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Laufberichte

Mit oder ohne Packung

 

Es ist nicht leicht zuzugeben, dass Langstreckenlaufen, geschichtlich betrachtet, häufig mit Kriegen in Zusammenhang steht,  obwohl wir die Geschichte des ersten Marathonläufers Pheidippides ja alle kennen. Nicht von ungefähr waren die ersten Ausdauerwettbewerbe der Preußische Gepäckmarsch und der Schweizer Waffenlauf. Insbesondere in der Schweiz ist man von jeher Stolz auf eine Volksarmee.  Das "Gewehr im Kleiderschrank" galt, zumindest in der Vergangenheit, als Leitbild der Schweizer Vaterlandsverteidigung.

1916, während des Ersten Weltkrieges, fand der 1. Schweizerische Armee-Gepäckmarsch in Zürich statt. In den 1940er und 1950er Jahren entstand ein richtiger Waffenlauf-Boom; viele Waffenläufe wurden in dieser Zeit gegründet. Bis Ende der 1980er Jahre waren die Waffenläufe die Volksläufe der Schweiz, es starteten dort jährlich bis zu 9000 Läufer. In den letzten Jahren hat das Interesse an den Waffenläufen aber deutlich abgenommen. Mehrere Waffenläufe (Freiburger, Toggenburger, Krienser und Neuenburger Waffenlauf) wurden eingestellt.

Der Frauenfelder Militärwettmarsch über 42,195 km ist der bekannteste unter den Schweizer Waffenläufen und findet seit 1934 in Frauenfeld (Thurgau) statt. Er gilt heutzutage als Königslauf der Waffenläufe. Gelaufen wird im Tarnanzug; wobei private Kopfbedeckungen in feldgrau oder schwarz gestattet sind. Seit einigen Jahren sind sogar Laufschuhe erlaubt. Die Packung, also das Marschgepäck, besteht aus Kampfrucksack 90 mit Sturmgewehr (Stgw) 90 und muss ein Gewicht von mindestens 6,2 kg (ohne Leibgurt) aufweisen. Für Wettkämpferinnen gilt eine Packung (mit oder ohne Waffe) von mindestens 5,0 kg Gewicht. Bei jeder Packung muss mindestens der Gewehrlauf sichtbar sein. Bei allen Waffen empfiehlt es sich, Verschluss und Magazin zu entfernen (Auszug aus dem Reglement). Erst seit 2000 gibt es im Rahmen des Frauenfelder Waffenlaufes zusätzlich den Marathon und den Halbmarathon für Läufer.

 
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Die Kaserne Frauenfeld-Stadt befindet sich mitten in der Stadt, gegenüber dem Bahnhof. Norbert parkt unseren Bus auf der anderen Seite der Gleise auf einem großzügigen Parkplatz. Ein paar Gehminuten entfernt liegt der weithin sichtbare Zielbereich. Durch ein Tor gelangen wir in eine große, graue Halle. Auf der kleinen Marathonmesse ist nicht viel los und der Bereich für die Gepäckabgabe ist ebenso leer. Umso überraschter sind wir, als wir die Halle durch den gegenüberliegenden Ausgang verlassen. Der Kaserneninnenhof ist voll von Soldaten in Tarnanzügen. Respektvoll und etwas beklommen suchen wir die Ausgabe der Startunterlagen. Da erkenne ich unter all den Getarnten eine bekanntes Gesicht: der Schweizer Daniel Steiner, Marathon4you-Kollege. Er ist heute „außer Dienst“ und ausdrücklich ohne Kamera unterwegs.

Daniel hilft uns bei der Orientierung und so können wir schnell unsere Startnummer abholen. Es wird aber auch Zeit. Der Start der Waffenläufer erfolgt auf dem mehrere hundert Meter entfernten Marktplatz und ist auf 10 Uhr terminiert.

Man stelle sich einen riesigen Platz vor. In der Mitte befindet sich das Startbanner. Drumherum haben sich um die 200 Soldaten, zum Teil mit ihren Angehörigen, eingefunden. Im Hintergrund spielt die Militärkapelle und, von vielen bestaunt, steht an der Seite eine Artilleriekanone. Ein surreales Bild.

Ein Soldat, vermutlich der Chef, stellt sich nun gegenüber des Startbanners auf. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Die Mannschaft steht in einer langen Linie zwar hinter dem Startbanner, aber quer über den ganzen Platz. Der Anführer zählt erst Minuten, dann die Sekunden herunter. Fünf, vier, drei, zwei, eins. Die Kanone wird abgeschossen, die Menge jubelt und eine grüne Masse auf hunderten von Beinen bewegt sich über den Platz. Es wird kurz eng, als die Meute auf die Straße einbiegt, dann kehrt schlagartig Ruhe ein.

 
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Szenenwechsel: knapp 10 Minuten später ist an gleicher Stelle eine bunte Läuferschar versammelt. Noch kurz vor dem Start ist keine Ordnung erkennbar. Erst als der Anführer wie schon zuvor  seinen Platz einnimmt, bekommt das Ganze ein Gesicht. An der langen Startlinie wird Aufstellung genommen. Der Sprecher empfiehlt dem Publikum, Gehörschutz anzulegen. Einige zucken trotzdem gehörig zusammen, als der laute Knall ertönt. Und los geht es.

Das Feld sortiert sich schnell. Norbert und ich reihen uns hinten ein. Im Pulk laufen wir durch die gesperrten Straßen von Frauenfeld. Es geht schon gleich bergauf. Zuschauer stehen rechts und links der Straße und applaudieren. Ich verringere mein Tempo. Unglaublich, wie hier alle rennen. Als ich ins Gehen falle, verabschiedet sich Norbert und läuft in lockerem Tempo weiter. Ich werde nach hinten durchgereicht.

Es wird flach und wir erreichen den Ortsausgang. Die Straße führt wellig, mit unerwartet knackigen Anstiegen im Wald weiter. Der Wald endet und eine beschauliche Ebene breitet sich vor uns aus. Obwohl der Hochnebel wie ein grauer Schleier über dem Land liegt, lässt sich die Schönheit der Gegend erahnen. Grüne, saftige Weiden, jede Menge Kühe, teils bewaldete Hügel und dazwischen kleine Dörfer - welch romantischer Ausblick. Alles erinnert  mich sehr an meine Heimat. Das ist kein Wunder, denn der Kanton Thurgau grenzt im Norden an Baden-Württemberg und an den Bodensee. Der Thurgauer Hauptort Frauenfeld liegt eher im Süd-Westen des Kantons, und die Laufstrecke bringt uns mit dem Wendepunkt in Wil sogar in den Kanton Sankt Gallen.

 
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Schnell sind wir in Matzingen und bei km 5, wo uns am Ortseingang ein ungewöhnliches Haus mit Grasdach begrüßt. Es geht bergab, mitten durch den Ort und hinten wieder bergauf. Am Weiler Ruggenbühl liegt die erste Verpflegungsstation. Bouillon, das isotone Rivella marathon, Wasser und Tee werden angeboten.

Ich genieße den flachen Streckenabschnitt und kann einige Plätze gutmachen. Immer wieder stehen auch an entlegenen Stellen Zuschauer, die jeden Vorbeikommenden heftig anfeuern. Wir streifen kurz Wängi, um dann in Rosental an der Behelfsbrücke den Eschlibach und die Schienen der Frauenfeld-Wil-Bahn zu überqueren.

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Informationen: Frauenfelder Marathon
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