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Laufberichte

Nacht-Aktiv

28.06.14

Ist Nachtschweiß eine natürliche Reaktion auf eine zu hohe Umgebungstemperatur oder auf einen zu warmen Pyjama? Vielleicht gibt es aber auch einen anderen Grund, weswegen man nachts ins Schwitzen kommt.

Es ist 19:00 Uhr, als der vollbesetzte Reisebus uns Marathonläufer an den Startpunkt nach Mutschelbach bringt. Es ist Fußball-Weltmeisterschaft im weitentfernten Südamerika. Wer bei den immer wieder vorbeiziehenden Gewittern lieber den Stecker zieht, oder zwischen den Spielen spannender unterhalten werden möchte, hat sich heute im nahe gelegenen Karlsruhe ein besonderes Highlight ausgesucht. Die achtzig Kilometer-Ultramarathon-Läufer sind bereits seit zwei Stunden durch den Nordschwarzwald unterwegs. Eine Stunde vor Anpfiff des ersten Spiels im Achtelfinale.

Den Fidelitas Nachtlauf gibt es bereits seit sechsunddreißig Jahren, firmierte allerdings unter dem etwas sperrigen Titel „Fidelitas Nachtmarsch“. Die Deutschen waren und sind schon immer ein Volk der Wanderer. Nicht nur ihre Dichter und Denker waren gerne in Wald und Flur unterwegs, auch meine Eltern schnürten mit Begeisterung die Stiefel. Für viele war und ist Wandern die wahrscheinlich einfachste gemeinsame Freizeitbeschäftigung, technisch anspruchslos und ohne gröbere monetäre Nebenwirkungen - meistens jedenfalls.

Achtzig und weit über Hundertkilometerlange Märsche, Volkswandertage bzw. Marathon-Wanderungen gab und gibt es zuhauf. Zum Beweis des erfolgreichen Finish musste meine Mutter jeden weiteren IVV (Internationaler Volkssport Verband) Patches auf die „Rocky“ Kapuzenjacke meines Vaters nähen. Aus dieser Zeit resultiert beim Fidelitas Nachtlauf noch das großzügige Zeitlimit von 16 Stunden (!). Trotzdem: Die Fußball-WM ist vielleicht auch ein Grund für die diesjährige niedrige Starter-Beteiligung.

Wandern hat den Imagewandel geschafft. Vom Wanderschuh zum Trailschuh, vom Wandern zum Speed-Hiking. Es gibt zwei Arten von Läufer-Typen. Die einen lieben die ultralangen Strecken - die anderen nicht. Ich bin eine UltraHALBmarathonläuferin. Ich halte (meist) nichts von Langstreckenexpeditionen, vergnüge mich lieber auf der zweiundvierzig Kilometer kurzen Schnuppertour. Und damit bin ich hier in der Minderheit. Ich bezeichne mich als UltraHALBmarathonläuferin, denn der echte Fidelitas Nachtläufer, und das sind hier dreimal so viele wie Marathonläufer, legt auf der Strecke von Karlsruhe über Mutschelbach nach Karlsruhe achtzig Kilometer zurück – laufend oder wandernd.

 
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Schon bei der Anfahrt zeigt sich, wie weise meine Entscheidung doch war, denn der Himmel wirkt bedrohlich dunkel und die Kilometer ziehen sich auch auf der Busfahrt. Ich denke an ein Telefonat von letzter Woche. „Hallo, ich bin´s Andrea.“ - „Das ist eine Überraschung. Du kommst also nach Mutschelbach?“, fragt Dieter am anderen Ende des Telefons. „Schön, wir sehen uns dann am Samstag“.


Saturday-Night-Fever


Bei der Kontrollstempelstelle vor dem Rathaus in Mutschelbach haben wir uns verabredet. Endlich einmal wieder. Ich war mit süßen fünfzehn Jahren in den einige Jahre älteren Sohn meines Vaters bestem Freund verliebt und daher verständlicherweise landschaftsblind. Wir stehen am Start der Marathonläufer in Mutschelbach- es ist noch Zeit. Etwa die Hälfte der Strecke und der zweite Staffelwechsel sind für die Ultraläufer in Mutschelbach erreicht. 

