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Laufberichte

Aus heiterem Himmel (E51)

 

„Von Nordwand zu Nordwand“, so könnte ich die letzten Stationen meiner Laufaktivitäten beschreiben. Nachdem ich noch vor zwei Wochen die Aufstiegsroute des Matterhorns kennenlernen durfte, bin ich schon an der nächsten Felsenbastion. Grindelwald liegt direkt am Fuße der mit 1800 Metern höchsten Nordwand der Alpen. Beim Veranstaltungsmittelpunkt im neugestalteten Dorfzentrum am Bärplatz liegt die mächtige Eiger-Nordwand praktisch über uns.

Bis in die dreißiger Jahre galt sie als unbezwingbar und hielt allen Versuchen einer Eroberung stand. Erst 1938 konnte das Team um Heinrich Harrer und Anderl Heckmair die fast senkrecht aufragende Wand bezwingen. Viele Versuche davor endeten tödlich und auch danach spielten sich unter dem Gipfel wahre Dramen mit vielen Todesfällen ab. Im Schnitt werden auch heute noch sechs bis acht Mal pro Jahr Alpinisten aus der Nordwand geborgen. Im Gegensatz dazu erreichen aber auch rund 115 Bergsteiger den Gipfel des 3970 Meter hohen Eigers. Die Erstbesteigung des Eigergipfels gelang bereits im August 1858 von der Wengernalp über die Westflanke.

Den Mythos muss sich der Eiger Ultra Trail erst noch erarbeiten, aber man ist auf einem guten Weg. Nordwand-Rekord-Bezwinger Ueli Steck hat mit seinem Statement über den E101 („harder than the northface solo“) gehörig die Werbetrommel gerührt. Wer es nicht weiß, in der Fabelzeit von 2:47 Stunden stellte Ueli Steck im Februar 2008 einen Speed-Rekord an der Eiger-Nordwand auf, anschließend hat er auch noch das Matterhorn in 1:56 h und den Grandes Jorasses in 2:21 h vernascht. Der liegt im Übrigen kurz nach Courmayeur direkt an der UTMB-Strecke, so haben diese berüchtigten Nordwände auch irgendwie eine gewisse Verbindung mit Ultra Trails.

Nebenbei ist Ueli Steck auch Botschafter des Eiger Ultra Trail und will es nächstes Jahr dann doch versuchen mit dem E101. Er lässt er uns beim Briefing in einer verfilmten Gruß-Botschaft vom Summit eines 4000ers ausrichten. Derzeit hat der verrückte Hund nämlich Wichtigeres zu tun. Er versucht gerade, alle 82 Viertausender der Alpen hintereinander zu bezwingen. Innerhalb 1000 Kilometer Entfernung sind dabei 100.000 Höhenmeter in 80 Tagen zu bewältigen. Die Überführungen von Berg zu Berg legt er dabei natürlich nicht mit dem Auto oder Zug zurück, sondern einzig mit dem Radl. Von Bequemlichkeit könnte man dann sprechen, wenn der Gipfeln per Gleitschirm verlassen wird. Das soll auch manchmal vorkommen. Damit ist jetzt schon mal das Vorurteil ausgeräumt, Ultra Trailer haben besonders einen an der Waffel.

Der Eiger Ultra Trail ist ein echter Renner. Am 4. Oktober wurde die Anmeldephase eröffnet, bereits im Dezember waren alle 800 Plätze für den E51, sowie die 700 für den E101 vergeben. Etwas später folgte dann die Ausbuchung des E16 mit 500 Startplätzen. So stehen heuer weit über 2000 Trailrunner in den Meldelisten.

Der erste Weg in Grindelwald führt mich natürlich zur Startnummernausgabe. Ebenso wie das Veranstaltungszentrum ist sie 2015 auch umgezogen, sie befindet sich direkt neben dem Eventgelände in der Sporthalle. Dabei haben muss man unbedingt seinen fertig gepackten Rucksack mit der vorgeschriebenen Pflichtausrüstung. Startnummer und Unterlagen erhält man erst nach einer ausführlichen Kontrolle mit Bestätigung.

