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Laufberichte

Silly Idiots

 

Auf dem Weg zur „Green Number“, die man ja für 10 gefinishte Comrade Marathons erhält, reisen wir nun zum 3. Mal nach Südafrika. Diesmal sind insgesamt 88 Deutsche gemeldet, so viele, wie nie zuvor. Beliebter Treffpunkt der Läufer ist der internationale Bereich der Marathonmesse. Hier haben nur „International Runners“ Zugang. Neben der Möglichkeit sich auszutauschen, gibt es auch noch Kaffee, Tee und Kekse. In Südafrika wird viel für auswärtige Laufsportfreunde getan: ein eigener Schalter für die Ausgabe der Startunterlagen und im Ziel dann ein separater Verpflegungsbereich mit eigener Taschenaufbewahrung. Das mag zwar als Luxus erscheinen, wenn man aber mit Tausenden in der Schlange steht, weiß man diesen Service zu würdigen.

Mit zwanzigtausend Voranmeldungen ist der Comrades Marathon der größte Ultramarathon der Welt. Zweitausend internationale Starter gehen dabei fast unter. Die hohen Anmeldezahlen sind umso erstaunlicher, da man sich für den Start vorab qualifizieren muss. Minimale Anforderung ist dabei der Nachweis eines Marathons, gelaufen in weniger als 5 Stunden. Ob das allerdings reicht, um dann auch die ca. 90 km lange Strecke zu schaffen, sei mal dahingestellt. Erschwerend kommt hinzu, dass die 12 Stunden Zielzeit brutto gemessen werden. Was, vor allem für die schwächeren Läufer in den hinteren Startblöcken, eine zusätzliche Herausforderung darstellt.

Nachdem man die Startunterlagen samt gut gefülltem Starterbeutel abgeholt hat, empfiehlt es sich, die Bustour mitzumachen. Hier kann man sich vorab einen Überblick über die Strecke verschaffen und erhält wertvolle Tipps von den erfahrenen Guides.

 

 
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Der Comrades Marathon führt in einem Jahr up hill, von Durban nach Pietermaritzburg und im folgenden Jahr down hill in umgekehrter Richtung. In diesem Jahr geht es down hill, d.h. der Start erfolgt in Pietermaritzburg. Norbert und ich hatten die Idee, die Nacht zum Start vor Ort zu verbringen. Die Bustour nutzen wir daher als Zubringer. Auf der Hinfahrt werden einige allgemeine Infos zu Südafrika, Durban und den Lauf erzählt. Dann fragt Brian, unser Busguide, wie viele der Anwesenden nicht vorhaben, den Lauf anzutreten. Er wolle nur mal wissen, wie viele normale Leute im Bus sind und wie viele „silly idiots“. Anschließend klärt er uns dann auf, dass für ihn normale Leute unter allen Umständen den Comrades Marathon laufen, und nur „silly idiots“ das nicht tun.

In Südafrika hat der Comrades einen extrem hohen Stellenwert. Man ist hier erst ein richtiger Läufer, wenn man ihn einmal gefinisht hat. Das hat zum einen geschichtliche Gründe: Weltkriegsveteran Vic Clapham wollte mit dem Lauf ein bleibendes Denkmal für seine gefallenen Kameraden schaffen. Am 24. Mai 1921 machten sich 34 Läufer von Pietermaritzburg zum ersten Mal auf den Weg, von denen 17 das Ziel in Durban erreichten. Der erste dabei in 8h59; der letzte in 12h20. 1975, bei der 50. Austragung, wurden zum ersten Mal Schwarze und Frauen offiziell zum Rennen zugelassen, 1988 erreichten dann bereits mehr als 10.000 Läufer das Ziel.

Nach dem Ende der Apartheid und der daraufhin erfolgten Aufhebung der sportlichen Sanktionen, war der Comrades Marathon 1993 das erste südafrikanische Sportereignis mit internationaler Beteiligung. Klaus Neumann, in der Marathon- und Ultraszene bestens bekannt, und Charly Doll waren die ersten deutschen Starter damals. Charly Doll gewann sogar und war somit erster nichtafrikanischer Sieger. Ein Jahr danach tat es ihm Alberto Salazar aus den USA gleich. 1995 errang die deutsche Läuferin Maria Bak den ersten von drei Siegen bei den Frauen. Und 1999 triumphierte Birgit Lennartz.

