtseile an der Wand angebracht. Mehrere 100 m geht es weiter nach oben, eine große und lange senkrecht in die Wand eingelassene Eisenleiter muss überwunden werden und dann führt der Pfad wieder fast bis zum Fluß hinunter.

 

Momentan bin ich glockenwach, die Stunde Schlaf verschont mich vor weiteren Halluzinationen. Die schikanöse Wegeführung nehme ich fatalistisch an und betrachte das Ganze als mentale Härtungsübung… Es ist der Grand Raid, und der ist halt so strukturiert… Ich wusste es vorher, niemand hat mich gezwungen, diese „Ultraexzesse“ zu machen, ich will es so….

 

Ich muss jetzt an die schnellen Läufer in unserer Reisegruppe denken, an Pascal, an Adrian und an Kunibert. Denn bei meiner Raid-Durchführung hat die Sicherheit oberste Priorität. Schon beruflich kann ich mir keinen Unfall erlauben. Aber bei ambitioniertem Leistungsverhalten wie bei Adrian und Pascal hat die Sicherheit einen viel geringeren Stellenwert. Hoffentlich passiert den Kameraden nichts…. Denn ich habe sie hierher gelockt! Mit diesen Gedanken beschäftige ich mich einige Zeit.

 

Irgendwann wird es oben am Pfad hell… es sind Straßenlaternen. Wir sind in Dos d’ane auf Deutsch Eselsrücken angekommen. Eine sehr steile Straße marschiere ich jetzt innerhalb einer Gruppe von Einheimischen einige 100 m weiter nach oben bis zur Eglise Dos d’Ane, wo sich wieder eine Verpflegungsstelle befindet.

 

Rosinen und Äpfel und die obligatorische Cola füllen meinen Magen und ich setze mich für ca. 10 Minuten auf einen Stuhl und strecke die Beine aus. Danach geht es weiter steil durch den Ort, um 2,5 km später das Stadion Dos d’ane zu erreichen. Es ist 4.43 Uhr, als meine Startnummer gescannt wird, und das Zeitlimit ist bei 7.30 h. Wieder wird sitzend und Nudelsuppe essend pausiert. Es ist empfindlich kalt hier oben und ich muss mir wieder meine bewährte Vliesjacke anziehen.

 

Viele Zuschauer sind so spät in der Nacht oder so früh am Morgen hier anwesend, um uns „Narren“ zu bestaunen. Die meisten werden wohl Angehörige von einheimischen Läufern sein, die hier erstmals seit Cilaos mit dem Auto anreisen konnten. Im Übrigen sind wir jetzt bei KM 123. Also ist noch  „weniger als ein Halbmarathon“ zu machen, was aber überhaupt nichts bedeutet, denn bei manchen Stellen benötigt man für die Bewältigung eines einzigen Kilometers mehr als eine Stunde.

 

Es ist ab hier wieder eine ganz andere Routenführung als 2003 und 2004 und ich bin gespannt, was sich die Rennleitung ausgedacht hat, um uns noch härter zu machen.

 

Die Strecke führt noch ein Stückchen weiter durch den Ort und die Konturen einer weiteren Steilwand werden sichtbar. Sehr, sehr steil führt der Felstreppenweg hoch und ich bin müde, habe zwar keine Halluzinationen mehr, aber ich kann kaum noch die Augen aufhalten. Viele Male muss ich mich auf Steine setzen, um zu entspannen. Für Minuten schließe ich die Augen verfalle in Halbschlaf. Auch das regeneriert den Körper und vor allem den Geist.

 

Nun ja, es wird ja bald hell werden und bei Tageslicht wird alles besser und leichter erträglich, wie ich aus Erfahrung hinlänglich weiß. Und der Morgen graut, mittlerweile befinde ich mich auf einem Grat, der maximal 2 m breit ist, der Pfad verläuft in der Mitte und ist ca. 50 cm breit und links und rechts geht es über tausend Meter steilst nach unten. Links kann man die weit auseinander gezogene Ortschaft „Eselsrücken“ mit ihren Gewächshäusern erkennen. Dahinter schließt sich die Stadt la Possesion an, die am Meer liegt. Rechts liegt der Talkessel Mafate mit seinen gigantischen Bergkegeln und Canons. Wir laufen über den Roche ecrite.

 

Höhenängstlichen Läufern ist hier zu raten, die Augen ausschließlich auf den Pfad zu richten oder noch besser, erst gar nicht zu starten… Der stark wehende der Wind treibt die Wolken über uns treibt und verschafft uns das Gefühl, es würde regnen.


