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Laufberichte

Grand Raid auf Reunion

20.10.06

Freitag, 20. Oktober bis Sonntag, 22. Oktober 2006


Auf der winzigen Insel Reunion, vulkanischer Ursprung, 50 km breit, 70 km lang, östlich von Madagaskar gelegen, gibt es den Lauf „Le Grand Raid“, der dieses Jahr zum 14. Male stattfand. Die Eckdaten wie 143 km, 8.600 Höhenmeter sind einigermaßen anspruchsvoll, betrachtet man aber das Zeitlimit von 63 Stunden, klingen die Zahlen nicht mehr so extrem.


Im Unterschied zu den sonstigen Laufberichten auf Marathon4you möchte ich hier nur eine ganz knappe Zusammenfassung meiner Erlebnisse aufschreiben und vor allem Bilder vom Lauf zeigen. Einen ausführlichen Bericht findet man auf meiner Homepage.  Auch Bernhard hat einen ausführlichen Bericht geschrieben, den ihr hier auf Marathon4you findet.

 


Leider ist meine Kamera während des Wettbewerbs „schleichend“ kaputt gegangen, so dass viele Bilder nichts geworden sind, andere etwas schlechtere Qualität haben und jede Menge Bilder überhaupt nicht gemacht wurden, weil am dritten Tag die Kamera den Dienst komplett verweigerte. Darüber hinaus bedrängte mich am zweiten Tag das Zeitlimit derart, ich musste hetzten wie noch nie bei einem Lauf, so dass ich da auch nur ganz wenige Bilder machen konnte. Meine Laufkameraden Adrian und Pascal haben mir aber freundlicherweise Ihre Aufnahmen zur Verfügung gestellt, so dass ich doch noch ein einigermaßen vollständiges Bild der Veranstaltung zeigen kann. Beides sind sehr schnelle Läufer, so dass deren Bilder auch Gegenden zeigen, in denen ich bei Nacht war und daher gar keine Bilder hätte machen können.


Nach 11 Stunden Flug (ca. 9.500 km) landeten wir am Dienstag, 17.10.2006 gegen 10 Uhr Ortszeit (+2 h Zeitverschiebung) auf dem Flugplatz von St. Denis, der Hauptstadt der Insel, im Norden gelegen. Wir, das waren Bernhard Sesterheim, Sigrid Eichner, Kunibert Schmitz, Holm Reinsch und Adrian Brennwald. Auf dem Flughafen noch empfing uns Pascal Hagenbach, der die Reise mit einer anderen Fluglinie gemacht hatte. Da der Flughafen direkt am Meer liegt, hatten wir schon beim Anflug und bald auch im Freien den richtigen Eindruck von der Insel: blaues Meer, blauer Himmel, blühende Pflanzen, angenehme Wärme – wir waren vom Herbst in den Frühling geflogen.


Nach der Einquartierung im Hotel gingen wir essen und machten anschließend einen Spaziergang an den Strand. Am nächsten Vormittag stand dann ein Ausflug ins Landesinnere, in den Cirque de Salazie auf dem Plan und nachmittags holten wir im Stadion La Redoute unsere Startunterlagen ab.


 
Anflug
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Donnerstagnacht, genauer Freitag um 1.00 Uhr war Start. Gegen 19 Uhr marschierten wir zur Station, wo die Busse zum Startort im Süden der Insel abfuhren. Wir kamen gegen 23 Uhr an. Nach einem kurzen Wegstück durch den Ort waren wir im Startbereich, einem Sportplatz. Erst wurde der Barcode auf der Startnummer gescannt, dann gab es eine oberflächliche Gepäckkontrolle, man musste die Pflichtausrüstung vorzeigen und war dann im Startbereich. Dort gab es Kaffee, Tee, Rosinenbrötchen, auf einer Bühne wurde Musik gemacht und langsam füllte sich der Sportplatz.


 
Warten auf den Bus
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Um 1 Uhr ging es dann pünktlich los. Alle 2.400 Starterinnen und Starter zählten die letzten Sekunden: „cinq, quatre, trois, deux, un, zéro“ und das Abenteuer begann.


