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Laufberichte

Wenn der Wald nach Knoblauch riecht

 

Berhard Sesterheim, eine Art Paradiesvogel in der Marathon- und Ultraszene, schreibt nur noch selten etwas. Bilder macht er nie. Die Red.

 

Der jetzt schon zum 37. Mal stattgefundene Ultra-Marathon hat seinen Ursprung im FINAMA, was Fidelitas-Nachtmarsch bedeutete. Der ehrwürdige amerikanische Präsidenten J.F. Kennedy soll der geistige Vater solcher langen Märsche gewesen sein, denn er behauptete, daß ein jeder gesunde Mann in der Lage sein sollte, 50 Meilen zu Fuß zurücklegen zu können. Diese Meinung vertrete auch ich und beziehe auch das weibliche Geschlecht ausdrücklich mit ein.

Schon seit vielen Jahren nehme ich an dieser Veranstaltung, die immer entweder eine oder zwei Wochen nach dem Klassiker der 100 km-Läufe, dem Bieler Hunderter, stattfindet.

Für mich persönlich, der bereits in der M 70 antritt, sind Ultraläufe in der Regel angenehmer und kräfteschonender, da ich meinen eigenen individuellen, meditativen und Lebensfreude schaffenden Laufrhythmus zelebriere, als Marathons, wo mir doch auch die Zeit nicht ganz nebensächlich erscheint.

In Biel hatte ich das wieder genauso gemacht und fühlte mich im Ziel und auch am Morgen danach großartig und völlig unbeschwert. Anders verlief mein Erleben gestern beim Fidelitas.

Schon beim Start im Stadion Südstern in KA-Rüpurr war das Läuferfeld, in das ich mich ganz hinten einreihte, schon für meine Belange sprintend unterwegs.

Und nachdem ich dann Minuten später, im Karlsruher Bannwald angekommen, eine kurze Wasserlassungspause einlegte, war ich ganz alleine auf weiter Flur.

Ich sputete mich dann auch, um wieder Anschluss zu finden und rückte wenige Minuten danach auf einen Läufer in der M 55 auf. Wir liefen, uns gut unterhaltend eine Weile zusammen und ich verkündete dann an der 1. VP, dass sie abbauen können, da hinter uns niemand mehr kommen würde.

Richtig glücklich fühlte ich mich dabei nicht, denn in der Vergangenheit hatte ich dort immer das gute Gefühl, eine, wenn auch kleine Anzahl Läufer hinter mir zu wissen. Und da meldete sich bei mir eine innere Stimme: “Nein, nein Allerletzter sollst Du auch nicht sein!“

Ich nehme jetzt die Laufveranstaltung wieder als Rennen wahr und verschärfe für meine Begriffe mein Tempo und lasse den M 55ziger einige Meter hinter mir, in der Hoffnung, bald den nächsten Konkurrenten ein- und überholen zu können.

Es geht durch Durlach und ich sehe auch an der nächsten VP keinen dort verweilenden Läufer mehr. Ich erhöhe weiter meine Laufgeschwindigkeit. Nach weiteren 2 km erblicke ich dann mit Freude einen gelbhemdigen Konkurrenten vor mir. Er geht und läuft dann wieder schnell an. Mehrmals wiederholt er diese Prozedur und die Gehpausen werden bei ihm immer länger, sodass ich ihn wenige Minuten danach kurz vor der 3. VP überholen kann.

Ich schätze sein Lebensalter so auf 40 Jahre und auf meine Frage nach seinem Befinden, erklärt er mir, dass es ihm nicht gut ginge, er wohl viel zu wenig trainiert habe und er deshalb schon an der bereits sichtbaren Wasserreichungsstelle aussteigen werde. Er verspricht mir noch, dass wir uns das nächste Jahr auf alle Fälle bei diesem Rennen wiedersehen würden…

Nach ca. 20 km habe ich die Rhein-Tiefebene hinter mich gebracht, und ich bewege mich in einem Hohlweg von dschungelhaftem Bewuchs umgeben, einen Steilanstieg gehend nach oben.

Heute, wo angenehme Temperaturen von weit unter 20 Grad C vorherrschen, ist es hier ganz angenehm. Ich erinnere mich, als in einem früheren Jahr, genau an dieser Stelle und bei Temperaturen von über 30 Grad C der Schweiß in Strömen floss, Schnaken in Hundertschaften über mich herfielen und eine Läuferin entnervt um sich schlagend mir entgegenkam und wegen vieler Insektenstiche das Rennen an dieser Stelle abbrach.

Heute mache ich eine andere Entdeckung und zwar eine  Nasenbeindruckende…  Es riecht hier, als wenn ich mich mitten einer Hundertschaft von Knoblauch-Vielessern auf engstem Raum befinden würde.

