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Laufberichte

Mein erster Ultralauf

24.06.06

Mittwoch, 14. Juni 2006, Lauftraining SV Hohenwettersbach:


Während meine Lauffreunde vom SVH und ich durch die Felder Hohenwettersbachs laufen, besprechen wir die Einteilung der einzelnen Läufer für unsere zwei Finama-Staffeln in zehn Tagen. Ich melde mich für die 3. Etappe und ergänze, dass ich 2007 gerne einmal die kompletten 80 km in Angriff nehmen würde. Alle schauen mich ungläubig an und fragen sich, ob ich jetzt total übergeschnappt bin.


Als ich zu Hause ankomme, frage ich mich, warum ich eigentlich mit diesem Vorhaben noch ein ganzes Jahr warten soll. Schließlich bin ich in diesem Jahr bereits drei Marathons gelaufen, habe die zugehörigen Trainingseinheiten absolviert und bin somit ganz gut im Training. Außerdem habe ich den LGT Alpin-Marathon in Liechtenstein vor ein paar Tagen ohne Probleme weggesteckt. Bestimmt werde ich also im Juni 2007 nicht besser trainiert sein als jetzt. Was spricht also dagegen, schon dieses Jahr einen Ultralauf zu wagen. Ich informiere meine Laufkollegen über unser SVH-Internet-Forum, dass ich leider in diesem Jahr als Staffelläufer ausfallen werde und melde mich zum 28. Fidelitas Nachtlauf am 24. Juni 2006 als Einzelläufer an.


Samstag, 24. Juni 2006, Stadion TUS Rüppurr:


Es ist soweit. Heute werde ich erfahren, wie weit mich meine Füße tragen können. Ich habe mir vorgenommen, meinen ersten Ultralauf ganz vorsichtig anzugehen und notfalls irgendwo auf der Strecke abzubrechen, falls irgendwelche Probleme auftreten sollten. Insgeheim hoffe ich aber, dass ich die 80 km durchstehe und eine Wunschzielzeit habe ich mir auch schon ausgerechnet: Spätestens zehn Stunden nach dem Start würde ich gerne im Ziel ankommen. In Gedanken habe ich mir die Strecke schon genau eingeteilt und sogar Überlegungen angestellt, wie lange ich wohl für jede Etappe brauchen werde. Am meisten Respekt habe ich gleich vor dem ersten, 18,3 km langen Teilabschnitt. Dieser führt nämlich kilometerweit über das freie Feld, was bei wolkenlosem Himmel und 31 Grad Celsius für meine Leistungsfähigkeit tödlich sein kann.


Auf dem Vereinsgelände des TUS Rüppurr sehe ich viele bekannte Gesichter. Auch Bernhard ist hier, der schon viele Ultras gelaufen ist. Er hat mich nach meiner Anmeldung zum Einzellauf bestätigt, indem er mir versicherte, dass ein Marathonläufer auch 80 km schafft und ein 80-km-Läufer auch die 100 km von Biel laufen kann, wenn er sich das Rennen nur richtig einteilt und mit seinen Ressourcen sorgfältig haushält.


Kurz vor 17 Uhr stehe ich mit Enrico, Andi und Dieter (und vielen anderen Läufern) am Start. Enrico läuft die erste Etappe der SVH-Mixed-Staffel, Andi muss heute die ersten beiden Etappen unserer Männer-Staffel bewältigen, weil Patrick, der für die zweite Etappe eingeteilt war, kurzfristig ausgefallen ist, und Dieter will sich zusammen mit mir auf die ganze Strecke wagen.

 

 
Vor dem Startschuss informiert uns der Mitveranstalter Dr. Karsten Haasters über zwei aktuelle Streckenänderungen.
© marathon4you.de 3 Bilder

Nachdem Dr. Karsten Haasters, Mitveranstalter des Finama, uns noch schnell über zwei Streckenänderungen informiert hat, feuert der Karlsruher Sportbürgermeister Harald Denecken gleichzeitig mit dem Anpfiff des WM-Achtelfinalspiels Deutschland – Schweden in München den Startschuss ab. Ich gieße mir wegen der Hitze noch schnell einen Liter Wasser zur Kühlung über den Kopf und los geht es.