Neben der langen Geschichte dieses Laufes hat aber auch die Streckenlänge zum Mythos des Comrades beigetragen. Einen Marathon zu schaffen ist schon eine große Leistung, aber mehr als das Doppelte zu laufen, ist für die meisten Menschen nicht vorstellbar. Das Training hierfür ist so umfangreich, dass es unweigerlich zur völligen Umstellung im Leben kommen muss. Wer hier nur halbe Sache macht, hat schon verloren. Die Veranstaltung wird seit langem in voller Länge live landesweit im Fernsehen übertragen. 3,5 Millionen Fernsehzuschauer und 200 000 Fans verfolgen der das Rennen live. Die höchsten Einschaltquoten werden beim Einlauf der Sieger und kurz vor Zielschluss ermittelt.

In Pietermaritzburg ist auch eine kleine Marathonmesse aufgebaut. Wir besuchen das winzige Museum, in dem Relikte aus vergangen Comradeszeiten ausgestellt sind. Baumwollshirts, lederne Laufschuhe, dazu die Pokale und Medaillen erinnern an eine andere Zeit. Stark umlagert ist eine Nachbildung der Laufstrecke, auf der die Neulinge das Streckenprofil betrachten können.

Während unser Bus auf der Rückfahrt die originale Strecke abfahren wird, bleiben wir an Ort und Stelle und besuchen das Startgelände um das Rathaus. Vor dem imposanten Backsteinbau ist der Startbogen bereits aufgebaut. Die Gerüste sind massiv und das Logo des Comrades macht einen robusten Eindruck. Die Absperrgitter für den Startbereichs und die Hinweisschilder liegen bereits bereit.

Am folgenden Morgen um 4 Uhr 15 herrscht bereits Ausnahmezustand. Wegen umfangreicher Streckensperrungen erreicht man den Startbereich am besten zu Fuß. Die wenigen Straßenlaternen tauchen die Szenerie in spärliches Licht. Wir gehen einfach in die Richtung, in die alle gehen. In diesem Jahr erfolgt die Trennung der Startblöcke bereits am ersten Tor zum Läuferbereich. Norbert darf durch den Eingang für die Blöcke A, B und C und übernimmt die Abgabe unseres Gepäcks, während ich noch weiter muss und erst am letzten Tor passieren darf. Ich stelle mich zweimal am Dixi an und mach mich dann auf zu meinem Startblock. Zum ersten Mal muss ich nicht in den letzten sondern darf in den vorletzten Block. Um 5 Uhr 15 werden die Startblöcke geschlossen.

 

 
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Dicht gedrängt stehen hier die Läufer und harren der Dinge, Spannung liegt in der Luft. Wie überall bei großen Sportveranstaltungen ertönt laute Musik und ein Sprecher unterhält die Menge. Dann wird es still und tausende Menschen beginnen zu singen. Nkosi Sikelel’ iAfrika (deutsch: „Gott segne Afrika“) ist die Nationalhymne von Südafrika. Die Emotionen sind nicht zu beschreiben. Lauter Jubel reißt mich aus meiner Andacht. Das Arbeiterlied Shosholoza wird angestimmt. Der Rhythmus ist typisch afrikanisch und der Text relativ einfach. Das Zulu-Wort „shosholoza“ bedeutet etwa „Mutig nach vorn schauen“ oder „Wir greifen an“. Nicht nur ich habe feuchte Augen. Der tosende Jubel wird vom grandiosen Song von Vangelis „Chariots of Fire“ unterbrochen. Um 5 Uhr 30 ertönt der legendäre zweimalige Hahnenschrei, direkt gefolgt vom Startschuss und dann unter donnerndem Applaus der vielen Zuschauer und lauten Anfeuerungsrufen des Moderators geht es los.

Wir bewegen uns langsam Richtung Rathaus. Der näher kommende, mehrfarbig beleuchtete Bau und das große Starttor geben uns Hinweise, wann es auch für uns losgeht. Nach etwas mehr als 6 Minuten passiere ich die Startlinie. Dicht gedrängt stehen Zuschauer auf den Tribünen und am Rand der abgesperrten Strecke. Ich konzentriere mich ganz aufs Laufen. Seit letztem Jahr sind für die Läufer Plastiktüten als Wärmeschutz verboten, stattdessen waren im Starterbeutel einfache Stoffumhänge beigelegt. In früheren Jahren kam es immer wieder zu Stürzen, weil sich die auf dem Boden liegenden Plastikhüllen um die Läuferbeine gewickelt hatten und diese zu Fall brachten. Stoff ist zwar nicht so schlimm, aber man muss trotzdem aufpassen, um nicht darüber zu stolpern.