Die ersten vier Kilometer verliefen auf einer beleuchteten Straße parallel zur Südküste. Kurz vor Mare Longue ging es dann scharf links weg durch Zuckerrohrfelder Richtung Norden.


Auch die nächsten knapp zwölf Kilometer verliefen auf besten Wegen, zuerst Asphalt, danach ein breiter Waldweg, der sanft auf 700 m Höhe führte. Nach knapp drei Stunden hatten wir Mare Longue Camphriers (km 15,9) erreicht, die erste richtige Verpflegungsstation, zuvor hatte es nur einmal zu trinken gegeben.


 
Start
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Fr., 3:55 Uhr, 685 m, km 15,9 - Mare Longue Camphriers:

 

Nach etwa fünf Minuten Aufenthalt gingen wir zügig weiter. Bald ging es rechts weg in einen schmalen Pfad, steil aufwärts. Hier also begann der berüchtigte Aufstieg hoch zum FocFoc: 5 km und 1.400 Höhenmeter. Der Pfad führte hoch durch Wald, besser Urwald, der Untergrund war teilweise rutschig und von groben Wurzeln übersät. Steil, rutschig und Wurzeln, zu so etwas braucht man Kraft und manchmal auch die Hände, die mithelfen mussten.


 
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Richtig anstrengend war der Aufstieg nicht, er zog sich nur ewig hin. Gegen 5.30 Uhr wurde es zunehmend heller und nach weiteren zwanzig Minuten konnte ich meine Lampe endgültig ausschalten. Weitere vierzig Minuten vergingen und endlich konnten wir hinter uns das Meer sehen.

 

 

 
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Fr., 8:46 Uhr, 2.250m, km 23,7- FocFoc:

 

Knapp fünf Stunden hatten die 6,8 km Aufstieg bis zu dieser Station gedauert. Die vorgeschriebenen 1 Liter Wasser und das Essen, das man dabei haben musste, machte also ausgesprochen Sinn. Wir aßen und tranken ausgiebig und füllten unsere Trinkvorräte wieder auf.


Der folgende Abschnitt war einfacher, kein Anstieg mehr, nur noch wenig auf und ab. Wir hatten bald den riesigen Krater erreicht, in dessen Mitte der noch aktive Vulkan „Piton De La Fournaise“ lag. Etwa alle 18 Monate gibt es eine Eruption; damit zählt dieser Vulkan zu den aktivsten der Welt. Dabei ist das Magma relativ dünnflüssig, kann daher gut entweichen und fließt dann in verästelten Strömen hangabwärts. Wenn es soweit ist, setzten sich Zehntausende ins Auto und fahren hoch, um das Erlebnis zu feiern.


Einige Kilometer lang liefen wir am Kraterrand entlang und staunten über die bizarre Landschaft. Der Untergrund war entsprechend, mal ordentlicher Weg, mal Steinbrocken, mal erstarrte Lavafelder, also alles, was das Herz des Ultraläufers erfreut.


 
Am Rand des Kraters
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Fr., 9:50 Uhr, 2.320 m, km 30,9 – Route du Volcan:

 

An dieser größeren Verpflegungsstation gab es das erste Mal auch die von Bernhard erwähnten Hähnchenteile mit Reis, Nudeln oder Brot, aber auch das übliche Wasser, Rosinen, Orangen, Riegel, Cola, Nudelsuppe war hier vorhanden.


Der Weg führte jetzt Richtung Westen, direkt durch die „Plaine des Sables“, einer dürftigen, steinigen, lebensfeindlichen Landschaft. Erst ging es auf schlechten Wegen moderat abwärts, dann durchquerten wir eine Ebene, vor uns ein Bergzug (Rempart des Balasaltes) den wir bald erreichten. Etwa einen Kilometer lang ging es dann moderate 130 Hm hoch zum Oratoire Ste Thérèse, (km 37, 2.400 m), schlechter Untergrund (Steine, Stufen) und das in der prallen Sonne, die einen auch noch auf 2.400 m Höhe ordentlich schwitzen ließ.