Keineswegs verschmähe ich aus kulinarische Gründen diese wohlschmeckende Heilpflanze bei bestimmten Gerichten, die auch noch gleichzeitig die Arterien von Ablagerungen frei hält und einen überaus positiven Einfluss auf die Gesunderhaltung der Leber hat. Doch hier erscheint mir dieser spezielle Geruch doch etwas zu stark zu sein. Mein Magen verkündet mir erste Knoblauchessenungelüste. Es ist der an diesem Platz in großen Mengen wachsende Bärlauch, der jetzt bei dieser Jahreszeit, den Wald nach Knoblauch riechen lässt.

Nach Verlassen dieses stark nach mediterraner Küche duftenden Waldes erreiche ich wieder das freie Feld mit weithin 3 sichtbaren Obstbäumen und erfreue mich an dem Anblick auf die Weite der vor mir liegenden in den verschiedenen Fruchtformen geprägten mit einzelnen eingesprengelten Wäldern Kulturlandschaft.

Die 4. VP ist erreicht und noch immer ist kein Überholungsaspirant in Sicht. Und mein mich verfolgender Konkurrent kommt schon wieder in Sichtnähe…

Jetzt renne ich eine längere Strecke nach Jöhlingen flott hinab, kann aber meinen Vorsprung zum Nachfolgenden nur ganz wenig ausbauen. Und auch bei 2 weiteren Verpflegungsstellen, wo ich zum Trinken stehenbleibe, bleibt es so. Er bleibt immer nur wenige 100 Meter hinter mir.

Auf Nachfragen an der 6. VP erfahre ich, dass der vor uns Laufende erst vor 2 – 3 Minuten die Verpflegungsstelle verlassen hat. Mittlerweile ist es dunkel geworden und ich schalte meine Taschenlampe ein. Wieder geht es einen viel Kraft fordernden ansteigenden Waldweg hoch, wo viele fliegende Glühwürmchen wie auch in den Jahren zuvor wieder aktiv sind.

An der nächsten Verpflegungsstelle in einem Ort muss ich hören, dass der Vorsprung meines Konkurrenten jetzt 10 Minuten beträgt. Anders als in den Vorjahren, als ich sprüchemachend so manchen VP-Helfer zum Lachen brachte, mache ich mich sofort wieder auf den Weg. Glücklicherweise ist uns das Wetter hold, denn es ist weder schweißtreibend warm noch regnet es. Voriges Jahr kam ich an dieser Stelle in den Genuss einer ca. 1 Stunde anhaltenden Schwallbrause in Form eines sehr kalten Starkregens.

Flott wird die Steigung innerhalb des Ortes und danach genommen. Ich bin immer ein klein wenig schneller unterwegs, als mein Wohlfühltempo es zulässt. Der innere Schweinehund spricht jetzt mit mir: „Was soll das, bist Du jetzt dabei, ganz zu verblöden? Was kümmert Dich die Geschwindigkeit anderer, die Dich überholen wollen? Die letzten Jahre tönst Du doch nur überall von den Segnungen des Langsamlaufens herum, warum hältst Du Dich jetzt nicht selbst an Deine Weisheiten, du Spinner!“

Ich sage jetzt dem inneren Schwein, dass ich nicht will Letzter sein!

Jetzt,  ja ich sehe auf einem weit einsehbaren Weg endlich das Leuchten einer sich bewegenden Lampe. Endlich wird der vor mir laufende Konkurrent sichtbar…

An der nächsten Verpflegungstelle innerhalb eines Dorfes hole ich ihn ein, laufe einige Minuten mich mit ihm unterhaltend zusammen, wobei er mir bekundet, sich gut zu fühlen und das Rennen im Ziel beenden zu wollen.

Ich laufe mein Tempo weiter und er lässt sich zurückfallen. Auf einer weiten geraden Strecke im Wald kann ich dann einige 100 m hinter mir zwei mich verfolgende Leuchtkegel feststellen. Ich spute mich weiter und habe bald auch bei weit einsehbaren Strecken keine Lichter mehr hinter mir. Sollte ich jetzt endlich einen komfortablen Vorsprung erlaufen haben?

Also reduziere ich meinen Rhythmus auf meine Wohlfühlgeschwindigkeit. Und eijeijei, nach einer weiteren gut einsehbarer Strecke muss ich schon wieder die an eine Flutlichtanlage erinnernde Stirnlampe meines ständigen Verfolgers sehen. Er klebt sprichwörtlich wie eine Klette an mir.

Eine längere Strecke bergablaufend kann ich meinen Vorsprung wieder ausbauen,  gönne mir eine Wasserlassungspause und schon sehe ich hinter mir wieder das Licht…

An einer VP bei ca. 60 km, wo ich sonst immer eine komfortable und kräftewiederbringende Sitzpause eingelegt habe, trinke ich jetzt auf die Schnelle nur 3 Becher Wasser und verschwinde eiligen Schrittes sofort wieder.