Ich schaffe es unfallfrei und auch um mich herum ist alles im grünen Bereich. Wir verlassen den Ort und es geht bergab. Trotz der Dunkelheit kann man schon ganz gut laufen, wobei Überholen keine gute Idee ist. Das Feld ist noch sehr dicht. Es folgt der Anstieg nach Polly Shorts. Zeit für eine erste Gehpause. Um die anderen nicht zu behindern, wechsle ich auf die Seite. Bergab bin ich wiederum schneller als die meisten und überhole ebenfalls auf dem Seitenstreifen. Das geht ganz gut so.

Die erste Verpflegungsstelle bei km 4 lasse ich aus. Langsam wird es heller. Um Viertel vor sieben geht die Sonne auf und taucht die Landschaft in oranges Licht. Jeder Läufer begrüßt die Sonne auf seine Weise. Der eine ist hoch erfreut sie zu sehen, der andere weiß, dass es von nun an wärmer wird und sieht dem gelben Ball mit gemischten Gefühlen entgegen. Ich bin froh, dass ich nun endlich richtige Fotos machen kann.

 

 
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Immer wieder stehen zu dieser frühen Stunde Schaulustige am Straßenrand, oft noch im Bademantel oder Schlafanzug. Sie singen und klatschen. Um sieben Uhr ist es endgültig hell und wir haben bereits elf Kilometer geschafft. Ich genieße die Landschaft und freue mich, hier sein zu dürfen. Ohne Pause stehen Zuschauer vereinzelt und in Gruppen an der Strecke. Jeder feuert uns an. Viele hoffen auf Kleidungstücke, die von den Läufern am Straßenrand zurückgelassen werden. Ich habe extra eine ältere Laufjacke dabei, die mir lange Jahre treue Dienste geleistet hat. Nun bekommt sie hier einen neuen Besitzer.

Die nächste VP kommt in Sicht. Unzählige Helfer sind damit beschäftigt, an langen Tischen Getränke an die nicht enden wollende Schlange von Läufern zu verteilen. Wasser wird in kleinen verschweißten Beutelchen mit 100 ml ausgegeben. Gatorade in blau, grün und orange entsprechend den verschiedenen Geschmacksrichtungen, ist ebenfalls so verpackt. Cola gibt es in Bechern.

An der Strecke sind insgesamt 46 Verpflegungsstellen, die von verschiedenen Gruppen betreut werden. Die oben genannten Getränke sind Grundausstattung, wobei nicht immer jede Sorte Gatorade zur Verfügung steht. Essen wird zumindest am Anfang eher weniger angeboten und richtet sich nach den Vorlieben der Anbieter. Zur Vorsicht habe ich Früchteriegel und Gel dabei. Ansonsten bieten oft Zuschauer Obst, Brot oder Kekse an und ich vermute, wenn man ein gegrilltes Steak möchte, wäre das auch noch aufzutreiben.

Jeder Kilometer ist mit 2 Meter hohen Schildern gekennzeichnet. Die Zahlen geben hierbei die noch zu laufende Strecke an. Es ist nie flach, sondern geht ständig bergauf oder bergab. Ein 7 km langer Anstieg nach „Umlaas road“ folgt. Hier ist mit 810 m der höchste Punkt der Strecke. Wir sind bei km 18. Wichtiger noch ist der erste Cut-off. Spätestens um 8 Uhr 10 muss man hier durch sein. Ich habe noch genügend Zeit.

 

 
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Schon von weitem sehen wir, wie das Feld vor uns in einem roten Fahnenmeer verschwindet. Ein paar Kurven weiter liegt die Fanmeile von Bonitas vor uns, einem der Hauptsponsoren des Laufs. Hier ist auch ein Fernsehteam. Trommler geben den Rhythmus vor, während wir lachend an der Kamera vorbei joggen und versuchen, locker auszusehen.

Bei Camperdown unterqueren wir die Autobahn. Traditionell, weil gut mit dem Auto zu erreichen, haben sich hier hunderte Schaulustige versammelt. Es wird gefeiert, gegrillt und nebenbei die Läufer angefeuert. Wir laufen durch kleinere Ortschaften mit riesiger Stimmung. Rechts blühen etwas abseits vom Weg gelbe Blumen. So eine will ich haben, um sie später bei „Arthurs Seat“ ablegen zu können.

