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Laufberichte

Es begann mit vier Einsen - oder: Wo sogar die Hexen laufen

13.10.07

Samstag, 13. Oktober 2007 –  7.11 Uhr, Magdeburg Hauptbahnhof, Bahnsteig 5
Der HarzElbeExpress, abgekürzt HEX – schon hier beginnt die Hexerei, setzt sich pünktlich in Bewegung.


Genau wie anno 1985, als noch die Deutsche Reichsbahn auf der Strecke nach Halberstadt Betrieb machte.

Damals fuhr ich erstmals zum Harz-Gebirgslauf, der in jenem Jahr seine achte Auflage erlebte. Es war nicht nur mein erster Harz-Gebirgslauf, es war überhaupt meine erste Teilnahme an einem offiziellen Lauf.


Der Veranstalter, die BSG Einheit Wernigerode, überraschte mich mit einer tollen Geste: Ich bekam die Startnummer 1111 – viermal die Eins!


Doch woher wussten die Wernigeröder von meiner Premiere? Es kann nur sagenhafter Zufall gewesen sein, denn Sagen sind im Harz nicht selten. Mit einer Ausnahme war ich seitdem Jahr für Jahr dabei und fast immer lief auch meine Frau mit.

8.29 Uhr, Bahnhof Wernigerode, Bahnsteig 1


Der HEX ist in Wernigerode. Ich stelle riesige Unterschiede zwischen damals und heute fest.  Damals spukten die Züge um diese Zeit Hunderte aus. Bahnsteige, Treppenaufgänge und Tunnel waren voller erwartungsfroher Menschen. Busse pendelten zwischen Bahnhof und Start am Forsthaus Himmelpforte.
Heute würde ich höchsten bei drei Mitreisenden vermuten, dass diese ebenfalls zum Harzgebirgslauf wollen.


Da wir, meine bessere Hälfte und ich, genügend Zeit haben, wandern wir zum Start. Alle Straßen und Gassen rechts und links der Friedrichstraße (damals Leninallee) sind bereits zugeparkt. Die Autokennzeichen verraten, dass heute Läufer aus ganz Deutschland starten – aus Bayern, Hessen, Thüringen, aus Sachsen, Hamburg, Berlin und natürlich aus Sachsen-Anhalt. Schon am Ende der Pfälzergasse weht uns der typische Duft aus Schlangengift, Fußbalsam und Franzbranntwein um die Nase. In der Nähe des Zieltores treffen wir unsere Mitläufer von der HSV Medizin. Unser Laufboss, der in Läuferkreisen bekannte Joachim Engelhardt - einer von denen, die an allen Harz-Gebirgsläufen teilgenommen hat - überreicht uns die Startunterlagen. 1985 musste ich übrigens noch eine sportärztliche Untersuchung nachweisen, um starten zu dürfen.

10.10 Uhr, Wiese hinter dem Starttor


In fünf Minuten geht es los, Start zum 22-km-Lauf! Ich hampele noch einen bisschen zur Erwärmung herum, ähnlich dem lustigen Hexenteam in meiner Nähe. Meist trifft man Hexen aus Holz und Stoff, doch hier sind sie aus Fleisch und Blut, bekleidet mit bunten Kittelschürzen aus Dederon, einer Kunstfaser der DDR-Chemie. Alle tragen Kopftücher, einen kleinen, vermutlich fluguntauglichen Besen und auf der Brust eine Startnummer.

 

 
© marathon4you.de

Beim Aufwärmen sah ich einen Läufer mit roten Hörnern, ein Harzer Teufel. Woher wusste der, dass heute auch Harzer Hexen mitlaufen? Schon der alte Goethe meinte: „Wenn es keine Hexen gäbe, wer möchte Teufel sein?“


Doch warum hat sich der Mann mit der Startnummer 3211 als Hexe verkleidet? Welch teuflischer Plan steckt dahinter?


Fragen über Fragen. Doch ich kann nicht weiter nachdenken, denn auf dem Podium wird bereits kräftig ins Horn geblasen – ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Startschuss gleich ertönen wird.

