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Laufberichte

Warum denn in die Ferne schweifen....

25.06.11

.... Karlsruhe ist so nah!

Ein Ultramarathon, 80 km, ein Nachtmarathon und Staffellauf in Baden. Was will man mehr?

Eigentlich wollten wir in Biel laufen, Thomas und ich, nachdem wir letztes Jahr verletzungsbedingt nicht teilnehmen konnten. Aber die Umstände, die kennen die Marathon4you-Leser aus den Berichten: Nichts war wie früher - die Messe, der Start die Organisation. Und dazu das Wetter. Dafür kann zwar keiner etwas; es war aber damit für uns zu viel.

Wir waren dort und sind 1 Stunde vor dem Start wieder gefahren. Ja, natürlich, das tun wirkliche „Helden“ nicht, insbesondere, wenn man so ein heftiges Startgeld bezahlt hat. Aber wir konnten uns nach beruflichen Stresswochen nicht überwinden, 100 km in der Nacht durch Starkregen zu laufen. Also suchten wir nach Alternativen. Und völlig erstaunt  „stolperten“ wir über den Nachtlauf Karlsruhe, 80 km durch die Nacht und den Schwarzwald. Wenn man aus dem nahen Heidelberg kommt, dann verwundert es doch sehr, dass man diesen Nachtlauf, mitten im Sommer, einfach nicht wahrgenommen hat. Und die Anmeldezahlen zeigen, dass es sich hier tatsächlich noch um einen „Geheimtipp“ zu handeln scheint. Und das obwohl der Lauf schon zum 33. Mal stattgefunden hat.

Der Rand des Stadions des PSK-Gelände in Karlsruhe-Rüppur ist schon gut gefüllt, als wir 45 Minuten vor dem Start ankommen. Alles verläuft ohne Hektik, ohne Parkplatzprobleme und mit Hilfe vieler freundlicher und gut gekennzeichneter Hilfspersonen. Kein Vergleich zu Biel 2011.

Der Startschuss zum 80 km Lauf verläuft um 17 Uhr fast unspektakulär und hätte man sich nicht in der Reihe der Läufer auf der Aschenbahn befunden, dann wäre der Beginn des Laufes wohl an uns vorbeigezogen. Die Ultras und die Staffel des Ultralaufes beginnen im Stadion, die (Nacht-)Marathonis werden mit einem Shuttleservice zu km 38 gebracht, nach Mutschelbach, um dort um 20 Uhr zu starten.

Beim Start überkommt mich ein ganz mulmiges Gefühl: Nicht wirklich viele Läufer und 80 km in der Nacht! Das heißt alleine auf weiter Fläche, 16 Stunden Zeit. Einsamer Lauf! Und dann kommt die Sorge über mich, die Wege nicht zu finden. Was passiert, wenn man eine Abzweigung übersieht? Ach, beruhigt mich Thomas, das sei schon häufiger passiert. Die Abzweigungen seien mit weißen Pfeilen markiert und an den Bäumen hängen Absperrbänder, weiß-rot  (ab sofort der „Teufelslappen“ genannt). Thomas erklärte in seiner empathischen Schulmeisterart weiter, dass man/frau dann bei verpasstem Weg eben im Nirgendwo lande, eventuell viele km zurück müsse und deshalb 16 Stunden Zeit manchmal gerade nicht ausreichend seien. Seine beruhigende Art ist doch einmalig und ich bin überzeugt, dass ich immer höchst persönlich die Straße und den Weg überwachen werde. Im Vorgriff sei aber angemerkt, ohne ihn wäre ich bei ca. km 55 schnurstracks den Weg runtergerannt, weil ich mir nicht vorstellen wollte, dass es wieder bergauf geht.

Die ersten km laufen gut, flach, durch den Wald, durch Durlach, ohne eine gesperrte Straße, wir sind ja bekanntlich nicht so viele, perfekte Verpflegung von Anfang an mit Melone Salzstangen, Wasser, Iso, bald gibt es Africola (doppelt so viel Koffein wie normales Cola), Tee, Malzbier usw. und bis zum letzten km nur freundliche, hilfsbereite Leute. An dieser Stelle das erste große Lob an die Veranstalter. Das war einfach gut und hilfreich und man hatte immer das Gefühl, wenn man durch die Nacht ein Stromaggregat hörte, bald wieder ein Stück daheim zu sein. Wie habe ich mich immer gefreut, wenn es brummte, am Rande des Waldes, dann ein Licht: Ja super Trinkstation, Brot und Wasser, wie im Knast aber das kann auch ein Hochgenuss sein!

Jetzt wieder zurück zur Strecke: Aber da kann ich eigentlich nicht viel sagen. Nach Grötzingen ging es ab in den Schwarzwald, einen Hohlweg hoch und wieder runter und hoch und runter und wieder hoch. Und der Wald war dunkel, nein schwarz, die Dörfer leer, lag wohl daran, dass wir zu spät waren, ich gebe es zu. Aber es war schön, ruhig, besonnen und wieder hoch und runter und hoch und runter. Ach Gott, irgendwann verliert man das Gefühl, in einer stockdunklen Nacht, mit der Stirnleuchte auf dem Kopf, ob es jetzt grad hoch oder runter geht. Es schmerzt gleichermaßen. Wir sind durch Dörfer gerannt, später geschlichen, die ich im Leben noch nie gehört habe, obwohl ich aus der Nähe von Karlsruhe stamme. Dörfer mit wunderschönen Fachwerkhäusern, traumhaften Gärten, duftende Blumen.