Nun geht es viele km nur bergab, wobei ich mich fast ohne Anstrengung für meine Begriffe schnell vorwärts bewege und den Blick auf eine sich bewegende Leuchte einige 100 m vor mir genieße.  Bald habe ich den sich in der M 30 befindlichen Läufer eingeholt, wechsele ein paar freundliche Worte mit ihm, lasse ihn zurück und vergrößere meinen räumlichen Abstand.

Nachdem ich keine Flutlichtanlage bzw. keine Leuchte der mich Verfolgenden mehr hinter mir wahrnehme, verringere ich jetzt wieder meine Laufgeschwindigkeit und genieße stattdessen in meinem Wohlfühltempo das Rennen.

Intensiv nehme ich die beginnende Morgendämmerung mit lautstarkem Vogelgezwitscher wahr, sehe gerade einen Igel mit Hochgeschwindigkeit vor mir über den Waldweg rennen, erfreue mich an dem Plätschern des jetzt unmittelbar neben mir fliesenden Baches und bin froh, wieder hier zu sein.

Bei den vorhergehenden Teilnahmen dieses wunderschönen Landschaftslaufs hatte ich an dieser Stelle immer ein Magenunwohlsein zu ertragen, das von dem kohlesäurehaltigen Wasser an den VP’s verursacht wurde.

Diesmal ging man endlich von Seiten des Veranstalters auf meinen Verbesserungsvorschlag ein und verwendete nur absolut stilles Wasser. Gleichwohl verspüre ich keine Lust auf feste Nahrung, und na ja, reservelos in punkto Körperfett bin ich ja nicht gerade.

Der Innere Guthund lobt mich jetzt: „Bist Du 80 km gerannt, hast Du auch Fett verbrannt!“

Kurz vor Ettlingen, nach Überschreiten einer Bahnlinie ist es nun richtig hell geworden, geht es noch immer wohlfühljoggend weiter zu einer nun unbemannten Verpflegungsstelle neben einem Hallenbad, wo ich 3 weitere Becher Wasser zu mir nehme.

Ca. 1 km nach der Stadt auf einem geteerten weit einsehbaren Feldweg klingelt mein Mobiltelefon. Meine liebe Birgid ruft an und erkundigt sich nach meinem Befinden. Sie war diesmal mit mir von Trier nach Karlsruhe gereist, hatte in einem Hotel übernachtet, um mich dann am Morgen im Ziel abzuholen und sich als Chauffeur bei der Heimreise zu betätigen, in der Sorge, mich nach der durchgelaufenen  Nacht vor den Unfallgefahren, die vom Sekundenschlaf herrühren, zu bewahren.

Es war schon eine Art von Telepathie, denn vor einigen Minuten an der letzten VP wollte ich sie anrufen.  Sie macht sich auf den Weg zum Ziel.

Im Karlsruher Bannwald angekommen, nehme ich jetzt wieder die ganze Schönheit des urwaldähnlichen Mitteleuropäischen Laubwalds wahr. Sehe Rehe und Wildschweine den Weg queren und… es riecht wieder ganz intensiv nach Knoblauch. Der Geruch schmälert meine einsetzende Euphorie, verursacht durch Nichtappetit auf feste Nahrung, ein ganz klein wenig.

Von meinen Verfolgern ist  auch bei längeren Geraden seit längerem und jetzt ca. 5 km vor Ettlingen nichts mehr zu sehen. Anscheinend ist es mir doch gelungen, sie abzuhängen und ich bewege mich, das nahe Ziel vor mir wissend, schon fast lustwandelnd weiter.

Das Ziel, das Stadion am Südstern, wird sichtbar und ich laufe nun doch etwas für meine Begriffe zu schnell nach einer Stadionrunde durch den Triumphbogen, wo ich meine liebe Birgid umarme und freue mich, freue mich sehr!

Fazit:

Es sind die Gefühle, die mental süchtig machen können. Allerdings wäre es schöner für mich gewesen, wenn ich ausschließlich wie die Woche zuvor beim Bieler Hunderter in meinem Wohlfühltempo unterwegs gewesen wäre. Meine Kontrahenten kamen übrigens nur wenige Minuten nach mir ins Ziel. Ich war diesmal schneller als die letzten Jahre unterwegs und dennoch im Gegensatz zu früher stark gefährdet, Letzter zu werden, was daran lag, dass so manch langsamer Läufer aus dem Rennen ausstieg. Auf jeden Fall werde ich auch nächstes Jahr in KA-Rüpurr wieder dabei sein, dann aber nur noch MEINEN Rhythmus laufen.

 

Informationen: Fidelitas Nachtlauf
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