Auf dem Ilsestein, Halbzeit und Höhepunkt


Der ewig lange Anstieg hinauf zum Ilsestein liegt hinter mir. Auf seiner Harzreise 1824 schrieb Heinrich Heine: „Ich bin die Prinzeß Ilse und wohne auf den Ilsestein, komm’ mit mir auf’s Schlosse, dort woll’n wir seelig sein.“ Mich lädt keine Prinzessin ein, nicht einmal die Kellnerin, die am Eingang des Waldgasthauses steht. Nun gut, bin ja auch schon AK 55!


Etwas mehr als elf Kilometer habe ich hier oben bereits geschafft, elf Kilometer voller Erinnerungen:


Da war links der Abzweig der Familienstrecke über elf Kilometer. Einmal bin ich diese Strecke gelaufen, die 1997 eingeführt wurde. Ein steiler Anstieg im dichten Pulk ist mir in Erinnerung geblieben. Ich fand es nicht so prickelnd und bevorzuge seitdem die doppelte Länge.


Bei meinem ersten Harz-Gebirgslauf bogen wir später ab, nach rechts in Richtung Darlingerode, liefen dann entlang der Langen Hecke, um nach zehn Kilometern das Ziel zu erreichen.


Die längste Strecke führte damals über 40 Kilometer und nicht über den Brocken.
1990 war ein besonders Jahr! Erstmalig starteten Läufer aus ganz Deutschland und erstmalig hatte die Mammutstrecke die klassische Länge von 42,195 Kilometern bei einer maximalen Höhe von 1 142 Metern über den Meeresspiegel – ein echter Brocken! Das Teilstück vom Ilsetal hinauf zum Gipfel, dort wo nicht nur Dampfloks schnaufen, kenne ich vom Ilsenburger Brockenlauf. Ein teuflischer Anstieg, aber sagenhaft schön.


Doch zurück zum heutigen Lauf. Es war im Ilsetal, als hinter mir mehrmals das Kommando „Zusammenbleiben!“ ertönte. Und im nächsten Moment überholte mich kreischend und Besen schwingend die lustige Hexenschar. Na bitte, man muss sich nicht übern Brocken quälen, um laufend Hexen zu treffen. Auch wusste ich nun, warum der Hexerich mitlief: Nur ein Mann kann Hexen zusammenhalten!
Und von nun an geht’s bergab!


Ich wundere mich jedes Jahr aufs Neue, wie viel Kraft Läufer investieren, um das Tempo bergab zu drosseln. Ich lass es laufen, kein 22-km-Starter überholt mich mehr - aber Marathonis! Kein Wunder, die haben einfach mehr Schwung, kommen diese doch vom über tausend Meter hohen Brocken, und nicht nur vom 474 Meter hohen Ilsestein.

12.40 Uhr, kurz vorm Ziel


Nur noch ein paar Schritte, ich sehe bereits die rot-weißen Kegel, die die Einlaufgassen markieren, höre den Sprecher und das Klatschen der Zuschauer – und direkt vor mir lautes Gekreische, das mir seltsam bekannt vorkommt. Na prima, da habe ich die lustige Hexentruppe bergab doch wieder eingeholt! Für mich ist damit bewiesen, dass ihre Minibesen trotz der Möglichkeiten der Mikroelektronik fluguntauglich sind.


Apropos Mikro: Ich hoffe, dass das Magnetfeld der Matte, die ich jetzt überlaufe, das kleine Gelbe an meinem Laufschuh bemerkt, denn seit 2000 wird hier mit ChampionChip gemessen. Zweifel habe ich nicht wirklich, denn bisher hat dies immer tadellos funktioniert.


Ehrlich gesagt, in Gedanken bin ich schon weiter, bin bereits bei etwas anderem Gelben - beim Hasseröder!


Übrigens: Hasseröder trank ich bereits nach meinem ersten Harz-Gebirgslauf – und es schmeckt mir noch immer!

 

Informationen: Brocken-Marathon
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