Bei Cato Ridge, es sind noch 60 km zu laufen, geht es richtig ab: der nächste Cut-off steht an. Zunächst passieren wir ein Schild auf dem der Cut-off in einem Kilometer Entfernung angekündigt wird. Leider ist die Uhrzeit nicht vermerkt und spontan erhöhen wir das Tempo. Es geht durch eine Menge Zuschauer und eine VP. Dann das ersehnte Schild: Hier muss man bis 10 Uhr durch sein. Es ist gerade 9 Uhr 34.

 

 
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Ein paar Kilometer weiter erreichen wir die Ethembeni School for Handicapped Children. Die Schüler, Lehrer und Betreuer sind seit jeher an der Strecke, um die Läufer anzufeuern. Dies ist vor Jahren einem amerikanischen Sportler aufgefallen. Im Folgejahr sammelte er spontan Geld und spendete es der Schule. Mittlerweile wird der gesamte Etat der Schule durch den Lauf finanziert. Die meisten Läufer lassen es sich nicht nehmen, die lange Reihe der Kinder abzuklatschen.

An der nächsten VP gibt es gesalzene Kartoffeln satt, dazu Bananen und Schokolade. Während des kommenden Aufstiegs bin ich erst einmal mit Essen beschäftigt. Der nächste Cut-off macht einige nervös. Er liegt bei Drummond und dort ist Halbzeit. Ich mache mir keine Gedanken, das müsste mir locker reichen. Es zieht sich dann aber etwas, denn es geht nochmals richtig bergauf und bergab, und daher bin ich froh, als ich Drummond endlich unten liegen sehe. Hier tobt die Menge. Vor lauter Euphorie erkenne ich weder das Cut-off Schild, noch meine Zeit. Egal, ich habe die Hälfte geschafft.

Ungefähr bei noch zu laufender Marathondistanz liegt der Gipfel von „Inchanga“. Der grandiose Ausblick ins Tal der 1000 Berge begleitet uns seit einigen Kilometern. Schon von weitem hört man, wie sich der nächste Zuschauer-Hot-Spot ankündigt. Auf den breiten Seitenstreifen stehen Autos und Wohnwägen. Die Besitzer haben Campingtische und Stühle aufgebaut, manchmal sogar kleine Zelte. Über Mikrophon werden die vorbeikommenden begrüßt. Auf Grund meines auffälligen Deutschland-Shirts werde ich als Deutsche besonders angesprochen. Eine Frau schenkt diverse Erfrischungsgetränke aus. Ich nehme ein Radler. Die Musik ist unglaublich laut. Schnell flüchte ich nach vorne.

 

 
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Hinter der nächsten Kurve befindet sich „Arthurs Seat“, eine Nische in der Böschung an der Straße. Der fünfmalige Comrades-Sieger Arthur Newton hatte hier auf seiner Trainingsstrecke seinen Pausenplatz. Einer Legende zufolge wird es Läufern, die hier während des Laufs eine Blume mit dem Gruß „Good morning Sir“ niederlegen, auf der zweiten Hälfte des Laufes gut ergehen. Jetzt wird die gelbe Blume, die ich die ganze Zeit bei mir habe, ihrer Bestimmung übergeben. Ich verweile kurz und beobachte die anderen Läufer, die ebenfalls andächtig ihre Blume ablegen und ihren Gruß an Sir Arthur richten.

Ein paar Meter weiter passiert man die Wall of Honour. Jeder Comradesfinisher kann sich hier auf einem Stein verewigen lassen. Die Stimmung unter den Zuschauern ist super. Zwei junge Frauen haben Tabletts mit Hefezopf und bieten das Gebäck den Läufern. Ich mache mal wieder Pause. Danach bin ich gestärkt für den nächsten Berg. Ich mag den Anstieg zu Bothas Hill. Er ist nicht steil, und immer wieder geht es zwischendurch bergab. Der Fernmeldeturm vor mir ist eine wichtige „landmark“ für die zweite Hälfte.

Mittlerweile zeigt die Uhr nach 12 und kein Wölkchen am Himmel. Wie warm wird es wohl sein? Schwer zu sagen, ich habe ein ausgeklügeltes Kühlsystem entwickelt: an der VP nehme ich 2 eisgekühlte Wasserbeutel und leere mir den Inhalt direkt über den Kopf, dann nehme ich einen weiteren Beutel mit, den ich zunächst zum Kühlen verwende. Sobald er etwas warm geworden ist, wird er getrunken. Im Optimalfall ist nun die nächste VP erreicht und alles beginnt von vorne. Zur Abwechslung gibt es eine Cola, in der ich mein Salz auflöse. Die Hitze macht mir heute nichts aus.