Ein bisschen geht es in der Halle zu wie auf einem türkischen Bazar oder einer Tauschbörse. Da gibt es noch welche, die versuchen ihre Startplätze up zu graden, andere wollen lieber doch nicht so weit und verhandeln über ein downgrade.  Das gleich sich dann prima aus. Weitere wiederum haben noch kurzfristig einen Platz bekommen und versuchen den Veranstalter von einer Umschreibung zu überzeugen. A bisserl was geht immer, bei vielen hat das Gefeilsche dann schlussendlich auch geklappt. Der Großteil ist aber natürlich eh glücklich, überhaupt dabei sein zu dürfen.

 
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Mein Traum von „100 zum 100.“ muss leider ausfallen, mein Knie erhebt derzeit Einsprüche beim Bergablaufen. So verzichte ich aus Vernunftgründen auf die längste Distanz. Nicht nehmen lasse ich mir aber den Start und so bin ich wie im Vorjahr wieder beim Panoramatrail über 51 km dabei.

Die Wettervorhersage, in diesem wahrscheinlich heißestem Juli seit es Wetteraufzeichnungen gibt, ist eindeutig und lautet auch für den Samstag: Hohe Temperaturen mit Gewitterneigung. Prompt erreicht uns am Donnerstag die SMS vom Veranstalter, der Start wird um eine Stunde nach vorne verschoben. Eine gute Idee, so wird die erste Startgruppe um 5:45 Uhr und die zweite um 6:00 Uhr das Rennen aufnehmen.


Der Aufstieg


Um 5:30 Uhr ist die Luft noch angenehm, ein Gewitter am gestrigen Abend hat für Abkühlung gesorgt. Ich bin fast geneigt, die Ärmlinge anzulegen, lasse es dann aber doch sein. Ideale Bedingungen also auch für den E101, der um 4:30 Uhr gestartet wurde. Ich darf in der ersten Startgruppe laufen mit Start um 5:45 Uhr. Ja klar, bin auch einer der Schnellen. Unter 10 Stunden ist die Vorgabe für den ersten Startblock. Sollzeiten gibt es natürlich auch zu erfüllen, die Hauptanforderung sind 14 Stunden für die gesamte 51-Kilometer-Runde und 26 Stunden beim E101.

Der erste Kilometer führt uns durch Grindelwald. Natürlich orientiere ich mich am hinteren Ende des Feldes, 3 – 4 Fotos und die meisten sind vorbei. Bei noch schwachem Licht muss ich lange ruhig halten, um eine einigermaßen akzeptable Bildausbeute zu erzielen. Meine Temporeduzierung hat aber eigentlich einen anderen Hintergrundgedanken. Nach einer etwas ungläubig dreinblickenden Herde Lamas erreichen wir nach 2,5 km das Waldgebiet unterhalb des Wetterhorns. Auf die Engstelle mit anschließender Brückenüberquerung wurden wir bereits beim Briefing hingewiesen und ich kenne sie auch schon vom Vorjahr. Hier gibt es immer Stau und daher herrscht absolutes Überholverbot. Am Ende des Feldes sind fast alle durch und ich kann ohne Behinderung den Steg überqueren.

Erst ein paar Minuten bin ich unterwegs und es treibt mir bereits den Saft aus allen Poren. Um diese Uhrzeit und auf dieser Höhe ist das sicherlich sehr ungewöhnlich. Wie soll das heute noch weitergehen? Unterhalb der majestätischen Felsenwand des Wetterhorns beginnt für uns der erste ernsthafte Aufstieg. Bis auf fast 3700 Meter steigt die Wand direkt vor uns auf, neben dem Eiger gilt er  als der Hausberg von Grindelwald. Mir gefällt aber auch der Blick zurück ins grüne Grindelwaldtal, das sich in ganzer Länge hinter uns ausbreitet.

