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Laufberichte

Die Diagonale der Verrückten: Wir haben überlebt!

18.10.12

La Diagonale des Fous 2012 La Reunion - J´ AI SURVÉCU


Es brauchte eine gewisse Zeit, um nach meinem Reunion- Urlaub einen einigermaßen ordentlichen Laufbericht zu verfassen. Zu eindrucksvoll waren die Erlebnisse und zu nachhaltig waren die körperlichen Spuren des Laufes.

Rechts durch das kleine runde Fenster türmen sie sich auf. Vorne das Meer und dann die über 3000m hohen Vulkanberge von Reunion, eine kleine Insel im Indischen Ozean. Grün sind die Berge, nicht so karg wie die Gipfel der Alpen. Sie wirken damit in ihrer völlig anderen Art nicht minder majestätisch. Nach gut 11 Stunden Flug setzen wir zur Landung an und fühlen uns danach gleich wie in Frankreich. Französisch wird gesprochen und wir bezahlen mit dem Euro als wären wir in Lyon. Kein Wunder, Reunion ist eine französische Insel und damit fester Bestandteil der EU.

Kurt hat es mal wieder geschafft, er hat uns um den halben Erdball getrieben zu dem wohl interessantesten und ungewöhnlichsten Ultra-Berglauf auf diesem Planeten. La Diagonale des Fous – die Diagonale der Verrückten. Auf etwa 170 km mit nicht weniger als 10.800 Höhenmetern wollen wir das Inselparadies durchqueren. Nicht unten am Strand, nein quer über all die wilden Vulkanberge.

 
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Darauf haben wir uns gut vorbereitet, mit vielen Bergauf- Bergabläufen und einer langen Serie alpiner Läufe im fernen Europa. Es sollte also nichts schief gehen. 

Schon bei der Abholung der Startunterlagen ist die Dimension der Veranstaltung allgegenwärtig. Fast unendlich erscheinende Warteschlangen. Mit Deutsch und auch mit Englisch kommt man kaum durch. Also gilt es sich mit Händen und allerlei Gesten zu verständigen. Wir, das sind neben uns Ulmern Tanja, Kurt und ich auch noch Alex, Bernie und Ralf. Wir kennen uns als Coolrunner Germany. Es sind gerade mal 20 Deutsche unter den 2.800 Startern. Wir kommen dennoch gut zurecht. Ausgesprochen hilfsbereit sind sie, die Einheimischen oder Kreolen, wie sie sich selbst nennen. Für die Inselbewohner ist die Laufveranstaltung wohl der sportliche Höhepunkt des Jahres. Im Fernsehen laufen stundenlange Berichte. Überall Kameras und Reporter.

Start ist am Donnerstag um 22.00 Uhr. Schon um 15:30 machen wir uns auf den Weg zum Busparkplatz, um nach knapp 1 Stunde Fußmarsch und einer gut dreistündigen Busfahrt von der Hauptstadt St. Dennis zum Start Cap Mechant zu gelangen. Keine erholsame Vorbereitung auf das, was uns die folgenden Tage bevorsteht.

 
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Nach dem Start erst einmal eine etwa 6 km lange Straße. Danach ein Abschnitt vorbei an Zuckerrohrfeldern auf meist gut ausgebauten Wirtschaftswegen. Nach etwa 20 km ändert sich die Situation schlagartig. Der Anstieg von Meereshöhe auf den 2.400m hoch gelegenen Vulkan fordert uns erstmals kräftig heraus. Es ist nicht nur der Höhenanstieg oder die Steilheit des Pfades. Es ist auch der schwierige Untergrund mit hohen Absätzen sowie der aufgeweichte und rutschige Boden. Just zum Start stellte sich nämlich durch den herannahenden Zyklon Dauerregen ein.

Oben angekommen, glauben wir mit dem längsten Anstieg das Schlimmste erst einmal überstanden zu haben. Ein schwerer Irrtum, wie sich alsbald herausstellen sollte. Das wahre Laufabenteuer erwartete uns noch. Auf dem Vulkan war ist es nasskalt und zugig. Also sofort weiter und weg aus dieser ungastlichen Umgebung. Die exotische Kulisse ist im Nebel nur schemenhaft zu erahnen, bei Tag und bei Sonnenschein sicherlich ein traumhaftes Erlebnis. Diese gespenstische Landschaft bleibt wohl für immer in Erinnerung.

Je weiter man sich fortbewegt, je nasser, rutschiger und schlammiger werden die Wege. Ausweichversuche werden postwendend mit Ausrutschern quittiert. Ich glaube, nicht weniger als gutes halbes Dutzend Mal liege ich im Matsch. Irgendwann begreife ich, ausweichen ist hier völlig zwecklos, du musst da einfach durch, auch wenn der Schlamm manchmal bis über die Waden reicht. Nur die Wegmitte ist steinig und damit meist griffig. 

Mit der Überquerung des Piton steigt der Höhenmesser auf 2.500m. Nach etwa einem Drittel der Strecke und einem unendlich lang anmutenden steilen Abstieg dann die erste große Versorgungsstelle Cialos. Dort warten unsere lieben Begleiterinnen und Begleiter, um uns Mut zu machen. Durchgefroren, müde und erschöpft will und kann man im Grunde nicht mehr weiter. Der zurückliegende Abschnitt mit den „reunionischen“ Anforderungen hat deutlich mehr an den eigenen Kräften gezehrt als man selber wahrhaben will.

