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Laufberichte

Forza, Forza!

23.09.07
Autor: Lisa Metz

In Limone angekommen schon am Donnerstagmittag. Urlaubsstimmung total. Sonne, Wärme. Die vielen Autos, Verkehr, Touristenmassen ignorieren wir und schlendern durch Zitronen- und Olivenhaine, die Altstadt, den Hafen. Eis schleckend, die Füße im See baumeln lassend. Der Marathon weit weit weg.

Freitag, 21. September 2007 - Wandertag im Trentino. Wir sind alpinisti!

Im Magazin "outdoor" schon vorher eine vielversprechende Wandertour ("Drei-Gipfel-Überschreitung") ausgesucht und voller Freude nach Pregasina gefahren. Bei optimalem Wetter durch südlich-luftige Wälder, Wiesen und Haine aufgestiegen gen Gipfel. Immer wieder gigantische Ausblicke. Zum Weinen schön. Nur selten einige andere Wanderer. Echsen flitzen, eine Schlange schlängelt sich, Schmetterlinge flattern, die Gottesanbeterin verharrt anbetend auf Opfer wartend.

Es wird felsig und ein Schild mahnt uns: "Sent. alpinistico per esperti" Auch ohne Italienischkenntnisse läßt sich erahnen: es ist die Entsprechung zum deutschen: "nur mit Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und alpiner Erfahrung".

Etwas unterhalb des Grates ein Weg in gleiche Richtung für ohne "esperti".

Was tun?

Volker: "Wir können gerne unten langgehen. Ist ja auch schön!"

Ich: "Moment - sag' mal nix"

In Zwischenstellung bringen: rechts der Weg für alpinisti - links für ohne esperti. Nichts denken, Kopf leer machen. Keine Argumente - nur reinhören. Sehr schnell und aus dem Bauch heraus:

"Alpinisti!"

Und rechts hoch geklettert.

Es hat sich gelohnt. Nur ab und zu ein Quentchen aufkeimende Ängstlichkeit. Einige wenige leicht ausgesetzte Stellen. Früher hätten sie gereicht, um mir Angst zu machen. Jetzt der Gedanke: "Die Angst aufheben für später - wenn's richtig dicke kommt." Aber es kommt gar nicht richtig dicke. Alles ist relativ und man gewöhnt sich ja doch. So macht das bisschen Gekletter einfach nur Spaß und der Weg am Grat entlang: nicht zu beschreiben schön. Deshalb: keine Beschreibung hier.

Später der Abweg entlang verfallender Stellungen aus dem ersten Weltkrieg, durch Schützengräben, wieder Wälder und Wiesen, wieder Weitsicht und Abgehobenheit von Welt und Alltag.

Abends: Erschöpfung, Müdigkeit - aber schön!

Samstag, 22. September 2007 - Blitzregenerationsversuch und Badetag

Einfach Urlaub! Malcesine angucken, sonnenbaden, wasserbaden, Marathonunterlagen in Riva del Garda abholen, Nudeln essen, schlafen ...

Sonntag, 23. September 2007 - Marathontag! Forza Senora, Brava! Bravissima!

Beim Aufwachen kurz vor Sonnenaufgang gegenüber über den Bergen von Malcesine der morgendliche Blick aus der geöffneten Terrassentür des Hotelzimmers durch Zypressen auf den noch dunkel schimmernden See.

Die Gedanken: "Ich habe Angst.", "Ich sollte nicht laufen!" Außerdem ist mir schlecht.

Aber ich habe doch auch Lust! Bin nervös, aufgeregt, gehe frühstücken, ziehe mich an. Mit Fußbandage.

Wir schlendern zum Start. Läufermassen, gute Stimmung, Spitzenwetter. Etwas zu warm. Aber wir sind in Bella Italia - da soll es wohl auch warm sein.

Ich will - ich will nicht - ich will - ich will nicht - ich ....

Was spricht dagegen?