1:0 – Was kann jetzt noch schief gehen?


Als wir nach einer Ehrenrunde und etwa einem Kilometer Laufstrecke noch einmal am Vereinsgebäude des TUS Rüppurr vorbeikommen, rufen uns Freuden strahlende Zuschauer zu, dass Deutschland bereits das erste Tor geschossen hat, womit die Chancen schon einmal gut stehen, dass ich während dieses Laufs nicht das letzte Deutschlandspiel dieser WM verpasse.

 

 
Kurz nach 17.00 Uhr geht es los.
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Zufrieden trabe ich weiter und erschrecke fast ein wenig, als ich nach 26 Minuten bereits das 5-km-Schild erreiche. Schnell drossle ich ein wenig das Tempo, was auch Dieter Recht ist, der bereits kritisch seinen Puls beobachtet. Kurz darauf verlassen wir den schützenden Wald und laufen weiter Richtung Industriegebiet Durlach. Dort gibt es für mich die zweite Überraschung. Nach etwa acht km Wegstrecke überhole ich Enrico von unserem Verein, der ja nur die ersten 18,3 km der Strecke laufen muss und eigentlich schneller sein sollte als ich. Aber ich bin auch recht flott unterwegs. Bereits nach 55 Minuten komme ich an der 10-km-Marke vorbei. Doch so lange ich mich wohl fühle, möchte ich eigentlich das Tempo beibehalten, um möglichst schnell aus der quälenden Sonne herauszukommen.

 

 
Über die Felder Richtung Industriegebiet Hagsfeld
© marathon4you.de 5 Bilder

Wir laufen weiter über die Felder Richtung Industriegebiet Hagsfeld. Hier ist das Läuferfeld schon so weit auseinander gezogen, dass Dieter und ich ganz alleine unterwegs zu sein scheinen. Nicht nur deshalb ist es hier ziemlich öde: Zwischen den verschiedenen Büro- und Industriegebäuden stehen genau null Zuschauer. Also versuchen wir das Industriegebiet schnell hinter uns zu lassen, um wieder auf die Felder Richtung Grötzingen zu kommen.


Nach 1:26 Stunden sind die ersten 15 km geschafft. Von hier aus kann man schon Grötzingen mit der ersten Etappen-Wechselstelle erkennen. Doch bevor wir in den Schatten der Häuser eintauchen dürfen, müssen wir nochmal links abbiegen und weitere Kilometer schinden. Der Weg geht wieder nach rechts und – alle Mann stopp! Die Bahnschranken sind unten und wir müssen ein paar Minuten stehen bleiben. So ein Mist. Aber der Veranstalter hat solche Dinge angekündigt und schon vor dem Lauf mitgeteilt, dass die Läufer auf der ganzen Strecke die Straßenverkehrsordnung zu beachten haben. Nachdem der Zug vorbei ist, laufen wir noch etwa zwei km durch die Felder und erreichen nach einer Stunde und 49 Minuten das Ende der ersten Etappe.


Dieter gibt auf


Hier steht meine Frau Marianne und winkt mir zu. Sie wartet auf Enrico, der erst 16 Minuten nach mir eintreffen wird, um ihr die Startnummer unserer Mixed-Staffel zu übergeben. Ich trinke mehrere Becher Wasser und Tee und mache Gesicht, Haare und Laufshirt patschenass. Dieter steht neben mir, schaut besorgt auf seine Pulsuhr und teilt mir mit, dass er aufhört. Er merkt, dass heute nicht sein Tag ist und obwohl ich ihm versichere, dass es jetzt bestimmt leichter wird, weil wir ab hier mehr Schutz vor der Sonne bekommen, will er nicht mehr weiterlaufen. Wahrscheinlich liegt es am Jetlag. Denn Dieter ist erst vor vier Tagen nach einer 21-stündigen Reise aus Brasilien zurückgekommen.