Mental habe ich das vorher alles durchexerziert. Daher erst mal planmäßig ein  Faktencheck. Und siehe da, es findet sich kein zwingender Grund, das Rennen hier zu beenden. Schon bei einem „einfachen 100er“  kann man erfahren, das man bei km 50 nicht mehr will. Nur wenige Km später  hat man dann aber die Überzeugung, nur der Tod kann einem vor dem Finish abhalten. Und so mache ich mich auch hier auf den weiteren Weg, einfach so, weil es so sein sollte. Kurt, Ralf und Alex aus unserer Gruppe ergeht es leider nicht so gut. Sie müssen hier mit schweren Blessuren das Rennen vorzeitig beenden. Kurt, der sich besonders gut auf diesen Lauf vorbereitet hatte, kämpft mit den Folgen seiner Stürze. Nur Tanja und Bernie blieben im Rennen. Doch auch Bernie kapituliert später mit heftigen Krämpfen.

 
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Nach der Nacht und der Kälte kommen die Sonne und die Hitze. Je weiter die Strecke nach Westen führt, desto trockener wird es. Allemal die bessere Alternative zur Regen- und Schlammschlacht des ersten Tages, auch wenn die erhoffte Erleichterung weiterhin auf sich warten lässt. Hohe Absätze rauf und runter, mitunter meterhoch und nur mit Hilfe der Hände zu überwinden. Glück gehabt, der mittlere Abschnitt des Rennens bringt keine weiteren Blessuren. Haben höhere Gewalten ein Einsehen mit uns?

Beim Aufstieg zum Maido brennt die Sonne gnadenlos auf uns nieder. Allemal 30 Grad, oder auch deutlich mehr. Je höher wir kommen, desto weniger Schatten bietet der immer spärlicher werdende Wald. Weil ich Angst habe, mein Getränkevorrat würde nicht reichen, trinke ich die Flasche einer entgegenkommenden Wanderin leer. Vielen Dank, liebe Unbekannte. Oben auf dem Maido, erwartet mich völlig unerwartet eine volksfestartige Stimmung, fast wie bei einem Stadtmarathon in der Heimat. Hunderte Schaulustige begrüßen stürmisch die keuchenden Emporkömmlinge. Na so was … Wahrscheinlich kann man von der anderen Seite mit dem Auto den Berg „erklimmen“.

Höhenlagen mit traumhaft schönen Ausblicken auf die märchenhaften Vulkankegel wechseln sich jetzt mit sagenumwobenen Urwaldtrails ab - eine märchenhafte Kulissen. Gerade diese Eindrücke der einzigartigen Strecke machen die Faszination des Grand Raid Reunion aus. Ich beginne den Lauf zu genießen. Zeit dazu habe ich allemal, denn meine zeitlichen Ambitionen haben sich längst verflüchtigt.

Wenn nur die Schlafattacken nicht wären. Was Autofahrer als Sekundenschlaf fürchten, erlebt man hier „laufend“. Mitten im völlig unwegsamen Urwald tauchen plötzlich flotte kleine Straßenflitzer auf und wollen mich mitnehmen. Ich schwöre, es sind Smarts. Doch keiner dieser Flitzer lässt mich wirklich einsteigen. Diese Halluzinationen habe ich noch heute….

Hunderte Läuferinnen und Läufern schlafen am Wegrand auf Steinen oder im Gestrüpp, sitzend oder liegend, manchmal wie Gespenster aussehend eingehüllt in Überlebensdecken. Auch genehmige mir mehrere, teilweise sogar längere Schlafpausen. Die letzte bei La Possession an der Westküste der Insel, wo ich gnadenlos verschlafen hätte, wenn mich eine liebevolle Betreuerin nicht zur abgesprochenen Zeit erbarmungslos wieder auf die Strecke geschickt hätte.

Dann die „Attraktion“:  Ein kilometerlanger, von Menschenhand hergerichteten Steinweg, den Chemins des Anglais. Grobschlächtige Lavablöcke sind passgenau aneinander geschichtet und das teilweise steil bergauf und bergab. Ich frage mich noch heute, welche Übermenschen diese Knochenarbeit leisten konnten. Für das Auge ein Traum, für die Beine ein Albtraum.

 
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Dank des immer noch trockenen Wetters fallen mir die letzten gut 5 km nicht schwer. Moderat führen gute Wege zum steilen Schlussabstieg. Wir werden förmlich aus dem grünen Bergparadies zurück in die Zivilisation gespukt.

Auch ein noch so langer Lauf endet irgendwann einmal mit einem simplen Schritt über die Ziellinie, diesmal im Stadion von St. Dennis. Euphorisch wird jeder Einzelne begrüßt und gefeiert. Jeder, der hier durchkommt, ist für die Kreolen ein Held.

Als Zweite unserer Gruppe erreicht wenig später Tanja das Ziel. Ich vergesse nie ihren glücklichen und gleichzeitig zutiefst erschöpften Blick. Zur Belohnung bekommt auch sie das Finisher Shirt mit der Aufschrift „J´ AI SURVÉCU“ ICH HABE ÜBERLEBT. Etwas makaber, wie ich meine. Denn ein Läufer hat es tatsächlich nicht überlebt. Er ist tödlich abgestürzt. 

Der Sieger, der Spanier JORNET KILIAN benötigte gerade einmal 26:33 Stunden. Die schnellste Frau, LECOMTE EMILIE, erreichte das Ziel in 33:03 Stunden. Tanja und ich benötigten 62:01 bzw. 58:31 Stunden. Mehr als die Hälfte der Gestarteten erreichen das Ziel nicht. Wir haben überlebt, die Diagonale der Verrückten.
 

Informationen: Grand Raid Reunion
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