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Laufberichte

So kann das weitergehen

 

Zunächst nur gerüchteweise, dann aber doch verlässlich, wurde Ende letzten Jahres bekannt, dass die 28. Deutschen Meisterschaften im 100 km Straßenlauf 2015 nach Baden-Württemberg vergeben werden. Diese einmalige Chance vor der Haustür wollten Norbert und ich uns natürlich nicht entgehen lassen. Und so war der Termin 11.04.2015 schon früh in unserem Laufkalender vorgemerkt. Dass St. Leon-Rot im Süden des Rhein-Neckar Kreises den Zuschlag erhielt, hat uns allerdings doch erstaunt. Die Gemeinde war uns bisher vor allem wegen des Spargels bekannt. Auch Golf oder Reiten würde ich eher dort erwarten als Ultralaufsport.

Die Dachorganisation für Meisterschaften in Deutschland ist der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV) und nur Mitglieder von DLV-Vereinen sind startberechtigt. Die Anmeldung erfolgt vom Verein an den jeweiligen Leichtathletik Landesverband, der dann die komplette Liste an den Veranstalter weitergibt. Selbstverständlich vor Anmeldeschluss. Man kann also vorher genau sehen, wer teilnehmen wird. Bei einer Nachmeldegebühr von 100 Euro sind spontane Nachmeldungen eher nicht zu erwarten.

Vorangemeldet sind in diesem Jahr nur 127 Läufer, findet doch am gleichen Tag die Weltmeisterschaft im 24 Stunden Lauf in Turin statt. Trotzdem ist ein spannendes Rennen zu erwarten. Bei den Männern sind der amtierende Deutsche Meister Adam Zahoran und der Vizemeister Michael Sommer am Start. Jan-Hendrik Hans und Florian Böhme, trotz Rückenproblemen, werden ebenfalls wegen ihrer sehr guten Vorleistungen zum erweiterten Favoritenkreis gezählt.

Die Deutsche Meisterin Pamela Veith ist bei den Frauen wohl diejenige mit den größten Siegchancen. Vizemeisterin Barbara Mallmann, Simone Stöppler und die junge Branka Hajek werden sich hier wohl nur um die Plätze streiten. Frida Södermark aus Schweden, mit einer 100 km Bestzeit von 8h08, hat verkündet, heute 7h45 laufen zu wollen. Als Ausländerin startet sie außer Konkurrenz und kann auch nicht Deutsche Meisterin werden. So drücken alle der sympathischen Läuferin die Daumen für ihr gewagtes Projekt.

Mit Kati, unserer Lauffreundin aus dem Nachbarort, machen wir uns früh morgens auf den Weg. Norbert ist immer noch außer Gefecht und deshalb als Fahrer und Betreuer im Einsatz. Punkt 6 Uhr erreichen wir das Sportgelände des TSV 05 Rot. Der Sportplatz ist hell erleuchtet und das Startbanner bereits aufgebaut. Während Norbert im abgetrennten Bereich unseren Verpflegungstisch aufbaut, holen Kati und ich unsere Startnummern in der Multifunktionshalle hinter der Sporthalle. Das Startgeld wird vor Ort bezahlt. Alles klappt vorzüglich. Die Stimmung ist entspannt und wir können in Ruhe einige Bekannte begrüßen.

Zurück im Stadion machen wir uns mit den Gegebenheiten vertraut. Über Lautsprecher werden noch letzte Informationen durchgegeben. Kurz vor 7 Uhr bittet uns der Sprecher, den Startbereich aufzusuchen. Dann geht es auch schon los.

 
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Nach einer halben Stadionrunde bringt uns eine kleine Rampe auf die Straße. Es geht geradeaus. Nach ungefähr 300m und einer Rechtskurve führt der asphaltierte Weg an einer blühenden Schlehenhecke entlang wieder geradeaus. Streckenposten weisen nach links. Der Weg ist geteilt und eine Läuferschlange kommt uns entgegen. Das wird kurz eng. Nach ungefähr 200 m kommt ein Wendepunkt und es geht zurück. Am vorigen Abzweig dürfen wir nun links, um dann gleich wieder links abzubiegen.