Also düse ich alleine weiter und komme kurz nach Grötzingen in den erlösenden Schatten des Waldes. Hier beginnt die erste Steigung nach bisher topfebener Strecke. Ich wechsle vom langsamen Laufschritt in einen schnellen Gehschritt, den ich bei diversen Bergläufen bereits einstudieren konnte, und erreiche genau zwei Stunden nach dem Start die 20-km-Marke. Trotz der Steigung macht es Spaß durch den Wald zu gehen. Im Schutz der Bäume haben auch die anderen Einzelläufer auf Gehen umgestellt und genießen den landschaftlich schönen Hohlweg, der uns weiter bergauf führt.

 

 
Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf die schöne Landschaft.
© marathon4you.de 2 Bilder

Nach knapp 24 km kommen wir wieder aufs freie Feld und in die Sonne, die jedoch inzwischen an Kraft eingebüßt hat, sodass sie mir jetzt nichts mehr ausmacht. Von hier aus hat man einen herrlichen Rundumblick. Ich passiere nach 2:39 Stunden die 25-km-Markierung und laufe weiter nach Jöhlingen, wo mich Marianne einholt und langsam aber sicher an mir vorbeizieht. Hier hätte ich mich fast verlaufen, weil ich einen Moment lang nicht auf die Markierung geachtet habe, sondern einfach anderen Läufern nachgerannt bin, die den falschen Weg eingeschlagen haben. Aber wir werden rechtzeitig von nachfolgenden Läufern zurückgepfiffen und setzen unseren Weg auf der richtigen Route fort.


Jetzt geht es weiter über Felder und durch Wälder, mal bergauf, mal bergab, vorbei an Wöschbach in Richtung Singen. Sobald der Weg ansteigt, höre ich auf zu laufen und gehe; bei ebenen oder abfälligen Strecken laufe ich. So fresse ich Kilometer um Kilometer und vertreibe mir die Zeit, indem ich mit anderen Läufern quatsche, die Natur anschaue und mich über die vielen Fußballbegeisterten freue, die am Straßenrand stehen und uns zum x-ten Mal zurufen, dass Deutschland 2:0 gewonnen hat und ins Viertelfinale kommt.


Nachdem ich genau nach vier Stunden Laufzeit am 35-km-Schild vorbei gelaufen bin, komme nach Singen und von hier über einen weiteren Anstieg durch den Wald nach Mutschelbach mit der zweiten Etappen-Wechselstelle. Hier stehen Marianne und Enrico mit seiner Frau Angelika und jubeln mir zu.

 

 
Nach Jöhlingen geht es erst einmal wieder ein Stückchen bergauf.
© marathon4you.de 2 Bilder

Ich setze mich auf eine Bank und lasse mich von den Dreien bedienen. Marianne bringt mir insgesamt vier randvoll gefüllte Becher Tee und ich wundere mich, dass so viel Flüssigkeit auf einmal in mich reinpasst. Weil ich so verschwitzt bin und mir auf den letzten Kilometern wegen des nassen Shirts und der aufkommenden Abendfrische der Rücken geschmerzt hat, wechsle ich das Laufshirt. Obwohl es jetzt schon 21:38 Uhr ist und ich erst etwa 39 km geschafft habe, gönne ich mir eine Pause von fast 13 Minuten. Dann wird Marianne nervös und meint, dass ich jetzt doch wohl weitermüsse und Angelika ist erstaut, dass ich das auch wirklich mache und hier noch nicht aufgebe.


