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Laufberichte

Ausgerechnet

01.04.12

Bei meinem letzten Marathon zeigte das Thermometer zweistellige Minusgrade an. Stimmt, das ist schon eine für mich ungewohnte Weile her.  Nach den sommerlichen Temperaturen der vergangenen Woche ist dieser Sonntag diesbezüglich der goldene Mittelweg.

Auf der Fahrt nach Freiburg zieht die Landschaft genau in diesen Schattierungen vorüber. Am Rand des Schwarzwalds äsen ein paar Rehe friedlich auf einer saftig grünen Wiese am Waldrand, etwas höher liegen in schattigen Lagen beachtliche Schneereste auf den noch immer braunen Matten. Es ist also perfektes Marathonwetter – für alle Läufer.

Zu denen gehöre ich nicht. Dabei hatte ich mir alles so schön zurecht gelegt  und ausgerechnet. „Kein Wunder“, sagt da der regelmäßige Leser, „Mathematik war doch noch nie deine Stärke!“

Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich bis zum Freiburg Marathon wieder fit sein würde. Den Eingriff hatte ich im Anschluss an den Wintermarathon in Leipzig geplant. Dummerweise waren meine Pläne nicht mit den Dienst- und Ferienplänen des Chefchirurgen kompatibel. Und als es so weit war, gab Eins das Andere. Sportliche Aktivitäten seien zwei Wochen nach der Operation wieder erlaubt, so stand es zumindest in den schriftlichen Unterlagen. Dass diese Aktivitäten höchstens die Intensivität von Sportschau-Konsum haben darf, deren Steigerungsform darin besteht, dass dazu mit den Zehen gewackelt werden darf, war daraus nicht ersichtlich. Da hatte ich mich verrechnet.

Den Braten machte das auch nicht fett, denn unvorhergesehene Komplikationen, die sich glücklicherweise als ungefährlich, dafür umso schmerzhafter erwiesen, quälten mich sogar im Liegen.

 
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Ausgerechnet Freiburg muss ich mir also abschminken. Dabei hätte ich die neue, attraktivierte Strecke so gerne selbst unter die Füße genommen. Keine Berliner Allee mehr, mehr Innenstadtanteile, die erste Hälfte der Runde mit den Steigungen, die zweite dafür mit dem für Körper und Geist entspannenden Gefälle, dies alles wieder garniert mit 42 Musikformationen, also zwei pro Kilometer (gut gerechnet –oder?).

Statt mittendrin bin ich nur dabei. Dank dem Presseausweis darf ich nicht nur als Zaungast dabei sein und kann einen Schritt näher ans Geschehen rücken.  Kaum bin ich auf der Marathonmesse, habe ich genügend Laufluft intus, um mit der Laufplanung wieder ernst zu machen, obwohl ich mich erst in einer Woche an leichtes Footing wagen darf. Der Chefredakteur kommt mir da gleich zu Hilfe und geht mit mir an einen der Messestände von Schweizer Laufveranstaltungen. Der Grand Prix von Bern würde auch mal gerne einen unserer Schreiberlinge im Teilnehmerfeld begrüßen. Mit seinen 10 Meilen ein Stück von „unserer Normaldistanz“ entfernt, dafür mit 30‘000 Teilnehmenden der größte Schweizer Volkslauf. Für einen rekonvaleszenten Marathonisten das perfekte Umfeld, um sich  - ohne beachtet und mit besseren Zeiten verglichen zu werden – wieder an seine Passion heranzutasten.

Das kann ich in einem gewissen Sinn heute auch, denn inmitten der insgesamt etwa 10000 Teilnehmern aller Bewerbe , davon etwa 1600 auf dem langen Klassiker, und ihren Angehörigen, bin ich nur einer unter Vielen. Trotzdem treffe ich zahlreiche Bekannte, die beim Anblick meiner Klamotten die Stirn runzeln. 
Mein Bewegungsdrang ist groß und die Stimmung in der Innenstadt möchte ich möglichst ungefiltert mitbekommen, deshalb mache ich mich schon eine Weile vor dem Start auf den Weg dorthin. Am Himmel kreist ein Flugzeug mit einem Spruchband im Schlepptau: ebm-Papst wünscht allen Teilnehmern viel Erfolg! Eine schöne Geste, die hoffentlich am 9. September durch zahlreiche Marathonis honoriert wird, indem sie in Niedernhall an den Start gehen.