- extrem schlechte Laufform seit Monaten
- kein wirkliches Training - längster Lauf (und der noch mit Badepause in der Mitte) 27 KM, längster zusammenhängender Lauf seit dem Rennsteig: HM in Altötting, der mich völlig ausgenudelt hat
- seit längerem immer wieder rechter Knöchel dick, zuletzt nach Bergwanderung vor 1 Woche
- keinerlei Tempotraining seit ca. 1 Jahr
- reichlich Übergewicht - BMI aktuell 28,9
-eine Bergtour zwei Tage vorher ist - insbesondere angesichts der genannten Faktoren als Tapering supoptimal 

Was spricht dafür?

- ich hab' mich doch soooo drauf gefreut!
- keine Schmerzen am immer wieder mal dicken Knöchel
-ich habe meine Fußbandage dabei, bei der Bergtour getragen und der Knöchel blieb einigermaßen dünn
- 6 Stunden Zielzeit - das soll doch wohl zu schaffen sein
ich kann ja zwischendurch aussteigen - Schifffahrten im nördlichen Gardaseebereich sind heute für mich kostenlos
- ich will, ich will, ich will, ich will doch!

Ein bunter Start ist das. Die sonst Auto-verstopfte und Abgas-umwehte Straße herrlich leer und ruhig. Stimmung im Startbereich bunt und italienisch: lachen, lautes Reden - fast Singen überall. Und immer wieder und überall: Lachen, Lachen, Lachen!

Es geht los! Vorsichtig bei den Zugläufern für 4:30, 4:45 und 5:00 h aufgestellt. Die laufen nämlich die erste 1/4 Stunde gemeinsam und schwatzen, singen, lachen ...

Am Hotel vorbei: Gäste, die Frau aus der Rezeption, die Kellner - alle stehen am Straßenrand. Ich mache mich den Angestellten bemerkbar, sie wissen, dass ich mitlaufen will und suchen die Menge ab. Beim Erkennen ein riesiges "Hallo!" und zum ersten Mal direkt an mich gerichtet: "Forza Senora! Brava Senora! Brava, Brava!" Sie machen zu dritt Lärm für zehn und das können auch die anderen Italiener wunderbar.

Ich verstehe selten ein Wort, fühle mich aber von Kilometer zu Kilometer italienischer. Im ersten Tunnel fängt einer an zu singen, die anderen stimmen ein, fangen den Ball auf, geben ihn weiter - ein fröhlicher mehrstimmiger Wechselgesang, der am Tunnelende in einem lachenden Jubel endet.

Ja, haben denn alle Italiener eine Gesangsausbildung? Die Stimmen volltönend und kräftig trotz Anstrengung, Jubellieder und Ansätze zu Arien im Wechsel ... Gespräche, Fetzen, so schnell und doch nicht atemlos - wäre ich Italienerin, ich wäre mit meinem Sprachtempo im unauffälligen Mittelfeld und keiner würde mehr meckern

So merke ich nur ein bisschen, dass ich trotz abschüssiger Strecke bei Bestwetter, trotz Cantare und Jubilo ... schlapp bin ... die Beine schwer. Doch mal auf den Puls (per Fingersensor) schielen: "Teufel auch: 164 - so viel hatte ich beim 6-Stunden-Lauf nach 5 Stunden beim nochmal-Tempo-zulegen und dabei quasseln. Wir sind hier noch am Anfang - es geht bergab.

Die 4:45 h - Zugläufer ziehen davon. Ich merke: ich darf auf keinen Fall mitziehen. Im Gegenteil. Halte die 5:00 Stunden-Zugläufer noch fest bis nach Arco. Mal vor, mal zurück - dann, ungefähr am Wendepunkt bei Kilometer 20 sind auch sie auf Nimmerwiedersehen dahin .... nach vorne ....

Aber überall und immer noch und immer wieder: "Brava Senora, Brava!Bravissima!" "Forza, Forza!"