Kurz bevor wir den Felsansatz der Wand erreichen, zweigen wir etwas nach links ab, was auch die Steigungsprozente sofort etwas abmildert, unterbrochen von einigen geringen Gefällpassagen …und immer lauter werdender Musik. Habe ich Musik geschrieben? So würde ich das nicht bezeichnen. Einer der Sportskameraden transportiert eine Musikanlage in seinem Rucksack mit und beschallt uns mit einer stocklangweiligen Endlosschleife mit Hintergrundgedudel und das mit 80 oder 90 Dezibel. Es ist grauenhaft und unerträglich. Glücklicherweise ist er schneller unterwegs, gleichzeitig reduziere ich aber auch noch mein Tempo, damit ich die Nervensäge aus den Ohren bekomme.

Nach gut 7 Kilometern und 1000 Höhenmetern erreichen wir die erste Verpflegungsstation an der Großen Scheidegg. Die Passhöhe liegt auf 1.960 Meter und verbindet Grindelwald mit Meiringen im Haslital. Für den öffentlichen Verkehr ist die Straße gesperrt, hier dürfen nur Postbus, Radfahrer und Trailrunner drüber. Uns genügen aber die letzten hundert Meter bis zur Verpflegungsstelle. Unter Rennradlern ist die Straße sehr beliebt und berüchtigt. Die Besonderheit an der durchgängig ausgebauten und etwa 3 Meter breiten Straße ist nämlich, dass sie als Bergpoststraße gilt. Das bedeutet, dass die Busse per Gesetz immer Vorfahrt genießen. Da diese manchmal die ganze Straßenbreite benötigen, ist für die Radler ein Verlassen der Straße manchmal der einzige Ausweg.

 
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Abwechselnd auf gut zu laufenden Trails und Wanderwegen in etwa 2000 Meter Höhe führt die Strecke leicht wellig an den Hängen des Schwarzhorns Richtung First. Wir laufen genau auf die schneebedeckten 4000er der Berner Alpen zu. Erst vor ein paar Tagen hat sie Ueli Steck auf seiner 82-Viertausender-Tour abgeklappert.

Kurz bevor wir an den Liftstationen der First-Bahnen unseren zweiten Verpflegungspunkt erreichen, zweigt die Strecke des E101 nach unten ab, sie dürfen eine 9 Kilometer lange Zusatzschleife drehen, die etwa 500 Höhenmeter Auf- und Abstieg beinhaltet. Ein paar Meter weiter, direkt an der Labestelle, vereinen sich beide Strecken wieder. Empfangen werden wir mit viel Applaus und einem Spalier von Zuschauern. Als erste Sollzeit müssen hier 3:30 Stunden eingehalten werden.

E51 und E101 haben unterschiedlich Einlaufkanäle in die Station und auch separate Futterplätze. Riegel und Gels machen mich nicht sonderlich an, ich erspähe Schinken, Käse und Weißbrot am 100er-Verpflegungstisch. Das gibt’s am 51er-Tisch nicht. Ein deftiges Frühstück ist jetzt genau das, was ich mir vorstelle und es hindert mich auch niemand daran, hier zuzugreifen.

 
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Mit der Vorverlegung des E51-Starts ist ab VP First gleich spürbar mehr los auf der Laufstrecke. Mäßig aufwärts geht es über die Gummihütte zum zweigeteilten Bachalpsee. Im blauen Juwel der Berner Alpen spiegelt sich das Schreckhorn, durch den trüben Himmel nicht ganz so eindrucksvoll wie mit Sonne, aber trotzdem noch wunderschön. Nicht nur für den Event-Fotografen ist hier ein exzellenter Platz. Jeder, der heute eine Kamera am Mann oder Frau hat, zückt diese hier. Man sieht es ihm nicht an, aber der See dient tatsächlich schon seit 100 Jahren der Energiegewinnung für Grindelwald.

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Informationen: Eiger Ultra Trail
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