Es wird ruhiger. Der breite asphaltierte Weg gehört uns wieder allein. Zudem ist das Feld schon weit auseinander gezogen. Rechts und links liegt das Gelände des Golfclubs. Die weitläufige Anlage ist noch menschenleer. Streckenposten zeigen nach rechts. Ein paar Kurven später kommen wir an einem Pavillon vorbei, wo gerade eine zweite Getränkestation aufgebaut wird. Die Wetterprognosen sind uneinheitlich, wobei jetzt schon Temperaturen über 10 °C herrschen. Wenn dann noch die Sonne herauskommt, kann es schnell sehr warm werden.

 
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Hinter der VP geht es rechts auf einem Damm am Kraichbach entlang. Jeder Kilometer ist auf der Straße gut sichtbar markiert. Wir sind jetzt schon bei km 3. Ging es vorhin leicht bergauf, so führt die Straße nun leicht bergab. Am Streckenposten laufen wir rechts ca. 300 m geradeaus und dann an der Kreuzung von vorhin links weiter geradeaus. Vom nächsten Streckenposten werden wir rechts geleitet, und an der großen Reitanlage entlang erreichen wir nach insgesamt 5 km wieder das Stadion. Hier geht es hinunter auf die Stadionrunde, über die Zeitmessung, an der Verpflegungsstelle mit anschließender Eigenverpflegung vorbei und an gleicher Stelle abermals hinaus. Nach weiteren 19 Runden hat man dann die 100 km geschafft.

Ich bin gerade auf meiner 3. Runde, da werde ich zum ersten Mal überrundet. Adam Zahoran wird seiner Favoritenrolle gerecht: er kommt an mir vorbei gesprintet, dicht gefolgt von Moritz Kufferath und Florian Böhme. Moritz Auf der Heide, Carsten Stegner, Jan Hendrik Hans, Michael Sommer, Jörg Hoos und Thomas Klingenberger folgen als Gruppe. Nun wird es unübersichtlich. Immer wieder und immer öfter kommen schnellere Läufer von hinten. Erste Frau ist tatsächlich die Schwedin mit beträchtlichem Vorsprung auf Pamela Veith und Branka Hajek.

Von der Strecke selber bekomme ich wenig mit. Es ist so windig, dass ich den Kopf lieber unten lasse. Manchmal verfinstert sich der Himmel und es tröpfelt ein wenig. Dann kommt plötzlich die Sonne heraus und es wird für den Moment richtig warm. Nach 5h38 habe ich die ersten 50 km hinter mir. Damit bin ich ausgesprochen zufrieden.

Mittlerweile hat das Rennen eine unerwartete dramatische Wendung genommen. Carsten Stegner,  der lange in der Verfolgergruppe mit schwimmt, zieht in der 14. Runde plötzlich das Tempo an. Er ist eigentlich auf Trails Zuhause und läuft heute zum ersten Mal die 100 km. Nach bisher gleichmäßigen 21:30er Runden steigert er nun auf 20:45. Die Zermürbungstaktik des Neulings geht auf: zuerst erwischt es Moritz Kufferath, dann Florian Böhme, Jörg Hoos und Thomas Klingenberger. Zuletzt muss dann Adam Zahoran 4 Runden vor Schluss noch die Segel streichen.

Kann so ein Husarenritt wirklich gut gehen? Bis zum Schluss glaubt Carsten selbst nicht, dass Ihm das gelingt. Nichtsdestotrotz: in 7h13 mit fantastischen 6 Minuten Vorsprung vor dem Altmeister Michael Sommer erreicht er als Sieger das Ziel. Dritter wird Moritz Auf der Heide.