Die Hälfte ist geschafft


Die Pause hat gut getan. Aber ich brauche eine Weile, um wieder in Gang zu kommen. Erst gehe ich ganz langsam durch Mutschelbach, dann fange ich ganz vorsichtig an zu traben und rechne mir schon aus, wie viele Stunden es wohl dauern wird, wenn ich die jetzt noch restlichen 40 km in diesem Tempo weiterkrieche. In diesem Moment überholen mich Günter und Heidi vom Lauftreff Südwest und muntern mich auf, mich ihnen anzuschließen. Also beginne ich zu joggen und kann plötzlich wieder laufen, als wären die letzten 40 km gar nicht existent. Wir laufen relativ flott aus Mutschelbach heraus in Richtung Karlsbad und schaffen die nächsten 5 km trotz einiger Gehpausen in nur 35 Minuten. Inzwischen ist es dunkel geworden. Auf einem kurzen Waldstück vor Karlsbad überlegen wir schon, unsere Taschenlampen in Betrieb zu nehmen, lassen das dann aber doch sein, weil es hier viele Glühwürmchen gibt, die uns den Weg weisen.


Drei Kilometer führt der Weg durch Karlsbad-Langensteinbach, wo es wieder einige Steigungen zu überwinden gilt. Unterwegs bekommen wir, wie schon auf der gesamten Strecke ab Grötzingen, immer wieder Getränke von Privatleuten angeboten. Am Ende von Langensteinbach wird Günter von seiner Frau Bettina empfangen, die hier mit Getränken, Proviant, Wechselklamotten, Taschenlampen und allem, was das Läuferherz sonst noch begehrt, auf ihn wartet. Ich habe meine ganzen Utensilien seit jetzt schon 46 km bei mir. Vor dem Lauf habe ich mir extra eine größere Umschnalltasche gekauft, in die ich Unmengen von Kram gepackt habe: zwei Päckchen Papiertaschentücher, Geld, eine Stirn- und eine Taschenlampe mit Ersatzbatterien, zwei Energiegels, die ich nicht benutzt habe und von denen eines in der Tasche aufgeplatzt ist und eine tierische Sauerei verursacht hat, Ausdrucke der Laufstrecken um Langenalb, weil ich dort noch nie in meinem Leben war und mich dort nicht auskenne, meinen Autoschlüssel, meine Brille, das Handy und für den Notfall eine Schmerztablette.


Allein


Nach kurzer Pause laufen wir weiter durch den Wald Richtung Ittersbach. Selbst hier im tiefen Wald stehen ein paar junge Burschen, die uns zujubeln und uns Bier anbieten. Aber wir lehnen dankend ab und setzen unseren Weg fort bis zur nächsten Verpflegungsstelle Tornadostein. Während Heidi und Günter sich noch stärken, gehe ich schon langsam alleine weiter und denke, dass meine beiden Mitläufer mich sicher gleich wieder einholen werden. Als die beiden aber nicht beikommen, fange ich wieder langsam an zu laufen und bin von nun an für viele Kilometer mutterselenallein. Ich habe jetzt etwa 51 km hinter mir gelassen. Wie spät es ist, weiß ich nicht, weil ich ohne Brille trotz Taschenlampe die Ziffern meiner Pulsuhr nicht erkennen kann: vielleicht ein Zeichen dafür, dass ich wohl doch schon etwas erschöpft bin.


Während ich durch die Felder streife, betrachte ich den sternenklaren Himmel und genieße die warme Nachtluft. Obwohl wir fast Neumond haben, ist es hier so hell, dass man die Taschenlampe nicht einschalten muss. Ich habe ein wenig Angst, dass ich mich alleine verlaufen könnte. Denn in den letzten Tagen habe ich von so manchem Läufer gehört, dass man hier und dort aufpassen müsse, dass es Streckenänderungen gibt und dass sich schon so mancher Teilnehmer verlaufen hätte. Aber dem ist nicht so. Die Wege sind vorbildlich gekennzeichnet. Immer wenn es um eine Kurve geht oder sich ein Weg gabelt sind Pfeile auf dem Boden markiert und der falsche Weg ist durch weiße Kalkstriche als gesperrt markiert, an unübersichtlichen Stellen sind zusätzlich Wegweiser aufgestellt und auf den Wegen hängen immer wieder rotweiße Markierungsbänder an den Büschen oder den Bäumen, um den Läufern zu zeigen, dass sie noch auf dem richtigen Pfad sind.