Mit etwas Phantasie kann man die gegenwärtige Situation mit dem Stehen auf einer Tragfläche eines landenden Flugzeugs vergleichen…

 

Der Grand Raid ist ein Abenteuerlauf. Ich muss es erwähnen, um Leser dieses Berichtes, die sich zum Teilnehmen animiert fühlen und sich dann in der Hölle wieder finden, abzuschrecken. Ich möchte nicht für etwaige Unfälle mit schlimmen Folgen verantwortlich gemacht werden.

 

Über viele Kilometer geht die Reise auf einem recht gut zu laufendem Pfad durch Busch- und Nebelwald weiter, an Farnbäumen vorbei, die an die Carbonepoche erinnern. Zum ersten Mal im Leben leide ich jetzt unter wirklichen Hungergefühlen. Mein Körper hat viele 1000 Kalorien verbraucht und sich, zumindest was Proteine angeht, ein extremes Defizit eingehandelt. Ich träume die ganze Zeit von Steakgerichten mit Salat und stelle mir vor, 3 Steaks auf einmal zu essen.

 

Der Wind weht ständig rauh und die Wolkenfetzen fliegen. Aber das Feuer des Optimismus lodert in mir. Es kann jetzt eigentlich nichts mehr schief gehen und ich werde zum 3 Mal Grand-Raid-Finisher sein.

 

Der Kontrollpunkt Kiosk d’Afouches ist erreicht, und ich habe alle Zeit der Welt.
Weißbrot mit Gänseleberpastete gibt es hier und ich bediene mich. Ah, tut das gut, immer wieder kehre ich zum Verpflegungstisch zurück und greife mir Brote.

 

Nach ca. einer viertel Stunde Aufenthalt kommt Eberhard. Obwohl er am gestrigen Abend sich mir gegenüber ganz und gar nicht freundschaftlich verhalten hat, freue ich mich, ihn zu sehen.

 

Nach ca. 20 Minuten setzen wir unseren Weg fort, der gegenwärtig wirklich einen Weg darstellt, eine breite autotaugliche Schotterstraße nämlich, auf der es dann einige Kilometer weiter gehen wird. Sonderbarerweise tut der ebene Untergrund meinem Bewegungsapparat gar nicht so gut, er scheint sich mit den Unebenheiten der Bergpfade arrangiert zu haben. Eberhard will jetzt joggen, ich habe dazu im Moment überhaupt keine Lust dazu und ich lasse ihn ziehen.

 

Jetzt rückt die liebe Frau mit dem offenen Blick auf, die mir im Mafate Wasser abgeben hatte. Pierette Houghes heißt sie, wie ich es auf Ihrer Startnummer erkennen kann und kommt aus dem Zentralmassiv, wie sie mir erzählt. Wir laufen einige Kilometer miteinander, werden von anderen Raidern mit „aha“ kommentiert. Ich bin überrascht, ist denn die Sympathie, die ich Pierette entgegenbringe, äußerlich sichtbar?

 

Ich muss im Wald toilettieren und fordere Pierette auf, weiterzugehen, ich würde wieder aufschliessen. Das „Geschäft“ dauert doch länger als geplant und P. ist verschwunden.

 

Ich hatte ganz vergessen, dass eine weitere „Prüfung“ bevorsteht, denn an einer Kurve steht wieder ein Holzschild mit der Aufschrift „Grand Raid“ und zeigt in den Dschungel. Es ist ein Lehmpfad, so ca. 50 cm breit und es regnet, und ich habe den Eindruck der Lehm hat sich in Schmierseife verwandelt.

 

Ein junger Raider schwarzer Hautfarbe versucht es barfuss… Ich beuge den Oberkörper vor und versuche kontrolliert nach unten zu rutschen. Eine Zeitlang und viele 100 m funktioniert das tatsächlich ganz gut. Aber dann kommen viele Felsen hintereinander und genau dort, wo eine ganze Reihe Sturzspuren von voran gelaufenen Kameraden zu sehen sind, stürze ich auch und rutsche ungefähr 8 m bergab. Ich sehe jetzt aus, wie ein frisch gesuhltes Wildschwein, bin aber von Verletzungen verschont geblieben. An Stämmen von Bäumen und Ästen des Urwaldes halte ich mich jetzt immer öfters fest, was mir viel Energie entzieht.