Die Musikgruppen sind noch am Aufbauen, Verpflegungstische werden bestückt und die Feuerwehrleute haben sich  vor ihrem blitzblank polierten Fahrzeug gemütlich eingerichtet. Hoffentlich bleibt ihnen der Tag in dieser Intensität  erhalten.

Es dauert nicht lange, da kommen die ersten Handbiker angebraust. Mich schmerzen die Arme alleine schon beim Zuschauen und der Gedanke, die Kurbel über eine solche Strecke mit diesem Schwung weiterzudrehen, lässt meine Muskeln jaulen. Respekt!

Auf meinem weiteren Weg zur Innenstadt wirkt Freiburg recht verschlafen. Aus ihren Ruhestätten herausgekrochen sind aber die Blüten der Bäume, Blumen und Blätter von Sträuchern, eindeutiger Beweis, dass die Laufsaison begonnen hat. Also die, in welcher man bei Tageslicht und anderen als arktischen Verhältnissen seinem Steckenpferd frönen kann. Ein echter Läufer hat immer Laufsaison.

 
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Meinen ersten Beobachtungsposten nehme ich beim Stadtgarten ein, wo die Läuferschar aus der Mozartstraße mit ihrem Gründach heraustreten. Es ist ein seltener Anblick, dass ich die Spitzenfahrzeuge und die Schnellsten zu Gesicht bekomme. So schnell sie kommen, so schnell sind sie vorbei. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich beim Marathon mehr Wert darauf lege, andere Leistungsregionen – und die dafür dauerhaft – beobachten zu können.

Ich freue mich für all die, welche hier mittun können. Es gibt vorne im Feld allerdings nicht wenige Gesichter, in denen ich nicht viel von Freude entnehmen kann. Je langsamer, desto mehr Spaß - ist das so? Auf dem Treppchen zu stehen ist sicher auch sehr erfüllend. Aber der Weg dorthin? Die Wahrheit wird, wie so häufig, vermutlich auch in diesem Fall in der Mitte liegen.

Auf der folgenden Schlaufe mit Begegnungsstrecke fällt mir auf, dass eine Menge Freiburger ungeduldig und undiszipliniert sind. Rücksichtslos wird die Laufstrecke im rechten Winkel gequert, häufig noch mit mitgeschobenem Fahrrad oder Kinderwagen. Nicht einmal die Mühe nehmen sie sich, einzufädeln und so die Straßenseite diagonal zu wechseln. Schade, und ich kann den Unmut der  dadurch nicht nur gestörten, sondern auch gefährdeten Läufer nur zu gut verstehen.

 
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Bis ich einen Häuserblock weiter bin, ist die Spitze schon vorbei, dabei sind sie schon 8 Kilometer weiter und haben in der Zwischenzeit einen Abstecher zum Stadion des erstarkten SC Freiburg und der Dreisam entlang zurück in die Stadt gemacht.  Wer beim Laufen Zeit und Muße hat, bekommt zwischen den Häusern das Münster von allen vier Himmelsrichtungen aus zu sehen. In der Südwestecke habe ich gute Lichtverhältnisse zum Fotografieren und sehe viele enthusiastische, freudige Gesichter. Die mit den grünen Nummern, also die Halbmarathonis, haben nur noch ein Viertel vor sich und es damit fast schon geschafft.

Mein nächster Halt ist beim Theater, wo den Läufern die Sonne wieder ins Gesicht scheint. Das gibt gute Bilder. Leider fehlt den Bildern die akustische Würze dieses Standorts. Die ist vom schwedischen Original kaum zu unterscheiden – das ist ABBA ein Kompliment!