Ich durchquere Ittersbach wo selbst um diese späte Stunde noch immer vereinzelt Leute an der Straßenseite stehen und klatschen, als ich an ihnen vorbei renne. Über die Felder laufe ich weiter an Pfinzweiler vorbei nach Langenalb und zum Ende der dritten Etappe, wo ich um 0.11 Uhr ankomme. Auf den letzten sieben Kilometern wurde ich nur einmal von einem Läuferpäärchen überholt. Die restliche Zeit war ich ganz alleine unterwegs. In Langenalb wird meine Startnummer zur Kontrolle notiert. Ich setze mich kurz, krame mein Handy und meine Brille raus, und rufe Marianne an, die sich mit unserem Laufteam bereits wieder beim TUS-Rüppurr befindet und auf das Eintreffen von Ira wartet, die im Moment noch auf der letzten Etappe unserer Mixed-Staffel unterwegs ist. Sie freut sich, dass ich nur noch 23 km zu laufen habe und entschließt sich, am Ziel auf mich zu warten.


Man sieht die Hand vor Augen nicht


Ab jetzt geht es fast fünf Kilometer nur bergab. Ich laufe auf einem Single-Trail durch den Wald und finde es schon irgendwie abartig, dass ich mitten in der Nacht alleine durch einen stockfinsteren Wald laufe, in dem ich noch nie zuvor war, jetzt schon seit ca. 7,5 Stunden unterwegs bin und trotzdem noch gute 20 km vor mir habe. Ohne Taschenlampe ging jetzt nichts mehr. Aus Interesse halte ich kurz an, schalte die Lampe aus und kann wirklich überhaupt nichts mehr erkennen. Die Bäume sind hier so dicht, dass kein Sternenfünkchen mehr hindurchkommt.


Für die gegebenen Verhältnisse düse ich recht flott den Berg hinunter und wundere mich immer wieder, dass meine Beine noch einwandfrei funktionieren. Unterwegs überhole ich zwei Läufer und als ich nach etwa 61 km an der nächsten Verpflegungsstelle in Marxzell stehe, sehe ich noch drei weitere Läufer und bin ab sofort nicht mehr alleine unterwegs. Den Rest des Weges kenne ich. Wir befinden uns jetzt auf dem Graf-Rhena-Weg, den ich schon des Öfteren zu Trainingszwecken gelaufen bin. Nach dem bewährten Motto „Teile und herrsche“, unterteile ich die restliche Strecke im Kopf in die fünf Teilabschnitte: Marxzell-Fischbach, Fischbach-Neurod, Neurod-Ettlingen, Ettlingen-Hedwigsquelle, Hedwigsquelle-Ziel und nehme gleich den ersten Teilabschnitt in Angriff.


Noch immer kann ich laufen. Doch ab und zu brauche ich jetzt auch auf ebener Strecke eine Gehpause. Es ist schon erstaunlich, dass man sich bei schnellem Gehen erholen kann und es mir immer wieder gelingt, loszulaufen. Jetzt beginnen meine Füße zu schmerzen. Vielleicht hätte ich mir für diese lange Laufstrecke doch neue Schuhe zulegen und nicht auf meine inzwischen fast 600 km alten Asics GT2100 mit schon recht ausgelatschter Dämpfung vertrauen sollen. Um die Schmerzen zu ertragen, versuche ich ständig meinen Laufstil und die Belastung für die Füße zu variieren und komme auf diese Weise ganz gut bis nach Ettlingen.