Bei km 50 schenken Angehörige des „Area Military Health Unit KZN“ Wasser und Cola aus. Es sind Mitarbeiter des südafrikanischen Militärs, die im Sanitätsdienst arbeiten. Wir werden persönlich angesprochen und motiviert. Vor dem renommierten Kearsney College sind die Tribünen verwaist. Den Studenten, die eher auf Höchstleistung stehen, sind wir vermutlich zu langsam. Dafür ist in der folgenden Bonitas Fanmeile wieder Stimmung.

Es geht hinunter nach Hills Crest, einem weiteren beliebten Zuschauer Hot Spot. Hier wartet traditionell die Gruppe um den Laufreisenveranstalter Werner Otto, denen wir ja schon lange freundschaftlich verbunden sind. Wie immer folgen sie den Läufern per livetracking und wissen relativ genau, wann diese vorbei kommen, um dann auch zum Jubeln bereit zu stehen. Auch ich werde mit Beifall bedacht und freue mich.

Dann sind es nur noch 35 km. In Winston Park hinter der VP, die von Coca Cola gesponsert wird, ist der nächste Cut-off mit 8h10. Ein großes Hallo empfängt die Läufer und von einer hohen Showbühne herab werden die Vorbeikommenden angefeuert. Ich hab noch 19 Minuten übrig - das reicht.

 

 
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Hinter km 27 (noch zu laufen) liegt die „Ned Bank green mile“, ein ca. 2 km langes Stück, wo Sponsor Ned Bank verschiedene Attraktionen aufgebaut hat. Mehrere Musikkapellen, unter anderem eine Dudelsackformation, diverse professionelle Animateure, verkleidete Superhelden, Chearleader, und eine Tribüne mit einer Showbühne verkürzen die Strecke.

Ab km 25 (noch zu laufen) wirft Durban seine Schatten voraus. Die Straße wird breiter, und es geht kilometerlang bergab. Am nächsten Cut-Off bei St. Johns Avenue bzw. Cowies Hill mit 9h30  komme ich mit 9h17 durch. Es sind jetzt keine 20 Kilometer mehr. Wir haben die ersten Vororte von Durban erreicht. Die Zuschauer werden immer zahlreicher. Obwohl der Führende wahrscheinlich vor gut 4 Stunden hier vorbei gekommen ist, werden sie nicht müde, uns anzufeuern. Wegen der Hitze bieten auch die Zuschauer immer wieder Getränke an.

Schon seit einigen Kilometern merke ich, wie meine Beine krampfig werden. Ich muss Tempo raus nehmen. Dumm, dass mir dadurch die Zeit wegrennt. Ich bin ratlos, weil der Zielschluss immer näher rückt. Da taucht, wie aus dem nichts, von hinten einer der Pacergruppen, ein sogenannter „bus“ auf. Schnell werde ich vom dichten Feld geschluckt.

Die Pacer haben die Aufgabe, die Läufer zu ihrer gewünschten Zielzeit zu führen. Das ist normalerweise nichts für mich. Doch im Augenblick wittere ich die Chance, das Ziel noch rechtzeitig zu erreichen.

Nach etwas Eingewöhnung beginne ich den Lauf in der homogenen Gruppe zu genießen. Das Tempo ist etwas niedriger, als ich normalerweise laufen würde, dafür verzichtet der Busleader aber auf Gehpausen. Ich lasse mich mitziehen, was mir gerade richtig guttut. Bergauf mache ich zwar meine obligatorische Gehpause, kann dann aber mühelos wieder aufschließen. So kommen wir zügig voran und meine Beine beginnen sich wieder zu entkrampfen. Schneller laufen geht trotzdem nicht. Meine Oberschenkel machen bei jedem Gefälle zu und das Tempo der Pacer ist meine äußerste Schmerzgrenze.

Noch 11 km, noch 10 km, dann noch 9 km. Die Gegend wir immer städtischer. Ist hier schon die Autobahn? Die dreispurige Straße ist voll mit Läufern. Es wird noch einmal spannend, der letzte Cut-off bei km 82,2 steht an. Es geht ziemlich lange bergauf. Dann laufe ich über die Zeitmessmatte; es hat gut gereicht. Die folgende längere Steigung schaffe ich mit abwechselndem Gehen und Laufen. In der Ferne sind die ersten Hochhäuser Durbans zu erahnen. Langgezogen ist das nächste Gefälle und hinten geht es nochmals bergauf.