Auf direktem Weg gehe ich dann zum  Wahrzeichen des Freiburg Marathons. Die Wiwili-Brücke (Woher der Name kommt, ist in meinen früheren Berichten nachzulesen) wird nun ebenfalls in der Gegenrichtung überquert. Damit hat man beim Laufen die große Grünanlage mit der Herz Jesu Kirche im Blick. Den Fotografen entgeht damit eine tolle Optik. Hat nicht genau dieser Bildausschnitt die Titelseite der letzten Ausgabe unseres Printmagazins geziert? Jetzt bekommen die Linsenmänner in dieser Blickrichtung eine Unmenge an Hinterteilen vors Objektiv. Was soll’s? Das sind doch die Realität und der Blickwinkel der Mehrheit der Läufer. 

 
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Von hier aus marschiere ich die verbleibenden drei Kilometer der Runde, teilweise im gleichen Tempo wie jene mit grünen Nummern, die froh sind, wenn sie bald die Ziellinie sehen. Wenn ich stehen bleibe, gilt mein Augenmerk den gelben Startnummern. Die meisten von ihnen scheinen ihre Kräfte gut eingeschätzt und eingeteilt zu haben und sind locker und mit einem Lächeln unterwegs. Beim alten Zollamt versuche ich den Marathonis im Vorfeld von Fredy, meinem Partner als 5:00-Zugläufer im vergangenen Jahr, Anerkennung und Aufmunterung für die zweite Runde zu geben, indem ich möglichst viele von ihnen auf die Speicherkarte banne.

 
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Dann ziehe ich zielwärts. Auf dem Weg dorthin komme ich an der Musikformation Nr. 41 vorbei. Die Yetis haben fertig. Trotz des kühlen Winds ist ihnen in ihren Pelzgewändern vermutlich zu warm geworden. Anders tönt es bei der letzten Musikstation. Die Mädels lassen es krachen und haben noch Energie, um mit kräftigen Stimmen zu singen. Das haben nicht alle Musiker geschafft. Einigen ist des Dampf schon früh ausgegangen und sie waren schon in der Pause als der hintere Teil des Halbmarathonfelds vorbeikam. Da haben die Senioren der Stones ausgeprägtere Marathonqualitäten, wenn es darum geht ein zweieinhalbstündiges Set zu spielen. Alles eine Sache des Trainings.

Vor dem Ziel stelle ich mich in die vorletzte Kurve und studiere die Gesichtsausdrücke der fast-schon-Finisher. Ich sehe Lachen, Tränen, Glück, Freude – eine breite Palette an Ausdrücken aller Emotionen. Sie lassen mich nicht kalt. Die Wehmut, dass ich sie nicht selbst erleben darf, vermischt sich mit der realistischen Hoffnung, dass ich in wenigen Tagen die Laufschuhe versuchsweise schnüren darf und die Chance besteht, dass ich noch vor dem Sommerurlaub auf die Marathonstrecke zurückkehren kann.

„Wann wollen sie wieder Marathon laufen?“, fragte der Arzt. „Wenn ich darf und kann, gerne schon morgen“, gab ich ihm zur Antwort…  Ich bin guter Dinge, dass ich, vorsichtig gerechnet,  im nächsten Jahr die „neue“ Streckenführung in Freiburg Meter für Meter selbst erleben darf – und zwar so gut trainiert, dass ich als wieder als Zugläufer mithelfen kann, andere Marathonis bei diesem tollen Erlebnis zu unterstützen. Ich freue mich darauf!

 

Marathonsieger

Männer

1 Franz, Bastian (GER)VfL Sindelfingen 02:24:47
2 Klingenberger, Thomas (GER) 02:35:10
3 Feremutsch, Christoph (SUI) 02:37:12

Frauen

1 Zimmermann, Denise (SUI) 02:55:50
2 Hawker, Lizzy (SUI)02:58:21
3 Mann, Svenja (GER) 02:58:33

1319 Finisher

 

Informationen: Mein Freiburg Marathon
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