Endspurt


Auf den letzten Kilometern habe ich mich mit verschiedenen Läufern unterhalten, die alle unter zehn Stunden ins Ziel kommen wollten. Schon in Fischbach habe ich mir für mich ausgerechnet, dass ich das auch schaffen könnte, wenn ich bereit wäre, mich noch ein wenig mehr zu quälen. Aber ich gehe das Risiko nicht ein und bleibe lieber auf der sicheren Seite. Hier in Ettlingen gibt es nochmal eine Streckenänderung. Vielleicht wäre hier im Tran in die falsche Richtung gelaufen, wenn nicht ein Läufer vor mir die Änderung bemerkt hätte. Und jetzt wird es noch einmal ein wenig ätzend, weil wir in Ettlingen nochmal den Berg hinauf müssen, ich wieder gehen muss und jetzt wirklich die Zielzeit von zehn Stunden gedanklich abhake.


Nach Ettlingen bekomme ich aber wieder Auftrieb. Von irgendeiner nächtlichen WM- oder Sonnwendfeier-Party schallt mir Foreigner entgegen und bringt mich wieder richtig in Schwung. Ich laufe bis zur letzten Verpflegungsstation bei der Hedwigsquelle und trinke nochmal zwei Becher Cola. Auf mein Fragen sagt mir einer der Betreuer, dass ich noch 3,7 km vor mir habe und es jetzt 2:45 Uhr sei. Mist – dann wird es mit den 10 Stunden eben wirklich nichts. Trotzdem zische ich los. Die Nähe des Ziels macht mich richtig euphorisch. Ich überhole auf diesem letzten Teilstück mindestens vier andere Läufer. Schon sehe ich die Beleuchtung des Stadions. Ich laufe ins Stadion ein, muss noch eine drei viertel Runde auf der Aschenbahn laufen und komme erstaunlicherweise nach 10:00:53 Stunden ins Ziel, wo Marianne und Andi auf mich warten.

 

 
Der Lohn der Anstrengung. Eine Medaille, eine Urkunde und ein Finisher-Shirt.
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Ich bin glücklich, dass ich diesen Lauf so gut überstanden habe. Klar war ich seit Stunden tierisch am kämpfen, aber ich glaube, dass ich jetzt, vollgepumpt mit Cola und Endorphinen, sogar noch weiter laufen könnte, wenn ich es müsste. Scheinbar hat Bernhard wirklich recht, wenn er behauptet, dass ein Marathonläufer auch 80 km weit kommt und ein 80-km-Läufer auch 100 km laufen kann. Freuden strahlend nehme ich meine Finisher-Medaille in Empfang, unterhalte mich noch ein wenig mit Andi, Marianne und anderen Läufern, die jetzt fast minutlich ins Ziel kommen, und fahre nach Hause, wo ich um 4:30 Uhr noch total aufgedreht ins Bett falle.


Insgesamt haben 129 Läuferinnen und Läufer die 80 km gemeistert. Ich bin als 76. ins Ziel gekommen und wenn man einkalkuliert, dass nach verschiedenen Aussagen um die 60 Einzelläufer während des Laufs aufgegeben haben, bin ich sogar noch in der besseren Hälfte. Auf jeden Fall haben Andi, Marianne und ich gleich vor Ort ausgemacht, dass wir spätestens 2010 den K78 angehen wollen, der dann zum 25. Mal stattfinden wird und Jubiläum hat.


Ach und noch etwas: Ich habe wieder mal gelernt, dass man mit dem zufrieden sein soll, was man hat. Denn am Sonntag abend gab es rund um Karlsruhe ein mächtiges Unwetter. Es regnete wie aus Kübeln und im Wald knallten Unmengen morsches Holz auf den Boden. Dann doch lieber bei 31 Grad Celsius loslaufen, als unterwegs ertrinken oder erschlagen werden.

 

 

Informationen: Fidelitas Nachtlauf
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