Und dann liefen wir einen Weg entlang, es müsste nach Langenalb gewesen sein, der war nahe am „Ho Chi Minh“ Pfad in Biel. Wurzeln und Steine, geschlungener enger Weg und Bäume, die den Weg überragten. So kam es mir wenigstens vor.

Ab Marxzell fand die Quälerei ihren Höhepunkt. An der Verpflegungsstation fragte ich, wie weit wir noch laufen müssen und der Helfer meinte spontan 60 km. Ich bin so furchtbar erschrocken, dass ich ihn wohl vollkommen entgeistert angesehen haben muss. Er entschuldigte sich sofort und meinte, wir seien schon 60 km gerannt. Ich habe ihm die noch ausstehenden 60 km zuerst tatsächlich geglaubt. Ich kann nach km 30 bei keinem Lauf mehr rechnen und muss mich immer extrem konzentrieren, um einfache Subtraktionen vorzunehmen, wie z.B. 80 km – 60km =???, .... nahezu unmöglich.

Beim Lauf hatte ich nämlich ein weiteres Problem. Mein Pacemaker zeigte mir im Wald weder die Geschwindigkeit noch die Distanz richtig an. Gut, ein Laufkollege, nein es war Klaus D. (!), meinte vor dem Lauf, ich solle mir zu Weihnachten mal ein neues Teil schenken  lassen, denn das an meinem Arm gehöre wohl eher ins Museum.

Noch mal zur Strecke Marxzell (wunderschönes verrücktes und liebevoll geführtes Automuseum) nach Ettlingen. Hier muss man sich ablenken, erzählen o. ä. Oder man braucht einen „frischen“ Begleiter. Mir war schlecht, Thomas war schlecht und der Weg zog sich. Emotional eine echte Herausforderung. Wahrscheinlich hätte ich mich aber in die Alb gestürzt, wenn Thomas gemeint hätte, er müsse mich jetzt mit lustigen Details aus seinem Leben unterhalten. Also weiter. Ettlingen: km 70. Und hier hat sich doch tatsächlich ein Läufer verlaufen, der uns bei km 60 überholt hatte. Er kam nach uns ins Ziel, immer noch lächelnd (großes Lob) und erzählte von seinem Patzer, der ihn wenigstens 1 Stunde gekostet hat. Armer Kerl!

Bei km 70 ging kaum noch was: zu schlecht trainiert, Biorhythmus auf dem Nullpunkt, Beine müde, Kopf schon daheim. Und dann fragte ich Thomas alle paar Minuten, ob wir denn schon bei km 75 durch seien. Ja meinte er, sicher, das müsse ganz sicher schon lange vorbei sein. Und ich fragte wieder, wieder und wieder. Und er beruhigte mich. Und dann mitten auf dem Weg: Ich wähnte mich bei km 78,9 kam die Marke 75 km. Thomas entdeckte sie zuerst. Auch ihm war die aufsteigende Verzweiflung anzumerken. Auf wen sollte ich jetzt sauer sein? Sauer sein hilft mir nämlich manchmal, meine Müdigkeit und Schmerzen zu vergessen. Aber Thomas konnte ja (ausnahmsweise) nichts dafür, die Veranstalter auch nicht, die hatten wohl auch richtig gemessen, die haben auch alles richtig gemacht. Ich wollte denjenigen verfluchen, der die Maßeinheiten erfunden und festgelegt hat. Aber mein Kopf war leer, wer war das nochmal und er war bestimmt schon tot. Also weiter. Dann hörten wir laute Stadionmusik und Ansagen. Wir sind bald da. Aber bei der nächsten Trinkstation erklärte man uns, dass das eine Open Air Disco sei. Wieder ein Stück Verzweiflung.

Schaffen wir das? Wir schaffen das! Im Laufschritt durch den Hardtwald, nicht denken, laufen, nicht reden, atmen und weiter.

Das Stadion, hell erleuchtet, in stiller Beschaulichkeit. Noch eine Ehenrunde! Thomas flüsterte mir zu: Noch 2 Kurven... (eigentlich waren es ja 3. Aber da er mir später erzählte, dass nicht mal sein Bart über Nacht gewachsen war, sehe ich ihm diesen großen Rechenfehler heute großzügig nach!)

Und die Helfer klatschen!

Wunderbar.

Da weiß man/frau, was man geschafft hat in so einer warmen Juninacht. 80 km durch den Schwarzwald zu rennen, unterstützt von Helfern, denen nichts zu viel war. Eine Organisation, die auch für wenige Läufer sehr, sehr gut funktionierte.

Und ich weiß, wenn mal das Benzin knapp wird oder wir autofreie Sonntage bekommen, dass ich am Samstag 80 km durch den Schwarzwald rennen kann, um am Sonntag bei der Oma zu sein, um ihr Kuchen und Wein zu bringen. Die wohnt nämlich auch 80 km von mir entfernt. Aber wer schleppt so einen Quatsch durch den Wald?

Nochmals ein Danke an Alle, die sich für uns die Nacht um die Ohren geschlagen haben und im Vorfeld alles so perfekt organisiert haben. Dieser Lauf sollte kein „Geheimtipp“ bleiben!

 

Informationen: Fidelitas Nachtlauf
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