 

Noch 2 mal stürze ich, ohne mich zu verletzen und nach einer endlos gefühlten Zeit erreiche ich einen freien Platz, wo gerade zwei ca. 20jährige Einheimische Läufer Pause machen. Und was sehe lässt mich glauben, mich auf einer Zeitreise zu befinden. Der eine sieht meinem Sohn Felix zum Verwechseln ähnlich, als er ca. 10 Jahre jünger war, mit seinen langen, lockigen Haaren. Er bemerkt, dass ich ihn aufmerksam mustere und beginnt mit mir ein Gespräch. Aus St. Denis sei er und mache den Raid zum ersten Mal. Ich sage ihm, dass es für mich der dritte ist und ernte große Anerkennung… Chapeau…

 

Zusammen laufen wir dann zum Kontrollpunkt Colorado, wo mich bereits Hariette, die deutsche Ehefrau von Jean Paul erwartet. Sie begrüßt mich überaus herzlich und ist wie eine Mutter zu mir. Nachdem ich ihr mitteile, dass Aspirin für mich jetzt von Vorteil sei, führt sie mich zum Sanitäter, der wohl oder übel einen Check vornimmt.


Mein Blutdruck wird gemessen und auch der Blutzuckerspiegel wird untersucht. Die Analyseergebnisse sind hervorragend, ich bekomme 2 Schmerztabletten, bleibe noch etwas auf dem Feldbett liegen und unterhalte mich mit Hariette, die uns für den heutigen Abend zu sich nach Hause zu einem Essen einlädt. Sie würde mich auch gerne nach St. Denis zum Ziel fahren.

 

Um Gottes Willen, auf gar keinen Fall, daran denke ich in meinen schlimmsten Träumen nicht, ich bin unverletzt und kraftvoll, es sind noch 5 km bis zum Ziel!


Aber 5 km, die es in sich haben, denn die elende Felsspringerei ist wieder angesagt.


Was soll’s, ich weiß wie es geht.


Ich sage Harriette „tschüss,  bis heute Abend,“ und das Finale beginnt. Der Weg ist wieder sehr schwer und immer wieder geht es nach oben, die ganze Zeit die weiße Großstadt Dt. Denis unter uns liegend und tiefen mäßig kaum näher kommend.

 

Gar kein Risiko gehe ich mehr ein und überwinde Felsen oft  osenbodenrutschend, denn Zeitdruck gibt es überhaupt keinen.

 

Endlich, der Wald ist zu Ende, vielleicht noch 500 Meter schlängelt sich der Pfad in einer vegetationsfreien Zone einer Autobahnbrücke entgegen. Darunter stehen viele Zuschauer, die mich beim Passieren beglückwünschen und applaudieren.

 

Ca. 300 m noch sind es auf dem Bürgersteig bis zum Stadion „la Redoute“, dem Ziel. Kurz davor hole ich 2 junge Franzosen, Anfang 30, ein, denen ich unterwegs immer wieder begegnet war. Man kennt sich zwischenzeitlich…

 

Eigentlich hatte ich vor, mit Ihnen Hand in Hand einzulaufen; aber sie fangen an zu sprinten. Und ich nehme die Herausforderung an. Es entwickelt sich ein kurzes Rennen auf der Aschenbahn und nach und nach lasse ich sie hinter mir.

 

Der Triumphbogen „Arrive“ ist unmittelbar vor mir. Die Digitaluhr zeigt 61 Stunden und 2 Minuten an.

 

Von Marlene, Sigrid, Eberhard, Pascal, Adrian und Kunibert werde ich bereits erwartet, herzlich begrüßt und willkommen geheißen. Es ist wahrlich ein unbeschreibliches Glücksgefühl, das sich meiner bemächtigt und ich gebe mir große Mühe, nicht vor Rührung in Tränen auszubrechen…

 

Der Gedanke kommt mir, jetzt zum dritten und endgültig zum letzten Mal hast Du das gemacht. Beim abendlichen Feiern in Harriettes Wohnung lasse ich verlauten, dass ich das so schnell nicht wieder machen würde.

 

Und jetzt, Wochen später, steht mein Entschluss fest, in 2008 wieder dabei zu sein.


Bin ich noch normal? Wohl kaum, denn die Bezeichnung „Diagonale der Verrückten“ für dieses Rennen ist nicht zufällig gewählt worden.

 

Informationen: Grand Raid Reunion
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