Unser Bus wird an jeder VP frenetisch begrüßt und der Leader vorgestellt. Es scheint sich um einen bekannten südafrikanischen Läufer zu handeln, der wohl sehr oft zu Pacerdiensten herangezogen wird. Ihm wird nachgesagt, dass er seine Zielzeit immer erreicht. Das ist gut zu hören. Auch die immer zahlreicher werdende Schar der Zuschauer erkennt den Pacer und feuert uns lautstark an. Das ist schon der erste Vorgeschmack auf den Zieleinlauf im Stadion. Auf der schönen Bogenbrücke, von wo aus man den tollen Blick auf die Durbaner Skyline genießen kann, stehen viele Zuschauer, die uns von oben herab motivieren.

Unter lautem Jubel laufen wir unter der Brücke durch und haben die City von Durban zu unseren Füßen. Es dämmert schon und die Hochhäuser in der Ferne scheinen im letzten Sonnenlicht zu baden. Gebannt laufen wir dem Ziel entgegen. Auf der Autobahn geht es bergab. Oh je, der Pacer macht eine Gehpause - und das 3 km vor dem Ziel! Das geht jetzt aber nicht. Vorsichtig drücke ich mich an den Läufern vor mir vorbei und überhole die Spitze. Mit gleichmäßigem Tempo bekomme ich immer mehr Vorsprung vor den Gehern hinter mir.

In der Ferne vor mir kann ich die nächste Pacergruppe erkennen und merke, dass ich dieser immer näher komme. Unter mir befindet sich nun der Bahnhof mit den riesigen Markthallen. Wie in Trance laufe ich auf der gesperrten Straße in die Innenstadt, unter dem Applaus der geschlossenen Reihe von Zuschauern. Viele meiner Leidensgenossen gehen. Wir passieren die Messe, das imposante Hilton Hotel kommt in Sicht. Es noch ein knapper Kilometer, als ich die Gruppe vor mir erreiche. Die hat soeben ihre Gehpause beendet und läuft wieder an. Gut, so kann ich mit schwimmen.

Da vorne kommt das Stadion in Sicht. Der Eingang ist gleich erreicht. Dort steht die Uhr auf 11h51. Der Jubel der vielen Zuschauer ist bereits zu hören. Wir müssen noch um einige Ecken, dann spüre ich Gras unter meinen Füßen und laufe in einen Hexenkessel aus Lärm und Emotionen. Vor mir ist die Fernsehkamera und wir werden aufgefordert, noch einmal Freunden und Bekannten zuzuwinken. Viele nehmen das wörtlich und ich werde unsanft weggedrückt, da gehe mal lieber in Deckung. Zuschauer kleben außen am Gitter des Innenraums und lassen die vollen Ränge erahnen. Noch eine Kurve, jetzt ist das Ziel in Sicht. Wie betäubt überquere ich die Ziellinie und will nur noch sitzen. Doch erst gibt es Medaillen und Comrades-Aufnäher, dann werde ich von Helfer zu Helfer Richtung „International Tent“ gelotst.

Eben werden die letzten Sekunden herunter gezählt. Auf der großen Videoleinwand kann ich miterleben wie die letzten Läufer die Ziellinie überqueren. Die Stimmung geht auf den Höhepunkt zu. 5 – 4 – 3 – 2 – 1, ein Schuss ertönt und das Ziel wird gnadenlos geschlossen. Ein Trompeter spielt eine getragene Weise, ein sehr emotionaler Moment. Dann erst gehe ich weiter.

Nachdem Norbert und ich uns erst einmal beglückwünscht haben, lasse ich mich auf einen Stuhl fallen. Obwohl wir Verpflegungsbons erhalten haben, ist kein Essen mehr da. Ich tausche meinen Gutschein gegen ein Bier – das ist so gut wie eine Mahlzeit. Wir treffen die anderen Deutschen. Die meisten sind froh und glücklich, bei anderen ist die Stimmung etwas verhalten, es gab doch relativ viel DNF.

Der große Unterschied zwischen dem Comrades und anderen Laufveranstaltungen ist nicht die tolle Gegend. Da gibt es anderswo vielleicht Schöneres. Es ist auch nicht die gute Organisation, das Meer der ambitionierten Helfer, der emotionale Start und der stimmungsvolle Zieleinlauf. Der größte Unterschied ist, dass hier der Letzte genauso viel Ehrerbietung und Bewunderung erhält, wie der Erste. Du hast gekämpft, gelitten und gesiegt - das zählt.

 

Informationen: Comrades Marathon
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