Es gibt auf der Hälfte eine gegenläufige Wendestrecke, wo ich abschätzen kann, wieviele noch hinter mir kommen - ungefähr zwischen 70 und 100. Na gut - das geht ja. Und die sechs Stunden sind noch in weiter Ferne.

Immer wieder Fotos geschossen, mitgelacht trotz nix verstehen. Immer häufiger von Streckenposten, Mitläufern und Zuschauern in selbstverständlichem Italienisch auch länger und ausführlicher angesprochen, befragt, zugerufen - ich merke es selbst: ich werde italienischer von Kilometer zu Kilometer.

Aber nicht schneller. Immer langsamer.

Ich weiß bald: es wird heute wehtun trotz Langsamkeit. Verschnaufpause gegönnt - mit anderen Läufern (Italiener) in Café am Wegesrand, nur noch die 6 Stunden im Blick - na gut: bisschen flotter wär' auch okay

Es tut schon weh, trotz Langsamkeit: rechter Fußspann, Rücken in Po rein, rechte Wade hart wie Brett. Immer wieder wackeln, lockern, massieren. Könnte das AUS bedeuten. Also: Pause und dann langsam weiter!

Dann eine sehr lange Steigung auf Malcesine zu - von hinten ein Auto. Ist die Straße nicht gesperrt? Es ist der Besen-Kleinbus. Vollgeladen. Oder fast.

Der Fahrer kurbelt das Fenster runter und wieder auf italienisch ein Wortschwall, aus dem ich mühelos die Frage herausfiltere, ob ich mitzufahren gedächte und wie es mir ginge und sie hätten noch einen Platz für mich frei ...

In gespieltem und doch auch echtem Entsetzen strecke ich die Arme weit vor mich, kreuze Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand mit den entsprechenden Fingern der linken Hand und intoniere jetzt meinerseits (schon fast ein bisschen italienisch?): "No no Senor! Far' satane!" Darauf ein Augenzwinkern und Lachen. Ob ich wörtlich verstanden wurde, erfahre ich nicht. Aber die Botschaft kam an - alle im Auto und auch der Fahrer lachen, er hupt zweimal sehr kurz, gibt Gas und verschwindet grüßend (Daumen hoch) aus dem Fenster nach vorne.

Noch zweimal in der letzten Stunde fährt er - erst von vorn, dann von hinten vollgeladen - an mir vorbei. Immer kurzer Blick aus dem Fenster: "Tutti prima Senora?" (oder so ähnlich ;-) Ich: "prima - tutti primissima!" (vermutlich grottenfalsch) und mit einem wiederum zweifachen Hupgruß samt: "Brava Senora!" .... leert er hinter mir die Strecke.

Mich beschleicht doch ein wenig Furcht, dass ich nun Letzte werde, wenn er weiter so fleißig einsammelt und sehe zu, ein bisschen was noch zu reißen -läuferisch. Vor mir geht ein Mann - ich denke: okay, gehst du ebenfalls und bleibst bei ihm.

Pustekuchen! Wenn ich gehe, entschwindet er flott in die Ferne. Er geht einfach schneller als ich bei flottestem Walkinschritt kann. Ungerecht!  Also laufe ich schneckenlangsam hinter ihm her und halte so sein Gehtempo.

Auch hinter mir noch LäuferInnen.

Ich würde gerne sagen, dass es durchgehend gemütlich war. War es aber nicht. Es war schwer. Körperlich. Für mich. Alles mögliche tut weh. Ich laufe - ja: LAUFE! SO! ins Ziel. Mehrere Menschen kommen auf mich zu und sagen strahlend: "Grande senora! Bravissima! Grande!"

Ansonsten: wunderbar! Lago die Garda: BRAVO! BRAVISSIMO!

Was lerne ich daraus: vermutlich mal wieder gar nix  denn: ich werde es wieder tun. Ganz bestimmt. Aber erstmal ausruhen und nix tun. Bisschen Herbst und Winter genießen ... nächstes Jahr ist wieder ein Jahr ...

 

Informationen: Gardasee Marathon
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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