Wow, plötzlich rast die Startnummer 1 unter Beifall an uns vorbei. Es ist Marcell Dahringer, der hier bereits achtunddreißig Kilometer in den Beinen hat. Dieter und ich schwelgen weiter, den Kopf voller Erinnerungen und - mehr noch - Verklärungen. Zu meiner Überraschung ist auch Dieters Sohn Peter da, er hat Bereitschaft beim DRK Mutschelbach. Es war 1978 - ich erinnere mich an einen tiefergelegenen feuerroten Sportflitzer, am Steuer ein junger Mann mit schwarzen langen Haaren. Die Autoscheiben waren runtergekurbelt und aus dem Innenraum quietschen die Bee Gees: „Haa-haa-haa-haa staying alive, staying alive“. Grund genug um für einen Teenager, gemeinsam mit den Eltern nach Mutschelbach zu fahren und dann auch noch zu wandern. Auch Erinnerungen können rosten. Ansonsten war Mutschelbach für mich einfach nur ein ganz langweiliges Nest, in dem nichts passiert.

Mutschelbach hat sich seinen dörflichen Charakter bewahrt und machte schon sehr früh Grenzerfahrungen. Einige Geschichts-Schnipsel lassen sich bis in das Jahr 1278 zurückverfolgen. Die baden-württembergische Landesgrenze verlief durch Mutschelbach und das war zweigeteilt, in ein badisches- und ein württembergisches Dorf. Nur im Ausnahmefall gestattete man einzelnen württembergischen Bewohnern, auch im Badischen zu wohnen. Die Obermutschelbacher trugen den Spitznamen Schmierbrenner, denn aus den Kiefern der umliegenden Wälder wurde der Saft in Öfen gebrannt. Noch interessanter finde ich die Untermutschelbacher Kiwwelscheißer (Kübelscheißer). Der Name liegt in dem Brauch begründet, dass die Bauern ihre Notdurft auf Eimern verrichteten, um diesen dann als Dünger auf den Feldern zu verteilen.


Fidelitas-Express-Overnight


Genug geredet. Es ist 20:00 Uhr - Ruckzuck ist die Zeit verlogen, ein kurzer Gruß: „Wir sehen uns wieder, Grüß die Mama“ und ich rase dem Läuferfeld hinterher. Keine Ahnung, ob ich den Weg, der vor mir liegt, vielleicht 1978 schon gegangen bin. Leicht ist der Anfang schon mal nicht, denn es geht sofort bergan und über einen Dammweg weiter durch den Wald im Bocksbachtal in den belebten Ort Langensteinbach.

 
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Ich folge den mit rot-weißen Bändern oder die mit weißem Kalk auf den Waldboden gesprühten Markierungen auf den anfangs vielen mittleren bis kurzzeitig starken Steigungen. Wird die Kreidemarkierung auch noch zu sehen sein, wenn es anfängt zu regnen, frage ich mich. Dem im Hintergrund brummenden Autoverkehr ist einer angenehmen Stille gewichen. Ich summe meinen 78er Lieblingssong, andere Dinge kommen mir in den Sinn.

 
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1978 war die Prämiere dieses Laufes, da hieß unser kettenrauchender Bundeskanzler Helmut Schmidt, die Sommerzeit führte erstmals zu Verwirrungen und ein 27 Jahre junger Fußballer, der heute im Gefängnis sitzt, wird Manager bei Bayern München. Ach ja,und ein Liter Benzin kostete gerade einmal eine D-Mark. Zu der Zeit war die Gruppe Leute, die mir  hier am Grillplatz nachjubelt, noch gar nicht geboren. Unbemerkt sind einige Kilometer durch ein Patchwork aus Wiesen und Äckern verflogen. Wegen der zunehmenden Gewitterneigung bin ich beunruhigt, als der erste Wetterblitz näher rückt und meine Schritte werden ungewollt schneller. Da vor mir: Eine Baumgestallt; also eine Gestalt wie ein Baum. Hochgewachsen und stämmig, wettergegerbt. Die Krone gelichtet, runde Musikboxen auf den Ohren.

 
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Das laute Zwitschern der Vögel wirkt irgendwie beruhigend. Frühmorgens denke ich, wenn ich mal lange schlafen möchte, kann mir dasselbe Vogelkonzert die Laune verderben. Der Läufer mit der Musikanlage auf den Lauschern kann es nicht hören - das kurze, aber große Abendkonzert der Vögel, welches durch das Zirpen tausender Grillen abgelöst wird. Gemächlich verstummt auch das Summen und Brummen um mich herum und die letzte Mücke hat ihren Tod in meinem Auge gefunden.

 
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Informationen: Fidelitas Nachtlauf
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