Die Schwedin Frida Södermark kann zwar ihr persönliches Ziel nicht erreichen, aber mit 7h53 ihre Bestzeit über 100 km um über eine viertel Stunde verbessern; das ist in dieser Kategorie eine Welt. Deutsche Meisterin wird erwartungsgemäß Pamela Veith mit einem ungefährdeten Start/Ziel Sieg in neuer persönlicher Bestzeit von 8h02:09 vor Branka Hajek und Barbara Mallmann.

 
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Allmählich wird es ruhiger auf der Strecke. Es sind immer wieder Läufer in ihren letzten Runden. Jede Frau, die mich überholt, hat ein freundliches und aufmunterndes Wort für mich, während die Männer meist mit sich selbst beschäftigt sind. Die Helfer an der Strecke haben wohl Starterlisten. Immer wenn ich näher komme, rufen sie mich mit Namen an und klatschen was das Zeug hält. Das motiviert mich ungemein.

Dann habe ich irgendwann noch 2 Runden vor mir! Nur noch 10 km, dann 9,8,7,6. Ich komme noch einmal durch das Stadion. Der Sprecher kündigt mich an. Das Publikum klatscht. Es geht ein letztes Mal raus auf die Strecke. Ich genieße nochmal jeden einzigen Augenblick. Mir tun die Füße weh - aber das ist Nebensache. Ist es wirklich wahr, dass nun gleich alles zu Ende ist? Ich verabschiede mich von den Helfern und bedanke mich bei jedem Einzelnen. „Das habt Ihr wirklich gut gemacht!“ Dann geht es in Stadion – das Ziel ist erreicht.

Wer schon mal einen Marathon gefinisht hat, weiß wie schön so ein Zieleinlauf ist. Ich kann Euch sagen: nach 100 Kilometern ist es noch viel schöner und emotionaler. Selbst wenn man seine Zielzeit verfehlt hat, so weiß man doch, was man geleistet hat.

Eine stimmungsvolle Siegerehrung mit den bewegenden Klängen der Nationalhymne ist würdevoller Ausklang dieses schönen Events. Sogar für die außer Konkurrenz angetretene Siegerin war ein Ehrenpreis vorhanden. Der TSV 05 Rot hat sich als kompetenter Veranstalter bewiesen. Die Örtlichkeiten sind optimal. Der Bürgermeister, als Vertreter der Gemeinde, war auch sichtlich zufrieden.

Die Strecke finde ich auf Grund der kleinen Anstiege anspruchsvoll, aber kurzweilig und gut zu laufen. Die Verpflegung war reichlich und übersichtlich angeordnet. Es gab Knabbereien, Bananen, Äpfel, Schokolade, Kartoffeln, separat Salz, Brot und Hefezopf. Dazu Wasser, Tee, Iso, Cola und Sportlerweizen. Zu erwähnen ist der Helfer, der mir auf Wunsch einen Kaffee besorgt hat. Seine Sprinteinlage mit Hürdensprung über die Absperrung war sehenswert! Zwischenzeitlich müssen auch einige Zuschauer im Stadion gewesen sein. Bei meinen Durchläufen gab es immer viel Applaus.

Der TSV 05 Rot hat zum ersten Mal einen 100 km Lauf ausgerichtet und dann gleich erfolgreich die Deutsche Meisterschaft. Carsten Stegner ist zum ersten Mal 100 km gelaufen und hat auch sofort gewonnen. So kann das weitergehen.

 

Ergebnisse Deutsche Meisterschaften 100 km

 

Männer

1. Stegner, Carsten Skivereinigung Amberg 07:13:38
2. Sommer, Michael Eichenkreuz Schwaikheim 07:19:29
3. Auf der Heide, Moritz LAZ Puma Rhein-Sieg 07:26:39

Frauen

1. Veith, Pamela  TSV Kusterdingen 08:02:09
2. Hajek, Branka  LAZ Salamander Kornwestheim-LB 08:23:26
3. Mallmann, Barbara 1971 Laufarena Allgäu 08:25:22

 

Informationen: Deutsche Meisterschaft 100 km
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