 
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Ab jetzt ging es stets sanft abwärts auf einigermaßen ordentlich zu laufenden Pfaden, der sandig-steinige Boden war weichem Grasuntergrund gewichen, die Büsche waren übermannshoch, wurden dann weniger und gaben bald den Blick in eine beinahe liebliche Wiesenlandschaft frei. Kühe weideten in mit Stacheldraht umzäumten Bereichen - wir waren in der „Plaine des Cafres“ angekommen.


Die "Plaine des Cafres" ist ein Hochplateau mit sumpfigen Weiden, Ginster und Heckenrosen. Vor 1850 war das Hochplateau sehr unzugänglich und diente etwa hundert Jahre lang entlaufenen Negersklaven als Zufluchtsort (Cafre = Kaffer, abwertende Bezeichnung für Schwarze). Der Name der Hochebene stammt also aus dieser Zeit.


Unser Weg war links und rechts durch Stacheldrahtzaun abgegrenzt, hinter dem Kühe weideten. Immer wieder musste man einen Zaun auf Leitern übersteigen. Der Untergrund war recht anspruchsvoll, zwar immer noch Wiese, aber der Weg war ausgetreten und stellenweise richtiggehend ausgewaschen, sehr uneben und immer wieder waren auch Wurzeln im Weg.


 
Piton Textor, km 40 - 2165 m
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Nach etwa vierzig Minuten kamen wir auf eine Asphaltstraße! Hier konnte ich joggen und Zeit gut machen.


Fr., 13:59 Uhr, 1.594m, km 50,4 – Mare à Boue:

 

Die Verpflegungsstelle „Mare à Boue“ war erreicht. Ich aß Hähnchenteile, Reis, Brot, Nudelsuppe, Hähnchenteile, Nudeln und trank immer wieder Cola und Wasser. Nacheinander kamen Bernhard und Holm an und ganz zum Schluss, kurz bevor wir wieder los zogen, war auch Sigrid da.


 
ein paar Asphalt-km
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Der Kerveguen wartete. Auf den neun Kilometern dort hin ging es 600 Meter hoch, bis auf 2.200 m. Hört sich harmlos an, war aber viel schwerer als die Zahlen sagen. Bereits nach kurzer Zeit wurde der Untergrund deutlich schlechter, der Weg war hier richtiggehend schlammig. Man hatte mit Ästen Abhilfe geschaffen, die man dicht an dicht hintereinander gelegt hatte, aber das war auch nicht ideal zu laufen.


Bald lag die Plaine hinter uns und hohes Buschwerk umgab uns jetzt. Immer wieder ging es steil hoch, leider aber auch immer wieder steil abwärts. Endlich, nach beinahe vier Stunden hatten wir unser Ziel erreicht.


 
Knüppelpfad
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Fr., 18:16 Uhr, km 59,5, 2.206 m – Kerveguen:

 

Ganz unspektakulär präsentierte sich dann der „Gipfel“ des Kerveguen. Der Wind blies sehr stark hier oben und auch die Büsche waren kein richtiger Schutz davor.


Es dämmerte bereits, als wir uns (Holm und ich) an den Abstieg hinunter nach Cilaos machten. Beängstigend steil fiel die Wand ab, die wir ganze 800 Höhenmeter abwärts überwinden mussten. Zum Glück war sie mit Büschen und Bäumen bewachsen, so dass man nie den direkten Blick nach unten hatte. Steil schlängelte sich der Pfad in vielen engen Serpentinen abwärts. Stellenweise war es so steil, dass ich nur weiter kam, wenn ich mich auf den Hosenboden setzte, mit den Füßen nach unten tastete und mit den Armen unterstützte. Immer wieder auch waren Eisenleitern im Fels befestigt, die man abwärts klettern musste, bis man wieder auf dem Pfad war. Beinahe drei Stunden dauerte der Abstieg, der all meine Kräfte und Konzentration forderte.
Die Bilder, die man hier sieht, sind von Pascal. Er war hier etwa sieben Stunden vor uns, die Bilder wurden also zwischen 11.30 und 12.30 Uhr gemacht.


 
Blick nach Cilaos (Foto: Pascal)
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Leider waren auch die restlichen 2,5 Kilometer bis Cilaos nicht so einfach, wie erhofft. Wir mussten tatsächlich noch weitere 200 Meter tiefer, dort den Fluss überqueren und dann wieder 180 Meter hinauf.


Fr., 22:43 Uhr, km 67,2, 1.224m – Cilaos:

 

In annehmbarer Verfassung kam ich auf dem Sportplatz in Cilaos an. Die Zeit drängte, spätestens um 2 Uhr musste man die Station verlassen haben. Ich aß etwas, schlief etwa eine Stunde und um 1:13 Uhr verließen wir den Sportplatz, liefen durch die Stadt und waren bald wieder in der Dunkelheit.
Erst Mal ging es steil abwärts auf einem ordentlichen Weg, der allerdings Stufen von etwa vierzig Zentimeter Höhe und mehr hatte. Also war wieder Springen angesagt. Bald aber wurde der Weg schlechter, sprich unregelmäßiger. Dreihundert Meter tiefer (920 m), passierte man auf riesigen Steinen ein Flussbett (kaum Wasser) und ab jetzt ging es bergauf, Richtung „Col du Taibit“, dessen Passhöhe auf 2.080 m lag. Ein gewaltiger Anstieg auf den folgenden 10 Kilometern lag vor uns.


Glücklicherweise war der Weg nicht so schlecht wie schon erlebt. Meist konnte man gut gehen, nur ab und an, wenn es zu steil wurde, oder eine hohe „Stufe“ zu überwinden war, musste man die Hände zu Hilfe nehmen. Kaum hatte man Höhe gewonnen, ging es auch schon wieder abwärts. Insgesamt jedoch gewannen wir natürlich an Höhe, so dass wir nach 2,5 Stunden an der nächsten Verpflegungsstelle ankamen.


 
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Sa., 3:46 Uhr, 1.260m, km 74,3 - Début sentier du Taibit:

 

Wie stets trank ich mehrere Becher Nudelsuppe, dazwischen Cola und Wasser.


Direkt von der Straße führte jetzt ein schmaler Pfad weg. Hatte ich bis zur Verpflegungsstelle noch Bilder gemacht, vergaß ich das ab hier vollkommen, zu sehr beanspruchte mich der anstrengende Aufstieg.


Nach weiteren 1,5 Stunden wurde es immer heller, so dass ich bald meine Lampe ausschalten und verstauen konnte. Hier erklärte Holm, dass er aussteigen wolle. Ich verabschiedete mich und beschleunigte ein wenig mein Tempo.


Sa., 6:48 Uhr, 2.080m, km 78,3 - Col du Taibit:

 

Endlich, ich hatte es geschafft. Eine weitere Stunde nachdem wir uns verabschiedet hatten, überschritt ich den Pass und stieg in den nächsten Bergkessel nach Marla ab.


Das Landesinnere der Insel Reunion wird von drei gewaltigen Bergkesseln (cirque) gebildet, die sich wie ein Kleeblatt um den höchsten Berg der Insel, den Piton des Neiges (3.070 m) gruppieren: der Cirque de Cilaos im Süden, der Cirque des Mafate im Nordwesten und der Cirque de Salazie im Nordosten. Diese drei Kessel sind bei weitem nicht eben, wie das Wort Kessel (Cirque) vielleicht suggeriert. Ein bizarres System aus Kegelbergen, Schluchten, Plateaus und Steilwänden findet sich in jedem der drei Cirques. Teilweise sind die Berge über 2.000 Meter hoch, wie ich bereits im Cirque de Cilaos erfahren musste. Der Bergrücken, dessen Spitze der Col du Taibit bildet und den ich jetzt erreicht hatte, trennt den Cirque des Cilaos vom Cirque des Mafates, in den nun absteigen musste.


Der Weg schlängelte sich in Serpentinen abwärts, war zwar steil, aber nicht schlecht, man konnte ihn gut gehen, kein Vergleich mit dem Abstieg nach Cilaos. Auch war er vor kurzem wohl frisch gerichtet worden. Wenn die Stufen nur nicht so hoch gewesen wären. So aber kosteten sie viel Kraft und richtig springen konnte ich nicht, da wären meine Oberschenkel nach kurzer Zeit ruiniert gewesen.


Sa., 7:39 Uhr, 1.580m, km 80,5 – Marla:

 

Hier aß ich ausgiebig und machte insgesamt 50 Minuten Pause.


Laut Höhendiagramm würde man auf den nächsten acht Kilometern bis Roche Plate noch etwa 500 m Höhe verlieren. Die ersten wenigen hundert Meter verliefen noch moderat, dann aber ging es tatsächlich abwärts und wie! Keinerlei Pflanzen an den Hängen, es ging steil oder sehr steil abwärts, aber auf welchem Untergrund! Das Wasser, das während der Regenzeit hier herunterschießt hat sich im Laufe der vielen Jahrzehntausende eingegraben und das Bröckelmaterial freigelegt und zu Kieseln abgeschliffen – und auf diesen Großkieseln musste man nach unten hüpfen.


Sa., 9:52 Uhr, 1.220m, km 83,5 - Trois Roches:

 

Diese Kontrollstelle lag beinahe idyllisch am Flussbett. Ich trank Cola, füllte meinen Wasservorrat auf und lief dann weiter. Der Übergang über den Fluss war mit einem Seil gesichert, der Fluss aber führte so wenig Wasser, dass es keine große Mühe machte, von Stein zu Stein hüpfend, das andere Ufer zu erreichen.

 

 
Kurz hinter Marla
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Nun ging es aufwärts und zwar anhaltend. Von Weg dabei zu sprechen, wäre gelogen. Man stieg von Großkiesel zu Großkiesel aufwärts, stets die Hände mitbenutzend. Die nächste Stunde ging es auf und ab, bis es dann endlich nur noch abwärts ging, einen steinigen Pfad, den man nur bewältigen konnte, indem man von Stein zu Stein abwärts sprang.


Sa., 12.13 Uhr, 1.095m, km 88,8 – Roche Plate:

 

Die vergangenen fünf Kilometer waren sehr anstrengend, erst das ständige Auf und Ab und dann das Springen von Stein zu Stein. Ich setzte mich also sofort auf einen freien Stuhl. Nach ein paar Minuten Erholung holte ich mir eine Nudelsuppe, nochmals eine, Cola, Nudelsuppe und jedes Mal erhob ich mich ächzend vom Stuhl.


 
Aufstieg auf Großkieseln
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Nach 35 Minuten Pause ging ich weiter. Fünf Kilometer waren es zur nächsten Verpflegungs- und Kontrollstation und sie waren genauso anstrengend wie die vergangenen fünf. Zuerst ging es 200 Meter hoch (1,6km), dann 390 m runter (3,1 km) und zuletzt wieder 100 Meter hoch (0,3 km). All das auf den bekannt schlechten Wegen, mit sehr viel Großkieseln.


 
Sigrid noch guten Mutes
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Sa., 14.40 Uhr, 1.000m, km 93,7 - Ecole des Orangers:

 

Endlich war ich oben auf dem Plateau bei der Verpflegungsstelle. Eigentlich wollte ich mich hier ein wenig ausruhen, beim Blick in meinen Marschplan jedoch wurde mir schlagartig bewusst, dass ich die nächste Station kaum rechtzeitig im Zeitlimit erreichen konnte, ich hatte zu viel getrödelt.


Ich rannte also los, vergaß jegliche Vorsicht und Rücksicht auf meine Kondition. Zuerst ging es anstrengende Stufen hinunter. Der folgende, einigermaßen gut zu laufende Pfad schlängelte sich dann 650 Meter den kahlen Hang hinunter bis zum Fluss im Talgrund. Auf einer Brücke ging es über das Wasser und wieder 300 m steil hoch, bis ich dann, völlig erschöpft und 45 Minuten zu spät an der nächsten Kontrollstelle ankam.


Sa., 17:30 Uhr, 650m, 98,6 km - Ecole Grand Place les Bas:

 

Trotzdem wurde ich hier noch gewertet und auch die nach mir Kommenden – sehr human und großzügig. Natürlich hatte ich keine Bilder mehr gemacht, zu sehr hatte ich mich beeilt.


In einer 5er-Gruppe hetzten wir weiter. Zwei Stunden hatten wir für die 10 Kilometer bis zur nächsten Kontrollstelle Zeit. Der Weg war ordentlich, verglichen mit den bisher angetroffenen Bedingungen, es war nicht so sehr steil und wir kamen ganz flott voran. Nur ein Wegstück war einigermaßen problematisch, auf einem schmalen Pfad steil abwärts. An den gefährlichsten Stellen war jeweils ein Stahlseil verankert, das man als Handlauf benutzen konnte und so war nach 15 Minuten alles überstanden. Wir waren 120 Meter tiefer und mussten wieder hoch.


Wir waren bereits zwei Stunden unterwegs, das Zeitlimit war schon wieder überschritten. Glücklicherweise wurde es eben, der Weg breit und es dauerte nicht mehr lange, bis wir da waren.


Sa., 20:00 Uhr, 750 m, km 108,3 – Aurére:

 

Eine halbe Stunde nach dem Zeitlimit kamen wir an, wurden aber auch hier noch gewertet. Obwohl die Zeit drängte, machten wir 20 Minuten Pause.


 
Sa., 20:00 Uhr, 750 m, km 108,3 – Aurére
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Wieder würde es arg eng werden, rechtzeitig vor 22 Uhr an der nächsten Kontrollstelle in Deux Bras anzukommen. Mit zwei Franzosen brach ich auf. Zuerst ging es eben, oder leicht aufwärts, meist gut zu gehen. Nach etwa zwanzig Minuten dann wurde der Weg schlechter und bald sah er aus, wie ein Bachbett, etwa drei Meter breit, ausschließlich Großkiesel und es ging abwärts. Hier machte mir meine Brille große Probleme, da sie ständig beschlug war und alle halbe Minute gereinigt werden musste. Ich kam daher immer langsamer voran und meine Begleiter setzten sich ab.


Nach etwa 1,5 Stunden wurde der Weg weniger steil und bald war ich unten in einem Flusstal. Ab jetzt konnte man gut laufen, alles eben, keine Großkiesel mehr, nur noch fester Sand. Insgesamt vier Mal musste man den Fluss überqueren. Kein Problem, den jeweils lagen Großkiesel neben Großkiesel im Wasser, so dass man durch Springen von Stein zu Stein problemlos hinüber kam.


Sa., 22:24 Uhr, 255 m, km 116,7 - Deux Bras:

 

Geschafft! Auch an dieser Station wurde ich noch registriert, obwohl ich das Limit um nahezu eine halbe Stunde verfehlt hatte. Ich war glücklich, der Lauf war gerettet, jetzt war ich wieder im Limit, denn hier musste man erst um 2 Uhr in der Nacht die Station verlassen.


Ich verpflegte mich ausführlich (Hähnchenteile mit Reis, Ravioli, Cola). Kurz vor Mitternacht, legte ich mich zum Schlafen in ein Zelt.


 
Sa., 22:24 Uhr, 255 m, km 116,7 - Deux Bras
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Nach 1,5 Stunden wurde ich geweckt, machte mich abmarschbereit und verließ drei Minuten vor dem letztmöglichen Zeitpunkt um1:57 Uhr die Station.
Zuerst musste man einen Fluss überqueren. Diesmal aber lagen da nicht sauber Kiesel an Kiesel nebeneinander, sondern es war schon ein gut Stück schwieriger, so dass mancher bis zum Bauch im Wasser landete. Hier gab auch meine Kamera endgültig den Geist auf. Auch Pascal und Adrian fotografierten ab jetzt kaum noch, so dass ich vom letzten Streckenabschnitt keine Bilder mehr habe.


Immer noch war ich gut in Form und obwohl es unglaublich steil hoch ging, man oft mit den Händen mithelfen musste, überholte ich immer wieder. Um 4:40 Uhr kam ich am Ortsanfang von Dos d’Ane an einer Kontrollstation vorbei. Meine Nummer wurde notiert und ich lief weiter, jetzt auf guten Asphaltstraßen durch den Ort, hoch nach „Stade Dos d’Ane“. Es dauerte noch 15 Minuten, bis wir die steile Straße oben waren und in das Stadion einliefen.


So., 4:58 Uhr, 1.064 m, km 123,7 – Stade Dos d’Ane:

 

Unglaublich! ich hatte 2,5 Stunden Vorsprung vor dem Zeitlimit, was für ein Gefühl nach der Hetzerei gestern!


Laut Unterlagen ging es jetzt weitere 500 m hoch auf 1.513m bis zum Piton Bâtard und das Höhendiagramm zeigte, dass der Aufstieg noch steiler sein würde. Vor 53 Stunden hatte das Rennen begonnen, auf den Beinen aber war ich schon seit 71 Stunden und hatte in dieser Zeit etwa fünf Stunden geschlafen. Bleierne Müdigkeit überkam mich, so dass ich mich vor dem Aufstieg auf einen Stein setzte und vielleicht 15 Minuten döste.


Nach etwa 1,5 Stunden Aufstieg wurde es immer lichter um mich herum und bald hatte ich einen Berggrat erreicht, insgesamt vielleicht zwei Meter breit, rechts und links steil abfallend, was aber nicht so sichtbar wurde, weil alles dicht mit niedrigen Büschen bewachsen war. Der Pfad selbst, auf dem man lief, war vielleicht vierzig oder fünfzig Zentimeter breit. Etwa eine Stunde lang ging es in ständigem Auf und Ab den Grat entlang. Hier oben in den Wolken legte ich mich auf den Boden um noch mal kurz zu schlafen. Nach etwa 20 Minuten wachte ich auf, war erfrischt und erfreut, dass mir nicht kalt war.


 
Cirque de Mafate (Foto: Pascal)
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Ich lief weiter dem Berggrat entlang und hatte irgendwann den Eindruck, dass es jetzt mehr ab als auf ging. Endlich, ich hatte es schon nicht mehr geglaubt, wir stiegen ab nach „Kiosque d'Affouches“, laut Höhendiagramm knapp fünfhundert Meter tiefer als der nicht vorhandene Gipfel. Glücklicherweise war der Abstieg moderat, offensichtlich hatten wir schon einen Teil der Höhe oben auf dem Grat verloren.


So., 9:02 Uhr, 1.050 m, km 130,3 - Kiosque d'Affouches:

 

Zehn Minuten verbrachte ich mit Essen (Nudelsuppe mit Brot, Rosinen) und trinken (Cola) dann gingen es weiter. Zuerst lief man auf einer breiten Schotterstraße, die ganz sanft abwärts führte. Nach etwa drei Kilometern führte der Weg rechts ins Gebüsch auf einen schmalen Pfad.


Dieser Pfad durch den Wald ist eigentlich unbeschreiblich. Er war vielleicht 80 cm bis 1,5 m breit, links und rechts Büsche oder kleine Bäumchen, Untergrund Erde, durch den Regen aufgeweicht und in eine Rutschbahn verwandelt. Dazu ging es ständig abwärts, immer wieder sehr steil und mit Wurzeln durchzogen. Wenn ein Pfad die Bezeichnung „Ho-Chi-Minh-Pfad“ verdiente, dann der hier, ganz sicher aber nicht das „Autobahnstück“, das man in Biel so nennt.


Vielleicht 1,5 Stunden war ich hier unter widrigsten Bedingungen unterwegs, als der Untergrund zunehmend trockener und damit griffiger wurde und es auch nicht mehr so steil abwärts ging. Bald weitete sich der Blick, eine Wiese lag vor mir, weiter unten ein Weg, noch weiter unten die letzte Kontrollstation (Colorado) und ganz weit in der Ferne St. Denis und das Meer.


So., 11:17 Uhr, 680 m, km 138,3 – Colorado:

 

Nur noch fünf Kilometer lagen vor mir, allerdings auch 640 Höhenmeter abwärts. Ich machte kurz Pause und lief dann weiter. Nach etwa einem Kilometer ging es in den bewaldeten Hang, der sich bis St. Denis hinunterzog und von dem Bernhard vorab schon gewarnt hatte. Immer wieder würde es hier ganz hinterhältig auch wieder aufwärts gehen, so dass man beinahe verzweifelte. Zuerst aber verzweifelte ich, weil der Abstieg so schwer war. Riesige Stufen, teilweise fast einen Meter hoch. Wenn man nicht auf dem Hosenboden abwärts rutschen wollte, oder gar springen, musste man die kleineren Steine links und rechts vom Weg als Zwischenstufen benutzen.

 

Schon wieder sehr anstrengend, denn dieses Springen  erforderte alle Konzentration und Kraft. Bald war es mit Beidem vorbei und ich nahm immer häufiger die Hände zu Hilfe um diesen Felsenweg hinunter zu steigen.
Etwas mehr als eine Stunde dauerte es, bis ich diesen elenden, hundsmiserablen, niederträchtigen, gemeinen Weg verlassen konnte und endlich aus dem Wald herauskam. Im Hochgefühl lief ich die letzten Serpentinen abwärts, überholte noch ein paar Läufer und wurde ebenfalls noch überholt. Die letzten dreihundert Meter abwärts marschierte ich hinter einem Pärchen her, dem jetzt von Freunden und Bekannten zugejubelt wurde.


So., 13:10 Uhr, 53 m, km 143,3 – im Ziel


Dann ging es nach links, hinein in das Stadion La Redoute. Hier standen Sigrid, Adrian, Kunibert und Pascal an der Aschenbahn. Sie freuten sich, klatschten Beifall, fotografierten und rannten dann ins Ziel, um mich dort zu empfangen. Ich war überglücklich, dass ich den Lauf geschafft hatte und genoss die Meter bis ins Ziel.


 
© marathon4you.de 4 Bilder

Nach den Glückwünschen der Freunde, bekam ich die Medaille und das Finisher-Shirt mit der Aufschrift: "J'AI SURVÉCU", was mit "Ich bin durchgekommen" oder auch mit "Ich habe überlebt" übersetzt werden kann. Mein wohl teuerstes und am härtesten erarbeitet T-Shirt!


 
Pascal - Finisherzeit 34:41 Stunden
© marathon4you.de 3 Bilder

Hier die Ergebnisse:

 

Holm stieg in Marla aus, Sigrid verpasste das Zeitlimit in Ecole Grand Place les Bas, Adrian 31:44 h, Pascal 34:41 h, Kunibert 54:47 h, Eberhard 60:11 h, Bernhard 61:03h.


Fazit


Noch nie war ich so lange bei einem Lauf auf den Beinen. Ein einmaliger Lauf, der geprägt ist durch eine beeindruckende, bizarre und schöne Landschaft und eine Streckenführung, die das Maximale fordert, dazu aber auch genügend Zeit gibt, so dass auch langsame Läufer, wie ich, eine Chance haben, durch zu kommen. Während des Laufes und auch unmittelbar danach waren wir uns alle einig, Pascal, Adrian, Kunibert und ich, dass wir hier nicht mehr laufen würden. Es war uns unbegreiflich, wie Bernhard das drei Mal machen konnte. Bereits Stunden danach und vor allem am nächsten Tag hörte sich das anders an, niemand wollte eine zweite Teilnahme ausschließen. Heute, Tage und Wochen danach, bin ich mir sicher, dass ich nochmals auf Reunion laufen werde. Einen solchen Lauf findet man nur auf dieser Insel.

 

Informationen: Grand Raid Reunion
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